Weizsäcker, Richard von


* 15.04.1920 Stuttgart
† 31.01.2015 Berlin

Jurist, Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundespräsident, Dr. jur., ev.

1937 Abitur am Bismarck-Gymnasium in Berlin
1937-1938 Studium in Oxford und Grenoble
1938-1945 Kriegsdienst
1945-1949 Studium der Rechtwissenschaften und Geschichte in Göttingen
1953 Assessorexamen
1954 Promotion zum Dr. jur.
seit 1954 Mitglied der CDU
1950-1966 Tätigkeit in der Industrie
1964-1970 Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages
1966-1984 Mitglied des Bundesvorstands der CDU; Mitglied des Bundesvorstands des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU
1969-1981 Mitglied des Deutschen Bundestages
1972-1974 Leitung der CDU-Grundsatzkommission
1973-1979 Stv. Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
23.05.1974 Kandidat der CDU/CSU gegen Walter Scheel (FDP) bei der Bundespräsidentenwahl
1979-1981 Vizepräsident des Deutschen Bundestages
1981-1984 Regierender Bürgermeister von Berlin
1981-1983 Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Berlin
1984-1994 Bundespräsident
01.07.1994 Vorsitzender im Bergedorfer Gesprächskreis der Körber-Stiftung
1994 Kuratoriumsvorsitzender der Theodor-Heuss-Stiftung
1999 Leiter der "Kommission gemeinsame Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr"
2004-2005 deutscher Vertreter der "Internationalen Balkan-Kommission"



Biographischer Werdegang

Weizsäcker hat erste Lebenserfahrungen eines jungen Erwachsenen noch in der Zeit des Nationalsozialismus und als Soldat an den Fronten des 2. Weltkriegs erworben. Dass er sich in jenen Jahren die moralische und politische Integrität bewahrt hatte, gab seiner Rede zum 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag die eigentliche Glaubwürdigkeit. Der Nachhall dieser Rede war weltweit. Weizsäcker stammt aus einer bemerkenswerten Familie, die vielfach Staat und Volk gedient hat, darunter ein Großvater, der bis zum Ende des 1. Weltkriegs Ministerpräsident von Württemberg war, oder ein Urgroßvater, der als evangelischer Theologe den Adelstitel für seine Übersetzung der Bibel erhielt. Weizsäckers Bruder ist der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker. Geboren 1920 in Stuttgart, betrachtet sich Weizsäcker als Berliner. Zwischen seinem 6. und 14. Lebensjahr war er ständig in Berlin zu Hause und hat dort Wurzeln geschlagen. Berlin war in Weizsäckers Lebensweg Start und Ziel. Dazwischen lagen turbulente Jahre. In den 1930er Jahren genoss der Schüler Richard als Sohn des Diplomaten Ernst von Weizsäcker, der später Staatssekretär im Auswärtigen Amt wurde, in Dänemark und in der Schweiz das Privileg, Deutschland von außen betrachten zu können. Mit 17 Jahren machte er das Abitur am Bismarckgymnasium in Berlin. Mit Hilfe des angesparten Devisenpolsters des Vaters studierte er 1937 und 1938 in Oxford und Grenoble. Zurück in der Heimat, wurde sein Schicksal den genormten Formen der Zeit unterworfen: Arbeitsdienst und Wehrpflicht. Auf Anraten des am ersten Tag von Hitlers Polenfeldzug im September 1939 gefallenen Bruders Heinrich trat er in Potsdams berühmtes Infanterieregiment Nr. 9 ein. Sechs Jahre lang kämpfte Weizsäcker an den verschiedenen Fronten des 2. Weltkriegs. Nach der Heimkehr nahm er das Studium der Rechtswissenschaften wieder auf. 1953 schloss er es mit beiden juristischen Staatsprüfungen und dem Assessorexamen ab. Seine Promotion hatte zum Thema: „Der faktische Verein". Ein Staatsamt stand nicht auf der Prioritätenliste seiner Berufswünsche. Es zog ihn vielmehr in die Großindustrie. 1954 war er in die Firma Mannesmann eingetreten, die er schon 1950 als Referendar kennen gelernt hatte. Im gleichen Jahr wurde Weizsäcker Mitglied der CDU. Nach vier Jahren in einer leitenden Position in der Chemiefirma Böhringer wurde Weizsäcker Rechtsanwalt in Bonn und 1969 über Platz 2 der rheinland-pfälzischen Landesliste Bundestagsabgeordneter. Der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl hatte ihn schon Mitte der 1960er Jahre für die Politik gewonnen und 1969 gegen Gerhard Schröder als Präsidentschaftskandidat der Union ins Spiel gebracht. Schröder obsiegte in der parteiinternen Vorauswahl. Hätte statt dessen Weizsäcker 1969 in der Bundesversammlung kandidiert, wäre es unter den damaligen Umständen der FDP-Führung noch schwerer gefallen, für den Sozialdemokraten Gustav Heinemann zu stimmen. Weizsäckers Einstieg in die aktive Politik hatte 1964 mit der Berufung in den Parteivorstand der CDU ihren Anfang genommen. Für die 1969 in die Opposition geratene CDU/CSU-Fraktion war mit Weizsäckers Eintritt ein Hoffnungsträger erschienen, der sogleich als eloquenter Außenpolitiker in die Redeschlachten um die Ostverträge von Brandt und Scheel geschickt wurde. Er vertrat dabei Ansichten, die den Hardlinern um Franz Josef Strauß nicht gefielen. Schon als Präsident des Evangelischen Kirchentages hatte er die Auffassung vertreten, dass die Anerkennung der Realitäten, wie der Osten sie forderte, zur Entwicklung einer Friedenspolitik unumgänglich sein würde. Seit 1972 stellvertretender Vorsitzender der Fraktion, war er zum programmatischen Vordenker geworden und zum Vorsitzenden der Grundsatzkommission der CDU. 1974 trat Weizsäcker auf Wunsch seiner Partei in der Bundesversammlung gegen Walter Scheel, den Kandidaten von SPD und FDP, an, wohl wissend, dass er keine Chancen haben würde. Scheel erhielt 530, Weizsäcker 498 Stimmen. 1978 - Kohl war nach der verlorenen Bundestagswahl vom Oktober 1976 Fraktionsvorsitzender - sah Weizsäcker es nicht ungern, als seine „erste Heimat" sich meldete und man ihm die Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin anbot. Er nahm an und beendete seine Bonner Parlamentskarriere. In der Berliner Wahl sprang er 1979 noch zu kurz, holte aber 1981 in vorgezogener Wahl 48% der Stimmen, was für eine zweijährige Minderheitsregierung ausreichte. Mit dem Machtwechsel 1982 in Bonn wurde es auch in Berlin möglich, eine CDU/FDP-Regierung zu bilden (1983). Berlin profitierte vom Wechsel, und Weizsäcker wurde zur Identifikationsfigur der Berliner. Groß war deshalb die Enttäuschung, als bekannt wurde, dass er das Schöneberger Rathaus mit der Bonner Villa Hammerschmidt vertauschen wollte. CDU und CSU hatten in der Bundesversammlung am 23. Mai 1984 die Mehrheit, aber der Kandidat Weizsäcker erhielt über die Unionsstimmen hinaus 307 Stimmen aus dem Lager der FDP und der SPD, zusammen 832 Stimmen. Die Gegner seiner Kandidatur verstummten angesichts dieses Achtungserfolgs. Das Amt legt dem Bundespräsidenten enge Fesseln an. Weizsäcker hat den ihm von der Verfassung begrenzten politischen Spielraum optimal genutzt. Er erhielt von Staat und Gesellschaft viel Zustimmung, erregte aber auch Anstoß. Dem ungeteilten Lob für seine 8.-Mai-Rede 1985 stand die helle Empörung in der Gruppe der Mandatsträger in Bund, Ländern und Gemeinden über seine Parteienschelte gegenüber. Weizsäcker hat die mit dem Amt des Präsidenten verbundene Reisetätigkeit niemals nur als Fortsetzung der Politik mit repräsentativen Mitteln angesehen. Wenigstens drei herausragende Staatsbesuche in Ländern, mit denen Deutschland besondere Beziehungen unterhält, gaben ihm die Möglichkeit, in Übereinstimmung mit der Regierungszentrale politisch zu wirken. In Frankreich brauchte der polyglotte konservative Präsident vom Rhein keinen Dolmetscher, um dem sozialistischen Präsidenten François Mitterand zu versichern, dass die deutsch-französische Achse funktionierte, auch wenn die Partner von verschiedener parteipolitischer Gesinnung waren. Ungleich diffiziler war Weizsäckers Reise nach Jerusalem 1985. Er absolvierte den ersten Staatsbesuch eines bundesdeutschen Präsidenten äußerst taktvoll. Präsident Chaim Herzog hatte ganze Passagen aus der 8.-Mai-Rede Weizsäckers in seine Tischrede aufgenommen. Eminent politisch war auch der Staatsbesuch im Kreml 1987. Hier gelang es Weizsäcker, Irritationen auszuräumen, die das deutsch-russische Verhältnis wegen Äußerungen von Bundeskanzler Kohl über Michail Gorbatschow belasteten. Nach klärenden Gesprächen sagte Gorbatschow zum Abschied: „Herzlichen Gruß an den Kanzler." Ein Jahr später durfte der Bundeskanzler wieder nach Moskau kommen. Als der Zeitpunkt des Endes der ersten Amtszeit von Weizsäcker nahte, war er der Wunschkandidat der überwältigenden Mehrheit des Volkes. Das spiegelte auch die 9. Bundesversammlung am 23. Mai 1989 wieder. 881 von 1022 Wahlmänner stimmten für eine zweite fünfjährige Amtszeit Weizsäckers. Er konnte sie nach dem dramatischen Prozess der deutschen Wiedervereinigung als erster gesamtdeutsche Präsident (seit dem 3. Oktober 1990) am 30. Juni 1994 beenden.

Literaturhinweise

Von Deutschland aus. Reden des Bundespräsidenten (1985); Vier Zeiten. Erinnerungen (1997); Drei Mal Stunde Null? 1949, 1969, 1989 (2001); Der Weg zur Einheit (2009). - W. Filmer/H. Schwan: Richard von Weizsäcker, Profile (1984); M. Wein: Die Weizsäckers (1988); W. Wiedemeyer: Richard von Weizsäcker, ein Denker als Präsident (1989); F. Pflüger: Richard von Weizsäcker. Ein Porträt aus der Nähe (1990); G. Hofmann/A. Perger: Im Gespräch mit Richard von Weizsäcker (1992); U. Völklein: Die Weizsäckers (2004); H. Rudolph: Richard von Weizsäcker. Eine Biographie (2010); G. Hofmann: Richard von Weizsäcker. Ein deutsches Leben (2010); F. Pflüger: Richard von Weizsäcker. Mit der Macht der Moral (2010).

Wolfgang Wiedemeyer