Töpfer, Klaus


* 29.07.1938 Waldenburg/Schlesien

Bundesminister a. D., Professor Dr. rer. pol. , rk.

1959 Abitur am König-Wilhelm Gymnasium in Höxter
1959-1960 Wehrdienst, entlassen als Leutnant der Reserve
1960-1964 Studium der Volkswirtschaftslehre in Mainz, Frankfurt a. M. und Münster, Abschluss: Diplom-Volkswirt
1965-1970 Assistent am Zentralinstitut für Raumforschung und Landesplanung an der Universität Münster, Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsakademie Hagen und der Universität Bielefeld
1968 Promotion zum Dr. rer. pol. mit der Arbeit „Regionalpolitik und Standortentscheidung: die Beeinflussung privater Pläne, dargestellt an der unternehmerischen Standortentscheidung" bei Prof. Hans Karl Schneider
1970-1971 Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung des Zentralinstitutes für Raumforschung und Landesplanung an der Universität Münster
1971-1978 Leiter der Abteilung Planung und Information der Staatskanzlei des Saarlandes, Lehrbeauftragter an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, entwicklungspolitischer Gutachter in Ägypten, Malawi, Brasilien und Jordanien
1972 Eintritt in die CDU
1977-1979 Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Saarbrücken
1978-1979 Professor und Direktor des Instituts für Raumforschung und Landesplanung an der Universität Hannover
1978-1979 Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen
1978-1985 Staatssekretär im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Umwelt Rheinland-Pfalz
1981-1987 Stellvertretender Vorsitzender des CDU-Bundesfachausschusses Energie und Umwelt
1985-1987 Minister für Umwelt und Gesundheit in Rheinland-Pfalz
1985-1986 Honorarprofessur für Umwelt- und Ressourcenökonomik in Mainz (Wintersemester)
1987-1989 Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Rhein-Hunsrück
1987-1994 Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
1989-1998 Mitglied des CDU-Bundesvorstands
1990-1995 Vorsitzender des CDU-Landesverbands Saar, 1990 und 1994 Spitzenkandidat bei der Landtagswahl
1990-1998 Mitglied des CDU-Landesvorstands Saarland
1990-1998 Mitglied des Deutschen Bundestages
1992-1998 Mitglied des Präsidiums der CDU
1994-1998 Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, seit 3.2.1995 Beauftragter der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich
1998-2006 Unter-Generalsekretär der Vereinten Nationen, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen in Nairobi
2001-2010 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung
seit 2005 Honorarprofessor an der Universität Tübingen
seit 2007 Professor für Umwelt und nachhaltige Entwicklung an der Tongji-Universität Shanghai
seit 2009 Direktor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit/Institute for Advanced Sustainability (IASS)

Auszeichnungen und Ehrungen (Auswahl)
1986 Bundesverdienstkreuz am Bande
1990 Großes Bundesverdienstkreuz
1992 Umweltschutzpreis der „Associazione Ambiente e Lavoro"
1994 „Goldene Brücke 1993"
1997 Großkreuz des Bundesverdienstkreuzes
1999 Euronatur-Umweltpreis
2002 Deutscher Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt
2003 Großer Binding-Preis für Natur- und Umweltschutz der liechtensteinischen Binding-Stiftung
2004 Deutscher Staatsbürgerpreis
2005 Theodor-Heuss-Preis
2005 Dag-Hammarskjöld-Ehrenmedaille der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen
2007 Großes Silbernes Ehrenzeichen mit dem Stern für Verdienste um die Republik Österreich
2008 Hermann-Ehlers Preis
2008 Deutscher Nachhaltigkeitspreis für sein Lebenswerk



Biographischer Werdegang

Vom Rhein nach Rio, so überschreibt Klaus Töpfer selbst einen Rückblick auf seine Zeit als Bundesumweltminister; bis heute lebt er zwischen Höxter/Westfalen und Shanghai. Der Aktionsradius des ehemaligen Bundesministers und UN-Direktors war und ist international weit gefasst und kreist dabei vor allem um ein, für viele das Thema: die Zukunft unseres Planeten.

Kindheit und Jugend

Klaus Töpfer wird im letzten Friedensjahr, am 29. Juli 1938, in Waldenburg in Schlesien als Sohn eines Kreishauptsekretärs geboren. Seine ersten Kindheitsjahre sind vor allem von Not geprägt: durch den Zweiten Weltkrieg, die Vertreibung und die ersten Nachkriegsjahre in Höxter/Westfalen. Er selbst erinnert sich in einem Gespräch mit Ranga Yogeshwar 2011, dass er zusammen mit einem aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Onkel zu den Patronatsfesten im Umkreis geschickt wurde, um dort Nahrungsmittel für die Familie zu bekommen. Eingeprägt haben sich bei ihm aus dieser Zeit die Grundsätze seiner Mutter „Not lehrt beten" und seines Vaters „Not macht erfinderisch". Geformt hat ihn neben seiner schlesischen Herkunft auch das katholische Milieu Westfalens wie auch die Mitgliedschaft im Bund Neudeutschland.

Nach dem Abitur 1959 und dem Wehrdienst, aus dem er 1960 als Leutnant der Reserve entlassen wird, studiert Töpfer Volkswirtschaft in Mainz, Frankfurt a.M. und Münster. Das Studienfach soll der ältere Bruder für sich und den Jüngeren beim Vater durchgesetzt haben. Aus finanziellen Gründen ist dieser prinzipiell eigentlich gegen eine akademische Ausbildung seiner Kinder, ein Studium der Volkswirtschaft akzeptiert er jedoch als bodenständige Alternative. Sein Studium finanziert Klaus Töpfer sich durch Dachdeckerarbeiten.

Der fertige Diplom-Volkswirt arbeitet anschließend von 1965 bis 1970 als Assistent, 1970/71 als Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung, am Zentralinstitut für Raumforschung und Landesplanung der Universität Münster und als Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsakademie Hagen sowie an der Universität Bielefeld. 1968 wird er mit der Arbeit „Regionalpolitik und Standortentscheidung: die Beeinflussung privater Pläne, dargestellt an der unternehmerischen Standortentscheidung" bei Professor Hans Karl Schneider zum Dr. rer. pol. promoviert. Im gleichen Jahr heiratet er seine Jugendfreundin Mechthild, mit der er drei Kinder hat.

Erste politische Aufgaben

Während der Arbeit an seiner Habilitation nimmt Klaus Töpfer Kontakt mit der saarländischen Landesregierung unter Franz Josef Röder auf - eigentlich nur, um Material zu sammeln. Aber der Ministerpräsident überträgt ihm 1971 die Leitung der Abteilung Planung und Information der Staatskanzlei des Saarlandes. Ein Jahr später wird Töpfer Mitglied der CDU, 1977 übernimmt er, offensichtlich ebenfalls unter Hilfestellung Röders, die Leitung des Kreisverbandes Saarbrücken.

Doch bereits ein Jahr später erfolgt der vorläufige Abschied aus dem Saarland. Schon während der Jahre in Saarbrücken hat Töpfer seine wissenschaftliche Tätigkeit nicht aufgegeben, er engagiert sich als Lehrbeauftragter an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und als entwicklungspolitischer Gutachter; durch die in diesem Zusammenhang durchgeführten Reisen z. B. nach Ägypten, Malawi, Brasilien und Jordanien bekommt Töpfer einen Eindruck aus nicht nur logistisch, sondern vor allem wirtschaftlich entfernteren Teilen der Welt.

Die 1978 neu übernommene Aufgabe als ordentlicher Professor und Direktor des Instituts für Raumforschung und Landesplanung an der Universität Hannover hat Töpfer gerade ein Jahr inne, als aus Rheinland-Pfalz eine neue Anfrage an ihn herangetragen wird. Georg Gölter, Minister für Soziales, Gesundheit und Umwelt in Mainz fragt an, ob Töpfer, der seit einem Jahr Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen ist, sein Staatssekretär für diesen Bereich werden wolle - sicherlich auf Vorschlag von Ministerpräsident Bernhard Vogel, dessen „kreative[s] Kabinett" Töpfer noch im Rückblick lobend erwähnt.

Nach eigenen Angaben übernimmt der neue Staatssekretär den Posten aus „Neugier". Im Hinblick auf seine Karriere und im Prinzip sein Leben bis zum heutigen Tag ist es ein entscheidender Schritt hin zur Umweltpolitik. In der CDU wird er Mitglied des Bundesfachausschusses Energie und Umwelt, dessen zweiten Vorsitz er zwischen 1981 und 1987 inne hat. Im Wintersemester 1985/86 übernimmt er eine Honorarprofessur für Umwelt- und Ressourcenökonomik in Mainz und bleibt damit seiner wissenschaftlichen Herkunft verbunden.

Nach erfolgreichen sieben Jahren als erster Beamter beruft ihn Ministerpräsident Vogel 1985 zum Chef des ausgegliederten Ministeriums für Umwelt und Gesundheit. In den nächsten zwei Jahren kann Töpfer mit etlichen Erfolgen aufwarten, wozu die Durchsetzung höherer Qualitätsstandards und besserer Kontrollen im Weinbau als Reaktion auf den Glykolskandal 1985 gehören wie auch die Tatsache, dass sich in seiner Amtszeit die Anzahl der ausgewiesenen Naturschutzgebiete in Rheinland-Pfalz verdoppelt.

Insgesamt sind diese Jahre durch eine Sensibilisierung der bundesdeutschen Bevölkerung gegenüber Umweltfragen und somit deren Durchsetzung als öffentlichkeitsrelevantem Thema gekennzeichnet. Dafür verantwortlich sind besonders zwei Umweltkatastrophen des Jahres 1986: die Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April und das Fischsterben im Rhein im Anschluss an das Einleiten verseuchten Löschwassers nach einem Brand bei der Firma Sandoz in Basel am 1. November.

In Reaktion auf die Verunsicherung der Bevölkerung beruft Bundeskanzler Helmut Kohl am 6. Juni 1986 Walter Wallmann zum ersten Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, der jedoch schon im Frühjahr 1987 als Ministerpräsident nach Hessen wechselt. Zum Nachfolger erwählt Kohl Klaus Töpfer, der daraufhin sein gerade errungenes Landtagsmandat in Mainz nicht antritt und nach Bonn wechselt. Am 7. Mai 1987 leistet er den Amtseid und tritt die Leitung seiner aus Teilen anderer Ministerien zusammengesetzten und noch immer recht provisorisch u.a. im Palais Schaumburg residierenden Behörde an.

Bundesminister

Die Sicherheit der bundesdeutschen Atomaren Kernkraftwerke (AKW) ist das erste wichtige Thema des neuen Ministers. In den Umwelt- und Energieteil des Leitantrags für den CDU-Parteitag im Juni 1988 in Wiesbaden schreibt die Programmkommission, der neben Töpfer u.a. Rita Süssmuth, Ulf Fink und Christoph Böhr angehören, die Forderung: „Wir müssen eine Zukunft ohne Kernenergie, aber auch mit immer weniger fossilen Energieträgern erfinden." Eine Formulierung, die bis hin zur Wahl des Prädikats von Klaus Töpfer im Januar 1988 bereits gegenüber dem „Spiegel" (Der Spiegel, 2/1988) und in einer Rede im Mai 1988 (Bulletin Nr. 71, 31.5.1988) gebraucht worden ist. Doch der gesamte Umweltteil, den die Frankfurter Rundschau am 27. Februar 1988 wörtlich abdruckt, wird aus dem Leitantrag gestrichen, somit dem Parteitag gar nicht vorgelegt, und damit eine Neuausrichtung der christdemokratischen Atompolitik vorerst vertagt.

Dafür beschließt das Bundeskabinett fast zur selben Zeit, im März 1988, aufgrund einiger Störfälle in bundesdeutschen AKWs und auf Drängen des Umweltministers die Errichtung des Bundesamts für Strahlenschutz, das die Kompetenzen verschiedener Ministerien in dieser Frage bündelt. Zur Sicherheit der Werke werden einige technische Neuerungen verordnet, von denen eine zur Reduktion von Wasserstoffgasen den umgangssprachlichen Namen „Töpfer-Kerze" erhält.

Ein Jahr später, auf dem CDU-Parteitag in Bremen im September 1989, wird ein ganzer Antrag zum Thema „Unsere Verantwortung für die Schöpfung" eingebracht, von Töpfer vorgestellt und verabschiedet. Allerdings wird in diesem Antrag nur noch sehr bedingt von „Kernenergie als Übergangstechnologie" gesprochen und im Gegenteil diese unter der Voraussetzung hoher Sicherheitsbestimmungen als Energiequelle verteidigt. Außerdem wählen die Delegierten den Umweltminister mit den meisten Stimmen von allen Mitgliedern in den Bundesvorstand.

Zu den Errungenschaften von Klaus Töpfers Ministerzeit gehören ebenfalls das Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz (1989), das Duale System „Grüner Punkt" (1991), ein FCKW-Verbot zum Schutz der Ozonschicht (1992), die Festlegung der weltweit niedrigsten Dioxin-Grenzwerte (1993) sowie die Teilnahme an der ersten internationalen Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro. Im Rückblick als „Retter von Rio" (Frankfurter Rundschau, 23.11.2001) bezeichnet urteilt Töpfer selbst: „Die Konferenz in Rio, dieser Erdgipfel, war ohne jeden Zweifel ein Gipfel der euphorischen Aufbruchstimmung, ein Gipfel des Optimismus." Der Volkswirtschaftsprofessor scheint durch, als Töpfer 1993 ein Thesenpapier zum Ausbau der Sozialen Marktwirtschaft um die ökologische Dimension präsentiert. 1994 wird zudem mit Artikel 20a der Schutz der „natürlichen Lebensgrundlagen" und der „Tiere" ins Grundgesetz aufgenommen.

Ein großes Aufgabengebiet stellt sich dem Bundesumweltminister nach der Wiedervereinigung mit dem „Ökologischen Aufbau" Ost, zu dem er 1991 ein Aktionsprogramm vorlegt. In den nächsten Jahren sorgt er für die Stilllegung aller Atomkraftwerke in den Neuen Ländern, die teilweise auf der sowjetischen Technologie beruhen, wie sie in Tschernobyl angewandt worden ist. Bekräftigt wird Töpfer in diesem Weg von seinem Besuch in dem Unglücksreaktor 1991, nach dem seine Erschütterung selbst den mitgereisten Journalisten nicht entgeht (Zeit, 25.10.1991).

Der Umweltminister ist in den Medien insgesamt recht präsent und tritt darüber hinaus mit gezielten Aktionen in die Öffentlichkeit, wozu publikumswirksame Aufrufe wie „Gemeinsam die Nordsee retten" vom August 1988 gehören, aber auch sein allseits bekannter Sprung in den Rhein im Mai desselben Jahres. Noch in einem Gespräch von 2011 ist Töpfer bemüht, der Legende entgegenzuwirken, er hätte damit die erneute Unbedenklichkeit des Rheins beweisen wollen. Vielmehr handele es sich um eine verlorene Wette mit seinem SPD-Rivalen im Wahlbezirk Hunsrück, der schon während der Rheinland-Pfalz-Wahl 1987 prophezeit habe, dass Töpfer bald nach Bonn wechseln werde.

Die Präsenz in der Öffentlichkeit ist weniger für den Minister als für den Politiker Töpfer von Belang, da er, 1989 ausgerufen, 1990 gewählt, ebenfalls Landesvorsitzender der CDU im Saarland ist. Auf Wunsch des Bundeskanzlers soll er zu seinen politischen Ursprüngen nach Saarbrücken zurückkehren und als Spitzenkandidat bei den Landtagswahlen 1990 und 1994 Amtsinhaber Oskar Lafontaine herausfordern - ein Bemühen, das jedoch erfolglos bleibt.

Fast zeitgleich mit seinem erneuten Rückzug aus dem Saarland, der durch die Abgabe des Landesparteivorsitzes 1995 amtlich wird, muss Töpfer eine Pause in seinem umweltpolitischen Engagement einlegen. Er übergibt seinen Ministerposten an Angela Merkel und übernimmt selbst das Ressort für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau.

Spekulationen, er selbst hätte lieber den Unionsfraktionsvorsitz übernommen oder Kanzler Kohl wollte einen als möglichen Nachfolger gehandelten Konkurrenten abschieben, machen zwar die Runde, passen aber nicht zur zusätzlichen Berufung Töpfers zum Beauftragten der Bundesregierung für den Berlin-Umzug und den Bonn-Ausgleich im Februar 1995. Für diesen Posten erscheint er durchaus als prädestiniert, da er zwar immer für Berlin votiert, niemals aber zu den Vorreitern dieser Richtung gehört. Dabei ist für den gebürtigen Schlesier der Umzug der Regierung vom Rhein an die Spree durchaus ein Zeichen der „Öffnung nach Osten", wie er in einem Interview mit Karl Hugo Pruys 1996 betont.

Weltweites Wirken für die Umwelt

Bereits nach der Konferenz in Rio wird Klaus Töpfer Vorsitzender der „Commission on Sustainable Development" (CSD) der Vereinten Nationen. 1997 erreicht ihn das Angebot, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und Generaldirektor des Büros in Nairobi zu werden, verbunden mit dem Titel eines Unter-Generalsekretärs. Mitte November akzeptiert er und tritt den Posten im Januar 1998 an, somit einige Monate vor der Abwahl der Regierung Kohl im Herbst desselben Jahres.

In Nairobi, bzw. bei seinen Reisen um die ganze Welt für die UNEP verändert sich Töpfers Standpunkt. Zwar hat er schon vorher die globale Herangehensweise an Umweltfragen für eine absolute Notwendigkeit gehalten, die weltweite gegenseitige Abhängigkeit betont er aber jetzt noch stärker. Er verlangt einen Ausgleich zwischen den armen und reichen Ländern unter der Maßgabe eines Wachstums, das „ökologisch verträglich ist". Seine Forderung nach einem Marshallplan für die weltweite Wasserversorgung hat ebenso den gesamten Planeten im Blick wie der Kampf gegen die „Verwüstung". Für das Vorgehen gegen Umweltsünder schlägt er eine global agierende Einsatztruppe die „UNO-Grünhelme" vor. Seine Mission ist ihm dabei wichtiger als Rücksicht auf seine Partei. Im Oktober 2000 lobt er nicht nur die Ökosteuer, sondern die gesamte Umweltpolitik der rot-grünen Bundesregierung (dpa, 18.10.2000).

Doch ganz lässt ihn die deutsche Politik nicht los: 2001 und 2006 wird er als Spitzenkandidat der CDU für die Wahl in Berlin gehandelt, 2004 und 2012 als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten. 2004 begrüßen sogar die „Grünen" seine mögliche Kandidatur und die Presse spekuliert bereits über eine schwarz-grüne Mehrheit in der Bundesversammlung. 2012 ergibt eine Umfrage für die Fernsehsendung „Günther Jauch" immerhin noch eine Zustimmung für einen Bundespräsidentenkandidaten Klaus Töpfer von 36%. Das sind nur 13% weniger als der spätere Kandidat und Amtsinhaber Joachim Gauck erhält. Angesichts seiner vierzehnjährigen Abstinenz von der deutschen Politik ein mehr als respektables Ergebnis für Töpfer.

Doch als 2006 seine zweite Amtszeit, nach seiner Wiederwahl 2002, bei der UNO zu Ende geht, zieht sich Klaus Töpfer aus der aktiven Politik zurück und wendet sich wieder verstärkt der Wissenschaft zu. Inzwischen mit zahlreichen Ehrendoktortiteln ausgezeichnet ist er von 2001 bis 2010 Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, seit 2005 Honorarprofessor an der Universität Tübingen, seit 2007 Professor für Umwelt und nachhaltige Entwicklung an der Tongji-Universität Shanghai, seit 2009 amtiert er als Gründungsdirektor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit (Institute for Advanced Sustainability, IASS) in Potsdam. Außerdem leitet er seit 2010 das Kuratorium der Stiftung Berliner Schloss - Humboldtforum.

Eine bedingte Rückkehr in die Politik, zumindest in die Öffentlichkeit, stellt für Klaus Töpfer der Vorsitz in der Ethikkommission „Sichere Energieversorgung" dar, den die Bundesregierung nach der atomaren Katastrophe in Fukushima am 11. März 2011 einberuft. Der Abschlussbericht vom 30. Mai 2011 empfiehlt einen Ausstieg aus der Kernenergie - eine Überzeugung, die der Vorsitzende schon 1988 zur Politik der Bundesregierung hat machen wollen. Für Töpfer ist das Restrisiko nicht zu kalkulieren. In dem Gespräch von 2011 erklärt er: „Als Kind habe ich gelernt, dass Allwissenheit eine göttliche Tugend ist. Menschliches Entscheiden (...) ist immer ein Entscheiden bei unvollkommener Information."

Solche zitierfähigen Thesen formuliert Klaus Töpfer oft und gerne. Das „Diktat der Kurzfristigkeit" ist schon fast ein geflügeltes Wort und seine Warnung eindrücklich: „Klimapolitik ist die Friedenspolitik der Zukunft." Auch auf Aussagen anderer Personen greift er dabei zurück, die er in einem kleinen Buch notiert und bei sich trägt.

Inzwischen wohnt Klaus Töpfer erneut in seiner wiedergefundenen Nachkriegsheimat Höxter, deren Ehrenbürger er seit 2011 ist. Vielleicht hat er, der sich selbst als workaholic bezeichnet hat, sich aus diesem Anlass vorgenommen, mehr zur Ruhe zu kommen und mehr Zeit für seine Enkelkinder zu finden. Doch gleichzeitig weiß er, dass er, wie alle anderen Menschen, seinen Nachkommen gegenüber in der Verantwortung steht. Das hat er im Juli 2013 noch einmal auf den Punkt gebracht (General-Anzeiger, 13.7.2013): „Wir sind gegenüber den nachfolgenden Generationen verpflichtet, die Schönheit und Artenvielfalt der Natur zu erhalten."

Literaturhinweise

Klaus Töpfer: Chancen des Umweltschutzes in Deutschland - Umweltschutz als Chance der deutschen Wirtschaft, in: trend. Zeitschrift für Soziale Marktwirtschaft 58 (1994), S. 42-46.
Ders.: Gedanken zu einer Umweltpolitik für die 90er Jahre. Umwelt und Naturschutz in der Sozialen Marktwirtschaft, in: Sonde 21 (1988), S. 93-98.
Ders.: Kapitalismus und ökologisch vertretbares Wachstum - Chancen und Risiken, in: Der Kapitalismus im 21. Jahrhundert, hg. von der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog, München 1999, S. 175-183.
Ders.: Die Macht der Würde - und die Verantwortung des Westens für eine gerechte Globalisierung, in: Die Macht der Würde. Globalisierung neu denken, im Auftrag des Deutschen Evangelischen Kirchentages hg. von Christoph Quarch u. a. Gütersloh 2007, S. 55-60.
Ders.: Vom Rhein nach Rio - Umweltpolitik wird global, in: Die Umweltmacher. 20 Jahre BMU - Geschichte und Zukunft der Umweltpolitik. Hamburg 2006.
Ders.: Umweltforschung aus globaler Sicht, in: Jahrestagung 1998 der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Bonn 1998, S. 35-46.
Ders./Ranga Yogeshwar: Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima. München 2011.
Auf dem Weg nach Berlin. Klaus Töpfer im Gespräch mit Karl Hugo Pruys. Berlin 1996.
Deutschlands Energiewende - Ein Gemeinschaftswerk für die Zukunft, vorgelegt von der Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung. Berlin, den 30. Mai 2011.
Felix Butzlaff: Klaus Töpfer - der ewige Seiteneinsteiger, in: Robert Lorenz/Matthias Micus (Hg.): Seiteneinsteiger. Unkonventionelle Politiker-Karrieren in der Parteiendemokratie. Wiesbaden 2009, S. 115-139.
Klaus-Dieter Osswald/Barbara Peter: Töpfer, Klaus, in: Udo Kempf/Hans-Georg Merz (Hg.): Kanzler und Minister 1949-1998. Biografisches Lexikon der deutschen Bundesregierungen. Wiesbaden 2001, S. 709-713.


Kordula Kühlem