1. Juni 1984
Rede vor dem Deutschen Philologenverband in Bonn


Lieber Herr Fluck,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

[...] Ich will heute früh keine Festrede halten, sondern einfach einige Gedanken zu dem Thema „Verantwortung des Lehrers in der Demokratie" vortragen.

Das erste ist zunächst die einfache Feststellung, die aber für viele keineswegs mehr so selbstverständlich ist, daß das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland die freiheitlichste Verfassung in der Geschichte Deutschlands ist. Daß möglichst viele - man kann nie hoffen alle - das so erkennen und für ihr Leben akzeptieren, hängt entscheidend von unseren Schulen und damit von den Lehrern und Lehrerpersönlichkeiten ab.

Auf der Grundlage dieser Verfassung ist es uns gelungen, durch viele Jahrzehnte für den freien Teil unseres Vaterlandes, für die Bundesrepublik Deutschland, Frieden und Freiheit zu bewahren. Wir konnten trotz aller Probleme, die wir haben und die ich ganz gewiß als letzter leugne, einen beachtlichen sozialen und wirtschaftlichen Wohlstand aufbauen, der für frühere Generationen undenkbar gewesen wäre. Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat auch bewiesen, daß dies keine Sonnenscheindemokratie ist, daß diese Republik auch stürmische Zeiten durchstehen kann.

Föderalismus und Gewaltenteilung, Grundrechtsschutz und ein hohes Maß an innerer Stabilität und sozialem Frieden vermochten es, eine politische Kultur zu schaffen, die über Parteigrenzen und soziale und regionale Interessen hinaus einen breiten Konsens in der Bevölkerung gefunden hat.

Man darf auch heute bei aller Härte der Auseinandersetzung immer noch sagen - und es ist wichtig, daß wir uns dieses Gut erhalten -, daß die Bundesrepublik Deutschland getragen wird von der Gemeinsamkeit der Demokraten, vom gemeinsamen Bekenntnis zu den Grundwerten der Freiheit, der Solidarität und der Gerechtigkeit und von der Überzeugung, wie es das Bundesverfassungsgericht definiert hat, daß die Bundesrepublik immer auch eine wehrhafte Demokratie ist.

Es ist unser gemeinsamer Auftrag, diese geistigen und moralischen Grundlagen unserer Demokratie, ihre politische Kultur, nicht nur für unsere Generation zu bewahren, sondern an die nächste Generation weiterzugeben. Daß hier eine besondere Verantwortung des Lehrers gegeben ist, versteht sich von selbst. Aber ich füge gleich hinzu:

Ich wehre mich leidenschaftlich dagegen, für alles, was die Gesellschaft als notwendig erachtet [...], die Schule und damit den Lehrer, haftbar und verantwortlich zu machen.

Ich gehöre zu denen, die auch weiterhin unverdrossen erklären: Vor Gott und den Menschen haben die Eltern die erste Verantwortung für ihre Kinder. Das heißt natürlich, daß wir uns selbstkritisch fragen müssen, ob in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren in allen möglichen Bereichen der Gesellschaft nicht zu viel Abbau an elterlicher Autorität zu beobachten war.

Der Erziehungsauftrag der Eltern wurde in vielen Bereichen tangiert. Ein Großteil der Gesetze, die erlassen wurden, hält einer strengen Prüfung nicht stand.

Auch allgemeine Entwicklungen der Gesellschaft haben hier ihre Wirkung getan. Die bewußt herbeigeführte Verfälschung oder Verwechslung der Begriffe autoritär und Autorität, der Versuch, Autorität überhaupt zu verfemen, hat gerade auch im elterlichen Bereich, übrigens ähnlich wie in der Schule, enorme Wirkungen gezeitigt. Ich will hier nicht zum Thema Familienpolitik sprechen. Aber man kann über die Schule und den Auftrag des Lehrers nicht reden, wenn man nicht zugleich daran denkt, daß Schule nur gedeihen kann, wenn wir in der Bundesrepublik Deutschland eine Renaissance der Familie erleben, wenn wir wieder eine kinderfreundliche Gesellschaft werden.

Den Wert dessen, meine Damen und Herren, was wir auf der Grundlage unserer demokratischen Verfassung in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg - aus den Erfahrungen der Weimarer Zeit und der Diktatur des Nationalsozialismus lernend - im freien Teil Deutschlands aufgebaut haben, kann letztlich nur der ermessen, der die Geschichte kennt. Sie werden Verständnis dafür haben, daß ich dieses Thema in den Mittelpunkt meiner heutigen Ausführungen rücken möchte, denn die Geschichte zeigt, wozu der Mensch im Guten wie im Bösen fähig ist, und wie sehr Ideale und ihr Mißbrauch für den Gang der Geschichte verantwortlich sein können.

Jacob Burckhardt hat als Summe seiner kulturhistorischen Erfahrungen einmal gesagt: "Der Mensch ist nicht nur, was er ist, sondern auch, was er sich zum Ideal gesetzt hat, und auch wenn er diesem nicht völlig entspricht, wird durch das bloße Wollen auch ein Teil seines Wesens bezeichnet."

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts und insonderheit die Geschichte der Deutschen lehrt uns, wie gefährlich es ist, wenn Ideologien und Utopien die politische und geistige Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit verdrängen. Niemand von uns kennt das Ziel der Geschichte. In Freiheit zu leben, ist Chance und Aufgabe für den Menschen. Dies für die junge Generation einsichtig und erfahrbar zu machen, ist auch ein wesentlicher Auftrag der Schule.

Zu den schlimmsten bildungspolitischen Fehlern der zurückliegenden Jahre gehört die Vernachlässigung des Faches Geschichte im weitesten Sinn des Wortes in den Schulen überhaupt und auch in den Gymnasien. Ich sage ganz deutlich: Ich halte es für rundum falsch, daß dieses Fach in einigen Bundesländern noch immer vor dem Abitur abgewählt werden kann. Nur wer die Geschichte kennt, vor allem auch die Geschichte seines eigenen Volkes, hat die Chance, in der kulturellen, in der geistigen und sozialen Tradition seines Landes Bindung und Orientierung zu finden.

Ohne Geschichtsverständnis sind weder politisches Verständnis der Gegenwart noch verantwortliche Gestaltung der Zukunft möglich.

Das gilt gerade auch für die zentrale Frage der deutschen Politik, die Frage nach der Sicherung von Frieden und Freiheit. Der Friede ist ein Werk der Gerechtigkeit. Deshalb setzen wir uns ein für die Werte des Grundgesetzes: für die Freiheit und Würde des Menschen, für Solidarität und Gerechtigkeit, für Demokratie und Gewaltverzicht - und zwar im Innern und im Blick auf den Beitrag unseres Volkes zum Frieden der Welt.

Deshalb ist das Atlantische Verteidigungsbündnis vor allem ein Wertebündnis und erst dann eine militärische Allianz. Es ist die Wertegemeinschaft westlicher Demokratien, die im gemeinsamen Bekenntnis zu den unveräußerlichen Menschenrechten ihre Grundlagen hat, jenen Menschen- und Freiheitsrechten, ohne die es eine dauerhafte Friedensordnung zeitlich nicht geben kann. Wir haben in diesen Monaten in unzähligen Diskussionen erfahren, daß ein beachtlicher Teil der jungen Generation über die Entstehungsgeschichte des westlichen Verteidigungsbündnisses sehr wenig weiß. Viele sind deswegen anfällig geworden für sonderbare Parolen, die sich letztlich gegen ihre eigenen Interessen richten. [...]

Ich sage dies auch in einem Zusammenhang, der hochaktuell ist, im Blick auf den 17. Juni und die Wahl zum Europäischen Parlament. Ich habe gestern in einer sehr eindrucksvollen Kundgebung in Aachen - bei der Verleihung des Karlspreises an unseren Bundespräsidenten - erlebt, wie sich viele führende Köpfe Europas zusammenfanden und auf diese Art ganz selbstverständlich demonstrierten, daß zwei schreckliche Weltkriege Geschichte bedeuten, daß wir die Konsequenz aus dieser leidvollen Geschichte gezogen haben und daß wir uns aufgemacht haben zum Bau der Vereinigten Staaten von Europa, zugegebenermaßen unter ungeheuren Schwierigkeiten.

Ich habe dort wie bei jeder anderen Gelegenheit erneut darauf hingewiesen, daß es Mangel an Demut vor der Geschichte wäre, wenn wir erwarten wollten, in nur 30 Jahren über 300 Jahre nationalstaatlicher Bruderkriege in Europa wiedergutzumachen. Nein, wir brauchen - darüber gibt es gar keinen Zweifel - einen langen Atem.

Und wir sind ja auch schon weit vorangekommen. Hier in diesem Saal sehe ich eine große Zahl von Teilnehmern etwa meines Jahrgangs. Wir kommen noch aus Grundschulen mit Lesebuchstücken über den Erbfeind Frankreich. Als ich das gestern bei einer großen Kundgebung in Saarbrücken erwähnte, stand neben mir der gleichaltrige Bürgermeister von Metz und sagte mir anschließend: "Wir haben ein Lesestück gehabt über alle Schandtaten der Deutschen." Das ist heute alles völlig undenkbar.

Die Generation unserer Kinder ist in einem Geist des Miteinander in Europa aufgewachsen. Sie sind längst Europäer in ihrem tatsächlichen Leben geworden.

Dennoch tun wir zu wenig. Und damit bin ich wieder beim Thema Schule: Im wilden Ablauf der sich überschlagenden Schulreformen in der Bundesrepublik ist der Austausch von Schülern mit Nachbarländern zu kurz gekommen. In einer Zeit, in der viele vom Elternhaus, vom Umfeld und in der Schule immer mit dem Gedanken getrimmt werden, „Du hast keine Zeit zu verlieren", wird ein Schuljahr, das man im Ausland verbringt, als Verlust empfunden und nicht als Bereicherung. Wir hier sind dabei zu verprovinzialisieren. Ich bin mit der reinen Statistik darüber, wie viele Schüler diese oder jene Sprache lernen, allein nicht zufrieden. Wir müssen sehen, daß der Austausch zwischen Schülern verschiedener Länder weit mehr bringt als nur eine Verbesserung der sprachlichen Kenntnisse.

Wenn gegenwärtig nur noch zwei Prozent der deutschen Studenten im Ausland studieren, dann gilt es, diese Entwicklung nicht nur zu stoppen, sondern so rasch wie möglich umzukehren. Wie ich überhaupt denke, daß wir die auswärtige Kulturpolitik seit vielen Jahrzehnten sträflich vernachlässigen und daß wir für deutsche Schulen im Ausland, für die deutsche Sprache im Ausland und die Darstellung deutscher Kultur im Ausland viel zu wenig tun. Und manches von dem wenigen, das wir tun, tun wir in einer Form, die kontraproduktiv für unser eigenes Land wirkt.

Meine Damen und Herren, zu diesem Bild gehört für mich natürlich auch, daß wir in unseren Schulen - und das ist vor allem eine Frage der Schulverwaltungen - zu wenig darüber nachdenken, was zu tun wäre im Blick auf die Einheit der Nation. Einheit der Nation bedeutet, in der Durststrecke der Geschichte, die wir jetzt durchstehen müssen und die möglicherweise Generationen dauert, vor allem das Miteinander nicht aufzugeben. Miteinander heißt, den anderen zu kennen. [...]

Wir werden diesen langen Atem im Blick auf die deutsche Nation nicht aufbringen können, wenn wir nicht gerade unseren jungen Mitbürgern, und das sind die Schüler auch in unseren Gymnasien, immer wieder die Chance zur Begegnung geben. Für mich ist dies eine der entscheidenden Fragen in der Beziehung zur politischen Führung der DDR. [...]

Die Schule wird entscheidend von Lehrerpersönlichkeiten geprägt. Das Vorbild des Lehrers, seine Art, den Unterricht zu gestalten, beeinflussen Entwicklung und Wertmaßstäbe der ihm zur Erziehung anvertrauten Jugendlichen.

Natürlich ist ein Lehrer ein Staatsbürger wie jeder andere. Er hat seine staatsbürgerlichen Überzeugungen, und dazu gehören auch politische Überzeugungen. Aber wir sollten deutlicher aussprechen, daß es unerträglich ist, wenn politische Überzeugungen in einer Form in die Schule hineingetragen werden, die Kinder indoktriniert.

Die Schule ist kein Ort zur Austragung politischer Kämpfe, sie eignet sich nicht zum Agitationsfeld, weder für diese noch für jene Seite. Ich beobachte beispielsweise - um das sehr Aktuelle anzusprechen - in der Auseinandersetzung um das Thema 35-Stunden-Woche den einen oder anderen Versuch dieser Art. Die Schule hat die Aufgabe, mündige Bürger heranzubilden, Bürger mit eigener politischer Urteilskraft, mit einer eigenen Überzeugung.

Zur politischen Mündigkeit erzieht der Lehrer vor allem dadurch, daß er Kenntnisse über die Verfassung, über ihre Grundprinzipien und Institutionen vermittelt und daß er den Prozeß der politischen Willensbildung und auch demokratischer Entscheidungen verständlich macht.

Das bedeutet immer auch, Zielkonflikte und Konsequenzen politischen Handelns deutlich zu machen, Überzeugungen zu reflektieren, aber vor allem zu vermitteln, daß Kompromißbereitschaft und Toleranz in der Demokratie eine entscheidende Voraussetzung für den Umgang mit Andersdenkenden sind, daß Freiheit immer auch die Freiheit des Andersdenkenden sein muß.

Aus den Erfahrungen der letzten Jahre möchte ich bewußt hinzufügen, daß dazu auch die Förderung des Rechtsbewußtseins hinzutreten muß, die Vermittlung der Erkenntnis, daß Rechtsfriede eine Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit, eine Voraussetzung für jede freiheitliche Ordnung ist. Ich spreche dieses Thema hier an, weil zu den bösartigen Formen des politischen Zynismus unserer Tage gehört, daß man jungen Leuten einreden will, es gebe ein Recht auf Widerstand gegen demokratische Organe und gegen demokratisch gefällte Entscheidungen.

Mich bedrückt dies im Blick auf ein Ereignis, dessen 40. Jahrestag wir in wenigen Tagen begehen: den 20. Juli 1944, jenen Tag, der symbolisch den Widerstand gegen die nationalsozialistische Barbarei deutlich macht. Die Tat und das Opfer der Frauen und Männer, die im Widerstand gegen Hitler ihr Leben wagten, müßten es eigentlich jedem verbieten, Regelverstöße und zivilen Ungehorsam anmaßend als Widerstand zu bezeichnen und sein persönliches Tun, das ja im Regelfall von keinem Risiko begleitet ist, moralisch auf die gleiche Stufe zu stellen mit der Tat jener, die in Plötzensee für das andere Deutschland hingerichtet wurden.

Wie absurd ein Teil der deutschen Diskussion ist, kann man in diesen Tagen am Beispiel des Schicksals von Andrej Sacharow und seiner Frau - dem Zwang, in einer Diktatur zu leben - am besten erkennen. Eine Friedenserziehung, die totalitäre und demokratische Staaten unterschiedslos gleichsetzt, die den unauflösbaren Zusammenhang von Frieden und Freiheit verleugnet, würde zu einer Belastung für den inneren Frieden in unserem Land.

Sinnvolle Friedenserziehung muß vor allem die Lehren der Geschichte vermitteln. Jene jungen Mitbürger - die meisten ungewöhnlich sympathisch -, die sich so leidenschaftlich für den Frieden engagieren, wissen ganz selten etwas vom Meineid Hitlers auf die Weimarer Verfassung im Ulmer Reichswehrprozeß, über den Hitler-Stalin-Pakt, oder über den Einfluß pazifistischer Bewegungen in England und Frankreich auf das Zustandekommen des Münchener Abkommens.

Wir stehen zur Last unserer Geschichte. Wir wollen aus der Geschichte lernen. Deshalb ist es für uns ganz wesentlich zu begreifen, daß uns unsere Verfassung in der Bundesrepublik Deutschland eine große Chance eröffnet, Konsequenzen zu ziehen. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland ist in seinem Kern, den das Bundesverfassungsgericht als freiheitlich-demokratische Grundordnung definiert hat, eine wertgebundene Verfassung, die uns allen Maßstäbe setzt - natürlich auch der Schule und dem Lehrer.

Die freiheitliche Demokratie braucht Bürger, die selbständig urteilen und entscheiden können. Im Elternhaus, in der Schule und im Ausbildungsverhältnis muß der junge Mensch lernen, daß er nicht nur Freiheiten in Anspruch nehmen kann, sondern daß er als Staatsbürger auch Pflichten zu erfüllen hat. [...]

„Rechte und Pflichten", das heißt natürlich auch, daß Leistung und Solidarität Grundlagen des sozialen wie des schulischen Lernens sind. Und damit sind wir bei dem Thema und dem Begriff „Leistung". Seit einem Jahrzehnt und länger ist eine zunehmende Verteufelung des Leistungsprinzips zu beobachten. Aber der Appell an den Sozialneid und die Gleichheitsideologie hat bei der jungen Generation weniger Spuren hinterlassen, als manche befürchtet haben.

Wir haben in manchen Bereichen unserer Gesellschaft ein nach wie vor ungebrochenes Verhältnis zum Leistungsprinzip, z. B. im Sport.

Wir wissen - und ich glaube, wir wollen auch -, daß Leistung sich nicht nur orientieren soll am späteren Beruf, am beruflichen Erfolg oder am beruflichen Aufstieg. Sie erleben in der Schule immer mehr junge Leute, die sich nicht mit letzter Entschiedenheit am Karrieremuster ihrer Elternhäuser orientieren. Ich kann nicht erkennen, daß sie deswegen automatisch leistungsfeindlich sind. Im Gegenteil, wenn man sorgfältig die demoskopischen Unterlagen in den letzten Jahren studiert, dann wird man feststellen, daß in der jungen Generation, in der Schülergeneration von heute durchaus die Bereitschaft zur persönlichen Leistung vorhanden ist.

Viele junge Mitbürger haben eine sehr konkrete Vorstellung vom Sinn der Leistung für ihr persönliches Lebensglück. Die Bereitschaft, etwas zu leisten, ist ganz ungebrochen da. Vielleicht ist eine Komponente stärker geworden - und ich kann nur sagen, wenn dies so sein sollte, wäre es ein Grund, zufrieden zu sein -: daß nämlich Leistung auch Einsatz für andere, für Schwächere ist: Rücksichtnahme, Engagement, Solidarität. Die Aufgabe des Bildungswesens muß darin bestehen, die unterschiedlichen Begabungen und Leistungsmöglichkeiten junger Menschen in Schule, Betrieb und Hochschule zu fördern, und nicht eine öde Gleichmacherei.

Unser Ziel muß sein, die unterschiedlich Leistenden zu einer solidarischen Gesamtleistung zusammenzuführen. Dabei ist die Gesamtleistung umso besser, je mehr jeder einzelne bereit ist, seine persönliche Bestleistung auch in der Verantwortung für andere beizutragen. Dies bedeutet, daß wir uns wieder in einer ganz unbefangenen Weise dem Begriff der Elite nähern. Ich meine natürlich die Leistungselite. Ich denke dabei etwa an denjenigen, der das Abendgymnasium besucht hat, um das Abitur nachzumachen, zu studieren und um etwas auf die Beine zu stellen. Ich respektiere solche Zeitgenossen umso mehr, wenn sie dabei nicht bitter geworden sind und sich auch die Fröhlichkeit des Herzens bewahrt haben.

Wir brauchen auf allen Feldern mehr Leistungseliten. Das gilt auch für das Amt des Lehrers. Ich bin dagegen, daß man bei den Lehrern wie übrigens bei den Politikern - das haben wir gemeinsam - inzwischen fast nur noch Pauschalurteile abgibt. Es gibt weder die Lehrer, noch gibt es die Politiker. Es gibt natürlich - und auch das muß man ehrlicherweise ansprechen - auch unter Lehrern solche, die ihren Beruf nicht aus pädagogischer Berufung gewählt haben, sondern die einer Art Jobmentalität anhängen. Warum sollte sich eigentlich diese Berufsgruppe anders verhalten als viele andere?

Dennoch ist die Wahrheit, daß die große Mehrheit unserer Lehrer - und das gilt auch für die Lehrer an unseren Gymnasien - ihre Pflicht tut. Ich verwende ganz bewußt diese Formulierung, weil auch das ein Begriff ist, der in den letzten Jahren in Gefahr war, unter die Räder zu kommen. Ich finde, man kann über einen Menschen nach einem langen Berufsleben wenig Besseres sagen, als daß er seine Pflicht getan hat.

Und damit komme ich zu einem ungeheuren Problem, vor dem unsere Gesellschaft steht: die Jungakademikerarbeitslosigkeit. Ich werde oft gefragt, wo ich die Achillesferse der Bundesrepublik in den nächsten Jahren sehe. Für nahezu alle Problemstellungen glaube ich eine Lösung zu kennen oder wenigstens einen Weg, der in die Zukunft weist. Ich muß Ihnen aber ebenso ehrlich sagen, daß das einzige Feld, bei dem ich selbst noch nicht weiß, wie wir es bewältigen können, die Jungakademikerarbeitslosigkeit ist. Wenn Sie die Studentenzahlen einerseits sehen und dann das Durchschnittsalter in den Lehrerkollegien dagegenhalten, dann wissen Sie so gut wie ich: Das, was wir momentan tun können, ist der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Es ist eine zutiefst deprimierende Vorstellung, daß junge Leute meinen, nach einem abgeschlossenen Studium sofort eine neue Ausbildung beginnen zu müssen, weil die Erstausbildung gar keine Chance für die Zukunft in sich birgt.

Ich hoffe sehr, daß es mit vereinten Bemühungen aller - und da rechne ich auch mit Ihrer Unterstützung - gelingt, das Problem wenigstens etwas abzubauen und langsam mehrere denkbare Lösungen ins Feld zu bringen, um vor allem das Schicksal der Betroffenen etwas zu erleichtern. Es gibt dafür kein Patentrezept. Wir müssen hier zu einem Umdenkungsprozeß in der Gesellschaft kommen. Sie haben einen Schlüssel dazu mit in der Hand, weil Sie täglich in der Oberstufe eines Gymnasiums mit möglichen Studenten und Akademikern von morgen sprechen.

Es ist in diesem Zusammenhang ein weiteres Thema anzusprechen: die Neuregelung des Hochschulzugangs in Numerus-clausus-Fächern, die vermutlich auch die Zugangsbestimmungen des Hochschulrahmengesetzes beeinflussen wird. Ich will Ihnen schon jetzt anbieten, daß wir bei dieser Novellierung sehr intensiv auch mit Ihnen zusammenarbeiten, damit Ihre Erfahrungen mit einfließen können.

Für die Zukunft des Gymnasiums - das ist die Zukunft eines Großteils der Leistungseliten von morgen - ist es von entscheidender Bedeutung, daß das Abitur als Voraussetzung und in seiner Bedeutung für den Hochschulzugang bestehen bleibt. Dies verlangt auch, daß wir die Sorge der Hochschulen um die Studierfähigkeit der Abiturienten ernst nehmen. Die Hochschulen treten nach meiner Überzeugung mit guten Gründen für einen Grundbestand verbindlicher und bis zum Abitur kontinuierlich unterrichteter Fächer ein. Dazu gehören wenigstens fünf Fächer, als Grundbestand von Bildung: Deutsch, eine Fremdsprache, Mathematik, ein naturwissenschaftliches Fach und Geschichte.

Ich finde, es ist ein Armutszeugnis, wenn Hochschulen Deutschkurse für Deutsche anbieten müssen, weil Studenten inzwischen selbst erkannt haben, daß ihnen die Fähigkeit fehlt, sich in ihrer eigenen Muttersprache schriftlich oder mündlich einwandfrei auszudrücken.

Ich weiß natürlich - und der Blick auf meine eigenen Schulzeugnisse in der Vorbereitung auf den Besuch meiner alten Schule vor acht Tagen hat mich daran wieder deutlich erinnert -, wie groß die Versuchung ist, ungeliebte Fächer abzuwählen. Ich halte es aber für ein rundum falsches pädagogisches Prinzip, wenn man bei einem 16-, 17-Jährigen in einer wichtigen Entscheidung seines Lebens den Eindruck aufkommen läßt, er könne das, was unbequem ist, abwählen.

Zudem gibt es ja heute keine isolierte Entwicklung der Berufsfelder mehr. Die Wirklichkeit des Lebens ist: Wer etwa aus den Geisteswissenschaften kommt, wird in jedem wichtigen Verantwortungsbereich beim Staat oder in der Wirtschaft unweigerlich mit naturwissenschaftlichen Problemen konfrontiert und umgekehrt. Und deswegen ist es falsch, beim 18-Jährigen eine Illusion zu wecken, die im Leben später nie Wirklichkeit wird.

Hierher gehört auch das Thema der Technikfeindlichkeit. Es ist wahr, daß wir nach einer Phase der Technikbegeisterung vieles relativierend betrachten. Wir haben erfahren, daß eben nicht alles, was machbar ist, auch wünschbar ist und daß die moralischen Probleme naturwissenschaftlicher Entwicklung - denken Sie nur an die Gen-Technik - uns inzwischen eingeholt haben und unsere entschiedene Antwort erfordern.

Aber es wäre ganz töricht, wenn wir es zulassen würden, daß ausgerechnet in der Exportnation Bundesrepublik Deutschland eine junge Generation aufwächst, die der Meinung ist, daß wir uns alles erlauben können, nur keinen technischen Fortschritt. Ich kann im Übrigen auch nicht erkennen, daß das die Stimmung breiter Kreise junger Leute ist.

Ich räume ein: Wenn ich etwa die Bundessieger und Landessieger von „Jugend forscht" zu mir einlade, ist das eine wirkliche Leistungselite, die sich hier aus freien Stücken engagiert hat. Aber auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. Ich möchte uns alle ermutigen, daß wir zur Naturwissenschaft, zur Technik, zur Entwicklung unserer modernen Welt insgesamt das richtige Verhältnis finden - vielleicht auch das richtige Augenmaß wiedergewinnen.

Und lassen Sie mich noch ein letztes ansprechen:

Wir sind ja in einer sehr seltsamen Entwicklung in unserer Gesellschaft begriffen: Jammern gehört sozusagen zur Selbstverständlichkeit. Hier gibt es manchmal ein ziemliches Maß an Scheinheiligkeit. Wir sind in Wahrheit ein Staat, der seinen Bürgern ein Höchstmaß an Freiheit sichert, ein Höchstmaß an sozialer Sicherheit. Im Blick auf das Netz sozialer Sicherheit ist die Arbeitslosigkeit des Jahres 1984 überhaupt nicht zu vergleichen mit der Not und dem Elend des Arbeitslosen im Jahre 1932.

Auch gemessen am Lebensstandard unserer Nachbarländer haben wir keinen Grund, in einen totalen Lebenspessimismus zu verfallen. [...]

Es gibt zwar große Probleme im Ökonomischen und Ökologischen, im Blick auf den Frieden und die Freiheit unseres Landes, nicht zuletzt auf den inneren Frieden.

Aber ich bin überzeugt, daß unser Volk die innere Kraft hat, diese Herausforderungen zu erkennen und zu bestehen.

Daß Lehrer dazu einen ungeheuren Beitrag leisten können, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Wenn ich zurückblicke auf mein eigenes Leben - auf mein Schülerdasein und auch auf die großartigen menschlichen Begegnungen, die ich an der Universität erleben durfte -, dann weiß ich, daß ich auf diesem Weg von meinen Lehrern ganz entscheidend geprägt wurde.

Das Amt des Lehrers ist gerade in unserer Zeit mit ihren Klippen und Untiefen schwieriger, ganz gewiß aber auch wichtiger geworden. Wenn Sie auf Ihrem Weg einen Weggefährten brauchen, ich möchte einer sein.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 439-452.