2. Mai 1984
Die deutsche Außenpolitik - das Erbe Konrad Adenauers
Vortrag bei der Konrad Adenauer Memorial Lecture in Oxford


Herr Rektor, Herr Direktor,
verehrte Frau Premierminister,
Exzellenzen, Eure Lordschaften,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Es ist für mich eine große Ehre und eine große Freude, heute hier vor Ihnen in Oxford sprechen zu dürfen. Es ist ein Ort, an dem in einer so glücklichen Weise Geschichte und Tradition, Gegenwart und, wie ich sicher bin, eine gute Zukunft zusammenwirken.

Zwischen dem St. Antony's College und der Bundesrepublik Deutschland gibt es enge Beziehungen. Und ich nehme gerne als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland die Chance wahr, einige außenpolitische Schwerpunkte meiner Regierung vor den Bürgern eines Landes darzulegen, dem wir Deutsche uns wegen seiner demokratischen Traditionen und seiner demokratischen Tugenden in besonders herzlicher Sympathie verbunden wissen.

Ich bin zudem glücklich, daß ich hier als Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands stehen und auch in dieser Eigenschaft die diesjährige Vorlesung zur Konrad-Adenauer-Lecture vornehmen kann.

Und ich bin dankbar zum dritten dafür, daß ich als Gründungsmitglied und Mitglied des Vorstandes der Konrad-Adenauer-Stiftung mit diesem Besuch die besonders engen und herzlichen Beziehungen zwischen der Stiftung und Ihrem College demonstrieren kann.

Aus einer ganzen Summe von Gründen lag es nahe, daß ich meine Ausführungen zur Außenpolitik der jetzigen Bundesregierung in eine Beziehung setze zu Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und dem ersten Vorsitzenden meiner Partei nach ihrer Gründung, nach dem Krieg und nach der Nazi-Barbarei, jenem Konrad Adenauer, dem ich mich in einer ganz besonderen Weise auch persönlich verpflichtet weiß.

Die Politik Konrad Adenauers und damit die Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland sind nach innen wie nach außen überhaupt nur zu verstehen aus der persönlichen Erfahrung dieses Mannes, die zugleich die persönliche Erfahrung seiner Generation ist. Und es ist kein Zufall, daß die drei prägenden Gestalten nach dem Ende der Nazi-Zeit und bei der Gründung der Bundesrepublik - Kurt Schumacher für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands; Theodor Heuss, der erste Präsident unserer Republik, für die Freie Demokratische Partei; Konrad Adenauer für die Christlich-Demokratische Union Deutschlands - in der Spanne ihres Lebens den Bogen schlugen zwischen dem kaiserlichen Deutschland vor 1914 über die Weimarer Zeit - den ersten, dann leider gescheiterten Versuch deutscher Demokratie von 1918 bis 1933 - und die Jahre der Heimsuchung der Nazi-Zeit bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Konrad Adenauer verkörpert wie die beiden anderen Baumeister unserer Bundesrepublik Deutschland in seinem Lebensweg das Auf und Ab der Geschichte der Deutschen in diesem Jahrhundert. Aus der Erfahrung des persönlichen Erlebens und der Geschichte haben sich diese Männer und mit ihnen viele Männer und Frauen guten Willens aus allen demokratischen Lagern nach dem Krieg daran gemacht, eine freiheitliche Ordnung zu gestalten, ein zerstörtes Land wieder aufzubauen. Dabei ist der Begriff „zerstört" in doppeltem Sinn zu verstehen: im materiellen, in der Zerstörung unserer Städte und Dörfer, unserer Wohnungen, unserer Häuser, unserer Fabrikationsstätten; aber auch im immateriellen Sinne, in der bitteren Erkenntnis, welch eine Katastrophe Hitler über unser Volk gebracht hat.

Es galt, Deutschland - den freien Teil unseres Vaterlandes, in dem eine freiheitliche Ordnung wieder möglich war - in einer geschichtlichen Stunde aus der Isolierung und aus der Verachtung wieder herauszuführen und wieder als ein geachtetes Mitglied in die Staatengemeinschaft einzubringen.

Erst im nachhinein - ich selbst habe diese Jahre als Schüler und junger Student erlebt - gewinnt man die richtige Dimension der gigantischen Probleme: Da war ein geteiltes Land, das von sozialen Spannungen gerüttelt war, ein Land, von dem Stalin noch in Jalta hoffte, daß durch die Vertreibung von Millionen aus Ost- nach Mitteleuropa dieses Mitteleuropa reif sein könnte für die Weltrevolution. Über 10 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene verloren Haus und Hof und waren zu integrieren, rund 18 Millionen unserer Landsleute im Gebiet der heutigen DDR fielen kommunistischer Unterdrückung anheim. Das Schicksal von Berlin, der ehemaligen Ostprovinzen und des Saarlandes waren ungeklärt. Das alliierte Kontrollsystem von 1945 im Sinne des Potsdamer Abkommens wurde erst 1955, zehn Jahre danach, überwunden.

International sah sich unsere Bundesrepublik sowjetischen Drohungen und Verlockungen gleichzeitig ausgesetzt. Europa war zersplittert. Die Politik Frankreichs wie Großbritanniens war nicht frei von Unsicherheiten über die deutsche Zukunft. Und in jenen Tagen war auch die Wiederbelebung eines amerikanischen Isolationismus, ähnlich wie in den zwanziger Jahren nach Versailles, nicht auszuschließen. [...]

Aber Adenauer wußte, daß die Stabilität der deutschen Demokratie, daß Frieden, Freiheit und soziale Gerechtigkeit angesichts der totalitären Herausforderung des Kommunismus an der Nahtstelle zwischen Ost und West nur in der Gemeinschaft gleichgesinnter Staaten und Völker dauerhaft zu sichern waren.

Seine von den Deutschen in vielen Wahlen bestätigte Entscheidung für das freie Europa, für das Bündnis mit den Vereinigten Staaten und für die Nordatlantische Allianz war deshalb weit mehr als der Versuch, den Frieden zu sichern. Oberstes Ziel war für ihn und ist genauso Grundlage unserer Politik heute: die Sicherung der Freiheit.

Ich habe nicht ohne Grund in meiner ersten Regierungserklärung vom 13. Oktober 1982 gesagt:

Das Bündnis (gemeint ist die Atlantische Allianz) ist der Kernpunkt deutscher Staatsräson. Das Wort Staatsräson drückt mehr und intensiver aus, als man in einer Nomenklatur, einer Verfassungsordnung formulieren kann.

Hier verbinden sich

- die Grundwerte unserer freiheitlichen Verfassung, für die wir stehen,
- die wirtschaftlich-soziale Ordnung, in der wir leben, und
- die Sicherheit, die wir brauchen.

Die europäische Idee, die Zukunft des freien Europas, bedeutet für uns Deutsche eben mehr als die Nachfrage nach einer gedeihlichen Freihandelszone oder einer Wirtschaftsgemeinschaft.

Die Entscheidung Konrad Adenauers, den freien Teil unseres Vaterlandes rückhaltlos und unwiderruflich in die freie, demokratische Staatenwelt zu integrieren, ist für uns nicht nur einzigartig, sondern von historischem Rang.

Im europäischen Mächtesystem, meine Damen und Herren, ging es durch viele Jahrhunderte hindurch um die strategischen Korridore Europas, die sich in der Mitte des Kontinents kreuzten, und damit um die Machtprojektion aller Mächte auf die europäische Mitte.

Für uns als Deutsche war in diesen Jahrhunderten die Europäisierung der Mitte stets Verdammnis und Versuchung zugleich: Versuchung, weil der Weg zum Nationalstaat eine Rebellion gegen das gegebene europäische Mächtesystem bedeutete. Es ist ja kein Zufall, daß der Bismarcksche Nationalstaat von 1870/71 in dieser Form eben nur bis 1945 währte und der deutsche Nationalstaat in diesem Sinne eine viel kleinere Zeitspanne unserer Geschichte beherrschte als in allen vergleichbaren Ländern Europas. Verdammnis, weil es eine uneingeschränkte Selbstbestimmung der europäischen Mitte über sich selbst nicht geben konnte und weil jedes Aufbäumen gegen diese historische Tatsache die Existenz gefährdete und Teilung und oft genug Katastrophe andeutete.

Adenauers Sorge galt dem Wiederaufleben des Mißtrauens gegen Deutschland, das durch einen neuen deutschen Nationalismus, durch vordergründigen, tagespolitisch begründeten Pazifismus oder Neutralismus ausgelöst werden könnte. Dem zu begegnen und die deutsche Demokratie abzusichern, galt Adenauers Politik der Westintegration.

Es war und ist in diesem Jahrhundert der zweite große Versuch in der Geschichte, die Deutschen im Westen einzubinden. Ich will das gerade hier in Oxford besonders betonen; denn ich finde, daß die große Leistung des damaligen britischen Außenministers Chamberlain am Zustandekommen der Locarno-Konferenz 1924/25 - gemeinsam mit Gustav Stresemann, dem deutschen Außenminister, und Aristide Briand, dem französischen Außenminister - von uns Heutigen viel zu wenig gewürdigt wurde.

Was damals in Paris und Berlin, manchmal in London und ganz sicher auch in Washington in der Kurzsichtigkeit des Tages nicht vollendet werden konnte, mußten die Völker Europas später bitter büßen. Geschichte wiederholt sich niemals ganz. Aber man soll heute, gerade wir in der besonderen Herausforderung in Deutschland, in keinem Augenblick vergessen, daß diese Westintegration Deutschlands der zweite große historische Entwurf und Versuch ist und daß er eine Kostbarkeit der Geschichte darstellt, mit der man pfleglich umgehen muß.

Wie aktuell die damalige Entscheidung war, beweisen heute Entwicklungen in Europa, die unter dem weiten Begriff des „Anti-Amerikanismus" zusammengefaßt werden. Wir sollten immer ein Augenmerk auf solche Entwicklungen haben. Die möglichen Folgen auf das Gefüge Europas brauche ich nicht näher darzulegen.

Aber umso klarer ist, wie wichtig jener Satz aus meiner Regierungserklärung ist, daß die Entscheidung der Bundesrepublik Deutschland für Europa, für die Westintegration und für die Atlantische Allianz irreversibel ist, daß sie ein Teil unserer Staatsräson ist und daß sie für die Deutschen eine ebenso richtige wie bittere Erkenntnis enthält: die Erkenntnis, daß die Freiheit Vorrang vor der Einheit hat, daß es den Menschen in Leipzig nichts nützt, in einem kommunistischen Deutschland wiedervereint zu werden, wenn der größere Teil der Deutschen in der Bundesrepublik dabei seine Freiheit verliert.

Dies spricht sich hier in Oxford, weit entfernt vom Eisernen Vorhang und der Berliner Mauer, leichter aus, als wenn Sie den eigenen Landsleuten in Leipzig, in Dresden, in Potsdam oder Ost-Berlin gegenüberstehen. Es ist ja nicht eine Trennung akademischer Art. Das ist eine Trennung, die quer durch die Familien geht. Und es ist oft genug ein purer Zufall, daß der Bruder in Frankfurt oder in Bonn und die Schwester in Leipzig oder Dresden wohnt.

Heute steht Europa, steht die Europäische Gemeinschaft vor der Frage, ob wir fähig sind, die Stimme Europas in dieser geschichtlichen Stunde wirklich zu erheben, ob wir fähig sind, den Prozeß der europäischen Einigung weiter voranzubringen. Dabei ist die Perspektive der Präambel des EG-Vertrags von entscheidender Bedeutung: Dort bekunden die Gründer der Gemeinschaft ihren festen Willen, die Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluß der europäischen Völker in Frieden und Freiheit zu schaffen. [...]

Wir müssen Klarheit darüber schaffen, daß sich alle Partner der Gemeinschaft dem Ziel der europäischen Einigung auf Dauer verpflichtet fühlen und daß sie den Prozeß, der uns alle schon ein entscheidendes Stück vorangebracht hat, für unumkehrbar halten. [...]

Deshalb haben seit Konrad Adenauer deutsche Bundeskanzler, ungeachtet parteipolitischer Gegensätze, immer wieder dazu aufgerufen, eigene nationale Forderungen, so berechtigt sie auch immer sein mögen, nicht vor den Bestand der Gemeinschaft zu stellen.

Ich bekenne mich ausdrücklich zu dieser Haltung. Und so werden wir auch in Zukunft zu keinem Augenblick das Ziel aus den Augen verlieren, weil wir wissen, was für die Zukunft des Kontinents - es ist ja nicht einmal ein Kontinent, sondern ein Teilkontinent - auf dem Spiele steht.

Es geht noch immer darum, ob Europa fähig ist, angesichts seiner komplizierten weltpolitischen Lage, angesichts militärischer Bedrohung, wirtschaftlicher und ökologischer Probleme die Interessen seiner Nationalstaaten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und sich zu einigen. Und diese Einigung braucht endlich auch eine stärkere politische Ausformung.

Europa muß lernen, mit einer Stimme zu sprechen. Diese Stimme ist auch notwendig für das Gespräch mit unseren Freunden und Partnern in den Vereinigten Staaten. Es stellt sich daher in dieser Zeit die Frage, und dies nicht nur wegen des bevorstehenden Wahltermins zur zweiten Legislaturperiode des Europäischen Parlaments: Ist jeder der Partner in der Europäischen Gemeinschaft bereit, die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft als unwiderruflich, als irreversibel zu betrachten? Wir, die Bundesrepublik Deutschland, sind es!

Die Frage ist: Sind alle Partner bereit, ohne Wenn und Aber den Weg zur Politischen Union zu beschreiten? Ich füge auch hier hinzu: Wir, die Bundesrepublik Deutschland, sind es! Ich hoffe, daß die anderen Partner ähnliche Antworten geben werden.

Wir werden uns in der Gemeinschaft aber nicht nur über wirtschaftliche und politische Fragen unterhalten können. Ich halte es für ausgeschlossen, daß wir im Reigen der Staats- und Regierungschefs über die Verteilung von ECU, über Agrarpolitik und über Milchquoten reden, um uns in der zentralen, schicksalsbestimmenden Frage: Wie sichern wir Frieden und Freiheit? so zu verhalten, als ginge uns das nichts an.

Wir können den freien Teil Europas nicht in zwei Teile teilen. Am wirtschaftlichen Fortschritt nehmen wir alle teil, an der Verantwortung für die Sicherheit nehmen wir nur partiell teil.

Das heißt in keiner Weise, daß wir hier eine Alternative zur NATO herausbilden. Nur, das Bild der atlantischen Brücke, meine Damen und Herren, stimmt ja so einfach nicht. Das Wesen einer Brücke ist, daß sie eine Auflage hat und zwei Pfeiler. Sie können selbst die Frage stellen und beantworten, ob eigentlich das europäische Widerlager dieser atlantischen Brücke, die uns mit Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika verbindet, wirklich in einem Zustand ist, daß den einfachsten politisch-statischen Erfordernissen Genüge getan wird?

Für uns kommt noch hinzu, daß diese Allianz der freien Völker, die NATO, deswegen so unverzichtbar ist, weil ja die Westmächte mit einem imperialen Anspruch einer der Supermächte, der Sowjetunion, auf europäischem Boden konfrontiert sind.

Doch ist es nötig, daß die Europäer in der NATO ihr Gewicht, ihren Einfluß verstärken, ihre spezifischen Interessen stärker zur Geltung bringen. Es geht darum, die Atlantische Allianz den Bedingungen und den Anforderungen der Zukunft anzupassen und dabei auch den europäischen Pfeiler zu festigen.

Dabei gilt für uns in der Bundesrepublik Deutschland - und das sage ich für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung der Bundesrepublik -, daß die NATO und ganz besonders die enge Freundschaft und Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten das Fundament deutscher Sicherheitspolitik, die Garantie unserer Freiheit bleiben. [...]

Vorrangiges Ziel der Sicherheitspolitik meiner Regierung war und ist es, eine militärische Konfrontation in Europa zu verhindern, das Wettrüsten auf europäischem Boden und in der Welt zu beenden und Sicherheit auf einem niedrigeren Niveau der Rüstungen zu garantieren.

Schon in den Pariser Verträgen verzichtete die Bundesrepublik unter dem Kanzler Konrad Adenauer auf die Herstellung von Massenvernichtungswaffen, auf die Herstellung atomarer, chemischer und biologischer Waffen. An unserer Position hat sich nichts geändert: Wir bleiben bei diesem Verzicht.

Wo immer es möglich war, haben wir Bemühungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle unterstützt. Fortschritte bei der Rüstungskontrolle setzen voraus, daß das gegenseitige Vertrauen, daß die Chance eines Dialogs zwischen Ost und West verbessert werden. Wir werden dazu im Rahmen unserer Möglichkeiten unseren Beitrag leisten.

Die deutsche Ostpolitik hat ihre Wurzeln in frühen Bemühungen Adenauers, das Verhältnis der Bundesrepublik zum größten, wichtigsten, bestimmendsten Nachbarn, der ja 17 Millionen unserer Landsleute sozusagen als Faustpfand politisch in der Hand hat, zur Sowjetunion, zu versachlichen und konstruktiv zu gestalten. Die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Bonn und Moskau im Jahr 1955 anläßlich des Besuchs von Adenauer in der Sowjetunion und der Abschluß des Moskauer Vertrages fünfzehn Jahre danach haben in einer besonderen Weise zur Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen beigetragen.

Die von mir geführte Bundesregierung strebt konstruktive und stabile Beziehungen mit unseren Nachbarn in Mittel- und Osteuropa, allen voran mit der Sowjetunion, an. Jeder weiß, die Sowjetunion ist ein schwieriger Partner; ihre Politik, die eine Fortsetzung der imperialen Politik der Zarenzeit ist, hat seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges deutsche und europäische Interessen immer wieder verletzt. Dennoch, meine Damen und Herren, verlangt eine Politik, die auf Erhaltung und Stabilisierung des Friedens in Europa gerichtet ist, daß auch in einer schwierigen Zeit die Chance des Dialogs auf europäischem Boden mit der sowjetischen Weltmacht fortgeführt wird.

Wir halten uns selbstverständlich an die geschlossenen Verträge, wir handeln damit im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen und mit der Schlußakte von Helsinki.

Und im Bewußtsein unserer mannigfaltigen, in der Tradition unseres Kontinents eingebetteten Gemeinsamkeit sowie auch der europäischen Verantwortung werden wir nicht nachlassen, nach Wegen zu suchen, um den erreichten Stand der Beziehungen zu den ost- und südosteuropäischen Nachbarn zu sichern und weiter auszubauen.

Die Sicherheits- und Friedenspolitik der Bundesrepublik Deutschland dient einem wichtigen politischen Ziel: der Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas. An der Seite des freien Westens und im europäischen Rahmen müssen und wollen wir unsere Zukunft gestalten und als Friedenswerk die nationale Frage lösen.

Meine Damen und Herren, wir sind uns der europäischen Dimension der deutschen Teilung bewußt. Diese Teilung ist nur auf friedlichem Weg zu überwinden. Die Absage an Krieg und Gewalt als Mittel deutscher Politik ist von allen Bundesregierungen seit 1949 immer wieder als Politik unseres Landes bekräftigt worden.

Wir brauchen Freunde mehr als andere. Alle Nachbarn müssen begreifen - ich betone, alle Nachbarn: Wirklichen, dauerhaften Frieden in Europa wird es nur geben, wenn die Deutschen die Chance bekommen, wie fast alle Völker der Welt in Lateinamerika, Asien und Afrika, selbst über ihren Weg in der Geschichte zu bestimmen.

Ich weiß, dazu gehört ein langer Atem, aber ich bin Realist. Dies ist kein Thema, das auf der Tagesordnung der Weltpolitik steht. Und man braucht kein Prophet zu sein, um zu wissen, daß es lange dauern wird, möglicherweise Generationen, bis diese Frage zu einer Entscheidung heranreifen kann. Bloß verstehen Sie, daß ein Deutscher, der zur Geschichte und zu seinem Volk steht, einen langen Atem vor der Geschichte fordern muß. [...]

Das deutsche Volk erwartet daher von jedem verantwortlichen deutschen Politiker und von jeder Regierung, daß sie beharrlich auf einen Zustand des Friedens hinarbeitet, in dem eine Selbstbestimmung zur Einheit möglich ist.

Wer aber Ja sagt zur Einheit unserer Nation, muß auch Ja sagen zu der Pflicht, in dieser kritischen Durststrecke der Geschichte auf unsere Landsleute in der DDR zuzugehen. Einheit kann ja nur heißen, daß Einheit bleibt im Denken, im Fühlen, im Formulieren in der gemeinsamen Sprache.

Immer dann, wenn die Menschen miteinander in Kontakt treten, wenn Familien zueinanderkommen können, wenn junge Leute sich wieder kennenlernen, wenn meine Söhne in Südwestdeutschland wissen, wie Weimar, wie Eisenach, wie die Wartburg und wie viele andere Stätten, die in diesem letzten Jahr, dem Luther-Jahr, wieder präsent wurden, tatsächlich aussehen.

Der Friede in Europa wird umso sicherer sein, je mehr es gelingt, die Härte der Teilung Deutschlands abzubauen und im Rahmen einer europäischen Friedensordnung zu überwinden.

Es ist ein weiter Weg, den wir zu gehen haben. Aber es gibt keinerlei Grund zu resignieren. Die Geschichte - und wem sage ich das hier in Oxford? - spricht kein letztes Wort, sie schafft keinen endgültigen Zustand. Die Weltpolitik ist immer im Wandel begriffen.

Auch die Lage im geteilten Deutschland ändert sich. Das haben die letzten Jahre gezeigt. Und es hat sich dies auch auf unsere alte Hauptstadt Berlin ausgewirkt. [...]

Wir Deutschen sind Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Frankreich, den Schutzmächten in Berlin, zu großem Dank verpflichtet. In großer Dankbarkeit, liebe Frau Thatcher, erinnere ich mich an Ihre Worte, als wir im Oktober 1982 gemeinsam in Berlin waren und Sie damals sagten:

"Die Präsenz (der britischen Truppen in Berlin) versinnbildlicht die unerschütterliche Verpflichtung Großbritanniens - ebenso wie die unserer französischen und amerikanischen Partner -, die Freiheit Ihrer Stadt (gewandt an die Berliner) sicherzustellen. Unsere Streitkräfte bleiben hier, weil ihnen damit eine lebenswichtige Aufgabe zufällt und weil Sie es so wünschen. (...) Wir werden uns dafür einsetzen, daß diese Eckpfeiler der westlichen Freiheit auch weiterhin als Garanten unserer Lebensweise erhalten bleiben."

Dies ist nicht irgendein Zitat, es ist noch einmal eine klare Bekräftigung einer politischen Grundposition, die für uns, für die Deutschen in der DDR wie für die Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland, von größter Bedeutung ist.

Meine Damen und Herren, ich habe einige Grundsätze deutscher Politik dargelegt, Grundsätze und Absichten der von mir geführten Regierung. Die Bundesrepublik Deutschland als eine der großen Industrienationen hat vielfältige weltweite Interessen. Unser Blick richtet sich nicht nur nach Europa, in die USA oder zum Nahen Osten. Die Beziehungen zu Afrika, zu Asien, zu Lateinamerika, zur gesamten Dritten Welt haben in unserem außenpolitischen Denken und Handeln größtes Gewicht.

Es gehört zu den glücklichen und beglückenden Erfahrungen dieser Zeit, daß in unserem Lande eine junge Generation herangewachsen ist, für die provinzielles Denken immer undenkbarer wird. Ihr Denken und Handeln aus der Solidarität gegenüber dem Nächsten, der eben nicht nur der Nächste im nächsten Haus, in der nächsten Straße, sondern auch in einem Volk in Lateinamerika oder Asien, im Bild eines Indio in den Anden oder eines Hungernden in der Sahel-Zone ist, beweist, daß diese Generation in einer neuen weltoffenen Perspektive großgeworden ist.

Die Zusammenarbeit mit der Dritten Welt ist ein wichtiger Teil unserer weltweiten Friedenspolitik; sie ist gegründet auf der Achtung der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung anderer Länder. Wir müssen als eine der großen und vergleichsweise reichen Industrienationen ebenso wie Sie in Großbritannien unseren Beitrag leisten in Afrika, in Asien und Lateinamerika, um Hunger und Armut, Hoffnungslosigkeit und unerträgliche hochexplosive soziale Gegensätze zu überwinden.

Alle Staaten, gleich welcher Gesellschaftsordnung, trifft hier die Verpflichtung zur solidarischen Hilfe.

Wir haben seit Gründung der Bundesrepublik versucht, unseren Beitrag aus der historischen Erfahrung und aus der geographischen Lage zu leisten, die sich für unser Land ergeben. Der Schwerpunkt liegt eindeutig in Europa und im atlantischen Raum.

Nationale Frage, deutsche Einheit in Freiheit, europäische Einigung und europäische Sicherheit werden auch in Zukunft jede demokratische Bundesregierung in besonderem Maße beschäftigen.

Das Vermächtnis des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, daß Deutschland nur in engster Zusammenarbeit mit den demokratischen Völkern des Westens die Hoffnung haben kann, seine nationalen Probleme eines Tages auf friedliche Weise zu lösen, ist zum Leitsatz unserer Politik geworden, ist ein Stück der gelebten Verfassung der Bundesrepublik Deutschland.

So wollen wir aus der Geschichte lernen und Werke des Friedens tun. Ich denke, es ist gut, wenn man versucht, aus der Geschichte zu lernen, und wenn sich unsere Nachbarn daran gewöhnen, daß die Deutschen heute und in der Zeit, die vor uns liegt, nach manchen Taten des Krieges mit kräftiger Handschrift Werke des Friedens ins Buch der Geschichte einschreiben.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 376-388.