9. Mai 1983
Rede vor der Westdeutschen Rektorenkonferenz in Darmstadt


Herr Präsident,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieber Herr Ministerpräsident Börner!

Zunächst darf ich Ihnen dafür danken, Herr Präsident, daß ich die Gelegenheit bekomme, Ihnen einige Gedanken vorzutragen, die mich im Blick auf die deutsche Hochschule bewegen. Zu ihrem Veranstaltungsthema „Hochschule und technologischer Wandel" möchte ich nur das eine sagen: Es ist ein Problem, das natürlich weit über den Rahmen der Hochschule hinausreicht. Es stellt eines der zentralen Themen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland dar. Niemand kann erwarten, daß wir das Hauptproblem der deutschen Innenpolitik - die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit - lösen werden, wenn wir im Blick auf den technologischen Wandel nicht die notwendigen Lösungen in unserer Gesellschaft finden.

Ich bin vor allem hierhergekommen, um Ihnen in der Rektorenkonferenz ein Wort des Dankes zu sagen. Hierzulande ist man - gerade auch an Universitäten - gewöhnt, daß für oder gegen etwas demonstriert wird. Ich will mit meinem heutigen Besuch bei der Rektorenkonferenz ganz bewußt für eine Einrichtung der Selbstverwaltung und der Selbstkoordination demonstrieren. Das bedeutet gleichzeitig auch, daß ich die Probleme einer solchen Einrichtung anspreche. Dennoch glaube ich, daß wir alle mit Dankbarkeit anerkennen, daß die Rektorenkonferenz in den schwierigen Zeiten hochschulpolitischer Auseinandersetzungen einen wesentlichen und guten Beitrag für die Zukunft der deutschen Hochschulen geleistet hat.

Ich möchte die Rektorenkonferenz ermutigen, auch für die Zukunft ihren Weg der Mitte weiterzugehen. Die aktuelle Lage der deutschen Hochschulen und ihre Perspektiven müssen uns alle mit großer Sorge erfüllen. Trotz der großen - auch durch manchmal ungerechte Kritik nicht wegzuredenden - Ausbauleistungen des Bundes und vor allem der Länder hat sich die Situation in den letzten Jahren spürbar verschlechtert. Das gilt sowohl für die meisten Fächer der Lehre wie auch für die Lage der Forschung.

Die Ursachen liegen freilich nicht allein darin, daß die materiellen Leistungen angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte hinter den Erwartungen und Hoffnungen zurückblieben oder daß die Studentenzahlen eine keineswegs völlig unerwartete, sondern von vielen seit langem vorhergesagte Entwicklung nach oben genommen haben. Die Ursachen liegen vielmehr auch darin - ich finde, das sollte man bekennen -, daß es uns gemeinsam trotz mancher Anstrengung nicht gelungen ist, die Mittel überall effektiv einzusetzen.

Die aus vielen Quellen gespeiste allgemeine Tendenz zur Bürokratisierung unserer Gesellschaft ist eine Ursache, die neue Organisation der Hochschule eine andere. Vielerlei Erscheinungen und Verhaltensweisen als Folge der vor fast 15 Jahren von allen gewollten erheblichen quantitativen Ausdehnung der Studienmöglichkeiten und damit der Kapazität der Hochschulen kommen hinzu.

Eine Hochschule, die 10.000 oder gar 20.000 Studenten umfaßt, kann eben nicht mit denselben Methoden oder derselben Mentalität geführt und verwaltet werden wie die beinahe intime, klassische Universität des vergangenen Jahrhunderts oder noch der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts. Eine Hochschullandschaft, die nicht mehr wie früher nur knapp 30 wissenschaftliche Hochschulen umfaßt, sondern weit mehr als 60 und dazu einen großen Kranz leistungsfähiger Fachhochschulen, kann auch regional und überregional nicht mehr mit den früheren Maßstäben gemessen werden.

Die Hochschulen haben eine gewaltige Aufgabe vor sich, weil in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge unsere Hochschulen durchlaufen. Die Bundesregierung hat sich dafür eingesetzt und wird es weiterhin tun, daß alle Anstrengungen unternommen werden, um die Hochschulen für studierwillige Schulabgänger offenzuhalten. Dem Bürger aber - und auch das muß in einer solchen Versammlung einmal deutlich angesprochen werden - ist die Plausibilität einer weiteren Steigerung der Studentenanzahl angesichts steigender Arbeitslosenziffern unter den Hochschulabsolventen und der immer deutlicher werdenden Finanznot bei Bund, Ländern und Gemeinden nicht so einfach klarzumachen.

Warum - und diesen Einwand hören wir tagtäglich - soll der Steuerzahler noch mehr Ausbildung finanzieren, wenn schon deutlich ist, daß mit der derzeitigen Studentenzahl der zu erwartende Bedarf mehr als gedeckt werden kann?

Zunächst müssen wir darauf antworten, daß die geburtenstarken Jahrgänge insgesamt für das Bildungssystem wie für den Arbeitsmarkt große Probleme mit sich bringen. Mich bedrückt, daß viele Menschen dies als eine Last und nicht als eine Aufgabe und Herausforderung ansehen.

Wir dürfen nicht übersehen, welche Schwierigkeiten und Sorgen sich für den einzelnen und seine berufliche Entwicklung daraus ergeben, daß das Bildungssystem und das Beschäftigungssystem nicht reibungslos zueinander passen. Gemessen am gegenwärtigen Bedarf des Arbeitsmarktes liegt die Absolventenzahl sowohl in der Berufsausbildung wie auch in der Hochschulausbildung zu hoch. Besonders ungünstig sieht diese Zahl im Hinblick auf die Hochschulabsolventen aus.

Dies muß uns mit Sorge erfüllen, nicht nur wegen der zu erwartenden Rückwirkungen auf die Einstellung und das Verhalten der Studenten sowie auf das Klima an den Hochschulen, sondern noch mehr - und ich will das betonen - wegen des großen brachliegenden Potentials an Fähigkeiten und Begabungen.

Niemand von uns, wo immer er auch politisch stehen mag, sollte die Gefahren verkennen, die sich aus der Resignation und der Verbitterung junger Menschen an den Hochschulen ergeben. Das Thema „Arbeitslosigkeit von Jungakademikern" ist eines der zentralen Themen der deutschen Politik der nächsten Jahre. Es ist keine Frage, daß wir mit den herkömmlichen - ich möchte sagen konventionellen - Mitteln allein nicht weiterkommen werden. Wir werden uns für diese schwierige Übergangsphase in erheblichem Maße neue Ideen einfallen lassen müssen, um die Entwicklung wenigstens einigermaßen vernünftig steuern zu können.

Insgesamt aber ist es sicherlich an der Zeit, von der These „Studium ist immer das Beste" Abschied zu nehmen. Hier sind Änderungen notwendig, allerdings mit dem richtigen Augen- und Zeitmaß.

Sie wissen, daß uns der Bereich der beruflichen Bildung in diesem und voraussichtlich noch in den nächsten beiden Jahren wegen der demographischen Entwicklung besondere Sorgen macht. Ich brauche Ihnen nicht die Schwierigkeiten zu schildern oder die Anstrengungen zu verdeutlichen, die ich und andere unternommen haben, um den Schulabgängern dieses und der nächsten Jahre die notwendige Zahl an Ausbildungsplätzen zu sichern. Sobald jedoch der Nachfragedruck in der beruflichen Bildung nachläßt, wird es noch dringlicher sein, die Schulabgänger im Hochschul- und Fachhochschulbereich aufzufordern, ihre weitere Ausbildungsentscheidung in Richtung Hochschulstudium besonders sorgfältig zu prüfen.

Zu der „Einbahnstraße" zum Studium muß ein paralleler Weg zur beruflichen Bildung aufgezeigt werden. Wir werden uns dafür einsetzen, daß hier mit den Mitteln der Beratung und der Überzeugung gearbeitet wird, nicht mit dirigistischen Methoden.

In allen Bereichen unserer Bildungs- und Ausbildungssysteme muß Bildung als Eigenwert auch in Zukunft eine Chance behalten: indem sie Persönlichkeit weiterentwickelt und Charaktere bildet, zum besseren Verstehen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Umwelt beiträgt, zur Verständigung und zu solidarischem Denken und Handeln erzieht, Toleranz und Vorurteilslosigkeit vermittelt, Kritikfähigkeit und Erfolg und Respekt vor der Leistung anderer verlangt.

Diese Überlegungen machen deutlich, wie dringend erforderlich es ist, daß wir alle gemeinsam noch sehr viel ernsthafter als bisher darüber nachdenken, wie der Gesamtzusammenhang zwischen der Wirtschafts-, der Finanz-, der Arbeitsmarkt- und der Familienpolitik mit der Bildungspolitik wiederhergestellt werden kann.

Bildungspolitik allein schafft keine neuen Arbeitsplätze. Auch von der privaten Wirtschaft können wir hinsichtlich der Aufnahmefähigkeit für mehr Hochschulabsolventen keine Wunder erwarten.

Wir müssen aber darüber nachdenken, wie wir durch vielleicht unkonventionelle Maßnahmen in allen Bereichen - dies gilt auch für den öffentlichen Dienst - mit den vorhandenen Mitteln mehr Hochschulabsolventen eine Arbeitschance bieten können, und damit auch ein Stück Lebenschance und Aussicht auf privates Glück.

Es war ein demonstrativer Akt, daß die Bundesregierung als eine der ersten Maßnahmen nach Übernahme der Regierungsverantwortung ein neues Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses vorbereitet und noch im Februar im Bundeskabinett verabschiedet hat.

Wir haben mit dem neuen Nachwuchsförderprogramm auch ein Bekenntnis zur Qualität und zur Förderung der besonders Begabten abgelegt. Im Hochschulbereich genauso wie in allen übrigen Ausbildungsbereichen ist unser Gemeinwesen auf besonders befähigte Spitzenleute angewiesen, die bereit sind, Außerordentliches zu leisten, die mit ihrer Leistungsfähigkeit andere auch mitreißen und dadurch die Gemeinschaft fördern. Wir bekennen uns dazu, daß wir in allen Bereichen Spitzenkräfte brauchen.

Ich hoffe, uns gelingt eine gemeinsame Definition von Leistungselite. Ich kann nicht erkennen, daß es einen Gegensatz gibt zwischen Leistungselite und Demokratie. Beides gehört für mich zusammen. Leistungselite, wie wir sie hoffentlich gemeinsam verstehen, beruht nicht auf sozialem Herkommen, sondern auf persönlicher Leistung.

Ich glaube, diese Leistung ist gerade in einer demokratischen Gesellschaft umso eher möglich, weil dort das Streben nach sozialer Gerechtigkeit selbstverständlich ist. Damit kein Mißverständnis aufkommt: Wir wollen nicht zurück zu irgendeiner Idylle; wir wollen in die Zukunft gehen, und zu dieser Zukunft gehört der Leistungswille.

Für mich liegt einer der Fehler der Hochschulpolitik der letzten zehn Jahre darin, daß der Begriff des Wissenschaftlers und Forschers in einer beinahe inflationären Weise erweitert worden ist.

Viele Hochschulpolitiker, aber auch viele Mitbürger machen sich Sorge um den Stand der Spitzenforschung an den deutschen Hochschulen. Von den Wissenschaftlern hören wir sehr divergierende Meinungen. Die einen klagen - häufig nicht belegt, häufig belegt mit Unterlagen - über Qualitätsverlust und Mittelmäßigkeit; andere verweisen auf die schwache Vertretung deutscher Wissenschaftler im Bereich der internationalen Wissenschaftspreise, beklagen den Verfall des Deutschen als Wissenschaftssprache. Wieder andere verweisen auf die nachweisbaren Spitzenleistungen - ich denke hier vor allem an die jüngste Veröffentlichung der Deutschen Forschungsgemeinschaft über „Forschung in der Bundesrepublik Deutschland" - und die hohe Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, der es gelungen ist, auch in weltwirtschaftlich schwierigen Zeiten mit neuen Produkten ihre Position im Export zu erhalten.

Professor Lust hat kürzlich formuliert, daß „ein Forschungsinstitut eher mit einem Künstlerhaus mit Meistern und Gesellen als mit einem Postamt zu vergleichen ist". Damit wollte er auf die Vorschriftenvielfalt und auf das Zuviel an Bürokratie hinweisen. Statt kleinlichem Dirigismus und aufwendiger Kontrolle fordert Lust eine „Atmosphäre des Vertrauens".

Ich bin der Meinung, das ist der richtige Weg und der richtige Ansatz. Wir sollten uns gemeinsam - Bund, Länder, Hochschulen - bemühen, gerade jetzt in diesem schwierigen Augenblick ein Klima des Vertrauens und des Selbstvertrauens zu schaffen, in dem sich unkonventionelles Forschungsdenken, Risikobereitschaft, gedankliche Unabhängigkeit und Originalität wieder mehr entfalten können.

Dazu gehört aber auch der Mut, wissenschaftlich besonders produktive Universitätsinstitute gezielter zu fördern als bisher, und auch der Mut, zwischen guten und weniger guten Leistungen zu differenzieren. Dies setzt eine Mentalitätsänderung nicht nur in der Politik, sondern auch bei Wissenschaftlern voraus. Warum sollte sich nicht auch im Bereich der Wissenschaft das Wettbewerbsdenken gegenüber dem Anspruchsdenken durchsetzen?

Auch unter Wissenschaftlern ist die Bereitschaft und Fähigkeit zur Differenzierung, zur Anerkennung der Leistung anderer insgesamt gesunken. Das schon sprichwörtlich gewordene Gießkannenprinzip ist die bedauerliche Folge eines weitverbreiteten Denkens, daß die größte Gerechtigkeit in der größten Einheitlichkeit liegen könnte.

Die deutsche Hochschule wird nur dann wieder zu dem zurückfinden, was sie sein muß, wenn wir uns bewußt und gezielt für eine Differenzierung einsetzen. Ich meine damit nicht eine falsche Hierarchie von guten und schlechten Hochschulen, sondern eine arbeitsteilige Hochschullandschaft, in der die Fachhochschulen ihren eigenständigen, anerkannten Platz haben, in der aber auch die Hochschulen untereinander in den Wettbewerb treten, in der die Hochschulen selbst wieder entscheiden und auch den Mut zu dieser Entscheidung aufbringen, wo sie ihre Schwerpunkte suchen wollen.

Neben die Sonderforschungsbereiche sollten auch Sonderlehrbereiche treten. Der wissenschaftliche Wettbewerb, auch mit Lob und Tadel, sollte wieder Vorrang haben vor dem Streben nach Gleichförmigkeit und Eintönigkeit. Vor dem Leistungswettbewerb gerade im Bereich der Wissenschaft sollte niemand Furcht haben.

Die Bundesregierung wird sich bemühen, den Hochschulen mit ihren Mitteln und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Es wird unser Bestreben sein, hieran alle politischen Kräfte zu beteiligen.

Was wir für die schwierigen vor uns liegenden Jahre benötigen, ist ein neuer Konsens. Wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Universitäten und Hochschulen leisten mit ihrer Ausbildung und ihrer Forschung einen so wichtigen Beitrag für die Zukunft unseres Landes, daß es jedermanns Pflicht ist, sie zu unterstützen.

Ich darf hier ausdrücklich einen Dank sagen an die Hochschullehrer, die von allen Gruppen an den Hochschulen die höchste Verantwortung tragen, Adressaten und Mittler der Hochschulpolitik sind und den wissenschaftlichen Rang und die Qualität der in den Hochschulen geleisteten Forschung und Lehre prägen.

Die außerordentlichen Belastungen, vor denen die Hochschulen in den nächsten Jahren stehen, müssen und können nicht von einem anonymen System, sondern von einzelnen Persönlichkeiten bewältigt werden, die an diesen Hochschulen leben, lehren und arbeiten. Betroffen sind von dieser Belastung selbstverständlich alle Angehörigen und alle Mitarbeiter der Hochschulen in Forschung, Lehre und Verwaltung, in erster Linie jedoch die Hochschullehrer. Sie werden deshalb in der Hochschulpolitik der von mir geführten Bundesregierung den besonderen Rang einnehmen, der ihnen nach ihrer Aufgabe an den deutschen Hochschulen zukommt.

Von Ihrem Engagement und von Ihrem Verantwortungsgefühl für die nachwachsende Generation, aber auch von Ihren Arbeitsbedingungen und von der Art und Weise, wie Sie diese Aufgaben erfüllen können, wird es abhängen, ob die deutschen Hochschulen und Universitäten die Herausforderung der Zukunft bestehen können.

Ich bin mir über unsere Verfassungsordnung, über die föderale Zuweisung selbstverständlich im Klaren. Aber im Alltag der Politik will ich Ihnen zum Schluß ausdrücklich meine persönliche Hilfe und Unterstützung anbieten. Das, was Ihre Aufgabe ist an deutschen Hochschulen, das, was die Rektorenkonferenz tun muß und zu leisten vermag, ist in der gelebten Wirklichkeit unserer Verfassungsordnung von so großer Wichtigkeit, daß keiner sich nach meiner Überzeugung Ihrer Unterstützung versagen darf.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 164-172.