31. Dezember 1982
Ansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl zum Jahreswechsel 1982/83


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Wir blicken heute auf ein Jahr zurück, das einen Wechsel in der Regierungsverantwortung in Bonn gebracht hat. Daß dieser Wechsel trotz harter politischer Auseinandersetzungen möglich war, beweist die Lebenskraft unserer Demokratie.

Ich habe die Regierungsverantwortung in einer Zeit übernommen, in der die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten jedermann offenkundig wurden. Ich nenne Arbeitslosigkeit, Firmenzusammenbrüche und die zunehmende Staatsverschuldung.

Viele Mitbürger sorgen sich in diesem Augenblick um ihre Arbeitsplätze, sorgen sich um den Frieden, und sie bangen um ihre Zukunft.

Ihre Sorgen sind auch meine Sorgen. Wir sollen und können diese Probleme meistern. Wir dürfen aber nicht in Resignation und Zukunftsangst verfallen. Wir haben alle politischen, alle materiellen und alle menschlichen Voraussetzungen, unsere Schwierigkeiten zu überwinden und mit Zuversicht und Optimismus ins neue Jahr zu gehen.

Meine größte Sorge sind die jugendlichen Arbeitslosen. Diese über 300.000 jungen Mitbürger haben vor allem Anspruch auf unsere Hilfe. Ein Land wie die Bundesrepublik Deutschland darf es nicht zulassen, so viele junge Menschen nach der Schule auf die Straße zu entlassen.

Ich bin ganz sicher, daß es unserer gemeinsamen Bemühung gelingen wird, 1983 den meisten dieser jungen Leute einen Ausbildungs- oder einen Arbeitsplatz zu schaffen.

Wir müssen unsere ganze Energie und Phantasie dafür einsetzen, daß junge Menschen die Chance erhalten, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen.

Meine Damen und Herren, 1983 wird ein Jahr der politischen und wirtschaftlichen Herausforderung. Die Bundesregierung hat diese Herausforderung angenommen. Vor Weihnachten wurden im Deutschen Bundestag die notwendigen Haushaltsgesetze beschlossen. Jeder von uns weiß, daß es nicht möglich ist, die Schwierigkeiten in wenigen Wochen zu lösen, die sich in den Jahren angehäuft haben. Die Wiederbelebung unserer Wirtschaft verlangt Zeit und Opfer aller. Wir müssen vor allem die Investitionskraft der Wirtschaft und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Nur so können wir den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit gewinnen.

Den Weg zur Gesundung unserer Wirtschaft, zu mehr Entscheidungsfreiheit der Bürger und damit zu weniger staatlicher Bevormundung müssen wir gemeinsam gehen. Die Regierung allein kann nicht aus der Krise führen, dazu bedarf es der Mitarbeit aller. Nur wenn jeder bereit ist, im Rahmen seiner Möglichkeiten sich einzusetzen, und seine Fähigkeiten einbringt, gelingt uns der Aufschwung.

Aus vielen Gesprächen und Briefen weiß ich, daß Sie dazu bereit sind, sich diesen Aufgaben zu stellen. Es ist nicht die Zeit großer Versprechungen. Wir haben den Mut aufgebracht, der Öffentlichkeit die Wahrheit über die wirtschaftliche Lage zu sagen und Einschränkungen zu verlangen, obwohl wir vor Wahlen stehen. Ich bin überzeugt, daß die politische Klugheit unserer Mitbürger größer ist, als manche uns einreden wollen. Es ist unser Ziel, die Lasten gerecht zu verteilen.

Besser, wir muten jetzt kleinere Opfer zu, als daß später die Fundamente einer geordneten Finanz- und einer gewissenhaften Währungspolitik zerbrechen. Die Bundesrepublik Deutschland hat die Kraft zur Erneuerung. Schon jetzt gibt es viele Anzeichen für den Aufschwung: Der Preisanstieg ist gebremst, die Zinsen sinken, die Bauwirtschaft kommt in Fahrt. Unsere Wirtschaft investiert wieder.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, in der Außenpolitik haben wir neues Vertrauen gewonnen. Gespräche mit den Regierungschefs vieler befreundeter Nationen haben die vertrauensvolle Zusammenarbeit verstärkt.

Die deutsch-französische Freundschaft ist Teil unseres Alltags geworden. Wir werden im Januar mit Dankbarkeit und mit Stolz den 20. Jahrestag des von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichneten Freundschaftsvertrages feiern. Die deutsch-französische Freundschaft ist eine Voraussetzung für die politische Einigung Europas. Die politische Einigung Europas ist die Voraussetzung für eine friedliche und freiheitliche Zukunft unseres Landes.

Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt der deutsch-amerikanischen Freundschaft, die nach mancher Störung in den letzten Jahren wieder gefestigt werden konnte. Mein Besuch in den Vereinigten Staaten hat die Gemeinsamkeit der Grundüberzeugungen Amerikas und der Bundesrepublik Deutschlands bezeugt. Wir können uns auf die Vereinigten Staaten von Amerika verlassen. Und wir haben allen Grund, unseren amerikanischen Freunden für ihren Beitrag zu unserer Verteidigung zu danken.

Wichtigstes Ziel unserer Außenpolitik bleibt die Sicherung des Friedens in Freiheit. Wir haben Kontakt mit der neuen Moskauer Führung aufgenommen. Der sowjetische Außenminister wird im Januar in Bonn unser Gast sein. Wir werden über die sowjetische Vorrüstung zu sprechen haben und jede Chance zu einer wirklichen und kontrollierten Abrüstung nutzen.

Wie Deutsche wollen den Frieden. Wir haben aus den schrecklichen Erfahrungen dieses Jahrhunderts gelernt. Leider wird aber der Frieden in unserer Welt nur durch ein wirkliches Gleichgewicht der Kräfte erhalten bleiben.

Auch heute bedrückt uns die Verletzung der Menschenrechte in weiten Teilen der Welt. Unsere Sorge über die Lage in Polen, unsere Sorge über den Krieg in Afghanistan besteht fort.

Uns schmerzt die Teilung unseres eigenen Vaterlandes. Mauer und Stacheldraht führen uns täglich vor Augen, was die Verletzung der Menschenrechte bedeutet. Es bleibt die Verpflichtung unserer Verfassung: Die Einheit der Nation zu wahren und die Teilung unseres Vaterlandes zu überwinden.

Die Bundesregierung wird alles daransetzen, die Folgen der Teilung für die Menschen in Deutschland erträglicher zu machen. Wir dürfen nicht zulassen, daß die politische Realität der Teilung die Einheit der Herzen und die über Jahrhunderte gewachsene gemeinsame Geschichte und Kultur zerstört.

Jeder, der die familiären und freundschaftlichen Beziehungen zu unseren Landsleuten in der DDR stärkt und vertieft, ist ein deutscher Patriot, ist ein Bote des Friedens. Er hilft, Mißtrauen abzubauen und Vertrauen zu schaffen. Das ist Friedensdienst. Ich danke allen, die in diesem Sinne wirken.

1983 jährt sich zum 50. Mal der Tag der nationalsozialistischen Machtergreifung. Der 30. Januar 1933 erinnert uns an eine Epoche unserer Geschichte, die unserem Volk und der Welt Leid und Unrecht gebracht hat. Er erinnert uns an unsere Verantwortung für den Frieden im Inneren und nach außen.

Am 17. Juni 1983 gedenken wir des 30. Jahrestages des Volksaufstandes der Arbeiter in Ostberlin. Damals haben die Deutschen in Ostberlin und in anderen Städten der DDR bewiesen, daß Panzer den Freiheitswillen nicht ersticken können.

Und 1983 feiern wir Deutsche den 500. Geburtstag von Martin Luther. Sein Geist und seine Sprache - es ist die Sprache der Bibel - sind uns gemeinsames Erbe und verbindendes Band.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, wir stehen im neuen Jahr vor großen Aufgaben und vor schwierigen Entscheidungen. Wir stellen uns diesen Herausforderungen mit Mut und Entschlossenheit.

Miteinander werden wir die Zukunft meistern. Wir haben Grund zur Zuversicht, wenn wir uns auf die moralischen Grundlagen unseres Volkes besinnen.

„Die Verantwortung vor Gott und den Menschen", zu der uns die Präambel des Grundgesetzes aufruft, bleibt unser geistiges und moralisches Fundament. Hier liegen die Wurzeln der Eigenverantwortung, des Gemeinsinns und der Mitmenschlichkeit. Diese Werte bleiben unentbehrlich für eine Gesellschaft mit menschlichem Gesicht; und nur so können wir auch die wirtschaftlichen Probleme mit all ihren Folgen meistern.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Ich bitte Sie um Ihre Mitarbeit und Unterstützung. Ich wünsche uns allen ein gutes, ein friedvolles Jahr 1983.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 82-86.