22. April 1997: Rede anlässlich der Verabschiedung von Constantin Freiherr Heereman als Präsident des Deutschen Bauernverbandes in Bonn


Lieber Baron Heereman,
lieber Herr Präsident Sonnleitner,
verehrte Gäste aus dem Ausland,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren -
und Sie stimmen mir sicherlich zu, wenn ich unseren alten Freund und Kollegen Josef Ertl besonders begrüße.

Meine Damen und Herren, wir haben uns heute hier versammelt, um mit Baron Heereman zu feiern. Das ist sein Ehrentag, und die Schar derer, die sich hier aus nah und fern und nicht zuletzt aus vielen europäischen Ländern zusammengefunden haben, stellt schon für sich allein eine Laudatio dar. Es ist ein Zeichen der Anerkennung, der Wertschätzung, aber ich denke auch ein Zeichen der Zuneigung. Das ist nicht selbstverständlich bei einem Verbandskapitän - und schon gar nicht nach 28 Jahren.

28 Jahre - das muß man sich einmal vorstellen. Am Beginn steht der unvergessene Hermann Höcherl als Landwirtschaftsminister. Ich kann mir vorstellen, wie Sie dem Bundeskanzler - das war Kurt Georg Kiesinger - etwas unterschoben und beibrachten, was der Landwirtschaftsminister selbst nicht durchgesetzt hat. Und dann kamen die Jahre mit Josef Ertl. Das war eine andere bayerische Klaviatur. Und er hat das noch vermischt mit den Zutaten der unterschiedlichen Koalition. In diesen Jahren war ich schon mit Zeitgenosse und konnte beobachten, wie Josef Ertl dann jeweils zur CSU herüberschielte und die entsprechenden Heerscharen zugunsten der Bauern ins Feld geführt hat. Ignaz Kiechle hat es auf seine Art gemacht. Wenn er den Finanzminister gelobt hat, mußte man als erstes alle Taschen zudrücken, denn das war immer in hohem Maße gefährlich. Danach kam Jochen Borchert. Er macht es in einer ganz anderen Art. Da waren sozusagen die Westfalen unter sich. Für die Staatskasse ist das nicht weniger gefährlich. Auch das ist eine Erfahrung, die ins Bild paßt.

Warum sage ich das? Weil der Präsident des Deutschen Bauernverbandes nicht irgendeinen Verband führt, sondern einen Verband, der eine wichtige Kraft in der Gesellschaft unseres Landes ist. Es gehört zum Stil der Kritiker der Republik, daß sie sagen: Das sind Lobbyisten. Und am schamlosesten reden diejenigen von Lobbyisten, die selbst über ihre Lobby gerade alles in die Scheune gefahren haben. Diese Form der Heuchelei ist in Bonn allgegenwärtig. Ich finde, wir sollten das abstellen. Es ist sicherlich nicht in Ordnung, wenn ein Berufsstand - und das gibt es auch - ausschließlich seine Interessen sieht. In Ordnung ist aber, wenn ein Berufsstand seine Interessen und dabei das Ganze sieht.

Sie, Baron Heereman, haben das mit fachlicher Kompetenz, mit Beharrlichkeit und mit großem Durchsetzungsvermögen getan. Eine wirkliche Interessenvertretung muß eingebunden sein in einen gelebten Patriotismus. Sie sind in diesen Jahrzehnten Anwalt für eine ganze Generation von Bäuerinnen und Bauern in Deutschland gewesen. Und Sie waren es vor allem - und das geht weit über den Bauernstand hinaus - für den gesamten ländlichen Raum.

Wenn unsere Gesellschaftsstruktur sich so entwickeln würde - und es gibt manche negativen Anzeichen dafür -, daß das sogenannte flache Land hinter den großen städtischen Räumen zurückbleibt, hat unser Land keine gute Zukunft. Wir wollen einen vernünftigen Ausgleich. Deswegen ist es sehr wichtig, daß wir bei einem Thema wie Raumordnungspolitik oder etwa im Blick auf die europäische Integration nicht nur die großen Ballungsräume sehen, sondern die Weite des Landes als Heimat der Menschen und Völker in Europa.

Sie, Baron Heereman, waren immer ein überzeugter Europäer und ein Europäer der ersten Stunde. Sie haben sehr früh begriffen, daß mit der engen Sicht einer nationalen Vorstellung, die an den Grenzen haltmacht, keine Zukunft zu gewinnen ist. Es ist kein Zufall, daß Sie in diesen Jahren Ihrer Amtszeit über Jahre hinweg an der Spitze des Europäischen Bauernverbandes sowie des Weltbauernverbandes standen. Und ich freue mich ganz besonders darüber, daß der jetzige Präsident - ein französischer Kollege - heute hier seine guten Wünsche und Dankbarkeit ausgesprochen hat.

Sie sind ein profilierter Vertreter Ihres Berufsstandes. Was Sie sagten, war nicht aus einer akademischen Betrachtungsweise heraus gesprochen, sondern praktisch aus dem Leben heraus. Ich wünsche mir, daß auch andere, die Interessen vertreten, in der Sprache ihres Berufes bleiben und nicht Formulierungen gebrauchen, die keiner mehr versteht.

Ich will die Stunde nutzen, um Ihnen ein herzliches Wort des Dankes zu sagen im Namen der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und im Namen der Bundesregierung für dieses sehr persönliche Mittun, für Ihr Engagement und für Ihren Einsatz. Sie haben in diesen Jahren nicht nur ein Stück Zeitgeschichte geschrieben. Sie haben unser Land auch nach außen würdig vertreten und damit Ihren Beitrag zum Ansehen Deutschlands geleistet.

Zudem haben Sie etwas mit eingebracht, was ich für sehr wichtig halte - nicht zuletzt gerade beim Bauernverband. Sie sind immer gegen jene aufgetreten, die Ihnen und Ihren Berufskolleginnen und -kollegen einreden wollten, daß Bauer sein und ein vernünftiges Selbstbewußtsein nicht zusammenpassen. In einer freien Gesellschaft, in der das freie Wort gilt, in einer Mediengesellschaft, wo oft genug die, die am lautesten reden, eher gehört werden, ist es wichtig, daß die deutschen Bauern in ihren Repräsentanten Männer und Frauen haben, die im besten Sinne des Wortes selbstbewußt - das ist das Gegenteil von Arroganz - auftreten und ihr Wort geltend machen.

Sie haben vieles erlebt in diesen fast 30 Jahren. Sie waren mit dabei, als das Tor der Geschichte für kurze Zeit aufging und wir es zusammen durchschritten haben. Gemeinsam haben wir das Glück und das Geschenk der Einheit unseres Vaterlandes erfahren. Sie haben sich - und wir waren mehr als einmal in den neuen Ländern zusammen unterwegs - dieser Aufgabe ohne Wenn und Aber gestellt, einer Aufgabe, die ungeheuer schwierig war und auch noch heute schwierig ist. Über 40 Jahre Sozialismus haben tiefe Spuren in der Gesellschaft und bei den Menschen hinterlassen - gerade auch in der Landwirtschaft.

Wenn man die Traditionen des bäuerlichen Familienbetriebes in der alten Bundesrepublik und die unterschiedlichen Strukturen in Nord und Süd, West und Ost kennt und wenn man weiß, wie sich das unter dem Druck der SED-Machthaber im anderen Teil Deutschlands damals entwickelt hat, dann hat man auch eine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, das Zusammenleben in einer Weise zu gestalten, daß man Verständnis füreinander hat.

Die Landwirtschaft in den neuen Bundesländern hat in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Anpassungsprozeß bewältigen müssen. Aber trotz mancher Probleme sind wir insgesamt auf einem guten Weg. Und der landwirtschaftliche Berufsstand hat als integrierende Kraft einen wichtigen Beitrag zur inneren Einheit Deutschlands geleistet.

Aber, meine Damen und Herren, wie in allen anderen Bereichen auch ist es hier von entscheidender Bedeutung, daß die Menschen aufeinander zugehen, daß diejenigen, die wie ich und die meisten hier im Saal das Glück hatten, nach 1945 auf der Sonnenseite der deutschen Geschichte leben und aufwachsen zu können, auch verstehen, daß die Lebensläufe unserer Landsleute in den neuen Ländern notwendigerweise anders verlaufen sind. Aber es gilt auch umgekehrt. Diejenigen, die in Mecklenburg-Vorpommern, in Sachsen-Anhalt, in Brandenburg, in Thüringen oder in Sachsen in diesen Jahren gelebt haben, müssen verstehen, daß sich hier in der alten Bundesrepublik nicht zuletzt auch unter dem Einfluß der Europäischen Gemeinschaft die Dinge anders entwickelt haben. Das ist sozusagen symbolisch für unser Land. Wir werden - ich habe gar keinen Zweifel daran - die Zukunft gut gestalten können, wenn wir aufeinander zugehen, wenn wir nicht übereinander, sondern miteinander reden. Das ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für ein gutes Gelingen.

Das gilt natürlich auch und gerade für die Bauern in Deutschland. Dies ist eben auch bei der Rede unseres französischen Gastes zu Recht sehr deutlich geworden und auch in Ihrer Rede, Herr Präsident Sonnleitner. Wir stehen mitten in einem anhaltenden Strukturwandel - nicht nur in der Landwirtschaft, sondern in unserer ganzen Gesellschaft. Daher müssen wir die notwendigen Entscheidungen treffen, um an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert, das zugleich ein nächstes Jahrtausend ist, für die junge Generation Zukunftschancen in Deutschland zu sichern.

Man kann das auch nicht auf so simple Schlagworte wie "Bauernsterben" verkürzen und was alles in diesem Zusammenhang an törichten Dingen gesagt wird. In den letzten drei Jahrzehnten - in Ihrer Amtszeit, Baron Heereman - hat die Landwirtschaft einen gewaltigen Wandel vollzogen. Die mittlere Betriebsgröße hat sich in diesem Zeitraum in der alten Bundesrepublik verdoppelt und bezogen auf ganz Deutschland verdreifacht.

Während ein Landwirt in Deutschland seinerzeit 27 Menschen ernähren konnte, sind es heute schon über 100. Diese Zahlen muß man sich vor Augen halten, wenn man die Lage der Landwirtschaft auch aus der Sicht anderer Teile unserer Gesellschaft betrachtet. Nur mit dieser Produktivitätssteigerung war es den Bauern auf ihren Höfen möglich, wenigstens in etwa der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung zu folgen, ihr Einkommen zu steigern und damit auch - das ist auch ein gutes Recht der Bauern - die Lebensqualität auf ihren Höfen zu verbessern. Um das klar zu sagen: Für die Zukunft der Bundesrepublik steht für mich außer jeder Frage, daß wir auch in Zukunft eine Landwirtschaft brauchen, die in der Lage ist, den Fortschritt für sich zu nutzen.

Natürlich gibt es immer noch das romantisch verklärte Bild vom Bauernhof. Wir müssen als Städter erkennen, daß das Melken von Hand nicht mehr zum Bild der Landwirtschaft gehört. Ein junger Bauer wird nur bereit sein, den Hof von seinen Eltern zu übernehmen, wenn er für sich und seine junge Familie die Chance sieht, ein angemessenes Einkommen zu erzielen. Hier sind wir an einem zentralen Punkt. Ein Bauernhof, ein Bauer, eine Bäuerin leben auch in der Kontinuität. Man erinnert sich daran, wie das der Vater oder oft genug, wenn man es erlebt hat, der Großvater damals gemacht hat. Und wenn man aus dem Haus heraustritt, überlegt man sich, wer wird hier weitermachen? Das ist nicht nur eine Frage der Ökonomie, das ist eine Frage der Psychologie - und warum soll ich das hier nicht sagen - auch eine Frage des Ansehens, das wir den Menschen, die da arbeiten, zumessen.

Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß es im Rahmen einer solidarischen Politik des ganzen Landes notwendig ist, gemeinsam mit dem Berufsstand Rahmenbedingungen für die Entwicklung zukunftsfähiger Betriebe zu schaffen. Das kann nicht bedeuten, daß man alldem, was der Berufsstand verlangt, sofort nachgibt. Baron Heereman hätte sicher keinen Respekt vor einem Bundeskanzler, einem Finanzminister oder einem Landwirtschaftsminister gehabt, der sofort in die Knie geht. Ein bißchen Spiel gehört auch dazu in diesem Bereich. Aber wenn ich über Entwicklung und Strukturwandel rede, muß man natürlich auch sagen - wenn man sieht, welche Forderungen nach sozialer Abfederung in anderen Bereichen gestellt werden -, daß dies auch in Verantwortung gegenüber den Bauern gilt.

In diesem Zusammenhang würde ich gerne auch ein Wort sagen, was ich auf vielen anderen Veranstaltungen sage. Hier ist es eigentlich nicht notwendig, ich sage es trotzdem. Es ist keine gesunde Entwicklung, wenn sich Kräfte bei uns in Deutschland durchsetzen würden, die sagen, Lebensmittel könne man auch auf dem Weltmarkt kaufen und damit können wir auf die Bauern verzichten.

Die Zukunft Deutschlands ohne einen lebensfähigen Bauernstand ist keine gute Zukunft, ganz einfach und ohne Wenn und Aber. Und es ist eine große Torheit, die Frage einer vernünftigen gesellschaftlichen Entwicklung nur an ein paar Daten abzulesen. Es gibt viele Gruppen, die wichtig sind für das Ganze. Und man kann die Bedeutung der Landwirtschaft für unser Land nicht allein an ihrem Beitrag zum Bruttosozialprodukt messen oder an der Zahl der in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen. Der Stellenwert der Landwirtschaft geht weit darüber hinaus.

So ist es für uns heute ganz selbstverständlich, aus einem überreichen Angebot an Lebensmitteln auszuwählen. Ich freue mich vor allen Dingen darüber, daß die einheimischen Produkte wieder an Bedeutung zugenommen haben. Ebenso ist es für uns ganz selbstverständlich, daß dies ein Land ist mit gepflegten und intakten Landschaften. Zu meinen Erinnerungen gehört folgende: Wann immer die Gattin des amerikanischen Präsidenten, Barbara Bush - eine begeisterte Anhängerin Deutschlands -, durch unser Land gefahren oder mit dem Hubschrauber geflogen ist, hat sie gesagt: Das ist ein Land, das ist wie ein einziger Garten.

Wir sollten uns gelegentlich einmal erinnern, warum das so ist. Es ist gewachsen - und zwar übrigens nicht über Nacht, sondern in vielen Generationen -, weil Bäuerinnen und Bauern über Jahrhunderte für ihren Hof, ihren Betrieb da waren, weil sie Ehrgeiz hatten und der Satz galt: Bürgermeister wird nur der, dessen Feld in Ordnung ist und nicht voller Unkraut. Das ist keine schlechte Lebensregel, meine Damen und Herren - auch für die Politik.

Bauer sein, das ist kein Job, wo man seinen Arbeitsvertrag nimmt und dann vielleicht darüber nachdenkt, ob man jetzt auf 33 oder 32 Stunden kommt. Landwirt ist ein Beruf wie andere Berufe auch, aber erfolgreich wird man letztlich nur dann sein, wenn man ein persönliches Verhältnis dazu hat, wenn man seinen Beruf und die Landschaft liebt, in der man lebt, wenn man Umgang mit der Natur hat, mit dem Vieh, mit all den Dingen bis hin zum Wald und man etwas durch das Erleben in der eigenen Familie mit auf den Weg bekommen hat.

Dazu gehört auch harte Arbeit. Die Frage vom Achtstundentag stellt sich nicht. Sie wissen, vor allem die, die in bäuerlichen Betrieben arbeiten, wissen das, daß die Arbeitswoche nicht so abzumessen ist, wie das in anderen Bereichen oft geschieht. Unsere Bäuerinnen und Bauern sind damit auch ein Stück Vorbild für andere. Sie leisten ihre Arbeit, und sie stellen sich ihrer Verantwortung. Ihre Tätigkeit ist unverzichtbar und beispielhaft.

Wir brauchen eine Landwirtschaft, die nach den bewährten bäuerlichen Prinzipien wirtschaftet. Das heißt: Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete umweltverträgliche Wirtschaftsweise. Dazu gehört eigenverantwortliche, kostenbewußte Bewirtschaftung. Dazu gehört auch - und das ist hier kein Nachtrag, den die Bauern nötig haben - ein verantwortungsbewußter Umgang mit den Tieren.

Für mich ist noch etwas anderes immer ganz wichtig gewesen. Die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, der bäuerliche Familienbetrieb hat etwas mit Eigentum zu tun. Die Geschichte, nicht zuletzt des 20. Jahrhunderts hat uns gelehrt, daß wer das Eigentum abschafft, egal welche Doktrin oder welches Regime es war, bald auch die Freiheit abschafft. Freiheit und Eigentum haben unmittelbar miteinander zu tun.

Darin steckt auch die selbstverständliche Notwendigkeit der Kontinuität. Und wenn Sie auf einem Hof sind, und Sie sprechen mit dem Bauer oder der Bäuerin, dann erleben Sie oft an bestimmten Merkmalen des Hofes, vom Baulichen angefangen bis hin zu Gärten oder Bäumen, daß man in Generationen denkt. Man nennt nicht die Jahreszahl, sondern man sagt, das hat mein Großvater, das hat meine Großmutter gebaut oder gemacht. In diesem Denken zeigt sich etwas von der Kontinuität, die jedes Volk braucht und gerade die Deutschen in einer ganz besonderen Weise - nach all dem, was in diesem Jahrhundert passiert ist. Natürlich müssen wir - ich sage es in der Sprache der Jugend - den Job heute gut machen. Aber wir stehen auf den Schultern derer, die vor uns waren, und das kann man gar nicht oft genug mit Respekt sagen: Das war eine großartige Generation, die unsere Bundesrepublik Deutschland nach dem Krieg aufgebaut hat. Und wir schauen jetzt auf die, die nach uns kommen.

Auch deswegen, lieber Baron Heereman, waren Sie ein guter Präsident der Bauern, weil Sie beides gesehen haben: wertkonservativ im besten Sinne des Wortes. Das heißt, das, was sich bewährt hat, wollen wir erhalten. Aber wir müssen genauso klar sagen: Das, was sich nicht bewährt hat, wo sich die Welt verändert hat, das müssen wir - nicht zuletzt im Blick auf die kommende Generation - verändern. So haben Sie immer Ihre Aufgabe gesehen. Und dafür will ich Ihnen ganz besonders danken.

In Ihrer Amtszeit sind viele wichtige Entscheidungen getroffen worden. Ich denke zum Beispiel an die Einführung des Währungsausgleichs, ich denke an die agrarmonetären Regelungen, wo zu einem beachtlichen Teil finanzieller Schaden von der Landwirtschaft abgewendet werden konnte. Und - Präsident Sonnleitner hat es gesagt - jetzt kommt der Euro. Und das ist gut für die Bauern. Ich bin froh, daß unsere Bauern nicht so verzagt kämpfen wie manche andere bei uns. Ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, allen, die daran zweifeln, ganz einfach zu sagen: Wir werden den Euro termingemäß bekommen, und wir werden als Deutsche auch die Kriterien einhalten. Wir sollten aufhören, dauernd zu schauen, was die anderen machen. Ich halte es mit der Rede meiner Mutter, die immer gesagt hat: Guck auf deinen eigenen Teller und nicht auf den Teller deiner Geschwister. Wenn wir uns daran halten, werden wir es auch schaffen.

Ich bin auch überzeugt, und da haben Sie sehr viel Anteil daran, daß der Kurswechsel in der Brüsseler Agrarpolitik 1992 ein Schritt in die richtige Richtung war. Die große Agrarreform hat damals ein wichtiges Signal für den unauslöslichen Zusammenhang von Landwirtschaft und Umwelt gegeben. Damit wurde klargestellt - und das muß ins Bewußtsein der Menschen auch in unserem Land dringen -, daß der Bauer seine Umweltleistungen nicht zum Nulltarif bringen kann, während andere diese Leistungen in Anspruch nehmen. Das heißt, meine Damen und Herren, wir wollen gemeinsam Politik machen - nicht gegen, sondern mit den Bauern. Das heißt für die Bauern und ihren Verband, daß neben dem, was sie mit Recht fordern, sie auch eine Pflicht haben. Sie sind eingebunden in die Gesamtverantwortung unseres Landes.

Meine Damen und Herren, wir stehen an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert. Wir alle spüren, daß sich die Welt um uns herum dramatisch verändert hat, nicht nur in Deutschland oder in Europa. Wir haben - wer aufmerksam in die Welt hineinschaut, der spürt dies - großartige Chancen, wenn wir nur wollen und wenn wir das Notwendige selbst tun, um diese Zukunft zu sichern. Wir müssen dabei langfristige Gewohnheiten überprüfen und Prioritäten neu setzen. Wir alle sind gefordert, umzudenken und auch von manchen Besitzständen Abschied zu nehmen. Wir brauchen mehr Offenheit und mehr Anpassungsfähigkeit in unserer Gesellschaft und nicht zuletzt unserer Wirtschaft gegenüber den Entwicklungen in der Welt.

Man kann dies am besten in der Sprache des Fußballs deutlich machen. Wir sind gewohnt, mit unserer Nationalmannschaft und mit Vereinsmannschaften seit vielen Jahren im Weltcup zu spielen. Aber, meine Damen und Herren, man kann in der ersten Liga nur spielen mit erstklassigen Spielern, mit der entsprechenden Strategie und vor allem mit der Bereitschaft, auch gewinnen zu wollen. Bei der Olympiade und bei der Weltmeisterschaft kommt man nicht auf dieses Treppchen, wenn man vorher nicht das Notwendige getan und den Willen hat, dorthin zu kommen. Das heißt, daß wir gemeinsam in unserer Gesellschaft diese Verantwortung übernehmen müssen. Bequemlichkeit und die Vorstellung, wir könnten so weitermachen, führen mit Sicherheit nicht zum Ziel.

Die Europäische Union der 15 Staaten macht sich jetzt auf den Weg, die Gemeinschaft zu erweitern. Das ist eine gewaltige, aber notwendige Aufgabe. Gerade wir Deutschen, die geographisch und politisch in der Mitte Europas leben, wissen, daß es für uns auf die Dauer eine schlimme Sache wäre, wenn die Ostgrenze Deutschlands die Ostgrenze der Europäischen Union bliebe. Wir müssen erreichen, daß die Oder genauso eine Grenze ist, wie jetzt der Rhein, wenn Sie von Straßburg nach Kehl gehen oder wenn Sie in meiner pfälzischen Heimat herübergehen ins Elsaß. Wir brauchen diese Offenheit, weil Europa nicht irgendein Begriff ist, sondern als Ganzes gesehen werden muß. Hier müssen wir auch endlich unsere Sprache in Ordnung bringen. Krakau, diese uralte europäische Metropole liegt nicht in Osteuropa, sondern in Mitteleuropa, Und wenn wir das begreifen, haben wir einen entscheidenden Beitrag zum Frieden leisten können.

Meine Damen und Herren, Handel und Wettbewerb sind Motoren des wirtschaftlichen Wachstums. Deswegen können wir dem Thema Globalisierung auch im Bereich der Nahrungsmittelproduktion nicht ausweichen. In diesem Prozeß - und das sage ich Ihnen deutlich - können sich die deutschen Bauern auf die Bundesregierung und auf mich selbst verlassen. Wir können und werden uns unausweichlichen Entwicklungen nicht entgegenstellen. Aber wir müssen nachdrücklich - und, wenn es sein muß, mit großer Härte - darauf bestehen, daß die Bedingungen für die deutsche Landwirtschaft in diesem Veränderungsprozeß fair bleiben.

Die anstehenden WTO-Fortsetzungsverhandlungen werden - bei realistischer Sicht der Dinge - auf ein weiteres Stück Liberalisierung des Weltagrarhandels hinauslaufen. Dabei wird die Behandlung des Außenschutzes, des internen Stützungsniveaus und der Exportsubventionen eine zentrale Rolle spielen. Wir in der Bundesregierung wollen alles daransetzen, daß bei diesen Verhandlungen Ergebnisse erzielt werden, die den Bauern in Deutschland ihre Zukunft sichern. Unsere Gesellschaft und unser Land ist für mich ohne eine selbständige und wirtschaftlich gesunde Landwirtschaft nicht vorstellbar. Wenn die Kulturlandschaft unseres Landes nicht mehr von Bauern - und zwar in der Tradition von Generationen - gepflegt würde, wäre dies ein anderes Deutschland. Und gerade weil das so ist, ist das eine schöne und wichtige Aufgabe, die wir gemeinsam lösen müssen.

Lieber Herr Präsident Sonnleitner, auf Sie wartet eine äußerst interessante und auch schwierige Aufgabe. Ihr Amtsvorgänger, den wir heute ehren, hat es in der ihm eigenen Sprache einmal so gesagt: Die wichtigste Aufgabe ist, "den Laden zusammenzuhalten". Ich bin lange genug Parteivorsitzender, um zu wissen, wie das ist. Ich bin sicher, daß Sie diese Aufgabe mit großer Energie und mit großem Optimismus angehen werden. Wir in der Bundesregierung - ich selbst und insbesondere auch der Bundeslandwirtschaftsminister - freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Wir wünschen Ihnen in Ihrem Amt Schaffenskraft und viel Erfolg und vor allem eines: Lassen Sie sich nicht verdrießen und anstecken von einem in Bonn besonders häufig umgehenden Ungeist - dem Pessimismus. Gehen Sie einfach an die Sache heran mit der Überzeugung, die wir hoffentlich gemeinsam haben, daß wir es schaffen werden.

Lieber Herr von Heereman, Sie haben Ihr Amt an Ihren Nachfolger übergeben. Als Ehrenpräsident des Deutschen Bauernverbandes bleiben Sie jedoch der Landwirtschaft weiterhin verbunden. Als Präsident des Deutschen Jagdschutz-Verbandes sind Sie auch noch dabei. Das führt sicher gelegentlich vor Ort auch zu Kontroversen - und die gönne ich Ihnen dann von Herzen - weil Sie dann einmal auf der anderen Seite stehen. Ich wünsche Ihnen viel Glück und Zufriedenheit, vor allem auch im Kreise Ihrer Familie, und hoffe, daß Sie mit Ihrem Rat dabeibleiben - darum bitte ich Sie auch sehr persönlich, denn es ist noch viel zu tun und Sie bringen viel Erfahrung mit. Ich wünsche Ihnen auf Ihrem weiteren Weg alles Gute und Gottes Segen und darf Sie jetzt bitten, zu mir hier auf die Bühne zu kommen. Ich habe im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten eine wichtige Aufgabe wahrzunehmen. Meine Damen und Herren, die Urkunde hat den Text:

In Anerkennung der für Volk und Staat erworbenen besonderen Verdienste verleihe ich dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck aus Hörstel/Riesenbeck, das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Berlin, im April 1997. Der Bundespräsident.

Sehr verehrte gnädige Frau, die Ovation gilt Ihrem Mann, aber Sie gilt genauso Ihnen, denn ein solch erfolgreicher Weg wäre ohne Ihr Mittun und das Ihrer Kinder, der ganzen Familie, nicht möglich gewesen. Meine Frau pflegt bei solchen Gelegenheiten zu sagen: So ist das in Deutschland, die Frauen müssen es ertragen und die Männer bekommen die Orden - und da ist auch was Wahres dran. Aber ich will gerade auch Ihnen noch einmal unseren herzlich Dank sagen, für das, was Sie mitbewirkt haben, und ich will versuchen, dies wenigstens mit einem kleinen Blumengruß zum Ausdruck zu bringen. Alles Gute auch für Sie persönlich und die ganze Familie!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 37. 14. Mai 1997.