22. Oktober 1997: Rede anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Firma Kömmerling in Pirmasens


Liebe Familie Schmid,
liebe Familie Kömmerling,
verehrte Gäste und vor allem: liebe Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter der Firma Kömmerling,

I.

zuallererst möchte ich ein herzliches Wort des Dankes und des Respekts an die jungen Musiker richten. Beide sind Preisträger des Wettbewerbs "Jugend musiziert" und haben mit meisterlicher Perfektion und Hingabe für uns musiziert.

Meine Frau und ich sind heute gerne nach Pirmasens gekommen und dieses "gerne" ist in diesem Fall keine diplomatische Floskel. Es ist mein dritter Besuch der Firma Kömmerling. 1970 war ich zur Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau einer Produktionshalle hier, und 1972 nahm ich zusammen mit meiner Frau an der Feier aus Anlaß des 75jährigen Jubiläums des Hauses Kömmerling teil. Ein Besuch in Pirmasens ist für mich immer ein Stück Wiedersehen mit meinem eigenen Leben. Zum ersten Mal war ich in Pirmasens nach meiner Wahl in den Landtag 1959. Ein Jahr später kam ich hierher als frischgebackener Fraktionsvorsitzender, um mit den Menschen in der Region über ihre Sorgen zu sprechen: Die Lage der Schuhindustrie hatte sich dramatisch verschlechtert, viele Arbeitsplätze gingen verloren, und die Pfalz wurde durch große Verteidigungsaufgaben belastet, die sie im Zeitalter des Kalten Krieges für einen wichtigen Teil der freien Welt zu tragen hatte.

Als Pfälzer habe ich immer mit großem Interesse das Geschehen in meiner Heimat verfolgt: Vom Auf- und Abstieg des Fußballklubs Pirmasens bis hin zu den Sorgen in der Region nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte. Der heutige Tag ist eine gute Gelegenheit, um in dieser Region, die immer Strukturwandel zu bewältigen hatte, für unternehmerische Initiative zu demonstrieren. Wir haben in Deutschland eine ziemlich törichte Angewohnheit, daß wir nur gegen etwas demonstrieren. Es wird zu häufig vergessen, daß man auch für etwas demonstrieren kann. Man kann sagen: "Ich bin dafür, daß wagende Unternehmer etwas unternehmen. Ich bin dafür, daß junge Leute eine erstklassige Ausbildung erhalten."

Ich bin heute nach Pirmasens gekommen, um Ihnen zum 100. Geburtstag Ihrer Firma zu gratulieren. Der 100. Geburtstag ist ein Anlaß zurückzublicken, aber vor allem auch nach vorn zu schauen. Im Leben eines einzelnen wie im Leben einer Familie, einer Firma oder eines Volkes kann man nichts bewegen und verändern, wenn man seine Geschichte nicht kennt. Man muß wissen, woher man kommt, wo man steht, und man muß einen Kompaß besitzen, um den richtigen Weg in die Zukunft zu gehen.

Vor 100 Jahren begann Karl Kömmerling hier in Pirmasens - im damaligen Mittelpunkt der deutschen Schuhindustrie - mit dem Handel von Klebstoffen für die Schuhproduktion. Wir haben eben in dem Rückblick über die vergangenen 100 Jahre die Entwicklung des Hauses Kömmerling mitverfolgen können. Viel ist in dieser Zeit passiert. Ich denke an die Zeit der Bayerischen Pfalz vor 1914, und ich denke an die sozialen Verhältnisse in der Schuhindustrie damals; ich erinnere an die Inflation und den Zusammenbruch vieler bürgerlicher Existenzen nach dem Ersten Weltkrieg oder an den Zweiten Weltkrieg. Von vielen heute schon vergessen, gehört zur Geschichte der Pfalz auch das Gespenst des Separatismus. Die Aufrüstung mit der Maginot-Linie auf der französischen Seite und dem Westwall auf der deutschen Seite, die Jahre des Dritten Reichs, der Zweite Weltkrieg, Evakuierung und vieles andere mehr gehören ebenfalls zur Geschichte der Pfalz. Wer durch das Firmengelände fährt, kann beinahe mit Händen greifen, wie hier nach dem Krieg Stein auf Stein gesetzt wurde und das heutige Unternehmen sich formte. Inzwischen ist das Haus Kömmerling der größte Arbeitgeber in der Südwestpfalz. Fast 2000 Menschen finden hier Arbeit und Brot. Die internationalen Verbindungen - lebensnotwendig für ein Haus, das in großem Maße auf Exporte setzt - sind weit vorangeschritten, und heute ist das Unternehmen europaweit führender Anbieter von Kunststoff-Fensterprofilen.

Meine Damen und Herren, die Menschen in der Pfalz und speziell in diesem Teil unserer pfälzischen Heimat haben sich vielen Herausforderungen stellen müssen. Sie haben sie angepackt und nie aufgegeben. Das ist die Lektion der Geschichte. Eine solche Feierstunde ist ein guter Anlaß, voll Respekt und Sympathie auf jene zu blicken, die das Ganze gebaut und gefestigt haben. Als ich das Bild von Ihrem Vater Emil Kömmerling sah, sind mir viele Gedanken über zahllose gute und hilfreiche Gespräche durch den Kopf gegangen, die ich hier dankbar erwähnen will. Wenn Sie Bilder von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehen, die in diesen Jahrzehnten Kömmerling mitgestaltet haben, wird es Ihnen sicherlich ähnlich gehen. Diese Generationen haben etwas selbstverständlich gelebt, von dem ich wünsche, daß es für die nächsten 100 Jahre genauso gilt: Sie wollten in der Pfalz leben. Sie wollten nicht weggehen und weichen. Es ist gut, daß das Haus Kömmerling an seinem Heimatsitz festgehalten hat und dabei gleichzeitig weltweit operiert.

II.

Meine Damen und Herren, das Jubiläum findet in einem Moment tiefgreifender Veränderungen statt. Der globale Wettbewerb um Standorte und Märkte wird vielfältiger, härter und stärker. Wie beim Fußball können Mannschaften absteigen. Wenn sie jedoch kämpfen, kann es ihnen gelingen, in der nächsten Saison wieder aufzusteigen. Der 1. FC Kaiserslautern hat es vorgemacht. Wenn ein Volk einmal aus der Weltliga abgestiegen ist, fällt es ihm schwer, wieder aufzusteigen. Die Zeit arbeitet nicht für, sondern gegen einen.

Wenige Zahlen machen die tiefgreifenden Veränderungen deutlich: Das Welthandelsvolumen von knapp 2000 Milliarden US-Dollar im Jahr 1980 ist 1996 auf 5300 Milliarden US-Dollar gestiegen. Die Summe der grenzüberschreitenden Direktinvestitionen betrug Mitte der achtziger Jahre weltweit rund 77 Milliarden US-Dollar. 1996 waren es bereits 350 Milliarden US-Dollar. Das Gewicht Deutschlands als Investitionsstandort hat in diesem Zeitraum abgenommen. Mitte der achtziger Jahre - also vor nicht allzu langer Zeit - flossen noch rund dreieinhalb Prozent aller grenzüberschreitenden Investitionen nach Deutschland. 1996 war es nur noch ein Prozent. Die Zahlen machen deutlich: Wir müssen uns fit machen für die Zukunft. Dann bleiben wir erstklassig.

Auch die Unternehmen müssen sich auf die neuen Entwicklungen einstellen. Die Informationstechnik macht große Fortschritte. Entlegene Standorte gewinnen neue Anziehungskraft durch die Möglichkeit des sekundenschnellen Datenaustauschs rund um den Globus. Die Unternehmenspolitik muß darauf reagieren. Wer sein Stammhaus und die inländischen Arbeitsplätze sichern will, muß auch auf Auslandsmärkten präsent sein. Wer den Erfordernissen der Globalisierung nicht Rechnung trägt, gefährdet die Arbeitsplätze im Inland.

All diese tiefgreifenden Umwälzungen erfüllen die Menschen mit Sorgen. Diese Sorgen der Menschen müssen wir ernst nehmen. Trotzdem gibt es keinen Grund, in Mutlosigkeit zu verfallen. Die Deutschen heute, die trotz aller Ängste in besseren Verhältnissen leben als die meisten Völker der Welt, haben keinen Grund verzagt zu sein. Statt vor der Globalisierung zurückzuschrecken und uns abzuschotten, müssen wir die Chancen nutzen, die sie bietet. Es geht heute in Deutschland darum, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Weder sollten wir wie die Bilderstürmer alles zerstören, was vor uns geschaffen wurde, noch muß alles so bleiben, wie es ist. Wir sollten Bilanz ziehen und entscheiden, woran wir festhalten und was wir um der Zukunft willen ändern. Als Vizeweltmeister im Export muß es unser Ehrgeiz sein, in der Weltolympiade der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung auf alle Fälle auf dem Siegertreppchen zu stehen. Dabei kann man darüber streiten, ob es immer "Gold" sein muß, manchmal ist es politisch sogar klüger, sich mit Bronze zufriedenzugeben. Entscheidend ist allein, daß wir in den Medaillenrängen bleiben.

Dafür müssen wir uns auf unsere Stärken besinnen. Deutschland ist nicht reich an natürlichen Ressourcen. Unser Kapital sind die Köpfe und die Herzen der Menschen. Das sind die jungen Menschen, die wir hier in der Lehrwerkstatt dieses Unternehmens getroffen haben. Sie erhalten eine erstklassige Ausbildung im dualen System, dem immer noch besten Berufsbildungssystem der Welt.

Gleichzeitig gilt es, stärker auf Forschung und Innovation zu setzen, um die Herausforderungen zu meistern. Karl Kömmerling, der Gründer dieses Hauses, ein echter Pfälzer mit allem was dazu gehört, hat gezeigt, was man braucht, um erfolgreich im Wettbewerb zu bestehen: Pioniergeist und Wagemut zeichneten ihn aus. Männer wie ihn gab es viele in seiner Generation. Die heutige deutsche Wirtschaft wäre ohne diese Generation der Gründer überhaupt nicht denkbar.

Etwas von dieser Wagnisbereitschaft brauchen wir wieder. Wir müssen die jungen Leute ermutigen, sich selbständig zu machen. Wir brauchen eine neue Kultur der Selbständigkeit in Deutschland. Sie ist Voraussetzung, daß junge Unternehmer und Unternehmerinnen Arbeitsplätze für sich und andere schaffen und damit die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen. Wir haben in diesem Bereich mehr Erfolge erzielt, als öffentlich wahrgenommen wird. Die Zahl der Selbständigen hat zugenommen. Zwischen 1990 und 1995 haben sich 1,9 Millionen Menschen selbständig gemacht, davon allein 500000 in den neuen Ländern. Natürlich besteht deshalb noch kein Anlaß, die Hände selbstzufrieden in den Schoß zu legen.

Wenn 40 Prozent der deutschen Studenten in den öffentlichen Dienst streben, während es in den USA gerade einmal 15 Prozent sind, dann ist dies alarmierend. Wir dürfen nicht zulassen, daß jungen Leuten der Mut genommen wird, sich selbständig zu machen. Junge Frauen und Männer, die sich etwas zutrauen und "Ja" sagen zur Selbständigkeit, sorgen in unserer Gesellschaft für Innovation, Dynamik und Arbeitsplätze. Elternhaus und Schule und auch das Pfarrhaus, sollten die jungen Menschen anspornen, etwas zu wagen und zu gewinnen.

Wir Deutschen haben überhaupt keinen Anlaß, vor der Zukunft Angst zu haben. Unser Land hat hervorragende Voraussetzungen: Wir haben eine ausgezeichnete Infrastruktur und sehr gut ausgebildete Arbeitnehmer. Unser duales System der beruflichen Bildung ist weltweit anerkannt. Wir verfügen über eine ausgewogene Wirtschaftsstruktur mit einem leistungsfähigen Mittelstand. Im eben gezeigten Rückblick war das Bild von Ludwig Erhard, dem Vater unserer Wirtschaftsordnung, zu sehen. Er war der Vertreter der Sozialen Marktwirtschaft, nicht der Vertreter der Marktwirtschaft, wie manche heute meinen. Er wollte eine Wirtschaftsordnung mit möglichst viel Freiraum und Verantwortung, aber zugleich auch Verantwortung für den Nächsten - für diejenigen, die sich nicht helfen können, die Unterstützung brauchen.

Der leistungsfähige Mittelstand liefert ein Stück der Dynamik der Zukunft. Hier schließt sich auch der Kreis einer neuen Unternehmenskultur mit Existenzgründungen mit dem Mut, neu anzufangen. Wir brauchen Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst ebenso wie bei großen Konzernen, aber die Dynamik der deutschen Volkswirtschaft im 20. wie im bevorstehenden 21. Jahrhundert kommt aus den breiten mittelständischen Schichten. Dies kann man sehr schön an der Entwicklung des Hauses Kömmerling erkennen.

Schließlich haben wir als wichtige Voraussetzung für eine dynamische Zukunft wirtschaftliche Stabilität und ein gutes soziales Klima in Deutschland. Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen: "Konsens ist Unsinn." Eine der kostbarsten Erfahrungen in den 50 Jahren des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland ist, daß unter den Tarifpartnern bei allen Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen immer Mittel und Wege zu Lösungen im gegenseitigen Respekt gefunden wurden. Die Tarifautonomie ist ein hohes Gut: Der Staat mischt sich nicht ein, wenn es um Löhne, Gehälter und Tarife im betrieblichen Alltag geht. Entscheidend ist es, daß die Tarifpartner auf beiden Seiten ein vernünftiges Miteinander suchen und miteinander statt übereinander reden.

Meine Damen und Herren, die wirtschaftlichen Perspektiven in Deutschland sind in diesem Jahr besser, als es viele erwartet haben. Die deutsche Wirtschaft ist klar auf Wachstumskurs. Im Januar wurde ich noch von manchen belächelt, als ich von einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in der Größenordnung von zweieinhalb Prozent sprach. Im nächsten Jahr werden wir mit Sicherheit eine höhere Zahl erreichen; sie wird bei drei Prozent liegen.

Dennoch: Unser Hauptproblem der deutschen Innenpolitik wird dadurch nicht gelöst. Die Zahl von über vier Millionen Arbeitslosen ist inakzeptabel. Natürlich wird der Aufschwung auch den Arbeitsmarkt entlasten. Es gilt noch immer, daß Investitionen und Wachstum auf Dauer zu mehr Arbeitsplätzen führen. Wir müssen jedoch erkennen, daß dies nicht mehr so schnell wie früher geschieht.

Wir alle müssen jetzt das Notwendige tun, um Arbeitsplätze neu zu schaffen. Einen wichtigen Beitrag leisten dazu die Unternehmensneugründungen. Nach allem, was wir wissen, schafft jede Existenzgründung vier neue Arbeitsplätze. Auch die Tarifparteien müssen den Beschäftigungsaufbau im Auge behalten. Allen, die jetzt möglichst hohe Abschlüsse fordern, sollte klar sein, daß sie damit Gefahr laufen, Arbeitsplätze zu vernichten statt neue Arbeitsplätze zu schaffen. Ich bin sehr froh, daß wichtige Vertreter der deutschen Gewerkschaften nicht bereit sind, sich auf diesen Weg zu begeben. Es gibt hervorragende Beispiele in den verschiedensten Branchen, in denen die Tarifpartner vernünftig miteinander umgehen und Altersteilzeit und vieles andere mit tariflicher Normalität und Vernunft durchsetzen. Ich hätte mir gewünscht, daß dies schon früher möglich gewesen wäre.

Aufgabe der Politik ist es, die notwendigen Rahmenbedingungen für Wachstum und Beschäftigung zu schaffen. Dazu hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren wichtige Reformmaßnahmen vorangetrieben. So hat die Privatisierung gewaltige Fortschritte gemacht. Sie vernichtet nicht Arbeitsplätze, wie viele sagen, sondern schafft Freiräume für Innovationen. Bahn und Lufthansa sind auf Privatisierungskurs, und der Börsengang der Deutschen Telekom AG stärkt die Aktien- und Wagniskultur in unserem Land.

Ich nenne auch Beispiele, wo ich mir gewünscht hätte, daß die Tarifpartner selbst zu einer Einigung gefunden hätten. Ohne die gesetzliche Neuregelung der Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall wären die jetzt möglichen Tarifvereinbarungen nicht zustande gekommen. Diese heftig umstrittene Entscheidung hat sich in der Praxis bereits positiv ausgewirkt: Unternehmen und damit Arbeitsplätze sind insgesamt um Kosten von über zehn Milliarden D-Mark entlastet worden. Trotz aller Kritik führte das Gesetz bemerkenswerterweise in kurzer Zeit zu dem niedrigsten Krankenstand der letzten 20 Jahre. Lassen Sie mich ironisch hinzufügen: Bei allem Jammern über vergiftete Luft, Sterben der Wälder und was uns sonst täglich an Hiobsbotschaften überflutet - scheint eine Gesundheitswelle über Deutschland hereingebrochen zu sein.

Wir haben viele andere Maßnahmen angepackt, die uns voranbringen, die aber in der Regel nicht über Nacht wirken. Wir haben zwei Reformvorhaben, von denen ich mir gewünscht hätte, daß wir sie durchsetzen, aber bei denen die politischen Verhältnisse dies nicht zulassen.

Das eine Reformprojekt ist die Steuerreform. Sie ist eine absolute Notwendigkeit zur Zukunftssicherung. Wir können nicht auf Dauer - ich habe die Zahlen über die Kapitalbewegungen genannt - erwarten, daß ausländisches Kapital nach Deutschland fließt und deutsches Kapital in Deutschland bleibt, wenn wir uns solch hohe Steuersätze leisten. Die Steuerlast für Bürger und Unternehmen zurückzuführen ist keine "Politik für reiche Leute", sondern hat mit der einfachen Erkenntnis zu tun, daß kein Politiker und auch kein Parlament dieser Erde die Richtung der internationalen Kapitalströme befehlen kann. Sie folgen ausschließlich ihren eigenen ökonomischen Gesetzen. Es ist ein für mich unerträglicher Zustand - ich mache den Kollegen aus den Nachbarländern daraus keinen Vorwurf -, daß heute Niederländer und Österreicher deutsche Firmen mit viel niedrigeren Steuersätzen nach Vorarlberg oder in die Niederlande abwerben. Wir müssen ein Steuersystem schaffen, damit sich Investitionen in Deutschland wieder stärker lohnen. Wir müssen Steuerschlupflöcher schließen und Steuervergünstigungen abbauen, um größere Leistungsgerechtigkeit durchzusetzen und der Erosion der Steuerbasis entgegenzuwirken. Es ist sicher: Die Steuerreform wird kommen. Ich habe keinen Zweifel, daß sich die Wähler im nächsten Herbst für eine solche Reform entscheiden werden.

Meine Damen und Herren, das zweite große Vorhaben der Bundesregierung ist es, unser System der sozialen Sicherung auf eine dauerhaft tragfähige Grundlage zu stellen und die Lohnzusatzkosten langfristig zu begrenzen. Wir wollen den Sozialstaat nicht abschaffen, sondern umbauen. Jede dritte D-Mark, die in Deutschland erwirtschaftet wird, wird für Sozialleistungen ausgegeben. Dies sind weit über 1000 Milliarden D-Mark. Allerdings erreicht ein Teil dieses Geldes nicht jene Menschen, die eigentlich in Not sind und Hilfe brauchen. Es gibt eine beachtliche Zahl von Zeitgenossen, die reguläre Arbeit verweigern und schwarzarbeiten, weil sie dabei mehr verdienen. Gegen diese Trittbrettfahrer der Gesellschaft müssen wir Front machen. Es darf nicht sein, daß der Fleißige und Ehrliche für dumm erklärt wird und derjenige, der Steuern hinterzieht oder Sozialhilfe erschleicht, als der Schlaue gilt. Der Satz "So etwas tut man nicht!" muß wieder stärker Geltung erlangen.

Das andere wichtige, fast schon dramatische Thema ist die demographische Entwicklung. Ich habe bis heute nicht begriffen, warum wir in dieser Frage überhaupt streiten. Die Fakten sind ganz einfach, und jeder kann sie nachvollziehen. Wir sind neben Italien das Land mit einer der niedrigsten Geburtenraten in Europa. Außerdem werden die Menschen in unserem Land immer älter. Drei Millionen über 80jährige leben heute in Deutschland. Die Lebenserwartung der Männer liegt bei 73 Jahren, die der Frauen bei 79 Jahren. Eine andere einprägsame Zahl unterstreicht die demographische Herausforderung: Hatten wir Ende der siebziger Jahre noch weniger als 1000 über 100jährige, werden es im Jahr 2000 bereits knapp 5000 sein.

Wir müssen noch eine weitere Entwicklung sehen. Die Leute werden nicht nur älter, es werden zudem weniger Kinder geboren. In Deutschland entscheiden sich immer mehr Menschen, allein zu leben und keine Kinder zu haben. Dies hat enorme Folgen für unsere Gesellschaft von heute und erst recht von morgen und übermorgen.

Wir leisten uns außerdem in Deutschland den "Luxus", daß deutsche Hochschulabsolventen oftmals erst mit 29 bis 30 Jahren ihre berufliche Laufbahn beginnen. Ihre Kollegen in der Europäischen Union sind erst 25 Jahre alt, wenn sie ihren Beruf aufnehmen. Ich glaube nicht, daß wir diesen Zustand in einem gemeinsamen Arbeitsmarkt in der Europäischen Union beibehalten können. Wir müssen auch im Ausbildungsbereich konkurrenzfähig sein.

Meine Damen und Herren, um bei diesen Zahlen zu bleiben: Gleichzeitig gehen die Menschen immer früher in Rente - heute im Durchschnitt mit 60 Jahren. Im Ergebnis stehen 30 Jahre Berufsausbildung und 20 Jahre Rente lediglich 30 Jahre im Erwerbsleben gegenüber. Diese Rechnung kann nicht aufgehen; das muß Konsequenzen haben. Die Rente ist keine "milde Gabe", sondern sie ist ein Anspruch, den man sich in einem Arbeitsleben erarbeitet. Unsere Rente basiert darauf, daß die heranwachsende Generation die Rente mitträgt. Wir können unmöglich den heute 20jährigen eine Last aufbürden, die sie nicht mehr tragen können und ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Deshalb müssen wir nun handeln und gleichzeitig dafür sorgen, daß sich die jungen Menschen für ihre Zukunft zusätzlich sichern.

In diesen Bereich gehört auch das Thema Ausbildung. Ich verstehe die Diskussion in dieser Frage nicht. Für mich ist es ein Schatz, daß wir überhaupt so viele junge Männer und Frauen haben, für die wir Lehrstellen brauchen. Es kommen noch acht starke Jahrgänge, für die wir Ausbildungsplätze benötigen. Natürlich können wir nicht jedem eine Ausbildungsstelle nach seinen Wünschen geben. Das war zu keiner Zeit so, schon gar nicht hier in Pirmasens. Wir können außerdem keine Anstellung im Anschluß an die Ausbildung garantieren. Trotzdem ist eine hochqualifizierte Ausbildung ein Schatz für das Leben und der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Ich bin sehr dankbar, daß Unternehmen wie die Firma Kömmerling ihre Anstrengungen fortsetzen, Jugendlichen eine gute Ausbildung zu geben und dies nicht nur für das nächste Jahr, sondern für die nächsten acht Jahre mit ihren geburtenstarken Jahrgängen. Herr Schmid, ich denke, weite Teile des Handwerkes und der mittelständischen Betriebe, zu denen Sie gehören, sollten so manchem deutschen Großbetrieb als Vorbild dienen.

Ein ausreichendes Lehrstellenangebot ist für mich eine moralische Verpflichtung unserer Gesellschaft gegenüber den jungen Menschen. Ich kann zum Beispiel von einem 16jährigen, der keinen Ausbildungsplatz findet, nicht erwarten, daß er mit 19 Jahren ganz selbstverständlich seine Pflicht als Soldat der Bundeswehr oder im Ersatzdienst leistet. Auch die Jungen müssen die wichtige Erfahrung machen, daß beides zusammengehört: Rechte und Pflichten.

III.

Für Pirmasens und für die Pfalz ist es ein ganz besonderes Geschenk, daß wir jetzt das Haus Europa bauen. Die Geschichte unserer Heimat ist ein Auf und Ab; als Grenzland war es immer wieder Kriegsland. Die nackte Not trieb viele Pfälzer im 18. und 19. Jahrhundert dazu, nach Nord- und Südamerika auszuwandern. Die jungen Männer heute haben das Glück, zur ersten Männergeneration unserer Geschichte zu gehören, denen ich als Bundeskanzler sagen kann: "Ihr habt alle Chancen, daß Ihr zeit Eures Lebens niemals in einen Krieg ziehen müßt."

Um den Frieden auf unserem Kontinent auf Dauer zu erhalten, bauen wir dieses Haus Europa gemeinsam mit unseren französischen Nachbarn und all denen, die teilnehmen möchten. Das Haus wird groß genug sein, daß alle europäischen Völker darin wohnen können, mit einem Dauerwohnrecht für unsere amerikanischen Freunde. Dafür brauchen wir eine Hausordnung, die sicherstellt, daß wir Streitigkeiten nie wieder auf der Straße, sondern zivilisiert im Haus austragen.

Deutsche müssen wissen, daß wir eine internationale Verantwortung haben. Konrad Adenauer machte dies deutlich: "Deutsche Einheit und europäische Einigung sind zwei Seiten der gleichen Medaille." Wir haben das Geschenk der Deutschen Einheit erhalten. Es geht jetzt darum, den Prozeß der europäischen Einigung unumkehrbar zu machen. Es soll ein Europa sein, in dem wir unsere Identität als Deutsche oder Franzosen bewahren und gleichzeitig alle Europäer sind, so wie es Thomas Mann formuliert hat: "Wir sind deutsche Europäer und europäische Deutsche."

Ein Schlüsselprojekt auf dem Weg zum geeinten Europa ist die Wirtschafts- und Währungsunion. Im Mai nächsten Jahres werden wir über die Einführung des Euro entscheiden. Sie werden erleben, daß die Bundesrepublik Deutschland Teil dieser Euro-Gemeinschaft wird und eine stabile Währung entsteht. Die Maastricht-Kriterien sind nicht zur Schau eingeführt worden, sondern um die Stabilität zu sichern. Denn gerade wir Deutschen wissen, was wir in den letzten 50 Jahren unserer harten D-Mark zu verdanken haben. Eine gemeinsame Währung stärkt das Wachstum und sichert Arbeitsplätze in Deutschland und Europa. Ein Wirtschaftsraum von fast 400 Millionen Menschen entsteht, der nach Intelligenz, Produktivität und Innovationsfähigkeit der stärkste Wirtschaftsraum der Welt ist. Der Europäischen Währungsunion kommt eine herausragende ökonomische Bedeutung zu - aber sie ist vor allem auch ein eminent politisches Projekt. Mit dem Euro wird die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung für das 21. Jahrhundert noch enger zusammenwachsen.

Meine Damen und Herren, die Erfahrungen der Hochwasserkatastrophe im Oderbruch im Sommer waren sehr instruktiv. Wir haben die Bilder der jungen Rekruten auf den Deichen an der Oder gesehen. Durch das ganze Land ging ein Ruck. Die Bürgermeisterin im Oderbruch sagte mir: "Wir wissen erst jetzt, daß wir im wiedervereinten Deutschland leben." Fast 70000 Soldaten aus West- und Ostdeutschland waren unermüdlich im Einsatz. Diese 19- und 20jährigen Soldaten haben in ihrem Kampf gegen die Flut des Hochwassers uns allen ein Beispiel gegeben. Ausländische Besucher und Kollegen haben mir immer wieder bestätigt, daß dies die richtigen Deutschen sind. Das sind junge Deutsche, die keineswegs eine "Null-Bock"-Mentalität haben. Weil das so ist, bin ich ganz optimistisch.

Der Rückblick auf 100 Jahre, der Rückblick auf das, was Männer und Frauen, Unternehmer und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Auf und Ab der Geschichte dieser Stadt, dieser Firma, dieser Region, unserer Heimat alles durchgestanden haben, ist eine Lektion für uns alle. Aus diesem Geist heraus wünsche ich Ihnen, den Familien Schmid und Kömmerling, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, zu Beginn des 21. Jahrhunderts viel Glück und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 91. 17. November 1997.