13. Oktober 1996: Ansprache anlässlich des 90. Geburtstages von Professor Dr. Karl Holzamer


Lieber Herr Holzamer, liebe Familie Holzamer,
Herr Ministerpräsident,
Herr Bischof, lieber Herr Stolte,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

dies ist ein besonderer Tag. Viele, die Karl Holzamer seit Jahrzehnten verbunden sind, und viele, die dem ZDF von Beginn an nahestanden und nahestehen, haben sich heute hier versammelt, um Karl Holzamer zum 90. Geburtstag zu gratulieren.

Ein solch hohes Alter ist eine Gnade. Lieber Herr Holzamer, wir freuen uns, daß wir diesen Tag gemeinsam mit Ihnen begehen können. Es erreichen Sie heute viele Glückwünsche - nicht nur von der Schar derer, die hier versammelt sind. Es ist ein Tag, an dem wir Ihnen Dank sagen und unsere Freundschaft bezeugen können.

Es ist ein weiter Weg von jenem Geburtstag am 13. Oktober 1906 bis zum heutigen Sonntagmorgen. Ich finde, es hat Symbolcharakter, daß Sie bereits vor 87 Jahren in Frankfurt-Niederrad von Daheim weggelaufen sind. Als Sie damals auf der Straße von einer Nachbarin aufgegriffen und gefragt wurden, wohin Sie gingen, haben Sie gesagt: "In die Welt!" Diese Begründung war wegweisend. Karl Holzamer ist nie einer gewesen, der sich hinter dem Ofen verkriecht. Er wollte hinausgehen in die Welt und etwas wagen, etwas auf die Beine stellen.

Wenn wir jetzt auf Ihren Lebensweg zurückblicken, lassen wir gleichzeitig neun Jahrzehnte Geschichte unseres Volkes - mit allen Höhen und Tiefen - Revue passieren. Dieses Auf und Ab hat auch Ihr Leben entscheidend geprägt: Zunächst der Erste Weltkrieg, dann die Weimarer Republik und auch jene Zeit, in der sich extremistische Kräfte zusammenschlossen, um die Republik zu zerstören.

Sie haben diese Entwicklung als Mitglied des Bundes Neudeutschland miterlebt. Diese Gemeinschaft bot ein ganz klares Koordinatensystem - für Ihr Leben, für den Staat, für die Gesellschaft und für die Kirche. Sie haben dann als junger Mann im Reichsjugendausschuß der Zentrumspartei unter dem unvergeßlichen Dr. Heinrich Krone mitgewirkt. Solche Namen lassen Geschichte aufleben.

Nach dem Abitur haben Sie Philosophie, Pädagogik, Psychologie, Romanistik und Germanistik studiert. In diesen Fächern bündelt sich das, was Karl Holzamer dann in seinem weiteren Leben getan hat. Sie wurden 1929 mit einer Arbeit über ein sehr schönes Thema promoviert: "Der Begriff des Sinnes". Ich denke, "Der Begriff des Sinnes" wäre für jemanden, der zwar - wie ich - das öffentlich-rechtliche System bejaht, sich aber an manchen Tagen darüber ärgert, was er mit seiner Rundfunkgebühr bezahlt, keine schlechte Lektüre. Herr Intendant, vielleicht sollten Sie diese Arbeit auch für die Mitarbeiter des ZDF und die Intendanten der ARD neu auflegen lassen. Die Lektüre eines solchen Werkes würde uns allen guttun.

Die Stationen des Lebensweges von Karl Holzamer, die dann folgten, sprechen für sich: 1931 hat er das Volksschullehrerexamen an der Pädagogischen Akademie in Bonn abgelegt - eine Stätte, an der später deutsche Geschichte geschrieben wurde. Sie waren dann in der pädagogischen Abteilung beim Westdeutschen Rundfunk tätig und später als Sachbearbeiter beim Westdeutschen Rundfunk. Das gefällt mir besonders gut: Dort waren Sie für konfessionelle Morgenfeiern zuständig.

Lassen Sie mich auch hierzu eine Anregung geben: Es ist im öffentlich-rechtlichen System üblich, Beraterverträge abzuschließen. Vielleicht könnte der eine oder andere, der im ZDF oder in der ARD heute für Kirchenfunk zuständig ist, einen solchen Vertrag auch mit Professor Holzamer vereinbaren. Dann könnte man gelegentlich wohl eher merken, daß es da überhaupt um Kirche und Glauben geht!

Dann haben Sie, lieber Herr Holzamer, das Schicksal so vieler geteilt: Sie sind Soldat geworden. Am Ende des Krieges waren Sie Oberleutnant, eingesetzt als Kriegsberichterstatter. Als Kriegsgefangener beteiligten Sie sich am Aufbau einer Lageruniversität. Sie haben damit Menschen inmitten des Elends der Gefangenschaft Gutes und geistige Werte vermittelt. Schließlich fanden Sie als Professor für Philosophie, Psychologie und Pädagogik zum ersten Mal, wie es junge Leute heute sagen, "den Job" schlechthin.

Erst gestern abend habe ich mit einem Freund, einem Theologen, gesprochen, der sich noch gut an Ihre Vorlesungen erinnern kann. Er sagte mir, was es für ihn und für seinen Bruder bedeutet hat, daß Sie aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrten und die beiden Sie hier im total überfüllten Hörsaal hören konnten. Es waren die Anfänge des Studium generale in einer Zeit großen geistigen Hungers. Dies bot eine Perspektive der Hoffnung.

Sie waren viele Jahre Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Und das nicht, weil Sie ein Amt haben wollten, um innerkirchlich aufzutreten. Vielmehr wollten Sie Ihren Beitrag für unsere Kirche auf ihrem Weg in der Welt leisten.

Und noch etwas ist wichtig zu erwähnen, nicht nur des Amtes wegen, sondern wegen des Mannes, der in dieser Position Verantwortung übernommen hat: Sie waren sieben Jahre lang Mitglied des Stadtrats in Mainz. In dieser Funktion haben Sie sich um das Wohnungswesen gekümmert und sich für die Versorgung der sozial Schwachen eingesetzt. Die alten Mainzer aus jenen Tagen wissen das noch. Dieser Professor hat nicht nur an der Universität Mainz Philosophie gelehrt, sondern er ist auf die Menschen zugegangen. Sie haben sich nicht gescheut, vor Ort Erfahrungen zu sammeln. Sie haben nicht über das Leben doziert, sondern den Alltag gekannt und mitgelebt. Sie waren nicht nur einer, der beschreibt, sondern einer, der handelt. Daran können sich viele auch heute ein Beispiel nehmen.

Darüber hinaus waren Sie viele Jahre beim Südwestfunk. Gemessen an heutigen Zeiten kann ich nur voller Respekt sagen: Das waren gute Jahre für den Südwestfunk. Ihre Arbeit dort war auch eine Voraussetzung dafür, daß Sie später Intendant des Zweiten Deutschen Fernsehens wurden. Die Verhältnisse von damals sind heute schwer zu beschreiben. Ich war einer der ganz Jungen und gerade Fraktionsvorsitzender hier im Landtag geworden, da kam es zu einer heftigen Debatte, ob das ZDF nach Mainz kommen sollte oder nicht. Die Ministerpräsidenten waren - wenn es um die Interessen ihrer Länder ging - damals genau wie heute. Sie haben damals allerdings mehr miteinander geredet und vielleicht auch mehr Respekt voreinander gehabt. Das hat zu guten Ergebnissen geführt.

Hier sind vor allem Georg-August Zinn in Wiesbaden und Peter Altmeier zu erwähnen. Beide haben gemeinsam durchgesetzt, daß das ZDF nach Mainz kam. Dann wurde Karl Holzamer überraschend Intendant des ZDF. Das sah zunächst nach einer Moritatengeschichte aus. Wie groß war damals das Gerede in Bonn - auch in meiner eigenen Partei - über den Professor an der Spitze einer Fernsehanstalt. Es gab doch Profis - nicht zuletzt in der ARD -, Leute von Rang und Namen, die etwas auf sich hielten. Sie, Herr Stolte, haben die bitterbösen Anfangszeiten des ZDF eben sehr freundlich beschrieben. Es waren Leute unterwegs, die das gerade neugeborene ZDF so schnell wie möglich "umbringen" wollten. Man braucht nicht vornehm darüber hinwegzureden. Es war so! Und viele denken auch heute noch so.

Karl Holzamer hatte anfangs gegen massive Widerstände zu kämpfen. Es hat ihm niemand auch nur 100 D-Mark geliehen. Anständige Mainzer Handwerksmeister überlegten sich dreimal, ob sie einen Auftrag vom ZDF annehmen sollten - nicht, weil sie den Auftrag nicht haben wollten, sondern weil sie Zweifel hatten, wer die ausgeführte Arbeit anschließend bezahlen würde. Das war die Ausgangsposition.

Nach 15 Jahren - am Ende der Intendanz Karl Holzamers - war das ZDF die größte Fernsehanstalt Europas. Das hat sicher viele Gründe. Viele großartige Männer und Frauen haben daran mitgewirkt - hier im Haus und darüber hinaus in Mainz und in Wiesbaden. Es waren zum Beispiel die Journalisten der ersten Stunde - eine ganze Reihe von Ihnen sind heute hier -, die diesen Weg geprägt haben. Aber das alles hätte nicht funktioniert, wenn nicht Karl Holzamer Intendant gewesen wäre.

Ich sage das deswegen so prononciert, weil bei uns in Deutschland heute vielfach etwas eigenartig argumentiert wird. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter. Wenn aber das ZDF gescheitert wäre, hätten alle zu sagen gewußt, an wem es gelegen hat. Da es ein großer Erfolg geworden ist, müssen wir heute den dafür Hauptverantwortlichen an erster Stelle nennen. Es ist Ihr Verdienst, lieber Herr Holzamer!

Das sind mehr oder minder die nüchternen Daten. Sie sagen aber noch nichts über den Menschen Karl Holzamer, über seine Persönlichkeit. Mir sind in den langen Jahren - ja Jahrzehnten - unserer freundschaftlichen Beziehung vier wichtige, in ihrer Zusammenstellung ungewöhnliche Wesensmerkmale aufgefallen: Karl Holzamer ist Philosoph, Wissenschaftler, vor allem ein begnadeter Pädagoge und zudem ein Mann, der tief im christlichen Glauben verwurzelt ist.

Karl Holzamer ist zugleich ein Mann, der - warum soll man das nicht sagen? Dieter Stolte hat es schön formuliert - sehr früh gelernt hat, daß es gut ist, unterschätzt zu werden. Überschätzte laufen im Land genug herum. Karl Holzamer kam immer so freundlich zur Tür herein, daß manch einer, der sich für groß hielt, glaubte, er könne ihn über den Tisch ziehen. Viele von denen gab es dann nach einer Weile nicht mehr, aber Karl Holzamer war immer noch da! Er hat seine Ziele mit Würde und ohne Auftrumpfen vertreten. Er hat mit beinahe verschmitztem Humor gehandelt. Karl Holzamer gehört zu denen, die nicht laut lachen, sondern in stiller Weise lächeln und genießen können. So paßt er auch hierhin - zu Land und Leuten am Rhein.

Karl Holzamer hat noch etwas anderes, nämlich unglaubliches Stehvermögen. Da ich den Begriff "aussitzen", wie Sie wissen, gut kenne, sage ich: er ist ein Prachtexemplar des Aussitzers! So hat er manche Sitzung durchgestanden, und dann passierte gar nichts. Bei der nächsten Sitzung geschah auch nichts, und irgendwann hat er seinen Willen dann durchgesetzt.

Sie haben das, was Sie getan haben, immer auch als pädagogische Aufgabe verstanden. Insofern waren Sie Kind Ihrer Zeit. Denn wer sich das Mainz des Jahres 1946, als Sie hier an der Universität Ihre Vorlesungen begannen, vorstellt, der weiß, daß die wirklichen Bedürfnisse in der Stunde Null weit mehr im Wunsch nach geistigen und moralischen Werten lagen als im Materiellen. Ich finde, aus der Lektion jener Zeit können wir auch heute wieder lernen, besonders, wenn wir die gegenwärtige Alltagsdiskussionen betrachten: Darin beschäftigen wir uns häufig mit Dingen, die mit der Zukunft unseres Landes nichts zu tun haben. Viele machen sich nicht bewußt, daß es jetzt darum geht, den Übergang zum 21. Jahrhundert vorzubereiten, das in vier Jahren beginnt.

Sie, lieber Herr Holzamer, haben in Ihren zahlreichen Veröffentlichungen immer wieder die Wertegrundlagen der Gesellschaft als das Wesentliche herausgestellt. Sie waren nie ein Mann des Zeitgeistes. Sie wollten auch nie bloß Manager sein. Auch als Mann der Medien haben Sie sich als Philosoph und als Humanist verstanden. Sie schrieben, und das ist ein wichtiger Satz, 1961 in Ihrer "Einführung in die Welt des Denkens": "Wer sein Leben wirklich bestehen, es persönlich in seiner kleinen und größeren Umwelt in Familie, Beruf und Gesellschaft bewältigen will, der kann nicht ohne diese Bemühungen um den verborgenen Sinn des Daseins auskommen." Das hat sich auf den Alltag Ihrer Arbeit ausgewirkt, und es hat auch Ihre Vorstellung von gelebter Solidarität geprägt. Eine der Früchte dieses Denkens ist die "Aktion Sorgenkind", durch die allein in der Zeit Ihrer Intendanz weit über 200 Millionen D-Mark eingespielt wurden.

Ihren Grundwerten entsprechend war Ihre Arbeit als Intendant geprägt von gesellschaftspolitischem Verantwortungsbewußtsein. Das bedeutet, daß Fernsehprogramme zum Beispiel nicht allein von der Einschaltquote bestimmt werden sollten. Sie haben sehr früh - und all das ist aktuell geblieben - die Gefahr der Reizüberflutung erkannt. Sie haben immer wieder Konzepte vorgelegt, um solche Entwicklungen zu bannen.

Man kann all dies ganz einfach so zusammenfassen: Karl Holzamer wurde zu einer der erfolgreichsten Persönlichkeiten der jungen deutschen Fernsehgeschichte. Ihr Werk, das ZDF, gehört heute zu Recht zu den weltweit besonders angesehenen Fernsehanstalten.

Sie haben dabei Vorbilder gehabt. In der Politik - und das ist sehr typisch für Sie - bewunderten Sie vor allem Konrad Adenauer, seine Beharrlichkeit und seine Listigkeit beim Verfolgen von Zielen. Sie haben aber auch eine Verehrung für den großen Don Bosco, den leider so viele heute - auch in Deutschland - gar nicht mehr kennen. In Ihren Lebenserinnerungen findet sich dieses Zitat von ihm: "Halte Dich an Gott wie ein Vogel, der nicht aufhört zu singen, auch wenn er spürt, daß der Ast nachgibt, weil er weiß, daß er Flügel hat." Ihre Lebenserinnerungen haben Sie mit dem Satz beendet: "Auch die Flügel sind uns und mir geschenkt worden."

Es gibt viele hier im Saal und noch viel mehr draußen im Land, die an diesem Tag Grund haben, Ihnen herzlich zu danken. Ich selbst will es tun für eine Freundschaft in vielen, vielen Jahrzehnten, für guten Rat, für Unterstützung - Unterstützung, lieber Herr Holzamer, in Zeiten, da nicht voraussehbar war, daß mir eines Tages Hamburger Magazine positive Titelblätter widmen würden. Ich und viele andere haben Ihre gute Kameradschaft und Freundschaft in guten und in schwierigen Zeiten sehr persönlich erleben dürfen.

Wir gratulieren, ich gratuliere Karl Holzamer zu seinem 90. Geburtstag. Ich tue dies für viele Freunde im Land, übrigens auch - ich darf das hier so sagen - für viele aus den verschiedenen politischen Lagern. Wir wünschen Ihnen noch viele gesunde Jahre und Gottes Segen. Herzlichen Dank für alles, was Sie uns gegeben haben!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 86. 29. Oktober 1996.