11. März 1998
Rede anlässlich der Eröffnung der neuen Unternehmenszentrale der Adam Opel AG in Rüsselsheim


Lieber Herr Herman,
Herr Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
Frau Oberbürgermeisterin,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Adam Opel AG,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

I.

zur feierlichen Einweihung der neuen Unternehmenszentrale übermittle ich Ihnen die herzlichen Glückwünsche der Bundesregierung. Dies ist ein guter Tag für die Adam Opel AG, für die Stadt und die Region Rüsselsheim sowie für Deutschland.

Zu den guten Traditionen in der Bundesrepublik Deutschland gehört es, daß man nicht nur gegen, sondern ebenso für etwas demonstrieren kann. Deshalb bin ich heute gerne zu Ihnen nach Rüsselsheim gekommen. Ich möchte gemeinsam mit Ihnen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen demonstrieren, denn ohne die Hilfe und Unterstützung unserer amerikanischen Freunde und Partner in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wäre der erfolgreiche Neubeginn in unserem Land nicht so rasch möglich gewesen. Ich möchte mit meiner Teilnahme zudem für den Standort Deutschland und für das Auto demonstrieren.

In der neuen Unternehmenszentrale der Adam Opel AG finden sich 1200 Mitarbeiter unter einem Dach zusammen. Moderne Arbeitsplätze und kürzere Wege verbessern den Informationsaustausch und die Kommunikation. Das Adam Opel Haus steigert die Arbeitsfreude des einzelnen und zugleich die Leistungsfähigkeit der Unternehmenszentrale. Die Adam Opel AG unterstreicht damit ihr klares Bekenntnis zu ihrem Heimatstandort Rüsselsheim. Der über hundertjährige Aufstieg vom Nähmaschinenhersteller zum Automobilunternehmen mit Weltruf war ein weiter Weg. Er ist, Frau Oberbürgermeisterin, untrennbar mit dem Namen Rüsselsheim verbunden.

Die Entscheidung für die neue Unternehmenszentrale ist zugleich eine Entscheidung für den Standort Deutschland. Sie ist ein sichtbares Zeichen, daß die deutsche Opel AG und ihre Standorte einen festen Platz im weltweiten Unternehmenskonzept des amerikanischen Mutterkonzerns General Motors haben. Die Glückwünsche, die General Motors heute der deutschen Adam Opel AG überbracht hat, waren auch mehr als eine freundliche Geste. Darin ist zugleich Anerkennung für das deutlich geworden, was in den vergangenen Jahrzehnten bis heute von den Menschen hier geleistet worden ist.

Kurzum: Das Adam Opel Haus ist ein Signal für eine gute Zukunft. Es unterstreicht, daß deutsches Know-how und deutsche Wertarbeit ein unvermindert hohes Ansehen in der Welt genießen. Ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, Herr Herman, Ihre Investitionspläne hier in Rüsselsheim ebenso wie an anderen deutschen Opel-Standorten konsequent umzusetzen. Stellen Sie auch bei Ihren Kollegen in den Vereinigten Staaten immer wieder heraus, daß jeder Dollar, der hier in Deutschland investiert wird, zugleich eine Abschlagszahlung auf eine gute Zukunft des ganzen Konzerns ist. Meine Damen und Herren, es geht dabei immer um Investitionen in die Zukunft und um den Erhalt und das Schaffen wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze.

Wir begehen diese festliche Stunde in einem Augenblick, in dem sich die Welt, Europa und unser eigenes Land in einem dramatischen Veränderungsprozeß befinden. In zwei Jahren beginnt ein neues Jahrhundert, das zugleich ein neues Jahrtausend ist. Bei manchen weckt dies auch Ängste, gerade mit Blick auf die Frage, was das neue Jahrhundert bringen wird.

Klar ist: Wir haben alle Chancen für eine gute Zukunft. Jetzt kommt es darauf an, daß wir die Weichen richtig stellen und die notwendigen Entscheidungen entschlossen treffen. Dazu gehört, daß wir gemeinsam und - wenn möglich - ohne die gelegentlich anzutreffende Polarisierung darüber sprechen, was sich bewährt hat und was wir erhalten wollen, ebenso wie darüber, was wir für die Zukunft verändern müssen.

Zukunftssicherung heißt für uns Deutsche immer auch, unsere Anstrengungen darauf zu richten, wirtschaftlich an der Weltspitze zu bleiben. Wir sind nach den USA Exportland Nummer zwei in der Welt. Um unsere Spitzenposition zu erhalten und auszubauen, müssen wir die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes immer wieder neu auf den Prüfstand stellen und - wo nötig - Anpassungen vornehmen.

Wir müssen vor allem auch offen für technischen Fortschritt sein. Dies hat nichts mit blindem Fortschrittsglauben zu tun. Gerade wir Deutschen haben in diesem Jahrhundert die Erfahrung gemacht, daß nicht alles, was technisch-wissenschaftlich machbar ist, auch moralisch erlaubt ist. Wir haben aber ebenso gelernt, daß wir für eine gute Zukunft den Mut für neue Entwicklungen brauchen - ich nenne nur das Stichwort Transrapid und die neuen Herausforderungen, die mit dem Auto verbunden sind.

Ich bekenne mich nachdrücklich zum Auto und den damit verbundenen positiven Werten. Das Auto ist ein Stück gelebte Freiheit. Es ist zugleich ein Stück Lebensqualität. Dies gilt insbesondere für Millionen Menschen, die nicht in Ballungsräumen leben. Es gilt zudem vor dem Hintergrund, daß die sogenannte Fläche zunehmend Gefahr läuft, gegenüber den Ballungsräumen ins Abseits zu geraten. Natürlich muß man auch die Schattenseiten des Autos sehen: Lärmbelästigungen, die Luftbelastung mit Schadstoffen und einiges andere mehr. Klar ist: Wir haben nicht das Recht, in unserer Generation zu Lasten kommender Generationen zu leben.

Keine Lösung ist es aber, die Abkehr vom Auto zu propagieren oder das Auto zu dämonisieren. Wer dies tut, fährt in die Sackgasse. Dazu gehört auch die in diesen Tagen in die aktuelle Diskussion eingebrachte Forderung, den Benzinpreis auf ein Niveau zu heben, das für breite Schichten der Bevölkerung nicht mehr tragbar ist. Unser Ziel muß es sein, Auto und Verkehr bei steigenden Mobilitätsbedürfnissen umweltverträglich zu gestalten.

Es gehört zu den guten Entwicklungen der letzten Jahre, daß das Thema Umweltverträglichkeit in weiten Bereichen der deutschen Automobilindustrie längst fester Bestandteil der Unternehmenspolitik geworden ist. Dies trägt dazu bei, das Thema Auto mit dem Faktor Umwelt in ein vernünftiges und positives Verhältnis zu bringen. Dafür stehen auch die vielfältigen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten der Adam Opel AG.

Außerdem stärkt die Automobilindustrie unser Land wesentlich als Forschungs- und Entwicklungsstandort. Sie ist Motor für Innovationen und zukunftssichere Arbeitsplätze. Dies wird auch daran deutlich, daß wir nach grundlegenden, zum Teil schmerzhaften Anpassungen in den vergangenen Jahren heute feststellen können, daß dieser klassische deutsche Industriebereich im internationalen Wettbewerb wieder die Nase vorn hat. Erfreulich ist dabei vor allem, daß das Produktionswachstum wieder mit einem Beschäftigungszuwachs verbunden ist. Dies unterstreicht einmal mehr, daß die Anstrengungen der Automobilindustrie Signalfunktion für ganz Deutschland haben.

Für eine gute Zukunft unseres Landes gibt es keine Alternative: Wir müssen notwendige Reformen angehen, auch wenn sie nicht immer populär sind und ihre Notwendigkeit von manchen nicht unmittelbar erkannt und akzeptiert wird. Mut ist das Stichwort, das uns in dieser Zeit prägen muß.

II.

Knapp zwei Jahre vor Beginn des neuen Jahrhunderts und neuen Jahrtausends müssen wir unsere Position bestimmen: Wo stehen wir Deutschen heute, was müssen wir jetzt für eine gute Zukunft konkret unternehmen? Die Welt um uns herum befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Die Länder wachsen vor allem auch wirtschaftlich immer stärker zusammen. Ich nenne nur das Stichwort Globalisierung.

Die Adam Opel AG und ihre Muttergesellschaft, die amerikanische General Motors, stehen beispielhaft dafür, was Globalisierung in der unternehmerischen Praxis bedeutet. Die Globalisierung bringt es mit sich, daß unsere Unternehmen vor Ort an ihrem Heimatstandort investieren und sich gleichzeitig weltweit engagieren. Globalisierung kann gleichwohl nicht bedeuten, daß man den Heimatstandort aus kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Erwägungen heraus vernachlässigt. Wir halten an unserer Sozialen Marktwirtschaft fest. Beides gehört zusammen: Die Verantwortung für die Menschen hier und heute ebenso wie die Fähigkeit, das Notwendige für eine gute Zukunft zu tun.

Das Tempo der Globalisierung nimmt zu. Die Dynamik ist an wenigen Zahlen erkennbar. Die Weltproduktion wuchs in den vergangenen Jahren jährlich um sechseinhalb Prozent. Sehr viel rascher nimmt mit jährlich zehn Prozent das Welthandelsvolumen zu. Die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen wachsen dreimal so stark wie die Weltproduktion - um jährlich 19 Prozent. Bedenklich ist, daß das Gewicht Deutschlands als Investitionsstandort abgenommen hat. Während zwischen 1985 und 1996 Ausländer in Deutschland lediglich 32 Milliarden US-Dollar investiert haben, waren es zum Beispiel in Großbritannien fast 250 Milliarden US-Dollar. Die Entwicklung macht deutlich, daß wir nicht einfach so weitermachen können wie bisher. Sie ist ein ernstzunehmendes Warnzeichen, das uns aufrütteln muß, wenn wir zum Beispiel über mehr Beschäftigung in unserem Land sprechen.

Wir müssen unsere traditionellen Stärken wahrnehmen, nutzen und ausbauen. Wir verfügen über eine ausgezeichnete Infrastruktur und eine hohe Qualifikation der Arbeitnehmer. Unser duales Berufsausbildungssystem ist weltweit anerkannt. In diesem Zusammenhang danke ich allen, die mitgeholfen haben, daß wir 1997 wieder den Ausgleich am Lehrstellenmarkt geschafft haben. Ich möchte zugleich dafür werben, in den Anstrengungen auch in den nächsten Jahren nicht nachzulassen. Die Zahl der Jugendlichen, die einen Ausbildungsplatz suchen, wird bis zum Jahr 2005 noch weiter ansteigen. Erst dann macht sich die demographische Entwicklung bemerkbar, und die Zahl der Schulabsolventen geht steil nach unten. Manch einer, der die Ausbildung heute als Belastung empfindet, wird sich dann händeringend um Lehrlinge bemühen.

Ich möchte auch Sie, Herr Herman und die Adam Opel AG, einladen, alles zu tun, damit in den kommenden Jahren bis 2005 allen Jugendlichen, die dies möchten und können, ein Lehrstellenplatz angeboten wird. Dies ist zugleich Teil einer modernen, vorausschauenden Unternehmensplanung. Ich sage dies gerade mit Blick auf unsere Großunternehmen. Wenn es uns gelingt, von ihnen verbindliche Zusagen über Lehrstellen zu erhalten, wird dies auch ein wichtiger Impuls für die vielen kleinen und mittleren Betriebe sein, die bereits seit langem einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung in Deutschland leisten. Meine Damen und Herren, es kann nichts Besseres geben, als jungen Frauen und Männern eine bestmögliche Ausbildung mit auf ihren Lebensweg zu geben.

Zu den Stärken unseres Landes gehört ebenso eine ausgewogene Wirtschaftsstruktur mit einem breiten, innovativen Mittelstand. Wir haben zudem ein hohes Maß an Rechtssicherheit und wirtschaftlicher Stabilität sowie ein gutes soziales Klima. Dies unterstreicht auch, daß sich das Modell Deutschland bewährt hat - und zwar trotz mancher Auseinandersetzungen, die im übrigen zum Wesen der Tarifautonomie dazugehören.

Bei mancher, zum Teil berechtigter Kritik sollten wir zu keinem Zeitpunkt vergessen, daß die positive Entwicklung in Deutschland in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute nur möglich gewesen ist, weil die Tarifautonomie funktioniert hat und starke Gewerkschaften und starke Unternehmerverbände - beides bedingt einander - einen vernünftigen Weg des Miteinanders gefunden haben. Deswegen dürfen die Tarifautonomie und die Verbindlichkeit von Tarifverträgen nicht in Frage gestellt werden. Dies steht nicht im Widerspruch dazu, daß - wo erforderlich - der Flächentarif neuen Entwicklungen angepaßt werden muß. Unabhängig davon gilt aber auch: Der Flächentarif ist eine wichtige Grundlage für unseren sozialen Frieden.

Ein gutes Beispiel für neue Wege und mehr Flexibilität ist der neue Standortvertrag von Opel vom 20. Januar dieses Jahres. Beide Seiten sind einander entgegengekommen: die Belegschaft, die lediglich moderate Lohnerhöhungen und einen weiteren Ausbau der Arbeitszeitflexibilität akzeptiert, und die Unternehmensleitung, die ihrerseits auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet und weitere Investitionen in Deutschland zugesagt hat. Damit wurden entscheidende Voraussetzungen geschaffen, um die Wettbewerbsfähigkeit und den Fortbestand der deutschen Opel-Standorte zu sichern. Der Vertrag ist zu beiderseitigem Nutzen - von Belegschaft und Unternehmensleitung. Er ist zugleich ein gutes Signal für den Standort Deutschland: Konstruktives Miteinander abseits des Feldgeschreis ist in unserem Land nach wie vor möglich.

Erfreulich ist, daß wir unsere Stärken wieder zunehmend besser nutzen. Deutschland hat seine Position als starker Innovationsstandort erfolgreich ausgebaut. Bei den wichtigen Weltmarktpatenten liegen wir inzwischen wieder auf Platz eins. Wir haben außerdem den Spitzenplatz im Welthandel im Bereich höherwertiger Technik. Dies alles muß uns Ansporn sein, unsere Anstrengungen fortzusetzen, um im internationalen Wettbewerb weiterhin zur Spitzengruppe zu gehören. Es ist zugleich wichtige Voraussetzung für neue Arbeitsplätze.

Herausforderung Nummer eins in unserem Land ist und bleibt der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Bei allem Streit über den besseren Weg zu neuen Arbeitsplätzen ist nicht zu übersehen, daß wir hier in den vergangenen Monaten - jedenfalls was die alten Länder betrifft - ein gutes Stück vorangekommen sind. Hier sinkt die Beschäftigung nicht mehr, und die Arbeitslosigkeit steigt nicht mehr. Die positive Entwicklung in den alten Ländern wird sich im Laufe dieses Jahres weiter verbessern. Bedrückend ist dagegen noch die Entwicklung in den neuen Ländern. Ostdeutsche Unternehmen profitieren bislang nicht ausreichend vom Export.

Die Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland hat viele, sehr differenzierte Ursachen. Es gibt deshalb auch kein Patentrezept. Zur erfolgreichen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit brauchen wir differenzierte Lösungen. Vor allem gilt: Wir müssen auf dem Weg der Veränderungen und der Reformen weiter vorangehen.

Reformen brauchen wir auch angesichts unserer demographischen Entwicklung. Dies ist im übrigen keine Frage der Politik und schon gar nicht der Parteipolitik. Wir haben beispielsweise mit die niedrigste Geburtenrate in der Europäischen Union - nur in Italien und Spanien liegt sie noch niedriger. Gleichzeitig werden die Menschen - und das ist erfreulich - in Deutschland immer älter. Heute sind bei uns 17 Millionen Menschen 60 Jahre und älter - im Jahr 2030 werden es bereits 26 Millionen sein. Dies hat auch etwas mit der guten medizinischen Versorgung in unserem Land zu tun. Außerdem gehen die Menschen immer früher in Rente - heute im Durchschnitt mit 60 Jahren -, während der Berufsstart immer später erfolgt - bei Akademikern vielfach erst mit 30 Jahren.

Dies hat weitreichende Konsequenzen auch für unsere sozialen Sicherungssysteme. Beispiel Rente: Immer weniger Menschen zahlen für immer kürzere Zeit in einen Topf, aus dem immer mehr Menschen für immer längere Zeit ihre Rente beziehen. Diese Rechnung kann nicht auf Dauer aufgehen. Diese Entwicklung macht zugleich deutlich: Um unseren Sozialstaat auf eine dauerhaft tragfähige Grundlage zu stellen, müssen wir ihn umbauen. Zu diesem Umbau - nicht Abbau! - gehört es zugleich, den Mißbrauch in diesem Bereich noch entschiedener zu bekämpfen und die finanziellen Mittel auf die wirklich Betroffenen zu konzentrieren.

Insgesamt können wir heute feststellen, daß der beharrliche Reformkurs der Bundesregierung erste Früchte trägt. Unsere Wirtschaft ist wieder auf Wachstumskurs. Wir erwarten in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum in ganz Deutschland von zweieinhalb bis drei Prozent. Positiv ist für uns neben den guten Wachstumsaussichten außerdem das wachsende Vertrauen in den Standort Deutschland. Ich nenne als Beispiel die Reaktion internationaler Anleger und Investoren auf die Börsenturbulenzen in Südostasien. Deutsche Staatsanleihen sind begehrt wie lange nicht mehr. Zugleich mehren sich Meldungen, daß Investoren nach Deutschland zurückkehren, die in der Vergangenheit ihre Produktion ins Ausland verlagert hatten.

All dies ist Anlaß für uns, mit Zuversicht nach vorne zu blicken. Es ist gleichwohl kein Grund, jetzt in den Anstrengungen nachzulassen. Weitere strukturelle Veränderungen sind unerläßlich. Für unser Land ist dabei von zentraler Bedeutung, daß wir gerade im Bereich der Steuerpolitik die notwendigen Entscheidungen treffen. Es ist höchste Zeit, daß wir Deutschen begreifen, daß unsere Nachbarn - ungeachtet der politischen Prägung ihrer Regierungen - diesen Weg vielfach längst beschritten haben. Für mehr Investitionen und Arbeitsplätze brauchen auch wir ein international wettbewerbsfähiges Steuersystem. Wir brauchen deshalb die große Steuerreform mit niedrigeren Steuersätzen, weniger Ausnahmen und einer deutlichen Nettoentlastung für Bürger und Unternehmer. Leistung muß sich in Deutschland wieder lohnen!

III.

Meine Damen und Herren, wir Deutschen müssen unsere Hausaufgaben machen. Dies gilt um so mehr, weil wir uns derzeit in einer entscheidenden Phase beim Bau des Hauses Europa befinden. Wir stehen vor der Entscheidung, eine neue, die gemeinsame europäische Währung einzuführen - den Euro. Viele unserer Nachbarn tun sich schwer zu begreifen, warum es uns für Deutsche nicht leicht ist, die D-Mark aufzugeben, und warum wir so vehement auf der Stabilität der Europawährung bestehen. Die Antwort ist sehr einfach: Für die Menschen in den alten Ländern stehen 50 Jahre D-Mark symbolisch für 50 Jahre Frieden und Freiheit, für die Menschen in den neuen Ländern sind es inzwischen fast zehn Jahre. Ich werde nie die Transparente vergessen, die ich in den ersten Wochen des Jahres 1990 in Leipzig gesehen habe. Dort stand geschrieben: Kommt die D-Mark, bleiben wir - kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr. Der Wille der Menschen in den neuen Ländern, mit dieser Währung - der D-Mark - auch ein Stück gelebte Freiheit, Wohlstand und soziale Stabilität zu erreichen, war und ist unübersehbar.

Wir Deutschen müssen jedoch anerkennen, daß ein Zeitabschnitt gekommen ist, in dem wir mit dem Nationalstaat der alten Art die Zukunft unseres Landes und unseres Kontinents nicht sichern können. Wir müssen verstehen, daß wir als mit 80 Millionen Einwohnern bevölkerungsstärkstes Land dieses Kontinents nur dann eine gute Zukunft haben werden, wenn wir mit unseren Nachbarn und Freunden im Haus Europa friedlich zusammenleben. Wir wollen ein Haus Europa, in dem Streitigkeiten und Interessenkollisionen, die es immer geben wird, in friedlicher Weise, auf dem Weg des Miteinanders ausgetragen werden.

Meine Damen und Herren, Deutschland liegt mitten in Europa. Wir sind das Land mit den meisten Grenzen und Nachbarn. Alles, was bei uns passiert, berührt unsere Nachbarn unmittelbar - und umgekehrt. Wir Deutschen haben außerdem eine schwierige jüngere Geschichte. Aus alledem ergibt sich, daß die Zukunft unseres Landes unlösbar mit der europäischen Einigung und dem Miteinander in Europa verbunden ist.

Dazu gehört die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion. Wir werden sie mit der Einführung der gemeinsamen europäischen Währung, die nun bevorsteht, vollenden. In wenigen Wochen - Anfang Mai - werden wir zu beschließen haben, wer von den europäischen Nachbarländern Mitglied der europäischen Währungsunion sein und den Euro einführen wird.

Ich bin sicher, daß der Euro pünktlich zum vereinbarten Termin am 1. Januar 1999 kommt. Ich bin ebenso überzeugt, daß Deutschland von Anfang an dabeisein wird. Wir Deutschen werden weiterhin - gerade auch wegen der positiven Erfahrungen mit der D-Mark - streng darauf achten, daß diese Währung eine stabile Währung ist, daß die vertraglich vereinbarten Stabilitätskriterien nachhaltig eingehalten werden und die neue Währung auch auf Dauer den notwendigen Stabilitätsanforderungen entspricht.

Nie war die Chance, eine stabile europäische Währung einzuführen, so gut wie heute. Die durchschnittliche EU-Inflationsrate liegt derzeit unter zwei Prozent - bei Abschluß des Maastricht-Vertrages 1991 betrug sie fünfeinhalb Prozent. Eine niedrige Inflationsrate ist zugleich die beste Sozialpolitik für Rentner und Menschen mit kleinem Einkommen. Die langfristigen Zinsen liegen darüber hinaus heute im EU- Durchschnitt unter fünf Prozent - 1991 lagen sie bei über zehn Prozent. Die Staatsdefizite der EU-Mitgliedstaaten haben sich seit 1991 zudem um ein Drittel verringert. Dies alles unterstreicht, daß das Umsetzen des Maastricht-Vertrages in den EU-Mitgliedstaaten bereits heute eine nie zuvor gekannte Stabilitätskultur in der Europäischen Union geschaffen hat.

Der Euro ist wirtschaftlich von zentralem Stellenwert. Die neue Euro-Zone wird Europas Gewicht im internationalen Währungssystem stärken. Die gemeinsame europäische Währung hilft der Wirtschaft, im immer härter werdenden weltweiten Wettbewerb erfolgreich zu bestehen. Wir müssen auch sehen, daß die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion natürlich nicht nur ökonomische Fragestellungen berührt. Entscheidend ist, den Frieden und die Freiheit auf unserem Kontinent zu erhalten. Auch dafür brauchen wir den Euro. Als Baustein für das Haus Europa bindet er die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung noch stärker zusammen.

Zu den wichtigsten Ereignissen im vergangenen Jahr gehörte für mich der Tag vor Weihnachten, an dem ich gemeinsam mit dem Bundesverteidigungsminister von Bonn nach Sarajevo zu unseren dort stationierten Soldaten geflogen bin. Wir kamen an diesem Tag aus einer friedlichen vorweihnachtlichen Landschaft. Als die Maschine wenig später in Sarajevo ausrollte, fühlte ich mich plötzlich zurückversetzt in meine Heimatstadt Ludwigshafen am 23. Dezember 1945. Ich war damals 15 Jahre alt. Ähnlich wie in Sarajevo waren die Häuser damals zerstört, die Häuserblocks ausgebrannt. Die Fahrt durch die Straßen von Sarajevo, das Elend der Menschen dort, hat mir einmal mehr ganz klar vor Augen geführt: Das Wichtigste ist es, daß wir den Frieden und die Freiheit bewahren.

Wir müssen dafür in Europa alle gemeinsam - als Deutsche, als Franzosen und als Briten, um nur diese zu nennen - unseren Beitrag leisten. Wir geben dabei nicht unsere eigene Identität auf, sondern bleiben auch im vereinten Europa Deutsche, Franzosen oder Briten. Auf diesem Weg des Miteinanders schaffen wir für die nachfolgenden Generationen die entscheidenden Voraussetzungen für ein Leben in Frieden und Freiheit.

Meine Damen und Herren, wenn man die Fortschritte der letzten Jahre in Deutschland ebenso wie in Europa betrachtet und die großartigen Chancen zur Kenntnis nimmt, die wir heute haben, dann besteht aller Anlaß zu einem realistischen Optimismus. Wir haben Grund, auf eine Zukunft zu hoffen und dafür zu arbeiten, die menschlich gestaltet ist, in der wir Deutschen an den Sorgen ebenso wie am Glück der Welt teilnehmen und unseren Beitrag einbringen. Wir haben alle Chancen - wir müssen sie nur nutzen. Verbunden mit meinen guten Wünschen für all jene, die hier in der neuen Unternehmenszentrale arbeiten, möchte ich Ihnen zurufen: Viel Glück auf diesem Wege!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 26. 21. April 1998.