2. November 1997
Ansprache bei der Eröffnung der zweiten Tagung der neunten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Wetzlar


Sehr geehrter Herr Präses,
sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender,
lieber Herr Landesbischof Engelhardt,
sehr geehrter Herr Bischof Lehmann,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin heute gerne zu Ihnen gekommen, um Ihnen meine guten Wünsche für Ihre wichtige Arbeit zu überbringen - und vor allem, um der Evangelischen Kirche in Deutschland für ihren Dienst zum Wohle unseres Landes zu danken.

Ihre Amtszeit als Mitglieder der neunten Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat erst vor wenigen Monaten begonnen. Sie haben sich in diesen Monaten auch auf die wichtigen Entscheidungen hier in Wetzlar vorbereitet. Ich wünsche Ihnen für die Beratungen in den kommenden Tagen - und ebenso für die Jahre Ihrer Amtszeit - viel Erfolg.

Auf dieser Tagung werden Sie einen neuen Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland wählen - und auch einen neuen Ratsvorsitzenden. Sie, lieber Herr Landesbischof Engelhardt, werden Ihr Amt in andere Hände übergeben. Ich will deshalb heute gerne die Gelegenheit nutzen, Ihnen ein herzliches Wort des Dankes zu sagen.

Sie haben das Amt des Ratsvorsitzenden in einer schwierigen Zeit, in einer Zeit dramatischer Umbrüche innegehabt. In diesen Jahren haben Sie einen wichtigen Beitrag für die Zukunft der Evangelischen Kirche in Deutschland geleistet. Zugleich haben Sie das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Kirche und Staat mitgestaltet und zum Wohl Ihrer Kirche und zum Wohl unseres Landes gefördert. Wir haben soeben in der Predigt einige Worte zum Verständnis von "Partnerschaft" gehört, die mir sehr gut gefallen haben.

Ich denke gern an viele Begegnungen mit Ihnen zurück: Unsere Zusammenarbeit war geprägt von gegenseitigem Respekt, von Offenheit, von Vertrauen und nicht zuletzt vom gemeinsamen Bemühen um ein gutes Miteinander. Ich danke Ihnen für gute Gespräche. Dies ist keineswegs selbstverständlich in einer Zeit, in der manche das persönliche Gespräch durch andere Formen der Kommunikation ersetzen. Wir hatten die Gelegenheit, oft miteinander zu sprechen - ich hoffe, das bleibt auch so -, und dafür danke ich Ihnen sehr herzlich. Ich wünsche Ihnen weiterhin Glück und Gottes Segen. Ich bin sicher, daß Ihre Stimme in der Evangelischen Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus auch in Zukunft Gewicht haben wird.

Meine Damen und Herren, als Kirchenparlament von fast 29 Millionen evangelischen Christen in unserem Land stellen Sie sich der Herausforderung, die Evangelische Kirche in Deutschland in das 21. Jahrhundert zu führen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß dies eine besonders schwierige und zugleich lohnende Aufgabe ist.

In Deutschland, Europa und der Welt haben sich epochale Veränderungen vollzogen. Die Welt, in der wir heute leben, ist in vielen Bereichen eine andere als noch vor wenigen Jahren. Sie ist noch immer in einem dramatischen Wandel begriffen. Vor diesem Hintergrund blicken viele Menschen wieder stärker auf die Kirchen. Sie suchen dort Halt und Zuversicht.

In gut zwei Jahren beginnt das neue Jahrtausend. Das Jahr 2000 fasziniert viele Menschen, sie verbinden damit den Aufbruch in etwas Neues und Unbekanntes. Aber gleichzeitig wächst bei vielen auch die Lebensangst. Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich ihnen mit einer neuen, existentiellen Dringlichkeit. Wo ein Mangel an Glauben herrscht, gibt es weniger Hoffnung. Und wo Hoffnung schwindet, verbreiten sich Ängste und Unsicherheiten. Das ist ein Preis der Säkularisierung, den auch unsere Gesellschaft zahlt.

Es gibt in unserer Gesellschaft ein tiefes und, wie ich glaube, zunehmendes Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung. Hier liegt eine der großen Aufgaben gerade auch für die Kirchen. Ich sehe dies vor allem als eine große Chance. Gelegentlich habe ich das Gefühl, daß manche in den Kirchen diese Chance zu wenig nutzen, vielleicht sogar gar nicht erkennen, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Die Gefahr ist groß, daß dann andere in diese Lücke stoßen, etwa mit Ideologien, die nicht frei, sondern abhängig machen.

Ich wünsche mir, daß die Menschen ihre Kirche als eine Kraft erleben, die ihnen in dieser Zeit großer Veränderungen Wege weist und Mut macht. Das setzt natürlich voraus, daß die Kirchen selbst Zuversicht ausstrahlen. Ich glaube, der Schlüssel dazu liegt in der unbeirrten Verkündigung des Wortes. Ich freue mich deshalb sehr, daß Sie den Gottesdienst zum inhaltlichen Schwerpunkt Ihrer Tagung gemacht haben. Aus dem Wort Gottes erwachsen Kraft und Hoffnung - nicht aus den apokalyptischen Visionen falscher Propheten.

Im Mittelpunkt unseres christlichen Glaubens steht die Frohe Botschaft. In diesem Geist können und müssen die Kirchen mit darauf hinwirken, daß die Menschen die Herausforderungen unserer Zeit nicht in erster Linie als Risiko, sondern als Chance begreifen. Dies setzt auch - und das fällt gewiß nicht leicht - den Mut zu einer ehrlichen Bestandsaufnahme voraus. Wir Deutschen leben nicht in einer Nische, an der die globalen Veränderungen vorbeigehen. Wenn wir nicht bereit sind, jetzt, an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend, umzudenken und die notwendigen Entscheidungen zu treffen, werden wir keine gute Zukunft haben.

Wir müssen erhalten, was sich bewährt hat - wobei man gewiß darüber streiten kann, was gut gelungen ist und was nicht. Was sich aber nicht bewährt hat, müssen wir verändern, und die Kraft dazu müssen wir jetzt aufbringen und nicht irgendwann später.

Uns stellt sich immer dramatischer die Frage, wie wir im verschärften internationalen Wettbewerb unseren Platz in der Welt bewahren können - und damit Arbeit und soziale Sicherheit für die Menschen in unserem Land. Ich habe mit Sympathie und Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen, was die Kirchen in ihrem Gemeinsamen Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland geschrieben haben. Und ich bin mit Ihnen der Überzeugung: Das "Ja" zum Wettbewerb bedarf stets der Ergänzung durch das "Ja" zum Miteinander und zum Füreinander in unserer Gesellschaft. Wie Freiheit und Verantwortung, so gehören auch Leistung und Gemeinsinn untrennbar zusammen.

Dieses Miteinander und Füreinander muß sich bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ganz besonders bewähren. Für mich - ich denke, für uns alle - bleibt es die größte soziale Ungerechtigkeit, wenn Menschen, die arbeiten wollen, keinen Arbeitsplatz finden. Wenn wir den Arbeitslosen in unserem Land wirklich helfen wollen, dann kommen wir nicht umhin, in vielen Bereichen neue Wege einzuschlagen. Das heißt beispielsweise auch, Kosten zu senken; es geht nicht darum, den Sozialstaat abzubauen, aber Sozialleistungen umzuschichten.

Wer bei jeder notwendigen Reform nur Stoppschilder und Barrieren aufstellt, hilft nicht den arbeitsuchenden Menschen und ihren Familien, sondern fast immer nur bestimmten Interessengruppen.

Wir wollen eine menschliche Gesellschaft im 21. Jahrhundert gestalten - eine Gesellschaft in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit. Wir haben alle Möglichkeiten dazu, wenn wir nur wollen.

Globalisierung heißt ja nicht nur verschärfter Wettbewerb, sondern auch neue Märkte und neue Chancen. Im übrigen - auch das gehört zum Thema Globalisierung - eröffnen sich damit auch neue Perspektiven für die Menschen in den aufstrebenden Ländern Asiens oder Lateinamerikas. Wer es ernst meint mit weltweiter Solidarität, der muß auch diese Entwicklung bedenken und begrüßen.

Chancen, meine Damen und Herren, liegen auch in den revolutionären technologischen Neuerungen unserer Zeit. Sie bilden ein gewaltiges Potential, das wir erschließen müssen, um neue Arbeitsplätze zu schaffen, Hunger, Elend und Krankheit in der Welt zu bekämpfen und die Schöpfung zu bewahren.

Und wenn wir von den Chancen des Wandels sprechen: Nie waren Frieden und Freiheit für die Menschen in unserem Land so sicher wie heute. Wann jemals konnte man einer Generation von jungen Männern in Deutschland sagen, daß sie nach menschlichem Ermessen niemals in einen Krieg wird ziehen müssen?

Unser Vaterland ist in Freiheit wiedervereint. Das kommunistische Imperium ist zerbrochen, der Ost-West-Konflikt überwunden. Ganz Europa wächst zusammen auf der Grundlage der Werte, die maßgeblich im christlichen Glauben begründet sind. Ich kann keinen Grund für Kleinmut und Resignation erkennen.

Wer von uns hätte vor zehn Jahren beispielsweise die Voraussage gewagt, daß schon bald auch im Osten unseres Kontinents die Freiheit der Religionsausübung gewährleistet sein werde? Diese Entwicklung ist für uns alle ein Anlaß zu großer Freude. Um so erbärmlicher ist es für mich, daß heute in Deutschland manche den Religionsunterricht aus den Schulen verdrängen wollen. Ich halte dies für einen großen Skandal, und ich kann nicht verstehen, daß solchen Tendenzen nicht viel häufiger und entschiedener widersprochen wird. Der Angriff auf die religiöse Erziehung unserer Kinder muß uns doch als Christen wie als Staatsbürger alarmieren.

Wir sind auch als Staatsbürger betroffen, weil es hier nicht zuletzt um Grundwerte einer freiheitlichen Demokratie geht. Konfessioneller Religionsunterricht ist kein überholtes Privileg der Kirchen, sondern eine notwendige Aufgabe des säkularen Staates. Darauf haben Sie auf Ihrer Tagung im Mai zu Recht hingewiesen.

Für uns Christen ist der Glaube der eigentliche Ursprung der Verantwortung, die uns in der Welt und für die Welt auferlegt ist. Auch wer die Glaubenslehre der christlichen Kirchen nicht teilt, muß ihre herausragende, ja ihre tragende Rolle für unsere demokratische Ordnung anerkennen.

Religiöse Bildung ist etwas völlig anderes als eine Anhäufung religionskundlichen Wissens oder philosophisch-ethischer Theorien. Junge Menschen müssen auch erfahren können, wie man Glauben lebt. Wer religiöse Toleranz mit religiöser Äquidistanz gleichsetzt, verweigert jungen Menschen eine unentbehrliche Hilfestellung bei ihrer Suche nach Orientierung für ihr eigenes Leben.

Hier geht es um ein Thema, das nach meiner guten Überzeugung für die Zukunft unserer Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist. Ich bin sicher: Wir verfügen in Deutschland über die notwendigen materiellen Voraussetzungen, um unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen - wenn auch nicht über Nacht.

Aber ob wir die Zukunft gewinnen können, ist ganz wesentlich eine Frage nach der geistigen Verfassung unseres Landes. Es geht dabei um die immateriellen Werte, um unser Verständnis von Freiheit, um die Bedeutung von Tugenden, den Stellenwert der Familie. Es geht nicht zuletzt auch um die Kraft des Glaubens und damit immer auch um die Rolle der Kirchen. Deshalb gilt es, jene Institutionen zu stärken, die Werte vermitteln und den Menschen Halt und Orientierung geben können.

Die zentrale Bedeutung der christlichen Botschaft für das Wertefundament unserer Demokratie hat der Rat der Evangelische Kirche in Deutschland in seiner soeben veröffentlichten Erklärung "Über das Verhältnis des demokratischen Rechtsstaates zum Christentum" eindringlich unterstrichen. Ich bin Ihnen sehr dankbar für dieses zukunftsweisende Wort, und ich wünsche mir, daß es möglichst viele, die in unserem Land - an welcher Stelle auch immer - Verantwortung tragen, zur Kenntnis nehmen.

Das gemeinsame Wertefundament zu bewahren, ist der Kern der bewährten Partnerschaft von Kirchen und Staat in der Bundesrepublik Deutschland. Vor allem müssen wir das Bewußtsein für den unauflöslichen Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung stärken. Freiheit ohne Verantwortung - das ist die Erfahrung der Geschichte - führt in neue Formen der Abhängigkeit. Erst in der Verantwortung für unser eigenes Leben, für den Mitmenschen, für die Gemeinschaft und für die Schöpfung ist wirkliche Freiheit erlebbar. Es geht letztlich um unsere Verantwortung vor Gott.

Die Kirchen sind es, die die Frage nach einer den Staat und die Gesellschaft übersteigenden Wirklichkeit, nach der letzten Sinngebung menschlicher Existenz offenhalten. Auf diese Weise erinnern sie zugleich daran, daß irdischer Macht Grenzen gesetzt sind, die diese nicht überschreiten darf. Wer die Fehlbarkeit und Schuldhaftigkeit des Menschen leugnet, läuft Gefahr, an Politik ideologische Heilserwartungen zu knüpfen. Die beste Immunisierung dagegen ist die Stärkung des Glaubens und damit immer auch der christlichen Institutionen.

Meine Damen und Herren, wenn wir uns darum bemühen, unseren christlichen Glauben zu leben, dann müssen wir auch den Auftrag, die Welt mitzugestalten, als Pflicht verstehen. Tun wir also gemeinsam unsere Pflicht. Wir wollen dies tun für die kommenden Generationen, wir wollen eine gute Zukunft gestalten - eine Zukunft des menschlichen Miteinanders in einem vereinten Vaterland, in einem vereinten Europa.

Wir sollten uns gemeinsam dieser Verantwortung stellen, vereint durch unsere christliche Überzeugung und mit der Zuversicht, dem Gottvertrauen und nicht zuletzt dem fröhlichen Herzen, die einem Christen gut anstehen. Ihnen allen wünsche ich fruchtbare und erfolgreiche Beratungen hier in dieser wunderschönen alten Reichsstadt Wetzlar.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 91. 17. November 1997.