15. Juli 1997
Dankesrede anlässlich der Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises in Dillingen an der Donau


Lieber Herr Landrat Dietrich,
Herr Landtagspräsident,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
lieber Bischof Dammertz,

zunächst bedanke ich mich sehr herzlich für den schönen Gottesdienst in der Studienkirche. Mein Dank gilt ganz besonders Ihnen, Bischof Dammertz, Ihren geistlichen Mitbrüdern und allen, die dabei mitgewirkt haben - vor allem auch den Augsburger Domsingknaben, deren wunderbarer Gesang mir große Freude bereitet hat.

Mein besonderer Gruß gilt Bischof Nossol. Ihm und seinen Landsleuten möchte ich angesichts der Flutkatastrophe, die unsere polnischen und tschechischen Nachbarn heimgesucht hat, mein herzliches Mitgefühl ausdrücken. Den Angehörigen all jener, die dabei ums Leben kamen, gilt mein tiefempfundenes Beileid. Ich habe gestern mit dem polnischen Staatspräsidenten und dem Premierminister Polens sehr intensiv darüber beraten, wie wir Deutschen in der Stunde der Not Hilfe leisten können.

Zugleich will ich aber auch meiner Freude Ausdruck verleihen, daß Sie, lieber Bischof Nossol, heute unter uns sind. Sie waren und sind ein Bischof, wie man ihn sich wünscht: Sie waren nie ein "Kirchenfürst"; Sie sind im besten Sinne des Wortes ein Pastor. Sie fragen die Menschen, die zu Ihnen kommen, nicht danach, ob sie deutscher oder polnischer Herkunft sind. Das macht für Sie keinen Unterschied. Wenn beispielsweise ältere Menschen bei Ihnen die Beichte in deutscher Sprache ablegen wollen, dann wissen sie genau, daß sie bei Ihnen ein offenes Ohr finden. Dafür danke ich Ihnen.

Ebenso freue ich mich, daß Alois Mock und seine Frau hier sind. Alois Mock hat sich immer mit vollem Herzen und ganzer Kraft für die Sache Europas eingesetzt. Du, lieber Alois, hast mit Deiner unglaublichen Energie in vielen Fragen der europäischen Einigung ganz dicke Bretter gebohrt - in Österreich und anderswo. Dafür, daß Du immer wieder für die europäische Idee geworben hast, danke ich Dir sehr herzlich.

Meine Damen und Herren, mein Dank gilt schließlich Theo Waigel für seine Laudatio. Wer seine Rede gehört hat, konnte spüren: Hier spricht ein überzeugter Europäer, der nicht nur mit seinem Verstand, sondern auch mit seinem Herzen dabei ist. Dies ist eigentlich auch kein Wunder: Schließlich kommt Theo Waigel aus einer zutiefst europäischen Landschaft, und er hat seine Wurzeln nie verleugnet.

Lieber Theo, herzlichen Dank für Deine freundlichen Worte, aber noch viel mehr für Deine tägliche Arbeit. Bundesfinanzminister zu sein, meine Damen und Herren, ist ja wahrhaftig keine "vergnügungssteuerpflichtige" Beschäftigung. Was immer ein Bundesfinanzminister tut und tun muß - gerade auch in schwieriger Zeit -, stets wird heftig geklagt: Den einen - so heißt es - gibt er zu wenig, den anderen nimmt er angeblich zu viel. Alle, die ihn kritisieren, verweisen selbstverständlich immer auf die Sache der Gerechtigkeit und sprechen niemals vom eigenen Nutzen. Bei allen Freuden, die Dir, lieber Theo, Dein Amt täglich bringen mag - eines will ich vor allem festhalten: Ich bin überzeugt, daß Deine Arbeit für den Bau des Hauses Europa - Du hast zum Beispiel den Stabilitätspakt erwähnt - einen wichtigen Beitrag zur europäischen Entwicklung darstellt.

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich bei der Europäischen St.-Ulrichs-Stiftung für die Verleihung des Preises. Daß ich diese wunderschöne, von Max Faller gestaltete Plakette erhalten habe - ich bin ein Fan von Faller -, freut mich ganz besonders. Ich empfinde den St.-Ulrichs-Preis als persönliche Ermutigung, als Zuspruch von Gleichgesinnten, weiter für die Sache Europas, für die Einheit unseres Kontinents, einzutreten.

Der heilige Ulrich, dessen Todestag sich vor wenigen Tagen jährte, hat mit seinem Lebenswerk Großes für den Frieden in Europa und für die Menschen geleistet. Er hat aufgebaut, wo vorher Zerstörung war. Der Verbreitung des Glaubens galt sein unermüdliches Wirken. Seine tiefe Religiosität, seine Standfestigkeit und sein Mut, vor allem aber seine Liebe zu den Menschen - all dies hat ihn über Grenzen und Zeiten hinweg zu einer großen Gestalt der Europäischen Geschichte werden lassen. Wenn wir heute - im Zeichen historischer Umbrüche - über das Europa der Zukunft nachdenken, dann sollten wir uns dabei auch von solchen Beispielen leiten lassen.

Das vereinte Europa, das wir bauen, soll allen Menschen, die darin wohnen, ein gutes Zuhause sein - es soll ihnen die Chance auf ein Leben in Frieden und Freiheit, in Wohlstand und sozialer Sicherheit geben. Dieses Europa entsteht aber nicht von selbst. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder kluge Leute, die versucht haben, das vereinte Europa sozusagen am Reißbrett zu entwerfen. Es waren intelligente Modelle dabei, aber oft fehlte etwas ganz Entscheidendes: Die Menschen - ihre Sorgen und Probleme, ihre Gedanken und Gefühle - kamen darin nicht vor. Europa ist aber nicht nur eine Sache des Verstandes, sondern auch des Herzens. Es wird allerdings nur dann zur Herzenssache, wenn die Menschen spüren, daß dieses Europa für sie gebaut wird. Der Dienst am Mitmenschen - vor allem auch darum geht es, wenn wir vom Haus Europa reden.

Meine Damen und Herren, wir Europäer sollten uns häufiger auf unsere gemeinsamen Traditionen, auf das Verbindende und die wechselseitigen Einflüsse besinnen. Unser europäisches Erbe ist reich und vielfältig. Ich meine damit nicht nur die Meisterwerke der Literatur, der Musik, der Malerei oder die großartigen Baudenkmäler, wie wir sie auch hier in Dillingen finden. Es geht mir vor allem um den Geist, der diese Kunstwerke prägt und der ihnen ihre Größe und Schönheit über Zeiten und Grenzen hinweg verleiht. In diesem Geist fließen die Philosophie der Antike und des Humanismus ebenso zusammen wie die Rationalität der Aufklärung und vor allem natürlich die prägende Kraft des Christentums.

Das vereinte Europa kann nur entstehen, wenn wir uns auf seinen Ursprung, auf seine christlich-abendländische Tradition besinnen. Lassen wir uns nicht von jenen beirren, die meinen, über den Begriff des "christlichen Abendlandes" spotten zu müssen. Die Werte und Anschauungen, die unser christliches Abendland verkörpert, sind älter als die pseudophilosophischen Denkschulen unserer Zeit und werden auch noch zu einem Zeitpunkt bestehen, diskutiert und gelebt werden, an dem so manche der modernen Weisheiten und Wahrheiten schon lange vergessen sein werden.

Aus dem christlichen Glauben können wir große innere Kraft schöpfen. Er macht Mut, eine menschenwürdige und gerechte Welt zu gestalten. Zugleich lehrt er uns Demut - das heißt, die Einsicht in die eigenen Grenzen. Wer sich selbst nicht für den Mittelpunkt der Welt hält, tut sich leichter, den anderen zu achten und zur Vielfalt als einem Geschenk Gottes ja zu sagen. Christlicher Glauben und christlich geprägte Kultur geben uns Halt und Orientierung bei der gesellschaftlichen und kulturellen Gestaltung unseres Kontinents.

Wir brauchen heute, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, in Europa einen Dialog, der - über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg - gleichsam einen ökumenischen Bogen spannt: von den Klöstern und Kapellen Irlands bis zu den Kirchen und Kathedralen Kiews und Moskaus. Aus dem Bewußtsein für unsere gemeinsamen geschichtlichen und geistigen Ursprünge entstand die europäische Idee. Zu ihr gehört auch ein zeitlos gültiges Wertesystem, mit dem wir eine humane Zukunft gestalten wollen. Es gründet auf der Einzigartigkeit des Menschen, auf der Achtung vor dem Leben, auf der Achtung von Menschenwürde und persönlichen Freiheitsrechten. Die einigende Kraft dieses kulturellen Erbes müssen wir bewahren und an künftige Generationen weitergeben.

Meine Damen und Herren, wir stehen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In wenigen Jahren beginnt ein neues Jahrtausend. Dies wird kein Jahreswechsel wie andere sein. Der Beginn des 21. Jahrhunderts markiert eine Zeitenwende. Das Jahrhundert, auf das wir zurückblicken, war eine Zeit extremer Gegensätze. In zwei Weltkriegen litten unzählige Menschen. Die Blüte der jungen Generation verging in grausamen Bruderkämpfen. Millionen Flüchtlinge und Vertriebene haben ihre Heimat verloren. Totalitäre Ideologien brachten entsetzliches Unheil - auch in deutschem Namen - über Europa und die Welt.

Nach 1945 geschah dann etwas, das manchem auch heute noch wie ein Wunder erscheint. Feinde von einst reichten sich die Hände. Daß nach der Stunde Null der freie Teil unseres Vaterlandes eine solch großartige Entwicklung nehmen konnte wie wir sie erleben durften, hat zahlreiche Gründe. Besonders wichtig war, daß die Generation der Gründerväter und -mütter unserer Republik nach 1945 nicht verzweifelte, daß sie ihr Schicksal mutig in die eigenen Hände nahm. Vergessen wir auch niemals die Unterstützung, die wir erhielten: Vor gut fünfzig Jahren hielt George Marshall seine unvergessene Rede. Die Vereinigten Staaten boten Europa Hilfe beim Wiederaufbau an. Dies war die Initialzündung für den Aufbau Deutschlands.

Für unser Volk, das sich mühsam aus den Trümmern der Vergangenheit befreien mußte, war die Perspektive eines Europas der Verständigung und der Zusammenarbeit wie ein Geschenk der Geschichte. Die Vision der Gründerväter der europäischen Einigung - Adenauer, de Gasperi, Schuman -, die sich von einem vereinten Europa dauerhaften Frieden erhofften, ist in Erfüllung gegangen. Sie haben sich mit ihrer Politik als die eigentlichen Realisten erwiesen.

Konrad Adenauer formulierte bereits 1951 vor der Beratenden Versammlung des Europarates: "Die tieferen und stärkeren Gründe für dieses europäische Vereinigungsstreben sind innere Gründe. Es ist der ursprüngliche Wunsch der europäischen Völker, ihr politisches Schicksal künftig gemeinsam zu gestalten."

Adenauer war Realist genug, um zu wissen, daß es ein schwieriger und weiter Weg von der europäischen Vision zur europäischen Wirklichkeit sein würde. Und doch frage ich mich, warum wir uns heute nicht häufiger ein Beispiel an dieser Haltung nehmen? Viele Frauen und Männer haben damals in auswegloser Situation in Deutschland die Ärmel hochgekrempelt und einen Neubeginn möglich gemacht.

Weitsicht und Geduld, daß waren die Voraussetzungen für die Erfolgsgeschichte der europäischen Integration - und dies gilt auch heute im Blick auf die Zukunft. Für den Bau des Hauses Europa gibt es viele überzeugende Argumente. Für mich ist entscheidend, daß wir auch im 21. Jahrhundert in Europa in Frieden und Freiheit zusammenleben und nie wieder in die Zeit der Barbarei zurückfallen, die wir hinter uns gelassen haben.

Wir alle brauchen das vereinte Europa, denn wir wollen kein Zurück in den Nationalstaat alter, längst überholter Prägung. Er kann die großen Herausforderungen von morgen nicht lösen. Allein können die europäischen Nationen in einer Welt internationaler Märkte und wirtschaftlicher Verflechtung nicht erfolgreich sein.

Allein werden wir auch die uns von Gott anvertraute Schöpfung auf Dauer nicht bewahren können. Dies aber sind wir unseren Kindern und Kindeskindern schuldig. Auf dem Weg hierher zum Festsaal bin ich vielen Schulkindern und Jugendlichen begegnet. Werden diese jungen Menschen, wird ihre Generation uns eines Tages fragen müssen, ob wir eigentlich nicht erkannt haben, was es bedeutet, wenn weltweit jährlich elf Millionen Hektar Regenwald gerodet werden? Werden wir uns fragen lassen müssen, warum wir nicht genug gegen die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen getan haben? Ich hoffe dies nicht: Es gilt, daß wir unserer Verantwortung für die Schöpfung gerecht werden. Gemeinsam müssen wir - überall in der Welt und vor allem auch wir Europäer - dafür sorgen, daß auch spätere Generationen am Schatz der Natur genauso teilhaben können wie wir.

Meine Damen und Herren, die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Aber wir dürfen die Unterschiede nicht als trennende Gegensätze verstehen, sondern als Reichtum, der uns allen zugute kommt. Einheit in Vielfalt ist unsere Vision von Europa. In beidem liegt ja das Geheimnis der Kraft Europas. Aus diesem Spannungsverhältnis können wir ein friedliches, freies und lebendiges Miteinander schaffen.

Von Romano Guardini stammt ein Gedanke, der - wie ich finde - auch unsere heutige Lage gut beschreibt: "Unser Platz ist im Werdenden. Wir sollen uns hineinstellen, jeder an seinem Ort. ... Unsere Zeit ist uns gegeben als Boden, auf dem wir stehen, und als Aufgabe, die wir bewältigen sollen." Ich denke, so ähnlich hat es wohl auch vor tausend Jahren der heilige Ulrich empfunden. Lassen Sie uns in diesem Sinne gemeinsam für eine gute Zukunft Europas arbeiten - im Bewußtsein unserer bewährten Traditionen und im Geist christlicher Verantwortung!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 67. 8. August 1997.