23. Juni 1997
Rede anlässlich der Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen "Fünf Jahre nach Rio" in New York


Herr Präsident,
Herr Generalsekretär,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

am Ende dieses Jahrhunderts bieten sich der Menschheit epochale Chancen, von denen wir noch vor kurzem nicht zu träumen wagten. Das Ende des Ost-West-Konflikts hat uns dem Frieden in der Welt ein großes Stück näher gebracht. Gleichzeitig ist weltweit das Bewußtsein dafür gewachsen, daß die Bewahrung der Schöpfung ebenso zu den großen Aufgaben der Völkergemeinschaft gehört wie die Sicherung des Friedens.

Auf dem Weg zu einer globalen Umweltpartnerschaft im 21. Jahrhundert war die Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro richtungsweisend. Manches wurde seither erreicht. Wahr ist aber auch, daß wir bis heute noch keine Umkehr der globalen Umweltbelastung erreichen konnten.

Die Schicksalsfrage lautet: Wie können wir die natürlichen Lebensgrundlagen für eine wachsende Weltbevölkerung dauerhaft erhalten? Angesichts knapper werdender Trinkwasserreserven, angesichts der Klimaveränderungen und der Ausbreitung der Wüsten stellt sich diese Frage mit zunehmender Dringlichkeit. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Wenn wir uns der Herausforderung nicht stellen, werden Auseinandersetzungen um natürliche Ressourcen immer wahrscheinlicher. Schon heute müssen viele Menschen ihre Heimat verlassen, weil dort die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört sind.

Es gibt aber auch Entwicklungen, die Hoffnung machen:

Wir verfügen heute über das Wissen und die Mittel, um die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit dauerhaft zu schützen. Wir können zum Beispiel durch Solarenergie und einen effektiven Energieeinsatz praktischen Klimaschutz betreiben.

Gültig bleibt die Botschaft von Rio 1992, Umwelt und Entwicklung als Teile eines Ganzen zu betrachten und nach dieser Erkenntnis auch zu handeln. Auf der Suche nach Nahrung, Energie und Wohnung verbrauchen immer mehr Menschen natürliche Ressourcen schneller, als diese sich erneuern. Auch deshalb müssen wir die Armut in den Entwicklungsländern bekämpfen. Hier bleiben die Industrieländer aufgefordert, mit wirtschaftlichen Hilfen und moderner Technik einen Beitrag zu leisten. Dazu gehört auch, daß die Entwicklungsländer im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst die Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung schaffen.

Die Industrie- und Schwellenländer müssen dafür sorgen, daß ihr eigenes wirtschaftliches Wachstum nicht mit einer Zunahme der Umweltbelastungen einhergeht. Zahlreiche Beispiele belegen, daß eine Natur und Umwelt schonende Entwicklung der Wirtschaft keineswegs schadet, sondern ihr neue Impulse geben kann.

Fünf Jahre nach Rio müssen hier in New York die Weichen für substantielle Fortschritte gestellt werden. Auf folgenden zentralen Handlungsfeldern sehe ich die Notwendigkeit und die Chance, einen wichtigen Schritt voranzukommen:

Erstens: Auf der Berliner Klimakonferenz im April 1995 wurde das Fundament für eine weltweite Vereinbarung zum Schutz des Klimas geschaffen. Die Sondergeneralversammlung sollte die Klimakonferenz Ende dieses Jahres in Kyoto auffordern, international eine deutliche Verminderung der Emission von Treibhausgasen zu vereinbaren. Die Industrieländer sollten sich dem erklärten Ziel der Europäischen Union anschließen, bis zum Jahre 2010 die Emissionen wichtiger Treibhausgase um 15 Prozent zu vermindern.

Zweitens: Die Zerstörung der Wälder, insbesondere der lebenswichtigen tropischen Regenwälder, geht weiter. Deshalb brauchen wir international verbindliche Vereinbarungen, die den Schutz und die schonende Nutzung der Wälder regeln.

Drittens: Globaler Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung brauchen bei den Vereinten Nationen eine klare und laut vernehmbare Stimme. Ich halte es daher für wichtig, kurzfristig die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Umweltorganisationen nachdrücklich zu verbessern. Mittelfristig sollte dies in die Gründung einer globalen Dachorganisation für Umweltfragen münden, die sich auf das Umweltprogramm der Vereinten Nationen als einen ihrer Hauptpfeiler stützt.

Viertens: Das Ziel einer weltumspannenden Umweltpartnerschaft im kommenden Jahrhundert sollte auch in der Charta der Vereinten Nationen zum Ausdruck kommen.

Meine Damen und Herren, häufig haben in der Vergangenheit Gegensätze zwischen Nord und Süd die Diskussion über den globalen Umweltschutz geprägt und Fortschritte erschwert.

Daher habe ich mich zusammen mit Staatspräsident Cardoso aus Brasilien, dem südafrikanischen Vizepräsidenten Mbeki und Premierminister Chok Tong aus Singapur zu einer gemeinsamen Initiative entschlossen. Sie soll beispielhaft für die genannten Themenfelder aufzeigen, daß Nord und Süd bei dieser Schicksalsfrage der Menschheit gemeinsam vorgehen können. Wir möchten mit unserem persönlichen Engagement dem weltweiten Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und dem Gedanken der nachhaltigen Entwicklung einen zusätzlichen Anstoß geben und damit zum Erfolg dieser Sondergeneralversammlung beitragen.

Fünf Jahre nach Rio und zwei Jahre nach Berlin richten heute überall in der Welt die Menschen hoffnungsvoll ihren Blick nach New York. Sie warten darauf, daß von hier aus erneut ein klares Signal des Aufbruchs für den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen ausgeht. Stellen wir uns dieser Herausforderung, helfen wir alle mit, daß diese Sondergeneralversammlung die Weichen stellt für den Frieden zwischen Mensch und Natur im 21. Jahrhundert.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 56. 3. Juli 1997.