28. Oktober 1996
Rede anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der indonesischen Ingenieursvereinigung durch Präsident Soeharto in Jakarta


Sehr geehrter Herr Präsident,

sehr geehrter Professor Dr. Habibie,

sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Freude nehme ich heute die Ehrenmitgliedschaft in der indonesischen Ingenieursvereinigung entgegen. Ihnen, Herr Professor Dr. Habibie, danke ich für die freundlichen Worte, die Sie dabei für mich gefunden haben.

Ich habe ja nicht Ingenieurwissenschaften studiert. Deswegen ist diese Auszeichnung eine besondere Ehre für mich. Manchmal komme ich mir in meiner Tätigkeit aber wie ein Ingenieur vor! Ich werte diese Ehrenmitgliedschaft auch als eine Auszeichnung der Freundschaft zwischen unseren Völkern.

Ich weiß, welchen großen Beitrag die in der indonesischen Ingenieursvereinigung zusammengeschlossenen Wissenschaftler und Techniker in den vergangenen Jahrzehnten zur Entwicklung Ihres Landes geleistet haben. Heute gehört Ihr Land zu den dynamischen Staaten der Weltwirtschaft. Wir Deutsche schauen mit Respekt und Anerkennung auf dieses einzigartige Aufbauwerk.

Stabile Rahmenbedingungen, ein konstant hohes Wirtschaftswachstum sowie beeindruckende Erfolge in Bildung und Wissenschaft haben Indonesien zu einem Schlüsselland in der südostasiatischen Region werden lassen. Damit verbunden ist eine vorausschauende, auf regionale und globale Integration sowie gute Nachbarschaft abzielende Außenpolitik.

Die indonesischen Leistungen in Forschung und Entwicklung werden bereits heute weltweit anerkannt. Dies gilt auch für die Entwicklung einer leistungsfähigen Werft- und Flugzeugindustrie sowie für den Aufbau einer modernen Telekommunikations-Infrastruktur auf Satellitenbasis. Auch die Sicherstellung einer wirtschaftlich effektiven und umweltverträglichen Energieversorgung muß hier genannt werden.

Die Entwicklung des ersten indonesischen Mittelstreckenflugzeuges legt von diesen Forschungs- und Entwicklungsleistungen beredtes Zeugnis ab. Ich gratuliere Ihnen, Professor Dr. Habibie, und Ihren Mitarbeitern zu dieser ingenieurwissenschaftlichen Spitzenleistung.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, wenige Jahre vor der Jahrtausendwende stehen Indonesien und Deutschland vor der großen Aufgabe, sich politisch, wirtschaftlich und geistig auf die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts vorzubereiten.

Die Ereignisse der Jahre 1989/1990 haben nicht nur in Europa, sondern auch in der ganzen Welt neue Entwicklungen eingeleitet. Eine sich weltweit immer stärker durchsetzende offene Informationsgesellschaft und die Globalisierung der Märkte werden die Völker und Länder noch schneller zusammenwachsen lassen.

Es gilt, die Chancen dieser Entwicklung zu erkennen und eine zukunftsgerichtete Politik zum gemeinsamen Nutzen unserer Völker zu gestalten. Dabei können wir uns auf ein über die Jahrzehnte gewachsenes Geflecht persönlicher Verbindungen und Kontakte stützen.

Wir brauchen aber auch Initiativen, um das bereits Erreichte fortzuführen und das Bewußtsein für die gemeinsam zu nutzenden Chancen in unseren Gesellschaften zu stärken. Die Bundesregierung hat dazu mit der Verabschiedung ihres Asien-Konzepts vor nunmehr drei Jahren ein klares Zeichen gesetzt.

Die deutsche Wirtschaft ist mit der Gründung des Asien-Pazifik-Ausschusses gefolgt. Sie weiß die Dynamik der asiatischen Märkte richtig einzuschätzen. Der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses ist heute zusammen mit vielen führenden Vertretern der deutschen Industrie Mitglied meiner Delegation. Die Regierungen können dabei nur die allgemeinen Rahmenbedingungen setzen. Sie müssen dann durch die Privatwirtschaft, die Unternehmen, mit konkretem Leben erfüllt werden.

In unserem Verhältnis zu Indonesien sind wir auf diesem Wege bereits ein gutes Stück vorangekommen. Mit der Gründung des "Deutsch-Indonesischen Forums für Wirtschaft und Technologie" haben wir ein Gremium geschaffen, um die weitere wirtschaftliche und technologische Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern strategisch zu planen und zu koordinieren. Die Ergebnisse der zweiten Tagung des Forums, die wir soeben entgegengenommen haben, unterstreichen dies in eindrucksvoller Weise.

Neben der weiteren strategischen Planung bleibt es wichtig, vor allem auch kleinere und mittelständische Unternehmen in die Weiterentwicklung unserer wirtschaftlichen Zusammenarbeit einzubeziehen. Ihr Besuch im vergangenen Jahr, Herr Präsident, sowie die Präsentation Indonesiens als Partnerland der letztjährigen Hannover-Messe, haben hierfür wichtige Anstöße gegeben.

Auch kleinere und mittlere Unternehmen sind in besonderer Weise auf praktische Unterstützung angewiesen, wenn sie auf Auslandsmärkten Fuß fassen wollen. Durch das Engagement der deutschen Industrie soll hier bei Ihnen vor den Toren Jakartas jetzt ein deutsches Industrie- und Handelszentrum ("Deutsches Haus") geschaffen werden. Es soll dazu beitragen, den Marktzugang insbesondere für mittelständische Unternehmen in Indonesien zu erleichtern. Ich bin zuversichtlich, daß es mit diesen Initiativen gelingen wird, unseren bereits gut entwickelten wirtschaftlichen Beziehungen neue Impulse zu verleihen.

Unser Handelsaustausch bewegt sich bereits auf einem erfreulichen Niveau. Unsere wechselseitigen Direkt-Investitionen haben deutlich zugenommen. Aber wir sollten uns nicht mit dem Erreichten zufriedengeben. Vor uns liegen gemeinsame neue Herausforderungen. Ich nenne Zukunftstechnologien wie Biotechnologie, Umwelttechnik, Verkehrstechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologie und die moderne Energietechnik. Sie eröffnen der wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technologischen Kooperation zusätzliche Chancen.

Weitere Kooperationsmöglichkeiten sehe ich in der Entwicklung der Infrastruktur und der Rohstoffvorhaben Ihres Landes. Ich nenne ferner die Pläne für die Regionalflughäfen, den Ausbau des Schienenverkehrs, die Energieversorgung, die Telekommunikation, die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrt sowie die Pläne zum Bau eines bedarfsgerechten Nahverkehrssystems für Jakarta.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang meinen besonderen Dank an Staatsminister Professor Dr. Habibie aussprechen. Er hat mit seinem Engagement und seiner Initiativkraft viel dazu beigetragen, daß sich die deutsch-indonesischen Beziehungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie in den vergangenen Jahren so kraftvoll entwickeln konnten. Ihr Lebenslauf, Professor Habibie, kann als Muster für die vielen Indonesier gelten, die in den vergangenen Jahrzehnten zur Ausbildung nach Deutschland gekommen sind, um anschließend in ihr Land zurückzukehren und ihren Beitrag zur Entwicklung Indonesiens zu leisten.

Leider ist die Zahl junger Indonesier, die zu einem Studium nach Deutschland kommen, seit einigen Jahren rückläufig. Ich betrachte es als eine wichtige Aufgabe der deutschen wie der indonesischen Politik, diesen für unsere gemeinsame Zukunft nicht befriedigenden Trend in den nächsten Jahren wieder umzukehren. Wir sind daher bestrebt, das Studium in Deutschland auch für indonesische Studierende wieder attraktiver zu machen. Ich würde mich freuen, wenn auch die indonesische Seite durch eine stärkere Förderung des Deutschunterrichts an indonesischen Schulen ihrerseits etwas dazu beitragen könnte, junge indonesische Intellektuelle wieder vermehrt für ein Studium in Deutschland zu interessieren. Wir werden dabei vor allem über die Goethe-Institute die Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache unterstützen.

In unserer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit hat sich neben den Projekten zur Armutsbekämpfung in den vergangenen Jahren die berufliche Bildung zu einem neuen Schwerpunkt herausgebildet. Indonesien hat die grundlegende Entscheidung getroffen, eine sich am deutschen dualen Berufsbildungssystem orientierende Reform der beruflichen Ausbildung einzuleiten. Es hat damit die Konsequenzen aus der dramatischen wirtschaftlichen Entwicklung gezogen, in der eine bessere Qualifikation der Arbeitskräfte als Voraussetzung für weiteres Wachstum und für ein erfolgreiches Bestehen auf den industriellen Weltmärkten unvermeidlich geworden ist. Wir sind bereit, unsere Erfahrungen auf dem Gebiet der beruflichen Bildung unseren indonesischen Freunden umfassend zur Verfügung zu stellen und ihnen bei der Bewältigung dieser großen Aufgabe im Rahmen unserer Möglichkeiten zur Seite zu stehen.

Meine Damen und Herren, jenseits der Fortentwicklung unseres bilateralen Verhältnisses beschreiben die Begriffe "Regionalisierung" und "Globalisierung" sowie Frieden und Freiheit die großen Herausforderungen für die Politik in den nächsten Jahren. Indonesien hat mit seinem Engagement innerhalb der ASEAN-Gemeinschaft, aber auch innerhalb der asiatisch-pazifischen Wirtschaftszusammenarbeit - APEC - maßgeblich an der Gestaltung der regionalen Zusammenarbeit im asiatisch-pazifischen Raum mitgewirkt.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die Erklärung von Bogor aus dem Jahre 1994, die die APEC-Agenda für die nächsten Jahre bestimmen wird. Seinen Vorsitz innerhalb der Blockfreienbewegung hat Indonesien genutzt, um durch konstruktive Beiträge zum Nord-Süd-Dialog und anderen globalen Themen bleibende Maßstäbe zu setzen. Ihr Land, Herr Präsident, hat sich damit internationales Vertrauen erworben. Ausdruck dessen war unter anderem die Wahl Indonesiens in den Weltsicherheitsrat für die Jahre 1995/96.

Meine Damen und Herren, ich habe versucht, einige der Aufgaben zu umreißen, die wir, Indonesier und Deutsche, in den kommenden Jahren lösen müssen und wie wir dabei zusammenarbeiten könnten. Die politischen Führungen werden sich in den vor uns liegenden Jahren auch daran messen lassen müssen, wie sie es schaffen, die Herausforderungen sozial ausgewogen und demokratisch zu gestalten.

Dabei kommt der Respektierung der von uns allen als verbindlich anerkannten Grund- und Menschenrechte zentrale Bedeutung zu. Über Auffassungsunterschiede in diesen Wertfragen sollten wir offen unter Freunden miteinander sprechen. Den Religionsgemeinschaften kommt dabei eine besondere Verantwortung zu.

Trotz Internet und Globalisierung leben wir in unterschiedlichen Kulturen mit eigenen Traditionen und Werten. Unser Verhältnis muß durch gegenseitigen Respekt und Achtung sowie die Bereitschaft, voneinander lernen zu wollen, bestimmt sein. Dabei sollten wir das Wohl der Menschen und die Erhaltung der Schöpfung vorrangig im Auge behalten. Dies ist eine der großen Ingenieurleistungen, die wir noch vor uns haben. Ich bin überzeugt davon, daß wir sie gemeinsam lösen können.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 95. 25. November 1996.