2. Oktober 1996
Ansprache bei dem offiziellen Abendessen, gegeben vom Premierminister von Irland, John Bruton, in Dublin Castle


Herr Ministerpräsident,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen - auch im Namen meiner Frau - für diesen überaus freundlichen Empfang. Ich habe heute hier in Dublin freundschaftliche und gute Gespräche führen können. Es war für mich eine große Ehre und Freude, vor den Abgeordneten des irischen Parlaments sprechen zu dürfen.

Morgen, am 3. Oktober, ist unser Nationalfeiertag. Er steht für jenen 3. Oktober 1990, an dem wir Deutschen unsere Einheit wiedererlangt haben. Ich bin in diesen Tagen gefragt worden, warum ich an diesem Tag nicht in Deutschland sei, sondern in Dublin. Ich denke, hierher zu kommen war gut und richtig. Es ist immer gut, nach Dublin zu kommen. Aber dieser Besuch hat einen besonderen Grund: Ich wollte an diesem Tag Danke sagen. Denn die Deutsche Einheit ist nicht vom Himmel gefallen. Wir haben sie mit Gottes Hilfe erreicht. Aber sie wurde auch möglich durch die Hilfe unserer Freunde und Partner. Sie, unsere irischen Freunde, haben uns geholfen.

Vor ein paar Tagen haben wir auf die große Rede von Winston Churchill 1946 in Zürich zurückgeblickt. Ich war damals 16 Jahre alt. Diese Rede war ein Fanal für viele von uns in Deutschland. Sie war ein Zeichen für uns Deutsche, in dieser katastrophalen Lage unseres Volkes nach vorne zu schauen, Europa zu bauen.

Auch damals haben uns die Iren geholfen. Sie haben deutsche Kinder in ihr Land eingeladen, um sie vor Hunger und Elend zu bewahren. Das haben wir nicht vergessen! Ein von mir sehr verehrter deutscher Philosoph und Theologe dieses Jahrhunderts ist Romano Guardini. Von ihm habe ich folgenden Satz gelernt: "Erinnerung ist die Dankbarkeit des Herzens."

Meine Damen und Herren, wir Deutsche haben das Geschenk der Deutschen Einheit mit der Zustimmung aller unserer Nachbarn erhalten. Das hat es in der Geschichte der Deutschen noch nie gegeben. Schon seit Adenauers Zeit haben wir begriffen, daß Deutsche Einheit und europäische Einigung zwei Seiten derselben Medaille sind. Wir wissen nach den bitteren Erfahrungen dieses Jahrhunderts, daß es kein Zurück zum nationalstaatlichen Denken alter Art geben kann.

Der Taoiseach sprach eben in seiner Ansprache von den Millionen Opfern von Krieg und Gewalt in diesem Jahrhundert. Wir wollen nie wieder in diese Zeit der Barbarei zurück. Wir wollen jetzt gemeinsam das Haus Europa bauen - stabil, wetterfest und mit vielen Wohnungen, damit alle Völker Europas, die dies wollen und können, dort ihre Heimstatt finden - und mit einem Dauerwohnrecht für unsere amerikanischen Freunde. Das Wichtigste ist, daß wir uns auf eine Hausordnung verständigen, die für alle gilt, egal wie groß die Länder sind und wie stark ihre Wirtschaftskraft ist. Das Entscheidende ist, daß Meinungsverschiedenheiten, die es immer geben wird, im 21. Jahrhundert "im Haus" ausgetragen werden und niemals wieder "auf der Straße" - das heißt mit Gewalt.

Manche wollen es nicht verstehen, aber für mich ist das Wichtigste beim Bau des Hauses Europa, daß wir in den nächsten Generationen Frieden und Freiheit in Europa haben. François Mitterrand hat in seiner letzten beinahe testamentarischen Rede vor dem Europaparlament sinngemäß gesagt: Eine Rückkehr zum Nationalstaat alter Prägung, das ist Krieg. Er hat Recht!

Unsere gemeinsamen Vorhaben sind wichtig für eine gute Zukunft Europas. Ich meine damit die Wirtschafts- und Währungsunion, die Einführung des Euros, den Kampf gegen die organisierte Kriminalität, die internationale Drogenmafia, die Schaffung eines gemeinsamen Europa-Rechts, vor allem auch die Schaffung neuer Arbeitsplätze und den Erhalt der Schöpfung im Blick auf kommende Generationen. Das Wichtigste bleibt bei alledem aber der Friede und die Freiheit. Niemand soll glauben, daß diese beiden Werte jetzt automatisch und für alle Zukunft gesichert seien.

Niemand von uns hätte vor fünf Jahren geglaubt, daß wir solche Bilder wie aus dem früheren Jugoslawien jemals in Europa wiedersehen würden. Deswegen lassen Sie uns diesen Weg gemeinsam gehen. Bauen wir jetzt dieses Haus - Tag für Tag bei dem Gipfeltreffen hier in Dublin und bei vielen anderen Besprechungen. Und haben wir Geduld dabei! Man kann nicht erwarten, daß sich alles quasi über Nacht verwirklichen läßt.

Meine Damen und Herren, über Jahrhunderte haben die Menschen auf unserem Kontinent sich bekämpft, sich gegenseitig Tod und Leid gebracht. In meiner Heimat - der Pfalz - gab es fast in jeder Generation Krieg zwischen Deutschen und Franzosen. Städte und Dörfer wurde mit furchtbarer Regelmäßigkeit verwüstet und zerstört. In jeder dritten deutschen Familie ist in einem der beiden Weltkriege einer als Soldat auf dem Feld geblieben - auch in meiner Familie. Weit über zwölf Millionen Deutsche wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge.

Wir wollen all dies nicht mehr erleben - weder wir noch kommende Generationen. Wir wollen, daß die Kinder, die heute in Berlin, Bonn oder in Dublin geboren werden und die ihr Leben weit in das 21. Jahrhundert hineinführen wird, in Frieden und in Freiheit leben können in einer Welt, in der nie wieder Menschen aus ihrer Heimat fortgehen müssen. Darum wollen wir Europa einen.

Die Iren sind schon aus ihrer Geschichte "Europäer aus Überzeugung". Iren sind über das Meer nach Deutschland gekommen. Sie waren die Boten des Christentums. Der Heilige Kilian ist der Apostel von Würzburg und Franken und wird heute noch dort in der Heimat meines Vaters verehrt. Irland hat unermeßlich viel zum kulturellen Reichtum Europas beigetragen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns - Iren und Deutsche - vorangehen. In vier Jahren beginnt ein neues Jahrtausend. Wir müssen große Herausforderungen meistern, aber wir haben so gute Chancen auf eine gute Zukunft in Europa wie nie zuvor. Ich möchte Sie bitten, mitzutun mit allen in Europa und auch mit Ihren deutschen Freunden. Wir als Deutsche gehen diesen Weg gerne mit Ihnen. Auf die Freundschaft zwischen unseren Völkern, auf eine gute Zukunft, auf ein vereintes Europa!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 85. 28. Oktober 1996.