2. Oktober 1996
Rede vor den Mitgliedern der beiden Häuser des Nationalen Parlaments von Irland in Dublin


Herr Präsident des Abgeordnetenhauses,

Herr Präsident des Senats,

sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete und Senatoren,

Exzellenzen,

meine Damen und Herren!

Verehrter Herr Präsident, erlauben Sie mir zunächst eine kleine Anmerkung zu Ihren so überaus freundlichen Worten der Begrüßung: Ihre Einordnung meiner Person in die Geschichte ehrt mich sehr. Ich für meinen Teil fühle mich eigentlich noch sehr gut und auch noch nicht reif für die Geschichtsbücher. Das sollten wir der Geschichtsschreibung überlassen.

Das meine ich jetzt sehr ernst: Wer Politiker ist - wie die meisten hier im Saal - und ein langes politisches Leben hinter sich hat, wer wie ich 37 Jahre Abgeordneter ist und das Auf und Ab des parlamentarischen Lebens erlebt hat, dem rate ich, wie mir selbst auch, sich an einem Satz zu orientieren, den der von mir sehr verehrte Papst Johannes XXIII. einmal in bezug auf sich selbst gesagt hat: Giovanni, nimm Dich nicht so ernst! Dies ist ein guter Leitspruch, den wir alle beherzigen sollten.

Für Ihre freundliche Begrüßung danke ich Ihnen noch einmal von Herzen. Die Einladung, heute im irischen Parlament zu sprechen, ist eine große Freude und hohe Ehre für mich. Ich möchte für die Freundschaft und Verbundenheit danken, die wir Deutschen spüren, wenn wir in Ihr wunderschönes Land kommen oder wenn die Menschen unserer beiden Völker einander begegnen.

Meine Damen und Herren, Präsidentin Robinson und ich haben gestern gemeinsam mit dem irischen Nobelpreisträger Seamus Heaney die Frankfurter Buchmesse eröffnet, die größte Buchmesse der Welt. Dort steht in diesem Jahr "Irland" im Mittelpunkt. Auch darin äußert sich das besondere Interesse, das Irland in meinem Land findet. Zum kulturellen Schatz Europas gehören die irischen Schriftsteller, Bardendichtungen und Balladen.

Ihr Land hat wie kaum ein anderes Autoren von Weltrang hervorgebracht, Größen der Literatur wie Sean O'Casey, James Joyce und Samuel Beckett. Wir bewundern die Kraft der irischen Poesie, William Butler Yeats zum Beispiel, der in einem berühmten Gedicht das Wort von der "Furchtbaren Schönheit" geprägt hat. George Bernard Shaw hat einmal geschrieben, es sei vor allem die Verantwortung für die Zukunft, die weise mache. Das ist ein guter Satz für uns Europäer am Ende dieses Jahrhunderts - vier Jahre vor der Jahrtausendwende.

Das Bewußtsein von Gemeinsamkeit und gemeinsamer Verantwortung entsteht auch aus der Erinnerung an die leidvollen Kapitel der Geschichte. Wer wüßte nicht, wie viele Ihrer Landsleute sich gezwungen sahen, ihre Heimat, ihr Vaterland zu verlassen. Kaum ein anderes Land hat einen solchen Verlust hinnehmen müssen. Heute stehen wir gemeinsam in der Pflicht, dafür zu sorgen, daß nie wieder Menschen aus ihrer Heimat fortgehen müssen. Lassen Sie uns ein Europa schaffen, in dem unsere Kinder und kommende Generationen in Frieden, in Freiheit, in sozialer Gerechtigkeit und im Wohlstand aufwachsen können.

Wir Deutschen hoffen inständig und von ganzem Herzen, daß alle Bemühungen um Verständigung in Nordirland trotz aller Schwierigkeiten einen guten Fortgang und endlich auch ein gutes Ende nehmen. Es geht um Frieden, es geht um Menschenwürde - Werte, für die schon Daniel O'Connell gewaltlos eingetreten ist.

Meine Damen und Herren, ich möchte diese Gelegenheit wahrnehmen, um unseren irischen Freunden und Partnern - Ihnen allen und allen Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes - Dank zu sagen. Wahre Freundschaft und menschliche Größe zeigen sich - so sagt man - ja oft erst in der Not. Unsere irischen Freunde haben uns in den bitteren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg geholfen. Damals war Deutschland ein zerstörtes Land. Es herrschten Hunger und Elend. Über zwölf Millionen Flüchtlinge waren auf der Suche nach einer neuen Heimat. In dieser für unser Land so schwierigen Zeit haben die Menschen hier - aller materiellen Knappheit zum Trotz - ganz selbstverständlich geholfen. Viele deutsche Kinder wurden damals hier aufgenommen. Sie wurden vor dem Hunger bewahrt.

Das irische Volk spendete damals - pro Kopf der Bevölkerung - mehr als jedes andere auf der Welt, um die Not in Deutschland lindern zu helfen. Wir haben dies nicht vergessen. Wir Deutschen erinnern uns daran, wieviele Menschen - hier und in aller Welt - uns damals geholfen haben.

Morgen, am 3. Oktober 1996, feiern wir Deutschen den sechsten Jahrestag der Deutschen Einheit. Für uns war dies einer der glücklichsten Augenblicke in unserer Geschichte - ein Geschenk für alle Deutschen. Deutschland wurde vereint - in Frieden und Freiheit und mit der Zustimmung all seiner Nachbarn, Partner und Freunde in Europa und in der Welt. Das hatte es zuvor noch nie gegeben. Irland, das irische Volk hat sich damals für und mit uns gefreut. Es hat Deutschland von Anfang an und rückhaltlos auf seinem Weg zur Einheit unterstützt.

Ich werde nie vergessen, wie in einer dramatischen Sitzung der Europäischen Gemeinschaft damals im Dezember 1989 der irische Ministerpräsident - gemeinsam mit anderen - uns Deutsche und auch mich unterstützt hat. Während seiner EG-Präsidentschaft im ersten Halbjahr 1990 hat Irland entscheidend dazu beigetragen, daß das Gebiet der damaligen DDR - heute sind es die neuen Länder - reibungslos in die Europäische Gemeinschaft integriert werden konnte.

Heute - sechs Jahre später - sind wir Deutsche bei der Vollendung der inneren Einheit unseres Vaterlandes ein gutes Stück vorangekommen. Natürlich haben wir noch große Probleme. Die Teilung des Kontinents in Ost und West hat tiefe Spuren auch bei uns hinterlassen. Wir Deutschen waren vier Jahrzehnte lang durch Mauer und Stacheldraht voneinander getrennt. Beim Neuaufbau des demokratischen Lebens in der früheren DDR haben wir einen langen Weg beschritten. Wir haben im materiellen Bereich bereits gewaltige Fortschritte gemacht. Im immateriellen Bereich haben wir aber zu spüren bekommen, wie sehr wir uns in diesen über vier Jahrzehnten auseinandergelebt haben.

Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: Man hat in Leipzig im März 1990 in der damaligen DDR zum ersten Mal seit langer Zeit wieder frei wählen können. Die letzte wirklich freie Wahl in diesem Teil Deutschlands war im November 1932. Man mußte damals mindestens 21 Jahre alt sein, um wählen zu können. Die Jungwähler von 1932 mußten also warten bis sie über 80 Jahre waren, um wieder an einer freien Wahl teilnehmen zu können. Vieles wird noch Zeit brauchen. Manches muß noch zusammenwachsen, aber mit Zuversicht und vor allem Geduld werden wir es schaffen.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, Konrad Adenauer hat einmal davon gesprochen, daß deutsche Einheit und europäische Einigung wie zwei Seiten derselben Medaille seien. Dieser Satz ist und bleibt Leitlinie der deutschen Politik. Wenn wir Europäer heute vom Bau des gemeinsamen Hauses Europa sprechen, dann blicken wir am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Krieg und menschliches Leid gesehen hat, auf eine beispiellose Erfolgsgeschichte zurück. Aus ehemaliger Feindschaft wurde durch die europäische Integration Verständigung, Zusammenarbeit und schließlich Freundschaft. Frieden und Freiheit, Demokratie und Menschenrechte und nicht zuletzt Stabilität und Wohlstand sind die Grundlagen, auf denen das neue Europa nach dem Krieg aufgebaut wurde und das wir jetzt endgültig einen wollen.

Irland war uns stets ein verläßlicher und guter Freund. Seit seinem Beitritt zur EG im Jahre 1973 hat diese Freundschaft eine besondere Qualität erhalten. Die Iren waren und sind "Europäer aus Überzeugung". In zwei Referenden haben die Menschen hier diese Überzeugung mit überwältigenden Mehrheiten zum Ausdruck gebracht. Irland hat zugleich einen wichtigen Anteil daran, daß wir auf dem Weg zur europäischen Einigung so weit vorangekommen sind. Die irischen Präsidentschaften in der Gemeinschaft haben dabei immer wieder wichtige Akzente gesetzt. In besonderer Erinnerung ist mir der EG-Sondergipfel 1990 hier in Dublin geblieben. Hier wurden die Grundlagen für das gelegt, was wir später gemeinsam im Vertrag von Maastricht beschlossen haben.

Irland hat zugleich eine Fülle von Verbindungen über den Atlantik und weltweit, die viele Menschen in anderen Kontinenten mit Europa verbinden. Ich denke an die vielen Millionen überall in der Welt, die stolz auf ihre irische Herkunft sind - in Australien und Kanada zum Beispiel und vor allem in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dies ist eine wichtige Klammer zwischen der Alten und der Neuen Welt - politisch, vor allem aber auch menschlich.

Meine Damen und Herren, wir Europäer stehen vor großen Entscheidungen - Entscheidungen, die das Gesicht Europas im 21. Jahrhundert prägen werden. Ich bin zuversichtlich, daß die irische EU-Präsidentschaft uns dabei ein gutes Stück voranbringen wird.

Für die europäische Währungsunion haben die Finanzminister der Europäischen Union erst vor wenigen Tagen hier in Dublin mit ihrer grundsätzlichen Einigung auf einen Stabilitätspakt ein klares und ermutigendes Zeichen gesetzt. Wir wollen und brauchen die gemeinsame Währung, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu stärken und vor allem, um neue Arbeitsplätze zu schaffen. Das wird nur gelingen, wenn die Währungsunion eine Stabilitätsgemeinschaft ist. Deshalb stehen die Stabilitätskriterien nicht zur Disposition. Das gilt auch für den Zeitplan; er sorgt für einen heilsamen Druck. Wer beginnt, an diesen Prinzipien zu rütteln, gefährdet das gesamte Einigungswerk.

Ich begrüße, daß Irland auf diesem Weg ganz besondere und erfolgreiche Anstrengungen macht. Die gegenwärtige Dynamik der irischen Wirtschaft wird in ganz Europa anerkannt. Ich würde mich sehr freuen, wenn Irland von Anfang an an diesem wegweisenden Projekt teilnähme. Auch wir in Deutschland haben die Weichen für die Wirtschafts- und Währungsunion gestellt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Fortgang der Regierungskonferenz zur Revision des Maastricht-Vertrags. In diesen Tagen werden die Staats- und Regierungschefs hier in Dublin zu einem Sondergipfel zusammenkommen, um darüber zu beraten. Es wird vor allem darum gehen, die Handlungsfähigkeit einer künftig größeren Europäischen Union sicherzustellen. Wir wollen die Union bürgernäher, demokratischer und transparenter gestalten, damit die Bürger erkennen können, was politisch in der Europäischen Union geschieht; und wir wollen nicht, daß ein europäischer "Überstaat" geschaffen wird.

Einer der großen Dichter unseres Landes, Thomas Mann, hat bereits in den 30er Jahren mit Blick auf Europa einmal formuliert: Wir wollen deutsche Europäer und europäische Deutsche sein. Für mich ist dieses vereinte Europa nur dann ein wirklich erstrebenswertes Ziel, wenn wir dabei unsere Identität bewahren. Sie sind dann Iren und Europäer und wir Deutsche und Europäer.

Wir wollen auch, daß dieses Europa stark ist. So wird beispielsweise eines der wichtigen Themen des EU-Gipfeltreffens sein, wie wir uns gemeinsam gegen die internationale Kriminalität und gegen die Drogenmafia zur Wehr setzen. Es ist in dieser Frage - und dies sage ich mit großem Ernst - fünf Minuten vor zwölf. Wer glaubt, dieses Problem auf rein nationaler Ebene lösen zu können, täuscht sich. Das hat nichts mit Mißtrauen gegen die Arbeit unserer nationalen Polizeien und Sicherheitskräfte zu tun. Es ist vielmehr unsere Erfahrung, daß wir es heute mit weltweit operierenden kriminellen Banden zu tun haben. Die Bürger in unseren Ländern haben Recht, wenn sie ihre Länder und die Union auffordern, die innere und die äußere Sicherheit zu garantieren.

Eine dritte große Herausforderung stellt sich uns mit der geplanten Erweiterung der Europäischen Union um Staaten Mittel- und Osteuropas. Gerade für uns Deutsche ist es nicht akzeptabel, wenn die Westgrenze Polens auf Dauer die Ostgrenze der Europäischen Union bleibt. Die Erweiterung ist - trotz aller institutionellen und wirtschaftlichen Herausforderungen - nicht nur unsere historische und moralische Pflicht. Sie liegt in unser aller Interesse - politisch, wirtschaftlich und kulturell. Warschau, Budapest und Prag sind ebenso Bestandteil Europas und europäischer Kultur wie Berlin, Paris und Dublin. Wir wollen mit diesen Ländern, die den Kommunismus abgeschüttelt haben, in die Zukunft gehen!

Meine Damen und Herren, die irische Stimme im Konzert der Kulturen möchten wir alle nicht missen. Das nur an Fläche kleine Land an der atlantischen Grenze Europas hat uns viel gegeben. Irland entwickelte schon früh eine eigene große Kultur, deren Strahlkraft auf ganz Europa wirkte. Irische Mönche brachten seit dem 7. Jahrhundert den christlichen Glauben aus den Klöstern und Kapellen dieses Landes auch in das Gebiet des heutigen Deutschlands.

Der tiefe Glauben und der Lebensmut dieser Männer hat die geistigen Wurzeln unseres Kontinents tief geprägt. Der in Deutschland bekannteste von ihnen war der Heilige Kilian. Sie, Herr Präsident, haben eben an ihn erinnert. Er war Bischof, ist Stadtpatron von Würzburg und wird heute noch dort verehrt. Die Zeugnisse christlich geprägter Kunst, die im Laufe der Jahrhunderte in Irland entstanden, gehören zum großen kulturellen Erbe Europas. Ich freue mich auf meinen Besuch in Glendalough, und morgen werde ich auch das "Book of Kells" sehen.

Irland ist nicht nur ein Land mit einer alten Kultur. Ganz Europa ist fasziniert von der Kreativität und Ausdruckskraft der künstlerischen Gegenwart Irlands - von irischer Musik über die bildenden Künste bis zum irischen Film. Es ist zugleich auch ein junges Land: Hier leben viele junge Menschen. An sie richte ich mein Wort, wenn ich sage: Ihr - die junge Generation in Irland - steht heute vor Chancen und Möglichkeiten, von denen eure Väter und Mütter, eure Großeltern nicht einmal zu träumen wagten. Gewiß, die Zukunft wird nicht immer einfach sein. Viele Sorgen und Probleme müssen täglich überwunden werden. Dies gehört zum Leben. Wir bekommen die Zukunft nicht geschenkt. Vernunft, Augenmaß und guter Wille sind nötig. Dann aber - da bin ich sicher - werden sich die Herausforderungen meistern lassen. Die Jugend hat noch einen weiten Lebensweg vor sich. Das Leben wird die jungen Menschen weit hineinführen in das 21. Jahrhundert.

Meine Damen und Herren, tragen wir gemeinsam dafür Sorge, daß unsere Jugend eine gute Zukunft hat - in Irland, in Deutschland und überall in Europa. Bauen wir an der Zukunft: zum Wohl unserer Völker, für Frieden, für Freiheit und Wohlstand! Lang lebe die deutsch-irische Freundschaft! Gott segne dieses Land!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 85. 28. Oktober 1996.