26. September 1996
Rede anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Kunst aus Österreich 1896-1996" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn


Lieber Herr Bundeskanzler Vranitzky,

liebe Frau Vranitzky,

meine Damen und Herren Abgeordneten,

Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir eröffnen eine Ausstellung, die viel Interesse und viel Aufmerksamkeit finden wird. Diese Ausstellung gibt uns wichtige Einblicke - nicht zuletzt auch in die Gemeinsamkeiten zwischen Österreich und Deutschland. Ich freue mich ganz besonders, bei dieser Gelegenheit den Bundeskanzler der Republik Österreich mit seiner Gattin hier zu begrüßen. Ich verrate wohl kein Geheimnis, wenn ich sage, daß ich schon seit langem ein Freund Österreichs bin. Deswegen bin ich gern mit meiner Frau heute hierher gekommen.

Der Anlaß für diese Ausstellung ist beeindruckend. Österreich feiert in diesem Jahr sein tausendjähriges Bestehen. Am 1. November 996 wurde es erstmals in einer Urkunde Kaiser Ottos III. erwähnt. Dieses Jubiläum ist Anlaß für viele Festveranstaltungen und Ausstellungen. Es bietet Gelegenheit, innezuhalten und zurückzuschauen - vor allem auch auf die Geschichte, die Kultur und das Wesen dieses "Ostarrichi", wie es von den ersten Chronisten genannt wurde.

Österreich blickt auf eine lange, sehr bewegte und vielschichtige Geschichte zurück. Über 600 Jahre lang entwickelte es sich unter der Habsburger Herrschaft zu einem faszinierenden und im Grunde erstaunlich stabilen Vielvölkerstaat. Manche Historiker meinen, daß er seiner Zeit voraus war.

Das 20. Jahrhundert brachte auch für Österreich Umbrüche und Verwerfungen. Die Monarchie zerbrach - und mit ihr das komplizierte, ausbalancierte Staatsgefüge, das in Jahrhunderten gewachsen war. Es zerbrach damals aber auch eine Welt vermeintlicher Gewißheiten. Namen wie Sigmund Freud und Ludwig Wittgenstein standen und stehen für revolutionäre Veränderungen im Menschen- und im Weltbild der Neuzeit.

Die Gründung der Ersten Republik, die inneren politischen Kämpfe, der "Anschluß", die Zeit der nationalsozialistischen Barbarei, die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs - die Welt jener Zeit war aus den Fugen geraten. Nichts war mehr wie es vorher gewesen war. Nach der Zerschlagung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und vor dem Hintergrund eines expansiven Kommunismus in der Mitte und im Osten Europas wurde in Österreich die Zweite Republik gegründet, die heute als Mitglied der Europäischen Union eine wichtige Rolle beim Bau des Hauses Europa spielt. Ich finde, dies ist eine gute Gelegenheit, auch einmal an den Weg der Zweiten Republik in Österreich zu erinnern. In Deutschland ist dies über die eigenen Sorgen nicht immer zur Kenntnis genommen worden. Das, was Männer und Frauen nach 1945 in vielfältigen wichtigen Funktionen in Österreich geleistet haben, gehört zu den großen historischen Leistungen dieses Jahrhunderts. Auch dies muß einmal gesagt werden.

Die österreichische Kunst der vergangenen 100 Jahre, der heute unser besonderes Interesse gilt, spiegelt all diese dramatischen Entwicklungen und Brüche facettenreich wider. Diese Ausstellung zeigt den Weg, den Österreichs Kunst in diesem Jahrhundert gegangen ist - die Angst und die Hoffnung, ihr Suchen und ihre schöpferische Kraft. Ich finde es gut, daß hier - in dieser Ausstellung - die künstlerische Entwicklung in Österreich in diesem Jahrhundert noch einmal nachgezeichnet wird. Allen, die am Zustandekommen dieser Ausstellung mitgewirkt haben, danke ich sehr herzlich - den Sponsoren, den Leihgebern und allen, die mit großem Engagement dieses Projekt ermöglicht haben.

Meine Damen und Herren, die Zeit vor 100 Jahren war von einer besonderen geistigen und kulturellen Fülle gekennzeichnet. Das Wien der Jahrhundertwende war in Kunst und Wissenschaft in Europa führend. Es bot den einzigartigen Rahmen für ein dichtes Geflecht künstlerischer Kreise und Zirkel, für die befruchtende Wechselwirkung verschiedener Kulturen und der Kunstrichtungen untereinander. Ich denke an den Stil der "Wiener Secession" in Architektur und Malerei, an Klimt, aber auch an Schiele und Kokoschka. Die "Neue Wiener Schule" - Schönberg, Alban Berg und Webern - hat in jenen Tagen Musikgeschichte geschrieben. Begriffe wie "Österreichische Moderne" oder das "Junge Wien" stehen mit den bekannten Namen wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal oder Karl Kraus für den Aufbruch der Literatur zu neuen Ufern. Rainer Maria Rilke und Georg Trakl stehen in dieser Reihe.

Auch zwischen den beiden Weltkriegen hat Österreich in einer schwierigen Zeit sozialer, wirtschaftlicher und vor allem politischer Instabilität große Künstler hervorgebracht. Ich nenne hier nur die Bauten Clemens Holzmeisters, die Werke Herbert Boeckls oder Alfred Kubins. Die "Neue Sachlichkeit" wurde auch in Österreich zu einer bestimmenden Kunstrichtung der Malerei und Literatur. Autoren wie die "Prager" Österreicher Franz Werfel und Franz Kafka, wie Robert Musil und Stefan Zweig haben dem Geist und dem künstlerischen Empfinden jener Zeit ein großartiges Denkmal gesetzt. Ödön von Horvath hat in seinen Werken seine Heimat Wien verewigt und das nahende Unheil der Diktatur ahnungsvoll beschrieben.

Dann kam die Hitler-Diktatur und mit ihr die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Neben all dem Leid, dem Elend und der materiellen Not, die entstanden, war dies auch ein gewaltiger Aderlaß für die Kunst und Kultur - in Österreich, in Deutschland, überall in Europa. Viele Künstler - vor allem Juden - überlebten diese Jahre nicht. Viele gingen fort aus ihrer Heimat oder wurden in die Flucht getrieben.

Wer die Gelegenheit hat, einmal das Leo-Baeck-Museum in New York zu besuchen, kann dort die Bilder der vielen jüdischen Künstler und intellektuellen Größen sehen - Deutsche und auch Österreicher -, die nach 1933 emigrierten. Der Betrachter dieser Bilder bekommt eine ungefähre Vorstellung von dem schweren Verlust, den wir damals - in Österreich wie in Deutschland - erlitten haben.

Doch auf den Trümmern des Vergangenen wuchs in Österreich neues Kulturleben heran. Vieles entstand in der Kontinuität des Alten - etwa die Hauptwerke Herbert Boeckls oder auch die Prosa Heimito von Doderers, der übrigens vor wenigen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre. Architekten wie Rainer, Holzbauer oder Hollein prägten die moderne österreichische Architektur nach 1945. Dies gilt in besonderem Maße auch für den von mir sehr geschätzten Gustav Peichl, dem wir nicht nur die Gestaltung dieser Ausstellung zu verdanken haben, sondern auch das Gebäude, in dem wir uns gerade befinden. Ich hoffe, er wird auch weiterhin seinen Beitrag zur Gestaltung oder besser Umgestaltung unserer alten und "neuen" Hauptstadt Berlin leisten, und zwar in der ihm eigenen, unverwechselbaren Art.

Meine Damen und Herren, im Verhältnis von Österreichern und Deutschen stellen sich heute keine Identitätsfragen mehr. Wir begegnen uns ganz unbefangen. Wir sollten uns der Gemeinsamkeiten und des je Eigenen, der Unterscheidung und der Übereinstimmung bewußt sein. Jahrhunderte gemeinsam durchlebter wechselvoller Geschichte bilden, bei allen Höhen und Tiefen, die gute Grundlage für das herzliche Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland.

Österreich ist uns Deutschen nicht nur durch Geschichte und Geist, sondern vor allem auch durch die Dichte der menschlichen Bindungen wie kein anderes Land nah und vertraut. Sie ruhen auf dem festen Fundament zahlreicher persönlicher Beziehungen zwischen den Menschen in unseren Ländern. Sie sind in ihren Herzen tief verankert. Der österreichische Bundespräsident hat einmal sehr treffend gesagt: "Was Österreich und Deutschland unterscheidet, das trennt sie nicht mehr, was sie verbindet, das belastet niemanden mehr."

Seit Anfang letzten Jahres - Franz Vranitzky hat davon gesprochen - ist Österreich Mitglied der Europäischen Union. Für uns Deutsche, aber auch für mich persönlich, war dies die Erfüllung eines lang gehegten Wunsches. Österreich ist in das Herz Europas zurückgekehrt - dorthin, wohin es aufgrund seiner Geschichte und Kultur immer gehörte. Europa ohne Wien und Salzburg, ohne Innsbruck, Graz oder Linz wäre ein Torso geblieben. Österreich war und ist auf unserem Kontinent eine Brücke zwischen Ost und West, Nord und Süd. Es ist aber vor allem ein Herzstück Europas. Es ist wahr: Die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Aber gerade diese Verschiedenartigkeit - auch und vor allem in Kunst und Kultur - ist eine nie versiegende Quelle schöpferischer Kraft. Gerade aus dieser lebendigen Vielfalt können wir ein friedliches, freies und kulturell reiches Europa schaffen - für uns und für kommende Generationen.

Der Wiener Buchhändler und Schriftsteller Peter Altenberg hat vor über 90 Jahren einen Satz gesagt, der mir gut gefällt: "Die Kunst ist die Kunst, das Leben ist das Leben, aber das Leben künstlerisch zu leben, ist Lebenskunst." Dies ist ein ebenso einfaches wie wirksames Rezept gegen jenen törichten Kulturpessimismus, der die Phantasie lähmt. Wir brauchen - um es mit einem Wort von Robert Musil zu sagen - die Versöhnung von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn. Dann haben wir allen Grund, mit Zuversicht gemeinsam nach vorn zu blicken!

Meine Damen und Herren, gemeinsam nach vorn zu blicken heißt im Jahre 1996 zugleich auch, auf die vergangenen 100 Jahre zurückzublicken, auf ein Jahrhundert, für das Wilhelm II. prophezeite, es werde ein Jahrhundert der Rationalität und des Kindes. Es gab kaum einen Zeitraum in der modernen Geschichte, in dem wir uns so weit von der Rationalität entfernt haben. Es gab kaum ein Jahrhundert, in dem Kinder so gelitten haben und so geschunden wurden.

Jetzt, am Ende dieses Jahrhunderts, haben wir - wenn wir unsere Geschichte begreifen und Lehren aus ihr ziehen - mehr Chancen und mehr Grund zur Hoffnung als jemals zuvor. Ich wünsche mir von Herzen, daß Österreicher und Deutsche auch im 21. Jahrhundert auf Dauer Frieden, Freiheit und Wohlstand in einem vereinten Europa bewahren. Herr Bundeskanzler, meine Damen und Herren: Ich erkläre die Ausstellung für eröffnet.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 79. 9. Oktober 1996.