17. September 1996
Ansprache bei dem offiziellen Abendessen, gegeben vom brasilianischen Staatspräsidenten Prof. Dr. Fernando Henrique Cardoso, im Palácio do Itamaraty in Brasilia


Herr Präsident, verehrter Freund,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen sehr für Ihr freundliches Willkommen. Ich habe mich sehr über die freundschaftlichen Worte der Begrüßung gefreut. Für die großzügige Gastfreundschaft, die Sie - Herr Präsident - mir und meiner Delegation in Ihrem Land zuteil werden lassen, danke ich Ihnen.

Nach meinen Besuchen in den Jahren 1991 und 1992 - zuletzt anläßlich der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro - ist dies mein dritter Besuch in Ihrem Land. Auch bei dem Besuch von Bundespräsident Herzog ist deutlich geworden, welch großen Wert Deutschland auf gute Beziehungen zu Brasilien legt. Sie, Herr Präsident, waren im vergangenen Jahr bei uns in Deutschland. Wir haben damals gute Gespräche miteinander geführt. Brasilien und Deutschland sind Partner und Freunde, die sich immer besser kennenlernen, eng zusammenarbeiten und sich verstehen.

Deutschland ist seit Jahren der wichtigste Handelspartner Brasiliens in Europa. Brasilien ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands in Lateinamerika und zugleich ein wichtiger und attraktiver Investitionsstandort für deutsche Firmen. Die Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage in Dresden Anfang Oktober werden diese enge und intensive Zusammenarbeit sicher eindrucksvoll belegen. Unsere langjährige bewährte Zusammenarbeit in den wichtigen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung und technologischen Entwicklung hat mit dem im März 1996 in Brasilia unterzeichneten Rahmenabkommen eine noch festere Basis erhalten.

Über alle wichtigen Fragen der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kooperation sollten wir aber die kulturelle, die menschliche Dimension nicht aus den Augen verlieren. Brasilien hat über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg die Deutschen fasziniert: seine großartigen Landschaften, sein Reichtum an Bodenschätzen - vor allem aber auch seine Menschen, ihre Kunst und Kultur, ihre Fröhlichkeit, ihre Herzlichkeit und ihr Temperament.

Brasilianische Musik und Musikkünstler finden seit langer Zeit ein begeistertes Publikum in unserem Land. Brasilianische Tänze wie der Samba und der Bossa-Nova gehören bei uns längst zu den Evergreens der Tanzkultur. Die brasilianische Literatur erfreut sich in Deutschland wachsender Beliebtheit. Brasilien stand vor zwei Jahren im Mittelpunkt der Frankfurter Buchmesse, die weltweit die wichtigste ihrer Art ist.

Die deutsch-brasilianische Freundschaft hat eine lange Tradition: Viele meiner Landsleute sind seit Anfang des letzten Jahrhunderts in dieses Land gekommen. Sie haben sich hier eine neue Existenz geschaffen und haben hier eine Heimat gefunden. Viele von ihnen bewahrten sich ihr kulturelles Erbe und wurden doch "echte" Brasilianer. Mit ihren Fähigkeiten, ihren Erfahrungen und ihrem Fleiß haben sie zum Aufbau ihrer neuen Heimat beigetragen. Städte wie Blumenau - mit seinem berühmten Oktoberfest - und Regionen wie Rio Grande do Sul, Santa Catarina oder Paraná zeugen davon.

Seit Jahrzehnten gründen viele deutsche Firmen Niederlassungen in Brasilien. Sao Paulo ist zu einem der wichtigsten Investitionsstandorte und zu einem der größten Zentren deutscher Industrie weltweit geworden. Dies zeugt von dem großen Vertrauen, das die deutsche Wirtschaft in Brasilien und seine Zukunftschancen setzt.

Meine Damen und Herren, Stefan Zweig hat Brasilien einmal als ein "Land der Zukunft" bezeichnet. In Brasilien hat sich in den letzten Jahren vieles verändert. Vieles ist auf gutem Wege. Aus dem "Land der Zukunft" wird mehr und mehr ein Land, das seine Möglichkeiten für die Gestaltung einer guten und erfolgreichen Gegenwart nutzt.

Diese Entwicklung, Herr Präsident, ist mit Ihrem Namen eng verbunden. Das von Ihnen noch als Finanzminister ins Leben gerufene umfassende Stabilitäts- und Modernisierungsprogramm - der "Plano Real" - hat sich bewährt. Er hat Ihrem Land neue Perspektiven eröffnet. Die Inflation wurde wirksam bekämpft, strukturelle Reformen wurden in die Wege geleitet. Zugleich hat sich Brasilien in den vergangenen Jahren kontinuierlich den Weltmärkten geöffnet und setzt sich zudem für eine verstärkte Integration und Zusammenarbeit mit anderen Ländern Lateinamerikas ein.

Mit der Gründung des gemeinsamen Marktes des MERCOSUL wurde - gemeinsam mit Argentinien, Uruguay und Paraguay - ein wichtiger Beitrag zur politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung und Zusammenarbeit der Völker Lateinamerikas geleistet. Im Dezember vergangenen Jahres hat der MERCOSUL mit der Europäischen Union ein Rahmenabkommen abgeschlossen. Es sieht unter anderem die Schaffung einer Freihandelszone zwischen beiden Zusammenschlüssen bis zum Jahr 2005 vor. Im Zeitalter einer zunehmenden Globalisierung der Märkte und der Internationalisierung der Produktion liegt diese Entwicklung im gemeinsamen Interesse von Brasilien und Deutschland, von Lateinamerika und Europa. Regionale Zusammenschlüsse können und werden zu der weiteren raschen wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens und ganz Lateinamerikas ihren Beitrag leisten.

Wir haben in bald 40 Jahren europäischer Integration selbst erfahren, welche Vorteile es für die Menschen mit sich bringt, Grenzen abzubauen und Märkte zu öffnen: Es sind bewährte Wege zu Wachstum und Stabilität, zu Frieden und guter Nachbarschaft. Wir Europäer werden daher noch in diesem Jahrzehnt und in diesen Jahren das Haus Europa bauen. Es wird ein offenes Haus sein. Wir schaffen nicht unsere inneren Grenzen ab, um sie nach außen neu aufzubauen. Es wird keine Festung Europa geben. Europa wird eine gemeinsame neue Währung, den Euro haben. Unsere beiden Länder und unsere Kontinente brauchen den freien Welthandel und die wirtschaftliche Offenheit. Im globalen Rahmen muß es um Kooperation, nicht um Konfrontation gehen. Aus diesem Grund sollte kein Land, und sei es noch so groß, Regeln aufstellen, die in den internationalen Handel eingreifen.

Meine Damen und Herren, die Lösung vieler Zukunftsfragen der Menschheit ist nur gemeinsam mit möglichst vielen Partnern und Freunden in der Welt zu schaffen. Kein Staat der Welt kann die globalen Probleme wie Armut und Hunger, aber auch der grenzüberschreitenden Kriminalität im Alleingang bewältigen. Ich denke überdies an den Umweltschutz, an die Bewahrung der uns anvertrauten Schöpfung. In Brasilien liegt der größte tropische Regenwald dieser Erde. Seine Zerstörung würde uns alle treffen. Seine Erhaltung wird uns allen nützen. Mir ist dabei sehr wohl bewußt: wo sich viele Menschen um ihre tägliche Existenz sorgen, muß die Einsicht noch wachsen und gefördert werden, daß wir heute handeln müssen, um die Zukunft der kommenden Generationen zu sichern. Dabei schließt der Schutz des Regenwaldes die verantwortungsvolle, nachhaltige Nutzung nicht aus - in einer Weise, die auch der seit jeher lebenden Bevölkerung dort zugutekommt. Der Schutz der Umwelt und ein schonender Umgang mit den natürlichen Ressourcen einerseits und eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung andererseits gehören unauflöslich zusammen.

Meine Damen und Herren, Herr Präsident, Lateinamerika ist eine der dynamischsten Wachstumsregionen der Welt. Brasilien ist uns ein großer, wichtiger und zuverlässiger Freund und Partner. Die Freundschaft unserer Länder und Völker beruht aber auch auf unseren gemeinsamen Werten und Prinzipien: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte. Lassen Sie uns gemeinsam dafür einstehen und kämpfen! Am Ende dieses Jahrhunderts wollen wir eine Welt schaffen, die eine gemeinsame Heimat für alle Menschen sein soll - für uns, für unsere Kinder und Enkel und für alle, die nach uns kommen.

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stoße an auf Ihr Wohl, Herr Staatspräsident, auf die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und Völkern und auf eine glückliche Zukunft Brasiliens in Frieden, Freiheit und Wohlstand.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 80. 11. Oktober 1996.