28. September 1995: Rede vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats in Straßburg


Herr Präsident,
Herr Generalsekretär,
meine Damen und Herren,

als einer, der seit mehr als 30 Jahren Parlamentarier ist, erlaube ich mir die Bemerkung und sage: Liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst darf ich mich bei Ihnen, Herr Präsident, sehr herzlich für Ihr Willkommen und die freundlichen Worte der Begrüßung, aber auch für die persönliche, herzliche Note, die Sie soeben in Ihrer Begrüßungsrede zum Ausdruck brachten, bedanken. Dass Sie mich in meiner Muttersprache begrüßt haben, erfreut mich besonders und gibt mir die Hoffnung, dass sich das auch ein wenig in diesem Haus ausbreiten möge.

Die Parlamentarische Versammlung hat sich nie auf eine rein beratende Funktion beschränkt, sie hat sich immer auch als Motor der Entwicklung des Europarats und der europäischen Entwicklung gesehen.

Unser Kontinent befindet sich in einer dramatischen Phase der Veränderung und des Umbruchs. Diese Tatsache wird ja auch in diesem Hause sichtbar: Vor zwei Jahren hatte der Europarat 27 Mitgliedsländer. Heute sind es 36 Mitglieder, und wenn ich die Gastdelegationen hinzuzähle, sind hier frei gewählte Vertreter aus insgesamt 42 europäischen Ländern versammelt.

Wenn man einen Moment innehält und sich überlegt, was 1995 für ein Jahr ist, und in Gedanken 50 Jahre zurückgeht, dann kann man erst ermessen, welch gewaltige Wegstrecke wir in Europa in diesen Jahrzehnten zurückgelegt haben. Ich sage das wider jeden törichten und pessimistischen Zeitgeist, mit dem in Europa politische Geschäfte gemacht werden.

Eingedenk der Entwicklungen der letzten 50 Jahre haben wir Grund zu einem realistischen Optimismus. Deshalb will ich ein besonders herzlichem Wort des Grußes all jenen sagen, die als Abgeordnete aus den Ländern Mittel-, Südost- und Osteuropas hierhergekommen sind. Ihre Präsenz ist ein überzeugender Beweis für das soeben von mir Gesagte. Wir sind in den letzten 50 Jahren ein gutes Stück vorangekommen, und wenn wir mit Klugheit, Geduld und Mut in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vorangehen, haben wir alle Chancen, dass nach diesem in so vielem bedrückenden, schrecklichen und leiderfüllten 20. Jahrhundert das 21. Jahrhundert ein gutes Jahrhundert werden kann.

Die unnatürliche Teilung Europas und die unnatürliche Teilung Deutschlands sind überwunden. In wenigen Tagen, am 3. Oktober, feiern wir den fünften Jahrestag der Deutschen Einheit. Sie war für uns Deutsche ein Geschenk der Geschichte. Wir sind dafür dankbar, dass dieses Geschenk mit Zustimmung all unserer Nachbarn möglich war.

Alles, was jetzt in meinem Land geschieht und noch geschehen muss, erfordert viel Kraft, viel Mut und viel Verständnis füreinander; denn 40 Jahre der Teilung sind mehr als nur irgendeine Addition von Jahren. Es gab die Mauer, die Zugehörigkeit zu verschiedenen politischen Welten. Die Erfahrungen aus dieser Zeit der Trennung haben sich tief in die Seelen, die Herzen und in den Verstand der Menschen eingegraben.

Dennoch gilt, und diejenigen von Ihnen, die in den letzten Jahren in Deutschland zu Besuch waren, auch in den neuen Ländern, werden den Umbruch gespürt und bemerkt haben, dass wir trotz aller Sorgen, die wir natürlich noch haben - es bleibt noch vieles zu tun -, auf einem guten Weg sind. Ich bin ganz sicher, dass die Menschen in Deutschland gemeinsam die enormen wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen werden. Das Schwierigste daran sind nicht die materiellen Probleme - die werden wir lösen, zwar nicht alle gleichzeitig, manches wird Jahre brauchen. Das Wichtigste ist, dass wir im menschlichen Miteinander trotz der 40 Jahre Trennung wieder zueinander finden, dass wir, wie ich zu Hause zu sagen pflege, mehr miteinander und weniger übereinander reden.

Der Europarat ist der älteste gesamteuropäische Zusammenschluss des freien Europa. Diese Institution verkörpert wie keine zweite die Einheit Europas im Geist der Menschenrechte, jenen „Genius Europas", von dem Papst Johannes Paul II. in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament gesprochen hat.

Der Europarat hat schon in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine enorme Rolle für das Zusammenwachsen unseres Kontinents gespielt. Die Gründergeneration - wir sollten das häufiger dankbar erwähnen - hat damals, 1949, und in den folgenden Jahren, oft genug aus sehr persönlicher, leidvoller Erfahrung versucht, Konsequenzen aus der Geschichte dieses Jahrhunderts zu ziehen. Sie sahen deutlich, dass Frieden und Aussöhnung unter den europäischen Völkern dauerhaft nur auf der Grundlage einer demokratischen Ordnung und der Achtung der Menschenrechte gesichert werden konnten. Dieser Geist, diese Ein- und Weitsicht zugleich haben das Wirken des Europarats seit jener Zeit bestimmt.

Ich kann Ihnen nur gratulieren, dass Sie auf diese Weise auch bei der Aufnahme neuer Mitglieder handeln. Ihre Empfehlungen an das Ministerkomitee bilden die Grundlage der Beitrittsentscheidungen des Europarats. Darüber hinaus haben einzelne Mitglieder der Parlamentarischen Versammlung bei Begegnungen und Gesprächen in den Beitrittsländern wichtige Impulse für die Entwicklung der demokratischen Strukturen und Reformen gegeben. Auch auf diese Weise ist die Parlamentarische Versammlung ihrer großen Verantwortung gerecht geworden.

Man hat bisweilen gesagt, und ich schließe mich diesem Satz an, dass die Parlamentarische Versammlung des Europarats das „demokratische Gewissen" Europas verkörperte. Sie haben sich nie gescheut, schwierige Themen aufzunehmen, über die Einhaltung der hohen Standards des Europarats zu wachen und sich bei deren Verletzung das nötige Gehör zu verschaffen. Ich möchte Ihnen ermutigend zurufen: Nehmen Sie auch in Zukunft diese Funktion wahr. Sie stehen für eine Werteordnung, ohne die es keine freiheitliche Zukunft in Europa gibt.

Ich erwähne aus gutem Grund die Arbeit des Europarats zur Verbesserung des Minderheitenschutzes. Ich möchte hier vor allem das Rahmenabkommen würdigen, das den Rechten und Freiheiten von Minderheiten erstmals effektiven völkerrechtlichen Schutz gewähren soll.

Ich sprach gerade schon von diesem Jahrhundert, das in fünf Jahren zu Ende geht. Wenn man einen Moment innehält und sich überlegt, wie dieses Jahrhundert verlaufen wäre, wenn wir solche Deklarationen völkerrechtlich verbindlich bereits im Jahre 1910 gehabt hätten. Es wäre uns und den Völkern Europas unendliches Leid erspart geblieben.

Sie brauchen nur im abendlichen Fernsehprogramm die Nachrichten aus dem früheren Jugoslawien zu sehen, dann haben Sie ein erneutes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass im Sinne der hier getroffenen Regelungen, der Menschenrechtskonvention und der Konvention über den Schutz der Minderheiten in Europa endlich nicht nur geredet, sondern gehandelt wird.

Es kommt jetzt darauf an - das sage ich ganz bewusst auch als deutscher Regierungschef-, den Europarat auch für die zukünftige Entwicklung zu stärken. Dabei denke ich an die Schutzinstrumente der Europäischen Menschenrechtskonvention, eine weitere Verbesserung des Minderheitenschutzes und - gemeinsam mit der Europäischen Union - eine entschlossene Stellungnahme und entschlossene Maßnahmen zur Bekämpfung rassistischer, antisemitischer und fremdenfeindlicher Tendenzen.

Die Mitgliedschaft im Europarat ist für unsere Partnerländer in Mittel-, Südost- und Osteuropa ein gewaltiger und wichtiger Schritt auf ihrem Weg zur vollen Integration in die europäische Werte- und Rechtsgemeinschaft. Ich begrüße in diesem Zusammenhang Ihre Empfehlungen für den mazedonischen und ukrainischen Beitritt.

Auch dazu ein offenes Wort: Eine der großen Herausforderungen in den kommenden Jahren wird darin bestehen, dass auch Russland seine Zukunft als europäische Zukunft begreift, und zwar politisch, ökonomisch, in Fragen der Sicherheit und nicht zuletzt in der kulturellen Dimension.

Jahrzehnte des Ost-West-Konflikts haben viele bei uns in Europa vergessen lassen, dass Russland nicht nur geographisch, sondern auch durch Geschichte und Kultur ein Teil Europas ist. Ich begrüße daher ganz ausdrücklich Ihre Entscheidung, die Prüfung eines Beitritts Russlands wieder auf die Tagesordnung des Europarats zu setzen.

Ich hoffe auf eine baldige positive Entscheidung. Unser Interesse - ich sage das ganz klar als deutscher Bundeskanzler - muss darin bestehen, alle Kräfte in Russland zu unterstützen, die die Reformen auf dem Weg zum Rechtsstaat, zur freiheitlichen Demokratie wollen und vorantreiben. Im übrigen hat gerade der Europarat in der Vergangenheit auch mit nichteuropäischen Staaten zusammengearbeitet, die die Prinzipien dieses Hauses, dieser Institution respektieren und für sie eintreten.

Deswegen sage ich ein zweites und hoffe, darüber mit Ihnen diskutieren zu können: Ich plädiere dafür, dass wir alle im Europarat gemeinsam prüfen, wie sich diese Verbindungen nach außen - vor allem mit den Vereinigten Staaten von Amerika - entwickeln werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nach den letzten 95 Jahren dieses Jahrhunderts und nach dem, was noch an Zeit vor uns liegt, klug ist, die transatlantische Brücke schmaler zu machen. Ich bin dafür, sie so breit wie möglich auszubauen, und zwar in ökonomischer und ökologischer Sicht, im Hinblick auf die Sicherheitspolitik, in der kulturellen Dimension und der wissenschaftlichen Zusammenarbeit.

Der Europarat bat von Anfang an seine Aufgabe auch darin gesehen, das Bewusstsein für die kulturelle Einheit Europas wach zu halten und zu pflegen. Natürlich ist angesichts von Arbeitslosigkeit, in vielen Fällen Massenarbeitslosigkeit, sozialer Not und Hunger in weiten Teilen der Welt die Frage nach dem täglichen Brot, nach dem Arbeitsplatz, nach den ökonomischen Grundlagen eine der wichtigsten Fragen. Dies gilt auch und insbesondere im zwingend notwendigen Zusammenhang mit den ökologischen Herausforderungen. Wir dürfen in unserer Generation den Schatz der Natur und der Schöpfung, der uns geschenkt wurde, nicht verkommen lassen.

Ich möchte zugleich davor warnen, dass wir in der notwendigen Sorge um das tägliche Brot im Alltag die kulturelle Dimension unserer eigenen Existenz, die Existenz unserer Völker und unseres Kontinents nicht aus den Augen verlieren. Gerade dieses Jahrhundert mit seinen Heimsuchungen hat uns gezeigt - und wir Deutsche haben aus unserer Geschichte unsere Erfahrungen -, dass das gemeinsame kulturelle Band Europa zusammenhält und auch in Zukunft zusammenschließen wird.

Deswegen möchte ich Sie ausdrücklich ermutigen, auch bei Ihren Diskussionen - ich sage das an einem Tag, an dem Sie über die Probleme der OECD reden - die kulturelle Dimension unseres Kontinents nicht aus den Augen zu verlieren. Die alltägliche Erfahrung, dass der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt und dass die wichtigsten und kostbarsten Erfahrungen unseres privaten, persönlichen Lebens sehr viel mit dem kulturellen Umfeld zu tun haben, sollte nicht vergessen werden.

Unser Ziel dabei muss sein, in Europa eine gesamteuropäische Zusammenarbeit in den wichtigen Bereichen wie der Schul- und der Universitätsausbildung, des Austauschs in den bildenden Künsten und der Erhaltung unseres kulturellen Erbes zu erreichen. Das klingt sehr pathetisch, und ich wäre schon ganz zufrieden, wenn wir uns als bescheidenes Ziel im Bereich der Universitäten das Ziel setzen würden, wenigstens die Verhältnisse des Jahres 1910 wiederherzustellen.

Sie haben richtig gehört, im Jahre 1910 konnten Sie an meiner Heimatuniversität Heidelberg Ihr Studium beginnen. Sie konnten es an der Sorbonne und in Oxford fortsetzen, und wenn Sie das nötige Kleingeld hatten, konnten Sie auch noch in Harvard weiterstudieren. Alle Ihre Prüfungen wären damals ohne weiteres Nachprüfen anerkannt worden.

Es gab keine Staatsverträge, es gab keine komplizierten Zusammenhänge wie zum Beispiel in Deutschland zwischen Bund und Ländern und zwischen dem Bund und den anderen europäischen Staaten. Es gab keine großen Zusammenkünfte der Kommissionen, es gab einfach Vertrauen unter den Universitäten und die moralische, pädagogische Pflicht, jungen Leuten zu helfen. Wenn wir ein Stück von dieser damaligen Einstellung in die Realität umsetzen, können wir wenigstens gegenüber der Generation von 1910 sagen: Wir sind jetzt so gut, wie ihr es damals schon wart. Das wäre schon ein gewaltiger Fortschritt.

Europas kulturelle Identität spiegelt sich natürlich auch in der Vielfalt seiner Sprachen. [...] Wir haben hier zwei Amtssprachen, und ich denke, es ist an der Zeit, dass auch diejenigen, die sich dabei schwertun, zur Kenntnis nehmen, dass das Anliegen auf eine Gleichstellung der deutschen Sprache im Europarat nicht irgendein, sondern ein ganz zentraler Wunsch ist, den wir Deutsche einbringen.

Nichts von dem, was für die Zukunft kommender Generationen von Bedeutung ist, kann heute und wird morgen und übermorgen erst recht im Sinne des alten nationalstaatlichen Denkens von einem Staat allein erreicht werden.

Dies ist die historische Erfahrung eines ganzen Jahrhunderts. Wenn Sie die großen Herausforderungen sehen - Arbeitslosigkeit, Sicherung des Wirtschaftsstandorts Europa in einer Situation steigender internationaler Konkurrenz etwa im Blick auf Asien und andere Kontinente, Verbesserung des Umweltschutzes, ich sage sehr viel lieber, Erbalt der Schöpfung, Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität, einer Herausforderung, die in einem von vielen immer noch nicht begriffenen Maßstab eine der großen Gefahren für unseren Kontinent geworden ist -, dann zwingt uns das alles zur Zusammenarbeit.

Manches von all dem wurde hier bereits 1949 gesagt und im Statut des Europarats definiert. Die Ehrlichkeit gebietet meiner Meinung nach auch, dass wir einmal mehr sagen, dass sich die Visionäre von gestern als die Realisten von heute erwiesen haben, dass der, der von Europa träumt, sich ruhig als Visionär beschimpfen lassen kann, denn er wird vor der Geschichte recht behalten.

Ohne den Europarat hätte die Europäische Gemeinschaft, die Europäische Union, nicht geschaffen werden können. Im kommenden Jahr wird die Regierungskonferenz der Europäischen Union beginnen. Sie wird dann im Verlauf der italienischen Präsidentschaft und der irischen Präsidentschaft 1996 und - wie ich hoffe und wünsche - dann unter der niederländischen Präsidentschaft im ersten Halbjahr 1997 zum Abschluss kommen.

Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen, vieles von dem, was noch vage ist, muss konkretisiert werden. Wir haben jetzt die Wahl, das Haus Europa zu bauen, oder wir werden vor der Geschichte versagen.

Ich glaube nicht, dass die Chancen, die jetzt trotz aller Schwierigkeiten bestehen, in absehbarer Zeit wiederkommen werden. Wir wissen aus der Geschichtsphilosophie, dass man die Phasen der Geschichte oft in drei Abschnitte einteilt: einen Abschnitt, in dem Ereignisse heranreifen, einen kurzen Abschnitt, in dem Entscheidungen getroffen werden - oft unbemerkt von den Völkern -und einen langen Abschnitt, in dem die Völker die Folgen dieser Entscheidungen erleben oder erleiden müssen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir jetzt in dem kurzen Zeitabschnitt der Entscheidungen leben. Heute - fünf Jahre vor der Jahrtausendwende - muss das Notwendige geschehen. Der Erfolg dieser Konferenz hängt mit davon ab, dass wir die Vorstellung eines gemeinsamen Europas haben - ein europäisches Bewusstsein, eine europäische Identität.

Wenn ich von europäischer Identität spreche, ist das kein Gegensatz zu unserer nationalen Identität. Es ist eines der großen Missverständnisse, dass man glaubt, die eigene nationale Identität aufgeben zu können, um eine europäische Identität zu gewinnen. Beides gehört zusammen.

Deutschland bleibt mein Vaterland und Europa meine Zukunft. Das ist kein Gegensatz. Das ist die Ergänzung der historischen Vernunft in unserer Zeit. Deswegen geht es in der großen Europadebatte, die jetzt stattfindet, vor allem um diese zentralen Begriffe. Ich wünsche mir eine den europäischen Traditionen entsprechende große geistige Offenheit und nicht jene Borniertheit, die man leider oft antrifft.

Wir wollen enge und partnerschaftliche Beziehungen auch zu den Nachbarregionen im Osten, Südosten und Süden aufbauen; denn von deren wirtschaftlicher und politischer Stabilität hängt auch unsere Zukunft ab. Mit den Partnern in Mittel-, Südost- und Osteuropa hat die Europäische Union Abkommen geschlossen oder vorbereitet, vor allem auch mit jenen Staaten, die eine Beitrittsperspektive erhalten haben und beitreten wollen. Dabei darf es keinen Automatismus geben. Es muss so sein, dass die betroffenen Länder und Völker selbst den Wunsch haben beizutreten. Aber wir dürfen die Europäische Union auch nicht zu einer Festung Europa machen. Mehr als alles andere müssen aber die Länder selbst über ihre Zukunft entscheiden. Reformkurs ist Europakurs, und Abkürzungen darf es nicht geben.

Wir wollen ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem weiter ausgestalten. Wir wollen die NATO nach Osten erweitern und zugleich eine ganz tragfähige, eindeutige und für alle Beteiligten akzeptable Sicherheitspartnerschaft -ich nenne die beiden Länder vorab - mit Russland und der Ukraine erarbeiten. Wir wollen auch im Bereich der militärischen Sicherheit keine neuen Mauern errichten.

Vor bald fünf Jahren haben wir die Charta von Paris verabschiedet. Es bedrückt mich, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, deren Prinzipien überall in Europa durchzusetzen. Es gibt immer noch Völker- und Religionshass, es gibt Verfolgung ethnischer und religiöser Minderheiten.

Die barbarischen Bilder vom Leiden und Sterben der Menschen im ehemaligen Jugoslawien, die wir täglich sehen, zeigen nicht nur eine der großen Tragödien unserer Zeit, sondern sie sind auch eine Chance zu begreifen, dass wir den Rückfall in die Barbarei im 21. Jahrhundert nur durch die Einigung Europas verhindern können.

Der Bau des Hauses Europa hat viele Gründe, aber für mich ist der entscheidende Grund schlechthin wichtiger als alle ökonomischen Daten. Für mich ist entscheidend, dass wir im 21. Jahrhundert in Europa in Frieden und Freiheit zusammenleben und nie wieder in jene Zeit der Barbarei, die wir hinter uns gelassen haben, zurückfallen.

Das heißt auch, dass Europa heute mehr denn je die Chance und den Geist des Dialogs auch über Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg braucht. Es muss darum gehen, im weitesten Sinne des Wortes einen ökumenischen Bogen von den Klöstern und Kapellen Irlands bis hin zu den Kirchen und Kathedralen von Kiew und Moskau zu schlagen. Es gilt, unser europäisches Erbe im besten Sinne zu bewahren. Das ist in vielen hunderten von Jahren geprägt worden.

Ich meine damit nicht nur die großen Meisterwerke der Literatur, der Musik oder der Malerei, auch nicht nur die einzigartigen Baudenkmäler. Es geht mir vor allem um den Geist, die kulturelle Inspiration, die diese Kunstwerke und Epochen prägten und die ihnen ihre Größe und Schönheit über Zeiten und Grenzen hinweg schenkte. In diesem Geist fließen die Philosophie der Antike und des Humanismus ebenso zusammen wie die Rationalität der Aufklärung und die prägende Kraft des Christentums. Das ist der gemeinsame Ursprung, er bildet und prägt unser Bewusstsein als Europäer - die europäische Idee. Sie lässt sich für die Zukunft nicht verstehen und verwirklichen ohne das für uns gültige Wertesystem. Es gründet auf der Einzigartigkeit des Menschen, auf der Achtung vor dem Leben, auf der Achtung von Menschenwürde und persönlichen Freiheitsrechten.

In Westeuropa leben wir seit 50 Jahren in Frieden. Für uns Deutsche ist dies die längste Friedensperiode der jüngeren Geschichte. Der Wunsch Konrad Adenauers, in seiner ersten Regierungserklärung 1949 ausgesprochen, Frieden, Freundschaft und Aussöhnung mit allen unseren Nachbarn zu erreichen, ist Wirklichkeit geworden.

Gerade die Gedenkfeiern Anfang Mai dieses Jahres anlässlich des fünfzigsten Jahrestags der Beendigung des Zweiten Weltkriegs haben deutlich gemacht, dass wir die Geschichte nicht vergessen und begraben dürfen. Wir müssen fähig sein, aus der Geschichte zu lernen. Aus diesem Geist und diesem Bewusstsein sollten wir unser Denken und Tun auf die Zukunft eines geeinten und friedlichen Europas richten. Dann können wir uns gegen Rückfälle in die Vergangenheit wappnen.

Ich sage warnend: Die Gespenster von Chauvinismus und Fundamentalismus sind eben nicht nur auf dem Balkan oder auf der anderen Seite des Mittelmeers zu Hause. Wenn wir Frieden und Freiheit erhalten wollen, müssen wir den Weg zu einem geeinten Europa unumkehrbar machen. Wir brauchen Europa als wetterfestes Haus mit einem stabilen Dach, in dem alle europäischen Völker je nach ihren Bedürfnissen ihre Wohnung finden, und ich wünsche mir, dass auch unsere amerikanischen Freunde ein Dauerwohnrecht in diesem Hause haben. Wir wollen die politische Einigung Europas, wir wollen keine Art gehobener Freihandelszone, wie sie wohl manchem für Europa vorschwebt. Aber wer die Geschichte und gar die Wirtschaftsgeschichte kennt, der weiß; Mit einer gemeinsamen Währung allein lässt sich kein Kontinent zusammenhalten. Dieses Europa braucht ein politisches Dach und eine Wirklichkeit gelobter Solidarität, auch wenn der Wind nicht günstig steht.

Es heißt immer wieder, dass die Einigung Europas nicht vorankomme, ja, dass die Menschen skeptisch und müde seien. Ich höre das jeden Tag. Wenn die Menschen eine Lektion von Kleinmut und kärglichem Zukunftswillen suchen, dann beschäftigen sie sich mit den europäischen Dingen. Wer lange genug in einem europäischen Gremium von morgens neun Uhr bis zum nächsten Morgen zwei Uhr gesessen hat, der mag genug Grund haben, daran zu verzweifeln.

Ich war bei Kriegsende 15 Jahre alt. Das liegt 50 Jahre zurück. Ich habe mein erstes europäisches Bekenntnis - das habe ich in diesem Haus schon einmal gesagt - als Siebzehnjähriger nicht weit von hier an der pfälzisch-elsässischen Grenze erlebt. Wir Gymnasiasten von verschiedenen Schulen aus dem Elsass und der Pfalz haben Grenzpfähle herausgerissen und europäische Lieder gesungen. Wir waren ganz sicher: „Europa" ist da! - Es war noch weit weg, die Pfähle sind wieder eingerammt und wir sind über die Grenze zurückgejagt worden.

Heute ist „Europa" für die Generation unserer Kinder ziemlich selbstverständlich. Wenn Sie sich in Prag im Sommer auf der Karlsbrücke oder in Paris auf dem Eiffelturm, am Piccadilly in London oder an der Spanischen Treppe in Rom oder bei uns im Rheintal befinden, dann begegnen Ihnen Abertausende junger Leute aus ganz Europa - das sage ich an uns und meine Generation gerichtet -, die uns in ihrem Denken, ihrer Hoffnung, in ihrem Fühlen und auch in ihrem Handeln weit voraus sind.

Es ist wahr: Die Völker unseres Kontinents sind sehr verschieden. Gerade diese Verschiedenartigkeit ist aber eine phantastische Chance. Wir wollen keine europäische Einheitsfarbe, wir wollen doch die ganze Buntheil unseres Kontinents. Die Verschiedenheit und nicht die Eintönigkeit muss das Signum Europas sein. Wir gewinnen im politischen Alltag wie im Kulturellen aus dem Spannungsverhältnis zwischen Einheit und lebendiger Vielfalt.

In wünsche mir, dass wir gemeinsam in diese europäische Zukunft gehen. Es lohnt sich, dafür zu arbeiten. Es lohnt sich nicht zuletzt, wenn Sie an die Jungen in Europa denken. Es geht um ihre Zukunft, es geht darum - ich sage das als Deutscher, in dessen Familie in jedem Krieg ein Sohn gefallen ist -, dass wir jetzt in Europa eine junge Generation heranwachsen sehen, die zum ersten Mal seit Menschengedenken die Chance hat, dass sie nicht in einen Krieg ziehen muss, dass sie in Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert leben kann.

Wenn wir uns diesem Ziel stellen, dann gibt es keinen Grund zum Kleinmut, dann hat auch diese Versammlung heute, morgen und übermorgen ihre bedeutende Aufgabe. Dazu möchte ich Ihnen und uns viel Glück wünschen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 76 (4. Oktober 1995).