6. Mai 1995: Erklärung anlässlich des Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren


In diesen Tagen gedenken wir des Endes des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren. Es leben in unserem Land, in Europa und in anderen Erdteilen noch Millionen von Menschen, die diese Zeit selbst erlebt haben und davon berichten können. Vielfältige Erinnerungen werden wach, und bei manchen aus der älteren Generation beginnen Wunden wieder zu schmerzen, die schon ganz verheilt schienen.

Für all diese Erinnerungen und Gefühle gibt es keinen gemeinsamen Nenner. Wir sollten sie daher als existentielle Erfahrung des jeweils anderen respektieren und sie nicht zerreden. Wir sollten versuchen, dem jeweils anderen mit offenem Ohr und offenem Herzen zuzuhören. Dazu bedarf es einer Atmosphäre von Besinnung und Nachdenklichkeit. Gerade in der Achtung vor jedem einzelnen Schicksal drückt sich die Überzeugung von der allen Menschen gemeinsamen unantastbaren Würde aus.

Wer die Holle der Konzentrationslager nicht durchlitten hat, der wird niemals nachempfinden können, was die Überlebenden dieses Grauens noch heute im Innersten bewegt. Wer das Leiden und Sterben auf den Schlachtfeldern des Kriegs nicht miterleben musste, der kann sich nur eine vage Vorstellung von den Alpträumen machen, die die Heimkehrer von damals noch heute heimsuchen. Wer das Glück hatte, seine Heimat nicht zu verlieren, der vermag die noch heute gegenwärtige Trauer von Vertriebenen und Flüchtlingen um das Land ihrer Kindheit und ihrer Vorfahren nicht wirklich zu verstehen.

Zwei Drittel der heute lebenden Deutschen sind nach dem Krieg geboren. Ihnen müssen Bilder und Filme, Augenzeugenberichte, Tagebücher und vor allem die in den Familien wiedergegebenen persönlichen Erinnerungen der älteren Generation die entsetzlichen Folgen des von Hitler entfesselten Kriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft vor Augen führen: Deutschland lag in Schutt und Asche, Millionen von Soldaten aus vielen Nationen hatten auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs ihr Leben gelassen. Millionen waren in Kriegsgefangenschaft geraten, viele als Kriegsversehrte zurückgekehrt.

Für viele Menschen, vor allem für die Häftlinge in den Konzentrationslagern, Todeszellen und Zuchthäusern, bedeutete das Ende des Kriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft die ersehnte Befreiung. Wir gedenken der Millionen Juden, der Sinti und Roma und der vielen anderen, die verfolgt, gequält und ermordet worden sind.

Wir erinnern uns an das Leiden und Sterben unschuldiger Frauen, Männer und Kinder aus anderen Völkern wie auch aus unserem eigenen Volk. Wir gedenken der vielen Menschen, die bei Flucht und Vertreibung Schlimmes erlitten haben. Millionen mussten ihre Heimat verlassen. Viele kamen dabei um. Unter uns leben noch Frauen, die von bösen Erinnerungen gequält werden. Mütter haben vergeblich auf ihre Söhne, Ehefrauen und Bräute vergeblich auf ihre Männer und Verlobten gewartet. Viele Kinder haben im Zweiten Weltkrieg Vater, Mutter oder beide Eltern verloren.

Es kann keinen Zweifel daran geben, dass die Befreiung von der Hitler-Barbarei notwendig war, um in Deutschland einen freiheitlichen Rechtsstaat und in Europa Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern zu ermöglichen.

Das Ende des Kriegs bedeutete für die meisten zunächst das Ende von Angst um Leib und Leben. Es brachte neue Hoffnung. Aus dieser Hoffnung schöpften die Menschen an dem tiefsten Punkt unserer Geschichte die Kraft für einen Neubeginn. Sie konnten dabei auf dem moralischen Fundament derjenigen Deutschen aufbauen, die den Widerstand gegen Hitler gewagt hatten. In den drei westlichen Besatzungszonen Deutschlands nahm - nicht zuletzt dank weitsichtiger amerikanischer Hilfe, vor allem durch den Marshall-Plan, - eine neue Ordnung des Rechts und der Freiheit schon bald Gestalt an.

Wahr ist aber auch, dass in Teilen Deutschlands und Europas die Hoffnung auf neues Recht und neue Freiheit sehr schnell bitter enttäuscht wurden. Unser Vaterland und unser Kontinent wurden geteilt. Freiheit und Demokratie konnten jenseits des früheren Eisernen Vorhangs erst vor wenigen Jahren, nämlich nach dem Ende der kommunistischen Diktatur verwirklicht werden.

Am 8. Mai 1945 hatte niemand in Deutschland zu träumen gewagt, dass wir am Anfang der längsten Friedensperiode in der jüngeren deutschen Geschichte stehen würden und dass unser Land am Ende dieses Jahrhunderts weltweit Ansehen und Sympathie genießen würde. Heute ist Deutschland in freier Selbstbestimmung und mit der Zustimmung all seiner Nachbarn wiedervereint. Gerade im Rückblick auf die Erfahrungen der Vergangenheit haben wir allen Grund, dafür dankbar zu sein. Viele haben zu dem Vertrauen beigetragen, das Deutschland heute entgegengebracht wird. Dazu gehören vor allem die Angehörigen jener Generation, die unser Land aus physischen und geistigen Trümmern wiederaufgebaut hat. Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir uns in diesen Tagen auch daran, dass ehemalige Kriegsgegner uns die Hand zu Versöhnung und Freundschaft gereicht haben.

Der 8. Mai führt uns besonders eindringlich vor Augen, dass ein Leben in Frieden und Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist. Er mahnt uns, auf eine Friedensordnung in Europa hinzuwirken, die sich auf die uneingeschränkte Achtung der persönlichen Menschenrechte und auf das Völkerrecht gründet.

Dies ist die entscheidende Lektion aus den Erfahrungen des in wenigen Jahren zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts, das so viel Leid und Elend gesehen hat - und in Teilen der Welt, ja unseres eigenen Kontinents, immer noch oder schon wieder sieht. Wir Deutschen wollen diese Lektion beherzigen im Blick nach vorn, im Blick auf die Zukunft unserer Kinder und Enkel, Dann - und nur dann - haben wir Grund zur Zuversicht, dass sich die Schrecken der Vergangenheit niemals wiederholen werden.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 39 (15. Mai 1995).