19. Februar 1995
Rede anlässlich der festlichen Matinee zum 125-jährigen Firmenjubiläum der Commerzbank Aktiengesellschaft in der Alten Oper Frankfurt


Sehr geehrter Herr Dr. Seipp,

sehr geehrter Herr Kohlhaussen,

meine Damen und Herren Abgeordneten,

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

meine sehr verehrten Damen und Herren und vor allem

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses,

zunächst meinen herzlichen Glückwunsch zum 125jährigen Bestehen der Commerzbank. Zu diesem festlichen Anlass möchte ich ebenso herzliche Grüße und die besten Wünsche im Namen der Bundesregierung aussprechen. Die Vielzahl der Gratulanten, die heute von nah und fern hierher gekommen sind, belegen den Erfolg und die Bedeutung der Commerzbank.

Unternehmerische Initiative und der entschiedene Wille, am wirtschaftlichen Aufbruch in Deutschland mitzuwirken, führten vor 125 Jahren zur Gründung der Commerz- und Disconto-Bank durch Hamburger Kaufleute und Privatbankiers. Die Geschichte der Commerzbank - von 1870 bis 1995 - spiegelt die jüngere deutsche Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen wider: Der rasche Aufstieg Deutschlands zur Industrienation, eine schwere Wirtschaftskrise bald nach Gründung der Commerzbank, zwei Weltkriege, die Weltwirtschafts- und Bankenkrise, zwei Hyperinflationen, der Wiederaufbau der alten Bundesrepublik nach 1945, die deutsche Teilung, die Deutsche Einheit und der Aufbruch zu einem geeinten Europa.

Die wechselvolle deutsche Geschichte hat den Weg der Commerzbank in vielfacher Hinsicht geprägt. Die Commerzbank hat. obwohl dies nicht immer leicht war, im Auf und Ab der Geschichte bestanden, so etwa in den schwierigen Zeiten der Bankenkrise 1931 oder der Währungsreform 1948. Für die Menschen in Deutschland war die Währungsreform 1948 ein tiefer Einschnitt. Zum zweiten Mal innerhalb einer Generation verloren sie alle Geldwerte. Die ältere Generation weiß aus Erfahrung, dass die Geldwertstabilität eine wichtige Voraussetzung politischer Stabilität ist. Und sie hat vor allem in Erinnerung, dass die Einführung der D-Mark mehr war als die Einführung einer neuen Währung. Sie war zugleich auch Signal für einen politischen Neuanfang. Als die Bundesrepublik Deutschland 1949 gegründet wurde, gab es die D-Mark bereits.

Viele Menschen verbinden mit der D-Mark den wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, gesellschaftliche und politische Stabilität sowie weltweite Anerkennung für Geleistetes. Ebenso wenig dürfen wir vergessen, dass die D-Mark für die Menschen in der ehemaligen DDR mehr bedeutete als nur eine Währung. Sie war Symbol der Freiheit und der Einheit.

Die Stabilität der D-Mark ist deshalb nicht irgendein Thema, sondern eine Frage von höchstem politischem Wert! Vor allem ist die Stabilität der D-Mark und die Bekämpfung der Inflation die beste Sozialpolitik. Eine niedrige Inflationsrate begünstigt Bezieher niedriger Einkommen, Rentner und Pensionäre sowie kleine Sparer.

Heute vor 50 Jahren lag unser Land in Trümmern. Vor sechs Tagen fand in Dresden die Gedenkfeier statt, bei der der Toten jener Tage gedacht wurde. Am Ende des Kriegs waren Millionen Menschen entwurzelt und auf der Flucht. Die damalige Generation hat jedoch nicht ihr Schicksal beklagt und mutlos auf Hilfe von außen gewartet. In der Stunde Null - auch hier in Frankfurt - hat sie im Vertrauen auf die eigene Leistungskraft mit dem Neuaufbau begonnen. Die erste Frage der Gründergeneration unserer Republik war nicht, wer etwas für sie tut, sondern was sie selbst leisten kann. Wohlverstandenes Denken an sich selbst war dabei nicht vergessen, aber ein starkes Wir-Gefühl war vorhanden: „Wir wollen gemeinsam den Aufbau wagen, wir wollen nicht untergehen".

Am 21. April 1948 hat Ludwig Erhard hier in Frankfurt in einer Rede vor dem Wirtschaftsrat der Bizone gesagt: „Wenn auch nicht im Ziele einig, so ist doch die Richtung klar, die wir einzuschlagen haben - die Befreiung von der staatlichen Befehlswirtschaft, die alle Menschen in das entwürdigende Joch einer alles Leben überwuchernden Bürokratie zwingt, die jedes Verantwortungs- und Pflichtgefühl aber auch jeden Leistungswillen abtöten und darum zuletzt den frömmsten Staatsbürger zum Rebellen machen muss."

Das ist die Sprache Ludwig Erhards in dieser Zeit. Der Text ist jedoch hochaktuell. Ich zitiere hier im Gedenken an das, was dieser großartige Mann in jenen Tagen für das deutsche Volk bewegt und geleistet hat.

Mut zum Bruch mit der Vergangenheit und zum Wagnis des Aufbruchs den am Anfang des sogenannten „Wirtschaftswunders". In Wahrheit war es kein Wunder, sondern der Wille unseres Volks, nicht unterzugehen und jenen nachzugeben, die für die Deutschen keine Zukunft mehr sahen. Es war auch die Stunde der Hilfe von außen, vor allem der Amerikaner im Rahmen des Marshall-Plans. Und es war die Stunde von Fleiß, Opferbereitschaft und Gründergeist.

Ich selbst erinnere mich gut daran, wie ich als Student im ersten Semester vom Frankfurter Bahnhof zur Universität ging und der Weg mich durch einen einzigen Trümmerhaufen führte. Wenn mich damals jemand gefragt hätte, wie dieses Frankfurt einmal in einigen Jahrzehnten aussehen würde, so hätte ich wohl nicht gewagt, zu prognostizieren, was heute Wirklichkeit ist.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen unseren heutigen Problemen und jenen von 1945 besteht jedoch darin, dass die Menschen damals nichts mehr zu verlieren hatten. Heute sehen wir uns vor ganz anderen, neuen großen Herausforderungen. Es herrscht - verständliche - Angst vor dem unvermeidlichen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Es herrscht Angst davor, dass dieser Wandel Arbeitsplätze kosten und den erworbenen Wohlstand möglicherweise gefährden sowie gewachsene Strukturen und soziale Bindungen zerstören könnte.

Wir müssen die Sorgen der Menschen ernst nehmen. Wir sollten alles tun, damit die Menschen sich nicht durch Veränderungen überrumpelt und überfordert fühlen. Gleichwohl müssen wir aber ohne Wenn und Aber die notwendigen Veränderungen einleiten. Wir müssen Zukunftsperspektiven aufzeigen und den schwierigen Weg zum Erhalt von Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätzen sozial verträglich gestalten.

Wir brauchen besonderes Verständnis für die Menschen in den neuen Ländern. Sie machen den Strukturwandel, für den die Menschen in den alten Ländern vier Jahrzehnte Zeit hatten, gewissermaßen im Zeitraffer durch. Ich will dies beispielhaft an der Situation des Mittelstands in den neuen Ländern deutlich machen. Der Mittelstand wurde durch das SED-Regime in der ehemaligen DDR ständig drangsaliert und bekämpft. Der Geist der Selbstverantwortung und Eigeninitiative vertrug sich nicht mit der kommunistischen Ideologie. Der Mittelstand ist jedoch die dynamische Kraft der Sozialen Marktwirtschaft und insbesondere in den neuen Ländern der Kern des wirtschaftlichen Aufbaus. Vielfach fehlt es an Eigenkapital und Risikokapital, um den Weg von der Existenzgründung zur Existenzsicherung zu schaffen.

Den Banken kommt hier eine wichtige Rolle zu - wie schon in der Gründerzeit des vorigen Jahrhunderts. Damals hatten die Banken als Partner der Industrie einen wesentlichen Anteil am wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands.

Heute werden sie in den neuen Ländern gebraucht, um Innovationen und unternehmerischen Wagemut zu finanzieren. Deshalb ist es gut, dass die privaten Banken überdurchschnittliches Engagement im industriellen Mittelstand im Rahmen der sogenannten Bankenmilliarde aufgebracht haben. Ich hoffe sehr, dass die Banken ihr Engagement und auch diese moralische Verpflichtung fortsetzen.

Der wirtschaftliche Aufbau in den neuen Ländern ist trotz aller Schwierigkeiten ein großes Stück vorangekommen. Dazu hat die finanzielle Unterstützung aus Westdeutschland entscheidend beigetragen. Von 1990 bis 1994 sind über 500 Milliarden D-Mark an öffentlichen Netto-Transfers in die neuen Ländern geflossen.

Die Diskussion der letzten Tage über die Verschwendung von Fördermitteln ist heuchlerisch und muss versachlicht werden. Natürlich sind beim Einsatz einer solchen großen Summe Probleme nicht zu vermeiden gewesen. Ich bin nachdrücklich dafür, dass Fehler abgestellt und Kontrollen verbessert werden. Allerdings kommt der Missbrauch von öffentlichen Mitteln nicht nur in Ostdeutschland vor. Auch in Westdeutschland gibt es trotz einer erfahrenen Verwaltung genügend Beispiele für Missbrauch und Verschwendung öffentlicher Mittel. Wir im Westen haben daher nicht den geringsten Grund, mit dem Finger auf die neuen Länder zu deuten. Vor allem aber darf dies nicht ein willkommener Vorwand sein, um die Hilfen für die neuen Länder insgesamt in Frage zu stellen. Wir dürfen nicht zulassen, dass jetzt Neid und Missgunst geschürt und neue Gräben zwischen Ost und West aufgerissen werden. In den entscheidenden Jahren der historisch einmaligen Aufbauphase seit 1990 ist vieles gelungen. Fehler waren dabei unvermeidlich. Ich selbst habe unterschätzt, wie schwierig es nach 40 Jahren Teilung sein würde, auch menschlich aufeinander zuzugehen. Deswegen ist es besonders wichtig, die Menschen im Osten, die 40 Jahre lang auf der Schattenseite der deutschen Geschichte leben mussten, nicht im Stich zu lassen.

Wir feiern heute den 125. Geburtstag der Commerzbank. In fünf Jahren gehen ein Jahrhundert und ein Jahrtausend zu Ende. Wir stehen vor großen Herausforderungen und Chancen. Dies ist jetzt eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, wo wir stehen und was die Zukunft bringt.

Die wirtschaftlichen Perspektiven für 1995 sind gut. Die Bundesregierung erwartet in diesem Jahr ein gesamtdeutsches Wirtschaftswachstum von plus drei Prozent und einen Rückgang der Arbeitslosigkeit um 300.000. Der Konjunkturaufschwung ist jedoch kein Ersatz für notwendige strukturelle Veränderungen.

Ich habe vor drei Wochen mit Spitzenvertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften ein gutes Gespräch über wichtige Zukunftsfragen geführt. Weitere Gespräche wurden verabredet. Es ist sicherlich nicht Sache der Politik, in die Tarifdiskussion einzugreifen und die wichtige Errungenschaft der Tarifautonomie politisch beeinflussen zu wollen. Gleichwohl muss es der Politik gestattet sein, gerade inmitten einer solchen Aufbruch Situation an die Vernunft der Tarifpartner zu appellieren.

Von größter Bedeutung für die Zukunft ist, dass wir nicht in den Anstrengungen nachlassen, die Ausbildungschancen der jungen Generation zu verbessern. Dazu gehört auch, dass wir an unserem bewährten dualen Ausbildungssystem festhalten. Dass viele Großunternehmen in ihrer Ausbildungsbereitschaft nachlassen, bereitet allen Grund zur Sorge. Es ist im besten Sinne eine patriotische Tat, junge Menschen auszubilden. Dagegen programmiert die Ausbildungsplatzlücke von heute den Fachkräftemangel von morgen.

Eine große Herausforderung bleibt die Bekämpfung der hohen Arbeitslosigkeit. Es gehört zur Erfahrung aller großen Industrienationen, dass die Sockelarbeitslosigkeit mit jeder Rezession steigt. Das hat vielfältige Gründe. Die Arbeitslosigkeit ist aber kein unabwendbares Schicksal. Wenn wir gemeinsam schnell und flexibel auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren, wird es auch am Ende dieses Jahrhunderts wieder möglich sein, an den Beschäftigungserfolg der achtziger Jahre anzuknüpfen, als schon einmal über drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden konnten.

Zukunftsgestaltung beginnt in den Köpfen der Menschen. Es ist nicht zuerst eine Frage des Geldes, sondern vielmehr eine Frage des Umdenkens. Gefragt sind Kreativität und Ideenreichtum. Wir müssen uns wieder daran erinnern, dass wir nur das Geld ausgeben können, das wir vorher erarbeitet haben. Wir müssen wieder betonen, dass Rechte und Pflichten untrennbar miteinander verbunden sind.

Die Welt hat sich dramatisch verändert. Der Erfolg hängt heute immer stärker davon ab, dass wir neue weltwirtschaftliche Herausforderungen offen annehmen. Die Bundesrepublik Deutschland ist neben Japan und den USA eine der drei großen Exportnationen. Wir müssen uns den Herausforderungen neuer Wachstumszentren stellen, wie beispielsweise im pazifischen Raum Südkorea oder Taiwan sowie künftig auch China und Vietnam.

Es ist höchste Zeit, dass wir die zunehmende Konkurrenz unmittelbar vor unserer Haustür, durch die Länder in Mittel- und Osteuropa, wahrnehmen. Diese traditionellen Industriestandorte werden nicht zuletzt wegen der noch niedrigen Lohnkosten auch für deutsche Investoren immer attraktiver. Mit der Öffnung unserer Märkte für die Länder in Mittel- und Osteuropa tragen wir auch zum Erfolg der Reformprozesse bei. Die Einführung von Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Demokratie liegen auch in unserem Interesse.

Die deutsche Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren nicht schlechter, aber andere Länder sind wirtschaftlich stärker geworden und holen immer weiter auf. Das gilt nicht nur - aber insbesondere - für die Wirtschaft. Dieser Entwicklung müssen wir uns alle stellen - natürlich auch die Banken und Großbanken. Es ist unbestreitbar, dass die deutschen Banken einen großen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes haben. Das bringt auch eine kritische Begleitung ihres Geschäftsgebarens in der Öffentlichkeit mit sich.

Ich kann Ihnen versichern, Herr Kohlhaussen, in meiner Amtszeit wird es keine von ideologischen Vorstellungen geleiteten und übereilten Entscheidungen geben. Wir werden aber unvoreingenommen - und hoffentlich auch im Gespräch mit Ihnen - prüfen, wie wir die Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich verbessern können.

Für eine gute Zukunft ist es jetzt wichtig, dass Freiräume für Bürger und Unternehmen erhalten und ausgeweitet werden. Dazu müssen wir vor allem den Staat schlanker machen und Bürokratie abbauen. Wir werden zum Beispiel Planungs- und Genehmigungsverfahren weiter verkürzen. Das kommt Investoren bei ihrer Standortentscheidung für Maschinen und Arbeitsplätze zugute.

Zur Zukunftssicherung gehören auch solide Staatsfinanzen und eine stabile D-Mark. Erfreulich ist, dass sich trotz des Milliardentransfers für den Wiederaufbau der neuen Bundesländer der Preisanstieg verringert hat: in Westdeutschland im Januar 1995 auf 2,3 Prozent; in Ostdeutschland haben wir mit 1,8 Prozent den niedrigsten Preisanstieg seit Juni 1990. Wir werden trotz aller Schwierigkeiten die Haushaltskonsolidierung konsequent fortsetzen. Das ist eine Verpflichtung gegenüber unseren Kindern und Enkeln.

Dazu gehört auch, dass unsere Staatsquote wieder zurückgeführt wird. Hier bin ich aus Erfahrung optimistisch. Wir haben es schon einmal - zwischen 1982 und 1989 - geschafft, den Anteil der Staatsausgaben am Sozialprodukt von über 50 Prozent auf knapp 46 Prozent zu senken. Ohne diese günstige Ausgangslage wäre die Deutsche Einheit nicht finanzierbar gewesen. Der erneute Anstieg der Staatsquote auf mehr als 50 Prozent war unvermeidlich, weil die großen Aufgaben im Zusammenhang verschoben werden konnten. Deshalb waren auch Steuererhöhungen notwendig.

Ich erinnere mich noch gut, dass viele Menschen in den Jahren 1990/91 gerne bereit waren, ein Opfer für die Deutsche Einheit zu bringen. Heute wollen manche nichts mehr davon wissen. Ich bin erstaunt, dass der gemeinsam in Bundestag und Bundesrat beschlossene Solidaritätszuschlag jetzt von vielen Seilen in Frage gestellt wird.

Bei den Gesprächen zwischen Bund und Ländern im Rahmen der Solidarpaktverhandlungen war es selbstverständlich, dass die Finanzierung der neuen Länder abgesichert werden muss. Deshalb haben wir den Solidaritätszuschlag wieder eingeführt. Ich stehe zu dieser Notwendigkeit, weil ich schon immer zur Deutschen Einheit gestanden habe. Gleichwohl ist es unser klares Ziel, den Solidaritätszuschlag so bald wie möglich abzubauen. Wir wollen die Steuer- und Abgabenbelastung zurückführen und wieder die Staatsquote von 46 Prozent wie vor der Wiedervereinigung erreichen.

Auf die Herausforderungen der Zukunft müssen Wirtschaft und Gesellschaft schnell und flexibel reagieren. Jetzt wird sich zeigen, inwieweit wir fähig sind, neue moderne Beschäftigungsfelder zu erschließen. Forschung, Technologie und Innovation werden immer mehr zu den wichtigsten Quellen für Wachstum und Arbeitsplätze von morgen. Hier müssen wir wieder zur Weltspitze aufschließen und beispielsweise wichtige Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte umsetzen. Denn erst mit konsequenter - ethisch verantworteter - Anwendung neuer Technologien können zukunftssichere Arbeitsplätze entstehen.

Dafür brauchen wir ebenso ein für Forschung und Technologie aufgeschlosseneres gesellschaftliches Klima. So wie wir stolz auf Spitzenleistungen im Sport sind, so ist es erforderlich, dass wir Spitzenleistungen in Wissenschaft, Forschung und Technologie öffentlich besonders herausstellen. In allen Bereichen unserer Gesellschaft brauchen wir das Beispiel von Leistungseliten, von Frauen und Männern, die aus eigener Überzeugung mehr leisten als andere und die dafür besonderen Respekt und Anerkennung verdienen.

Die Zukunft Deutschlands ist aber nicht allein eine Frage von Geld, Finanzen und Steuern oder auch von technologischen Erneuerungen. Zur Zukunftssicherung des Landes gehört auch, dass Deutschland wieder kinderfreundlicher wird und Kinder in Deutschland Vorfahrt haben. Die Familie ist und bleibt der Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Liebe, Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit entstehen zuallererst in Familien. Kinder, die in dieser Stunde in Frankfurt geboren werden und hier ihre Heimat haben, werden von ihrem Zuhause geprägt. Eltern oder alleinerziehende Elternteile, die unsere besondere Sympathie brauchen, haben hier eine große Verantwortung. Deshalb hängt die Zukunft des Landes entscheidend vom pfleglichen Umgang mit Kindern und Familien ab.

Zu den dramatischen Veränderungen unserer Zeit gehört auch die europäische Einigung. Die Vision Konrad Adenauers, dass die Deutsche Einheit und die europäische Einigung zwei Seiten derselben Medaille seien, ist Wirklichkeit geworden. Letztlich ist die europäische Einheit eine Frage von Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert. Deshalb kann ich nur leidenschaftlich dafür plädieren, dass wir die europäische Einigung nicht nur unter ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekten sehen, sondern vor allem als Garant für den Erhall von Frieden.

Heute vor fünf Jahren hätte wohl niemand geglaubt, dass im früheren Jugoslawien Krieg ausbrechen würde. Genauso wenig hätte man vermutlich 1926. als Gustav Stresemann und Aristide Briand für ihre Aussöhnungspolitik den Friedensnobelpreis erhielten, einen Zweiten Weltkrieg für denkbar gehalten.

Deshalb muss neben der Vollendung der inneren Einheit das zweite große politische Ziel sein, die wirtschaftliche und politische Einigung Europas unumkehrbar zu machen. Dies ist auch ein Werk des Friedens im Interesse unserer Kinder und Enkel.

Für die Zukunftssicherung Deutschland kommt es entscheidend darauf an, dass wir an die Zukunft glauben und in diesem Sinne handeln. Das heißt nicht, dass wir Schwierigkeiten verleugnen, sondern dass wir uns ihnen stellen und sie als Chancen und nicht als Risiken begreifen.

Auch die Geschichte der Commerzbank darf in diesem Sinne verstanden und interpretiert werden. Mit Weltoffenheit und Selbstvertrauen, Fleiß und Leistungsbereitschaft haben viele Mitarbeiter dieses Hauses im Laufe einer wechselvollen Geschichte aus einer kleinen Hamburger Privatbank eine der führenden Universalbanken Deutschlands gemacht. Für weitere 125 Jahre haben Sie guten Grund zur Zuversicht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen für die Zukunft Glück, Erfolg und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 15 (1. März 1995).