11. Mai 1993
Ansprache zur Eröffnung der Buchhändlertage und zur Jahresversammlung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in der Beethovenhalle in Bonn


I.

Lieber Herr Kurtze, meine Damen und Herren Abgeordneten des Deutschen Bundestags, meine sehr verehrten Damen und Herren,

sehr gern habe ich die Einladung angenommen, heute zur Eröffnung der Buchhändlertage 1993 und auch der Jahresversammlung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zu Ihnen zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen zunächst für das danken, was Sie in den Jahren der deutschen Teilung immer wieder getan haben, um das Bewusstsein für die Einheit der deutschen Kulturnation aufrechtzuerhalten und zu schärfen. „Danke" sagen ist ja in Deutschland heutzutage nicht mehr selbstverständlich, und gerade deswegen will ich dieses Selbstverständliche hier tun.

Die vom Börsenverein veranstaltete Internationale Frankfurter Buchmesse und die jährliche Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sind aus dem geistigen Leben unseres Landes nicht hinwegzudenken. Buchhändler und Verleger haben dem Kulturleben im vereinten Deutschland mit ihrem Engagement für die Gründungsstadt des Börsenvereins, die Buchstadt Leipzig, und mit Beiträgen zum Substanzerhaltungsprogramm für Verlage in den neuen Ländern wichtige Impulse gegeben.

Ich freue mich, dass Sie in diesem Jahr in Bonn zusammenkommen. Diese traditionsreiche Stadt hat der deutschen Demokratie, hat unserem Land in über vierzig Jahren sehr gute Dienste geleistet. Ich sage dies ganz bewusst auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ich immer für die Hauptstadt Berlin eingetreten bin. Bonn ist zu einem lebendigen Symbol der föderalen Vielfalt geworden. Bei vielen gehörte es lange Zeit zum guten Ton, über Bonn abfällig zu sprechen. Um so interessanter ist es zu beobachten, dass die Vorzüge dieser Stadt von vielen erst in dem Moment entdeckt wurden, da uns die wieder gewonnene Einheit unseres Landes erlaubte, unser jahrzehntelanges Versprechen für Berlin einzulösen.

Es ist ja eine alte Weisheit, dass Bedeutung und Wert einer Person oder auch eines Ortes vielen Menschen erst nachträglich richtig bewusst werden. Dies gilt wohl auch für das vielfach gespannte Verhältnis von Literatur und Politik in der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1990. Ich bin mir bewusst, dass dieses Verhältnis meistens von Rivalitäten, oft von Animositäten belastet war, auch geprägt von wechselseitigen Verkennungen und Verdächtigungen, von übertriebenen Geltungsansprüchen und kleinmütiger Empfindlichkeit.

Die Traditionslinien des oft künstlich wirkenden Dauerkonflikts von „Geist und Macht" in Deutschland reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Wichtiger scheint mir aber heute die Gegenwart, denn die Deutsche Einheit hat nachhaltige Folgewirkungen für die Kultur und vor allem für die Literatur in Deutschland. Es gibt jetzt eine Chance für die Beendigung der Rivalitäten und Animositäten zwischen Politik und Literatur. Mit dem Scheitern des Kommunismus, dem Ende des Kalten Kriegs, der Überwindung der Spaltung Europas und der deutschen Teilung ist die Normalität der notwendigen Spannung zwischen „Geist und Macht" erreichbar, wie sie in anderen Ländern üblich war und die Regel ist.

Oft wird übrigens übersehen, dass das Kapitel „Geist und Macht" nicht nur von unseligen Gegensätzen erzählt, sondern auch von unheiligen Allianzen, ja von schlimmer Kumpanei. Es hat in diesem Jahrhundert leider allzu viele intelligente Menschen gegeben, die auf Diktatoren hymnische Gedichte verfassten - und zugleich über Repräsentanten der Demokratie Hohn und Spott ausgössen. So mancher von denen, die sich über das angeblich schlechte Verhältnis von „Geist und Macht" in der alten Bundesrepublik beklagten, fand nichts dabei, die sogenannten kulturellen Errungenschaften des SED-Regimes zu rühmen. Dieser Teil des Kapitels „Geist und Macht1' harrt noch der Aufarbeitung. Natürlich ist auch hier die Versuchung groß, zu vergessen, zu verdrängen und zu verharmlosen. Die notwendige Debatte über die geplante Zusammenlegung der Ost-Berliner mit der West-Berliner Akademie der Künste bietet hierfür reichhaltiges Anschauungsmaterial.

Für manche geht es heute natürlich um ein Abschiednehmen von vertrauten Verhaltens- und wohl auch Arbeitsmustern. Doch steht die literarische Verarbeitung der säkularen Veränderungen seit 1989 weitestgehend noch aus. Gewiss, die Literaturgeschichte lehrt, dass geistige Durchdringung und erst recht Verarbeitung umwälzender politischer und gesellschaftlicher Prozesse einen gewissen zeitlichen Abstand vom Ereignis erfordert. Ich hoffe auf ein Werk, dass unsere Zeit und unsere Erfahrungen mit der epischen Kraft eines Tolstoi oder eines Thomas Mann beschreibt. Ich hoffe auch, dass ein solches Werk bei aller nötigen Kritik nicht bei Schelte stehenbleibt, sondern die Chancen der Ausbreitung und Konsolidierung von Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freizügigkeit in Deutschland und Europa anerkennt und vergegenwärtigt. [...]

II.

Es geht mir nicht um eine Hymne auf die Deutsche Einheit oder ein Gedicht auf die Soziale Marktwirtschaft. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen die deutsche Unsitte des Nörgelns und Jammerns. Kein anderes Land hätte seine Einheit, die doch ein Geschenk der Geschichte ist, mit so viel öffentlicher Trübsal beantwortet. Was sind die Gründe dafür? Einer davon ist zumindest hier im Westen unser früher nicht vorstellbarer Wohlstand, der viele der sogenannten Multiplikatoren bereits auf kleinste Schwankungen und Veränderungen übernervös, ja hysterisch reagieren lässt. Dieses Verhalten im Westen steht in keinem Verhältnis zu den gewaltigen Umstellungen, die unseren Landsleuten im Osten abverlangt werden.

Schuld ist aber nicht der materielle Wohlstand allein. Eine prominente Persönlichkeit unserer Tage hat kürzlich - ich zitiere - auf den „Egoistenkult der Selbstverwirklichung" hingewiesen. Dieser wurde weiter beschrieben als „Verlust des Sinns für alle Brüchigkeit des Wohlstands, des Bewusstseins der Bedingtheit des eigenen Daseins und auch der des eigenen Staates". Ich erhebe nicht den Anspruch, eine soziologische und psychologische Analyse des Begriffs „Selbstverwirklichung'' vorzunehmen. Ich bin aber der Ansicht, dass Selbstverwirklichung ihren Sinn erst in der Verantwortung erfüllt. Sie kann nicht durch beliebige und entscheidungslose Offenheit erreicht werden, sondern nur durch die wertbewusste Entscheidung für bestimmte Möglichkeiten und ihre konsequente Verfolgung. Hier ist in den letzten 20 Jahren vieles falsch gelaufen. In einem außerordentlich trivialen Verständnis des Begriffs ist Selbstverwirklichung vielfach mit rücksichtslosem Egoismus gleichgesetzt worden. Dies gilt für die Familie, dies gilt für den Staat. Ich plädiere für Selbstverwirklichung durch Gemeinsinn, Solidarität und Bereitschaft zur Verantwortung. Nur so hat Deutschland im vereinten Europa Zukunft.

III.

Unser Wohlstand ist nichts Selbstverständliches, er muss jeden Tag neu erarbeitet werden. Diese doch banale Erkenntnis ist wohl leider teilweise verschüttet worden. Deshalb muss ich auch heute wieder betonen: Was wir brauchen, sind nicht nur Veränderung und Bewegung in den Kassen, sondern Bewegung in den Köpfen. Wir müssen umdenken! Dies gilt für alle, nicht nur für die politisch Verantwortlichen.

Wahr ist doch, dass die wesentlichen Probleme Deutschlands nicht erst mit der Deutschen Einheit gekommen sind. Sie haben sich schon seit längerem in der alten Bundesrepublik entwickelt und aufgestaut. Vieles, zu vieles ist verkrustet und angeblich nicht änderbar. Wir müssen aber die Kraft aufbringen, Dinge zu verändern. Ansonsten werden wir den Standort Deutschland nicht langfristig sichern können. Das gilt nicht nur für die öffentliche Verwaltung. Ohne in Tarifstreitigkeiten eingreifen zu wollen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass die beinahe liturgischen Rituale, mit denen sich Gewerkschaft und Arbeitgeber in einer solch historischen Stunde begegnen, den Erfordernissen der Zeit wohl nicht angemessen sind.

Zu den zentralen Zukunftsfragen gehört beispielsweise, dass wir aus der demographischen Entwicklung in unserem Land die richtigen Konsequenzen ziehen. Fortschritte in der Medizin haben zur Erhöhung der Lebenserwartung geführt. Dies ist sehr erfreulich. Schon heute sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Die Zahl derjenigen, die 80 Jahre und älter sind, steigt bis zum Jahr 2000, also in sieben Jahren, auf knapp 3 Millionen Bürger. Das bedeutet, dass wir bei der Lebensarbeitszeit neue Wege beschreiten müssen. Es wird ein zum großen Teil übertriebener, ja törichter Jugendkult gepflegt. Wir können aber auf die Erfahrung älterer Menschen und auf ihre Lebensweisheit nicht verzichten.

Hohe Löhne können nur verdient werden, wenn gut ausgebildete Facharbeiter an modernsten - aber eben auch teuren - Maschinen eingesetzt werden. Auch deswegen ist es widersinnig, Arbeitszeiten immer weiter zu verkürzen. Als Folge davon werden auch die teuren Maschinen früher abgeschaltet. Wir haben die kürzesten Maschinenlaufzeiten in Europa, sie liegen um 20 Prozent unter denen der Vergleichspartner.

Eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft im zusammenwachsenden Europa muss auch Fehlentwicklungen im Bereich Ausbildung und Bildung dringend korrigieren. Dabei nutzt es uns jetzt nicht, zu fragen, wer die Schuld an Fehlentwicklungen in diesem Bereich trägt. Wir müssen vielmehr schnell Konsequenzen ziehen.

Es war ein Fehler, das Anforderungsprofil des Abiturs zu nivellieren. Es war der falsche Weg zu mehr Chancengerechtigkeit. Wir tun jungen Menschen keinen Gefallen, wenn wir sie unterfordern oder bei ihnen falsche Erwartungen erwecken. Das Abitur muss wieder zu dem werden, was es eigentlich sein soll: der Nachweis für die Hochschulreife. Dadurch wird es selbstverständlich nicht zu einem Privileg für sozial Stärkere, sondern zu einem Zeugnis für Leistungsvermögen. Das Abitur verdient erst dann die Bezeichnung „Hochschulreife", wenn in allen Bundesländern dafür wieder bestimmte Kernfächer verlangt werden: Deutsch, eine Fremdsprache, Mathematik, ein naturwissenschaftliches Fach und Geschichte.

Die Schulzeit ist zu lang. Gymnasiasten in Salzburg oder Wien sind mit einer Matura nach zwölfjähriger Schulzeit nicht weniger fähig als Abiturienten in München oder Köln nach 13 Schuljahren. Dabei rede ich noch nicht einmal von der unmöglichen Situation, dass die Schulzeit jetzt im Osten und Westen unseres Landes unterschiedlich lang ist. Im 11. Schuljahr sind offenkundig zeitliche Konzentrationsmöglichkeiten vorhanden. Angesichts dessen möge man mir nicht mit der gängig gewordenen Ausrede kommen, eine Verkürzung der Schulzeit komme nicht in Betracht, weil ansonsten die Qualität des Abiturs nicht zu halten sei.

Die zu lange Schulzeit setzt sich in einer überlangen Studienzeit fort. Die deutschen Hochschulabsolventen treten im Durchschnitt erst mit 29, 30 Jahren ins Erwerbsleben ein. Das ist im internationalen Vergleich vier bis fünf Jahre zu spät. Es bedeutet zudem - bei einem vorzeitigen Ruhestand mit 60 Jahren und einer statistischen Lebenserwartung des Mannes von 74 Jahren -, 44 Jahre Ausbildung und Pension gegenüber 30 Jahren Erwerbstätigkeit. Dies kann nicht funktionieren!

Die Zahl der Studenten in ganz Deutschland ist auf 1,8 Millionen geklettert. Ihnen stehen 1,6 Millionen Lehrlinge gegenüber. Ich muss einschränkend sagen: Der Vergleich ist nicht ganz fair. Die Lehre ist kürzer als die Studienzeit. Dennoch, wenn diese Entwicklung anhält, wird sich die Schere zwischen geringem Angebot und hohem Bedarf an qualifizierten Facharbeitern bedrohlich weiter Öffnen. Bildung und Beschäftigung dürfen sich aber nicht weiter auseinanderentwickeln.

Zu denken gibt daneben die steigende Zahl der Studienabbrecher an unseren Hochschulen. Gegenwärtig liegt die durchschnittliche Quote bei rund 25 Prozent. Diesen Zustand können wir nicht hinnehmen. Denn für viele junge Menschen ist der Abbruch des Studiums ein Verlust wertvoller Ausbildungsjahre. Auch sind unsere Universitäten zu voll und ein Studium zu teuer, als dass wir uns das weiterhin leisten könnten.

Die Beschäftigungsprobleme der Hochschulabsolventen nehmen zu. Schon heute finden fast ein Viertel der Hochschulabgänger keinen Arbeitsplatz, der ihrer Ausbildung entspricht. Es macht volkswirtschaftlich keinen Sinn, wenn der Arbeitsplatz nicht annähernd der akademischen Qualifizierung entspricht. Ebenso schwer wiegt jedoch auch die persönliche Frustration der Betroffenen. Es ist leicht, vom sicheren Port des eigenen qualifizierten Arbeitsplatzes aus anderes zu predigen, wie dies einige Bildungspolitiker in der Vergangenheit getan haben.

Bestimmte Fehlentwicklungen im Bildungswesen gehen beispielsweise auf eine fehlerhafte Kopie oder schlichte Unkenntnis des Bildungswesens in anderen Ländern zurück. Bei der Expansion des Bildungswesens waren in den sechziger Jahren die USA beliebtes Vorbild. Vergessen wurde dabei, dass dort das System nur unter Einbeziehung vieler privater Hochschulen mit eigenen schweren Eingangsprüfungen und hohen Studiengebühren sowie enormen Privatspenden funktioniert.

Ein weiterer Schwachpunkt in unserem Bildungssystem ist die mangelnde Ausbildungsqualität an unseren Hochschulen. Es fehlt zum Beispiel die Leistungskontrolle gegenüber den Lehrenden. An amerikanischen Universitäten haben die Studierenden die Möglichkeit, ihre Professoren zu beurteilen. Dies entscheidet mit über deren Aufstiegschancen und damit auch über deren Einkommen. Ich will nicht behaupten, dass wir dieses Verfahren so übernehmen sollten. Doch können wir uns auf Dauer nicht leisten, dass unkontrolliert bleibt, ob ergebnis- und erfolgsorientiert gelehrt und ausgebildet wird. Wir brauchen das, was man im modernen Sprachgebrauch Evaluierung nennt.

Wir werden im Ausland immer noch um unser bewährtes duales Berufsbildungssystem beneidet. Aber auch ihm droht die schleichende Auszehrung. Die Zukunft einer modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ist mit Akademikern allein nicht zu gestalten. Ich will keine Restauration überholter Strukturen, sondern ein Bildungssystem, das durchlässiger und flexibler ist. Nur so kann auf den Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft reagiert werden. Nur so werden wir dem Anspruch an Leistung und Humanität gerecht.

Gerade eine freiheitliche Demokratie kann auf Leistungseliten nicht verzichten. Dabei dürfen Erziehung und Persönlichkeitsbildung selbstverständlich nicht zu kurz kommen. Dies sind wir uns nicht zuletzt als Kulturnation schuldig. Denn nach unserem Verständnis von den Welten einer demokratischen Gesellschaft darf sich Bildung und Bildungspolitik niemals auf den wirtschaftlichen Nutzen reduzieren. [...]

IV.

Wir brauchen einen neuen, übergreifenden Konsens in allen wesentlichen Fragen von Bildung und Ausbildung. Es ist mein Wunsch, dass noch in diesem Herbst ein sogenannter Bildungsgipfel stattfindet. Eine solche Zusammenkunft würde aber ihr Ziel verfehlen, wenn sie sich auf Finanzfragen beschränkte. Dabei müssen wir das Rad ja nicht von neuem erfinden. Vieles in unserem Bildungswesen kann sich sehen lassen. Vieles wird weltweit - besonders von unseren Partnern in der Europäischen Gemeinschaft, aber auch in den Vereinigten Staaten von Amerika - als vorbildlich angesehen.

Hierzu gehört die Versorgung der Bevölkerung mit dem Kulturgut Buch durch leistungsfähige Verlage und Buchhandlungen. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat seit seiner Gründung im Jahre 1825, also seit fast 170 Jahren, ganz maßgeblich dazu beigetragen. Das deutsche Buchwesen und der deutsche Buchhandel stellen ein wesentliches Stück Kontinuität deutscher Kultur und damit Deutschlands dar - auch und gerade in jenen Zeiten, in denen es überhaupt kein einheitliches deutsches Staatswesen gab. Sie können darauf zu Recht stolz sein.

In Zusammenarbeit mit der Bundesregierung hat sich der Börsenverein mit Ideen und Initiativen an der deutschen Kulturpolitik im Ausland, insbesondere in Osteuropa, beteiligt. Die Aktivitäten in den neuen Ländern und in Mittel- und Osteuropa sind deswegen so eminent wichtig, weil der Kommunismus nicht nur wirtschaftliche Ruinen hinterlassen, sondern auch eine gravierende geistige und moralische Erblast zu verantworten hat. Dass Verleger und Buchhändler beispielsweise beim Sonderprogramm Osteuropa auf fünfzig Prozent des Ladenpreises für Bücher verzichten, ist für mich ein Stück gelebte Solidarität. Ich wünsche mir, wir hätten in andere Bereichen unserer Gesellschaft mehr davon. Für Ihr vielfältiges Engagement möchte ich Ihnen herzlich danken. [...]

V.

Ich freue mich über die Erfolge der vom Börsenverein und auch von der „Stiftung Lesen" organisierten Aktivitäten, die zum Lesen anregen sollen. Ich denke an die Vorlesewettbewerbe, an denen in den vergangenen Monaten 400000 Schülerinnen und Schüler teilgenommen haben, oder an den Wettbewerb „Das lesende Klassenzimmer" mit 1 300 teilnehmenden Schulklassen. Die Belebung der Lesekultur ist das beste Mittel gegen geistige Verflachung und das immer primitivere Unterhaltungsangebot insbesondere der elektronischen Medien.

Ich begrüße ebenso die im vergangenen Herbst begonnene Verlagsinitiative gegen Gewalt und Fremdenhass. Die Broschüre „Widerreden - Worte gegen Gewalt", in der Zitate aus großen Friedenspreisreden zum Thema Gewalt abgedruckt sind, hat großen Anklang gefunden.

Ich habe gestern wieder - wie jedes Jahr - die Preisträger des Wettbewerbs „Jugend forscht" im Palais Schaumburg empfangen. Man redet von diesem Teil der Jugend kaum. Die Teilnehmerzahl dieses Wettbewerbs geht dabei steil nach oben: 4500 junge Leute in diesem Jahr, die mit beachtlichem persönlichen Einsatz, mit materiellen und zeitlichen Opfern Phantastisches zuwege bringen.

Darüber mehr zu sprechen ist viel besser als fortdauerndes Wettern über das verflachte Unterhaltungsangebot der elektronischen Medien. Dabei wird oft vergessen, dass es nicht nur den Knopf zum Anstellen, sondern auch den Knopf zum Abschalten dieser Geräte gibt.

VI.

Sie, meine Damen und Herren, erfüllen eine gesamtgesellschaftliche Bildungsaufgabe. Sie können sich auch künftig der Unterstützung durch die Politik gewiss sein. Trotz angespannter Haushaltslage stand und steht der verminderte Mehrwertsteuersatz für Bücher nicht zur Disposition. Der feste Ladenpreis ist von der Bundesregierung aus bildungspolitischen und kulturpolitischen Grundsatzüberlegungen gewollt. Dies muss auch im Europäischen Binnenmarkt gewährleistet sein.

Sie werden sich nachher dem Thema „Perspektiven einer europäischen Literaturpolitik" zuwenden. Schon vor vier Jahren haben Sie sich hier in Bonn auf einem Symposium mit den Auswirkungen des Binnenmarkts auf den Buchhandel beschäftigt. Dieser frühe Zeitpunkt wie auch die Auswahl des Themas heute ist der beste Beweis für eine konstruktive und zukunftsgerichtete Beschäftigung mit der europäischen Integration. Sie zeigen damit; Europa ist eine Chance für uns alle. Im Bewusstsein zu vieler ist die Europäische Gemeinschaft nur ein Zusammenschluss zur Mehrung des wirtschaftlichen Nutzens. Das ist sie zwar auch, aber tatsächlich geht es um mehr: um eine geistig-politische Aufgabe ersten Ranges.

Vor dem Zeitalter nationalstaatlicher Rivalitäten war das Bewusstsein europäischer Gemeinsamkeit jahrhundertelang selbstverständlich. Man begann beispielsweise sein Studium in Oxford, setzte es in Bologna fort und ging dann nach Paris. Sprachen waren kein Hindernis. Besitz und Lektüre französischer oder italienischer Literatur waren für einen gebildeten Menschen nichts Ungewöhnliches.

Es muss noch mehr als bisher deutlich gemacht werden, dass Europa für die Menschen da ist. Maastricht steht nicht für einen europäischen „Leviathan", sondern für ein demokratisches und bürgernahes Europa, das die nationale Identität und Kultur aller Mitgliedsstaaten und ihrer Regionen achtet. Wir haben mit Maastricht eben nicht den Grundstein zu einem europäischen Über-Staat gelegt, der alles einebnet und verwischt, sondern uns auf ein Europa verpflichtet, das auf dem Grundsatz „Einheit in Vielfalt" aufbaut. Gerade die Verschiedenartigkeit der Völker Europas bietet die Voraussetzung für eine Synthese, in der sich die besten Eigenschaften verbinden.

In einem vereinten Europa werden und müssen Bücher aus den verschiedenen Ländern der Gemeinschaft zu erschwinglichen Preisen erhältlich sein. Ich beziehe hier die gesamte Literatur ein, es geht also nicht nur um ein paar fremdsprachige Trivialromane an Verkaufsstellen in Bahnhöfen und an Flugplätzen. Gewiss sind dabei schwierige Einzelfragen zu klären. Gewohntes wird sich ändern. Ich beglückwünsche Sie, dass Sie mit der anschließenden Diskussion einen wichtigen Schritt dazu tun. Damit betreiben Sie bereits europäische Literaturpolitik.

Morgen tritt der Börsenverein hier zu seiner jährlichen Hauptversammlung zusammen. Vielleicht denkt der eine oder andere von Ihnen - sofern er damals dabei war - an die erste Jahresversammlung des Verbands nach dem Kriege zurück. Sie fand im Oktober 1955 in der Aula der Frankfurter Universität statt. Die ersten harten Jahre des Neubeginns waren damals sogar schon teilweise überwunden. Doch sagte der Vorsteher Arthur Georgi zu den versammelten Verlegern und Buchhändlern: „Wir wollen nicht vergessen, dass wir die Fülle des an die Welt angeschlossenen literarischen Lebens noch nicht wieder gewonnen haben. Das, was man Weltliteratur nennt, und den Beitrag, den Deutschland dazu zu leisten immer und allezeit berufen war, das haben wir wohl noch nicht erreicht. Der Dirigismus von über einem Jahrzehnt lässt sich nicht im Handumdrehen überwinden, sondern es bedarf erneut einer langen Zeit geistiger Übung und Auseinandersetzung, bevor der Geist in der Freiheit, Geschmeidigkeit und Kühnheit sich wieder entfaltet, von denen er leuchtende Beispiele in früheren Jahrzehnten gegeben hat."

1955 bis 1993, das ist eine gewaltige Wegstrecke. Damals waren die ersten zehn Jahre nach dem Krieg vergangen. Die Währungsreform lag sieben Jahre zurück. Unsere Bundesrepublik befand sieh in einer Art Taumel: „Wir sind noch einmal davongekommen" - dieser Titel war sehr wörtlich zu nehmen. Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür", Weihnachten 1947, die Zeit mit den meisten Selbstmorden in der modernen Geschichte, lag für viele schon weit zurück.

Jetzt sind noch einmal viele Jahre vergangen. Wir sind nicht nur „davongekommen". Wir haben viel Glück gehabt. Wir haben auch eine Menge selbst dazugetan - auch das darf man sagen; ich sage das auch im Blick auf alle meine Amtsvorgänger -, dass dieses Deutschland, der zweite große Versuch einer demokratischen Republik, trotz aller seiner Schwächen im großen und ganzen gelungen ist. Wir haben durchaus Grund, auch stolz zu sein.

Jetzt haben wir wieder einen historischen Einschnitt: Deutsche Einheit - europäische Einigung. Dieses Europa bedeutet mehr als 370 Millionen Konsumenten. In einigen Jahren, vielleicht in zehn oder zwölf Jahren - werden die Polen, die Tschechen, die Slowaken, die Ungarn noch dazukommen. Dann haben wir eine Gemeinschaft Europas, deren Wort in der Welt Gewicht hat -über die man nicht nur sprechen wird, sondern die selbst mitspricht.

[...] Wenn ich das Jahr 1955 und Ihre erste Zusammenkunft hier zitiert habe, dann vor allem deswegen, weil es doch eine große Generation war, die damals alles aufgebaut hat - die Generation der ersten Stunde der zweiten deutschen Republik. Wir stammen von ihnen ab, und wir haben wieder Kinder, die genau so wenig Angst vor der Zukunft zu haben brauchen wie wir. Wir können es schon schaffen - wenn wir nur wollen. Das ist mein Wunsch an Sie zu den diesjährigen Buchhändlertagen 1993.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 39 (17. Mai I993).