15. März 1988
Rede vor Vertretern der deutschen Wirtschaftsverbände in Bonn


Fünfzehn deutsche Wirtschaftsverbände mit ihren wichtigsten Repräsentanten sind heute in Bonn zusammengekommen, um ein klares Signal für „Europas Zukunft -Vollendung des Binnenmarktes 1992" zu setzen. Diese Veranstaltung ist deshalb so wichtig, weil damit auch für eine breite Öffentlichkeit deutlich herausgestellt wird, welche Bedeutung wir alle der Vollendung des gemeinsamen Binnenmarkts beimessen. Denn dieser Binnenmarkt bringt große Zukunftschancen mit sich.

Heute sprechen wir verständlicherweise vor allem von den wirtschaftlichen Perspektiven. Ich will jedoch auch daran erinnern, dass der europäische Binnenmarkt im Zusammenhang mit Entwicklungen steht, die Europa viel umfassender verändern. Gerade in einem geschichtlich so bedeutsamen Zeitabschnitt wie dem gegenwärtigen, in dem neue Weichenstellungen zwischen Ost und West, Nord und Süd vorgenommen werden, sollte uns allen bewusst sein, dass uns heute eine große Chance geboten wird: die Chance eines gemeinsamen Europa - eine Chance, von der nach dem Ersten Weltkrieg Romain Rolland träumte und an deren Verwirklichung nach dem Zweiten Weltkrieg Männer wie Winston Churchill, Jean Monnet, Paul-Henri Spaak. Konrad Adenauer, Aleide de Gasperi und viele andere gearbeitet haben. Diese Chance ist Realität geworden. Für uns Deutsche wie für die anderen Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft ist dies ein Weg ohne Alternative.

Alle haben gute Gründe für dieses Europa der Europäischen Gemeinschaft, nicht zuletzt wir Deutschen. Aber ich möchte hervorheben, dass dieses EG-Europa ein Torso ist. Es ist nicht identisch mit Europa. Europa ist sehr viel mehr: Es gibt zum Beispiel Länder, die der Europäischen Gemeinschaft gegenwärtig nicht beitreten können oder wollen - denken Sie an die Schweiz oder Österreich. Und Nordeuropa endet natürlich nicht in Kopenhagen. Schweden, Norwegen und Finnland sind ebenso Teil Europas. Zu Europa gehören selbstverständlich auch Leipzig, Dresden, Eisenach, Weimar, Krakau und Prag - allesamt Städte, die fester Bestandteil unserer europäischen Kulturlandschaft sind.

Die wirtschaftliche Einigung Europas - und dazu gehört ganz entscheidend die Vollendung des Binnenmarkts - ist Vorläufer der politischen Integration Europas. Es wäre keine Lösung, wenn Europa sich die Aufgaben so teilen würde, dass die einen für den Handel und die anderen für die Verteidigung zuständig waren. Beides gehört zusammen. Es ist das Konzept der Römischen Verträge, die politische Integration zu vollenden.

Was jetzt getan werden kann, ist die Vollendung des Europäischen Binnenmarkts. Für mich ist dieses Vorhaben gegenwärtig die größte Herausforderung für unsere Europapolitik. Ein kluger Nationalökonom hat mir vor dem Brüsseler Gipfel folgendes mit auf den Weg gegeben: Sie werden im Sommer zum 40. Geburtstag der D-Mark in Frankfurt sprechen; denken Sie daran, dass die Vollendung des Binnenmarkts für die deutsche Volkswirtschaft auf Dauer eine ähnliche Bedeutung haben kann wie die Einführung der D-Mark und damit der Sozialen Marktwirtschaft zum damaligen Zeitpunkt.

Ich glaube, dass dies keine Übertreibung ist. Denn es gibt handfeste Gründe, die dies belegen:

Durch den Ausbau und die Vollendung des Binnenmarkts mit 320 Millionen Einwohnern erhält die Europäische Gemeinschaft die einzigartige Chance neuer, zusätzlicher Wachstumsimpulse.

Der einheitliche europäische Markt verbessert nachhaltig die Wettbewerbsposition Europas gegenüber den anderen großen Wirtschaftszentren USA und Japan. Gerade unter diesem Gesichtspunkt füge ich hinzu: Bei gleichen Bedingungen und fairen Wettbewerbschancen haben die Europäer nicht den geringsten Grund, sich gegenüber Amerikanern oder Japanern geringere Chancen auszurechnen.

Der Binnenmarkt gibt den einzelnen Unternehmen mehr Rechtssicherheit und Kalkulierbarkeit der ökonomischen Rahmenbedingungen. Er erleichtert langfristige Dispositionen. Er eröffnet gerade auch der mittelständischen Wirtschaft erhebliche Entfaltungsmöglichkeiten, denn mit der Harmonisierung der Marktbedingungen und mit der Beseitigung der Grenzbarrieren entfallen Hemmnisse und Zusatzkosten, die von den kleineren und mittleren Unternehmen nur schwer überwunden werden können.

Die Vollendung des Binnenmarkts lässt die europäischen Volkswirtschaften noch ein gutes Stück mehr zusammenwachsen. Sie bildet ein stabiles Fundament der europäischen Einigung. Sie könnte nicht zuletzt eine marktwirtschaftliche Renaissance in Europa bewirken - eine Chance, die wir nicht ungenutzt lassen dürfen.

Die Vollendung des Binnenmarkts entspricht den Interessen aller Europäer in der Gemeinschaft. So war es für Europa - und natürlich auch für die Bundesregierung - ein großer Erfolg, dass der Europäische Rat am 11./12.Februar in Brüssel die Reform der Finanz-, Agrar- und Strukturpolitik verabschieden konnte. Damit hat unsere Präsidentschaft ein wichtiges Etappenziel erreicht.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang hinzufügen: Ich weiß, dass der Weg nach Europa in manchem durch seine Langatmigkeit und Langwierigkeit Grund zu Kritik gibt. Und wer selbst nie einer Ratssitzung beigewohnt hat, kann es nur schwer verstehen, warum viele Stunden über Themen gesprochen wird, von denen man eigentlich annehmen müsste, dass sie in relativ kurzer Zeit erledigt werden können.

Dennoch sollten gerade wir Deutsche eigene Erfahrungen nicht vergessen: Wenn man weiß, wie schwer sich die Deutschen in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung von 1871 taten, um auch in der Wirtschaftsgesetzgebung zu einem Nationalstaat zusammenzuwachsen, dann kann man ermessen, wie schwierig sich diese Aufgabe im europäischen Maßstab gestaltet - in einem Europa, das von Palermo bis Kopenhagen und von Schottland bis nach Spanien reicht.

Auch der Alltag in der Bundesrepublik Deutschland ist ein gutes Anschauungsbeispiel - wenn es etwa darum geht, schwierige Beschlüsse im Länderfinanzausgleich zustande zu bringen. Wer diese Verhältnisse genauer kennt, weiß, dass die Unterschiede zwischen dem, was in Bonn und Brüssel geschieht, nicht ganz so groß sind, wie es gelegentlich dargestellt wird.

Zurück zu den Beschlüssen von Brüssel: Mit dem neuen Plafond für die Eigenmittel erhält die Gemeinschaft eine solide Finanzgrundlage. Die Einführung einer vierten Einnahmequelle - mit dem Bruttosozialprodukt der Mitgliedstaaten als Bemessungsgrundlage - trägt mit dazu bei, dass sich die Finanzlasten deutlicher als bisher nach dem wirtschaftlichen Wohlstand der Mitgliedstaaten verteilen.

Voraussetzung für die Finanzreform war die Vereinbarung einer strengeren Ausgabendisziplin, insbesondere im Agrarbereich. Wir haben nach schwierigen Diskussionen einen Kompromiss gefunden, der der Notwendigkeit zur Begrenzung der Überschussproduktion und zur Ausgabendisziplin, der aber eben auch der schwierigen Lage der Landwirtschaft Rechnung trägt.

Ich weiß, dass die Agrarbeschlüsse auch in Teilen der deutschen Wirtschaft auf erhebliche Kritik gestoßen sind. Wenngleich ich nicht für dauerhafte Subventionen bin - auch nicht im Bereich der Landwirtschaft -, so gilt für mich doch das Prinzip der Solidarität: Wenn die europäische Politik - übrigens gemeinsam mit der Agrarwissenschaft und der landwirtschaftlichen Verbandspolitik -die Bauern zu einer immer höheren Produktion veranlasst hat, dann hat die Gemeinschaft jetzt auch die solidarische Pflicht, Übergangslösungen zu schaffen, damit auch der bäuerliche Familienbetrieb eine Zukunftsperspektive hat.

Bei den agrarpolitischen Beschlüssen handelt es sich um Übergangsregelungen, die Hilfe zur Selbsthilfe geben sollen. Es ist uns gelungen, das Risiko von Preissenkungen zu begrenzen. Mit Flächenstilllegungen und Einstellungen landwirtschaftlicher Tätigkeit soll eine wirksame Marktentlastung erreicht werden. Wir wollen damit den Landwirten echte Alternativen eröffnen.

Schließlich haben wir in Brüssel die Strukturpolitik der Gemeinschaft reformiert. Die Mittel der Strukturfonds werden bis 1993, die Mittel für die ärmeren Regionen bereits bis 1992 verdoppelt. Dabei sollen die am meisten zurückgebliebenen Gebiete besonders begünstigt werden.

Ich weiß, dass auch diese Entscheidungen von manchen in der Bundesrepublik kritisch betrachtet werden. Eines ist jedoch sicher: Der europäische Binnenmarkt kann nur dann verwirklicht werden, wenn wir auch die unterschiedlichen Lebensverhältnisse der einzelnen Regionen einander annähern. Deswegen ist die Verdoppelung der Mittel für diese Regionen nicht nur ein Ausdruck der Solidarität mit den betroffenen Menschen. Sie ist zugleich ein Beitrag zur Vollendung des Binnenmarkts, weil sie die Wettbewerbsfähigkeit der strukturell rückständigen Regionen verbessert. Darüber hinaus werden zusätzliche Fondsmittel für Industrieregionen mit erheblichen Strukturproblemen bereitgestellt. Davon profitieren übrigens auch Gebiete in der Bundesrepublik Deutschland.

Wir werden im Rahmen unserer Präsidentschaft bis zum Sommer dafür Sorge tragen, dass die gefassten Beschlüsse zügig ausgeführt werden. Mit der Einigung der Mitgliedstaaten auf einen Haushaltsentwurf für 1988 ist bereits ein bedeutender Schritt getan worden.

Das Ergebnis des Europäischen Rates von Brüssel zeigt, dass die Gemeinschaft ihre Handlungsfähigkeit wieder gewonnen hat. Sie kann nun mit ganzer Kraft auf das Ziel zugehen: Umsetzung der Einheitlichen Europäischen Akte, das heißt vor allem auch die Vollendung des Binnenmarkts. Hier stehen umfangreiche Arbeiten an. Die Kommission hat eine Liste von über 300 Vorschlägen für gesetzgeberische Einzelmaßnahmen entwickelt, um den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital zu garantieren. Lassen Sie mich einige davon nennen, deren sich die deutsche Präsidentschaft in besonderer Weise annehmen will und mit denen auch Sie sich heute - zumindest teilweise - befassen werden:

Der Kapitalverkehr ist vollständig zu liberalisieren. Die Bundesregierung wird auf der Grundlage der Vorschläge der Kommission möglichst noch in diesem Halbjahr eine abschließende Entscheidung des Rates herbeiführen.

Ein anderer Schwerpunkt ist der Abbau der Handelshemmnisse, das heißt die Angleichung der unterschiedlichen nationalen Normen, Standards und technischen Anforderungen. Dabei muss die Gemeinschaft der Versuchung einer totalen Harmonisierung und einer Überreglementierung widerstehen, ohne jedoch den Schutz von Mensch und Natur zu vernachlässigen. Hier müssen wir darauf achten, dass Gemeinschaft nicht Überreglementierung bedeutet.

Es geht auch um die nationalen öffentlichen Beschaffungsmärkte. Sie müssen mehr als bisher auch Anbietern aus anderen Mitgliedsstaaten geöffnet werden. Dabei geht es nicht nur um Kostenersparnis für den öffentlichen Auftraggeber, der ja vom intensiven Wettbewerb profitieren wird. Es geht vor allem auch darum, den europäischen Unternehmen weitere Märkte zu erschließen, in denen sie ihre Konkurrenz- und Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen können.

Der Binnenmarkt muss auch die Freiheit des Dienstleistungsverkehrs und der Niederlassung umfassen. Vorrangig sind dabei Regeln über den grenzüberschreitenden Handel mit Finanzdienstleistungen einschließlich der Versicherungen. In diesen Zusammenhang gehört auch die für Europa und seine Bürger so wichtige Anerkennung von Hochschuldiplomen.

Dies bedeutet auch, dass die Ausbildungszeiten einander angeglichen werden müssen. Hier bestehen nach wie vor große Unterschiede. So beginnt ein Chemiker oder Physiker hierzulande im Normalfall erst mit 30 Jahren seine eigentliche Berufstätigkeit. Sein Konkurrent aus vergleichbaren europäischen Ländern ist um vier oder fünf Jahre jünger - und sicher nicht schlechter ausgebildet. Hier sind wir auf Dauer nicht konkurrenzfähig.

Wichtig ist ferner, dass in den nächsten Jahren - trotz aller nationalen Probleme - die Steuerharmonisierung vorangetrieben wird. Die Kommission hat darauf zu Recht hingewiesen. Davon ist natürlich auch die Bundesrepublik Deutschland betroffen, die nicht davon ausgehen kann, dass sich andere Länder etwa unserer Verteilung zwischen direkten und indirekten Steuern anpassen werden.

Diese Fragen von Steuerstruktur und Steuerbelastung sind zweifellos auch für den Standort Bundesrepublik Deutschland von zentraler Bedeutung. Wir haben deswegen in dieser Legislaturperiode die Steuerreform 1990 auf den Weg gebracht. Dies war und ist ein erster wichtiger Schritt, dem aber in der nächsten Legislaturperiode ein zweiter Schritt zum Thema Unternehmensbesteuerung folgen muss. Ich werde daher bei der Verabschiedung der Steuerreform 1990 im Deutschen Bundestag in einer entsprechenden Erklärung auf die Absicht der Bundesregierung hinweisen, in der nächsten Legislaturperiode - nach intensiven Fachgesprächen mit allen Beteiligten - in diese Frage Bewegung zu bringen.

Ein Thema wird dabei auch die Gewerbesteuer sein. Dies ist ein schwieriges Problem, weil eine Regelung gefunden werden muss, die auch in Zukunft die steuerliche Eigenständigkeit unserer Städte und Gemeinden erhält. Ohne ihre großartigen Leistungen wäre zum Beispiel die deutsche Kulturlandschaft nicht das, was sie heute ist. Es muss daher eine Lösung gefunden werden, die die Leistungskraft unserer Städte und Gemeinden erhält und gleichzeitig die Zukunft der deutschen Wirtschaft auf dem europäischen Binnenmarkt sichert. Ein Gegeneinander von Wirtschaft und Gemeinden darf es nicht geben. Wir müssen das Ziel vielmehr in einem konstruktiven Miteinander erreichen.

Die Bundesregierung wird in der Zeit der deutschen Präsidentschaft und auch anschließend alles tun, um unseren Beitrag zur Erreichung dieses Zieles zu leisten - auch wenn dies für die Bundesrepublik Deutschland mit Opfern verbunden ist. Wir werden beispielsweise die Möglichkeit zu Mehrheitsentscheidungen nutzen, auch wenn sie nicht immer zu eigenen Gunsten ausfallen werden. Aber dies gehört zur Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft. Nur so kann der Integrationsprozess beschleunigt werden.

Dieser Integrationsprozess wird in einzelnen Wirtschaftszweigen erhebliche Strukturanpassungen notwendig machen. Sie werden Anstrengungen kosten, die denen in der Anfangsphase der Gemeinschaft sehr nahe kommen. Wir werden uns von mancher liebgewordenen Gewohnheit verabschieden müssen. Es ist wichtig, dass wir diese Strukturanpassung als positiven Prozess verstehen, der die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft stärkt. Ich begrüße es, dass die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft wie auch die Gewerkschaften mit ihren internationalen Dachverbänden an dieser Entwicklung aktiv mitwirken. Ich bitte Sie, darin nicht nachzulassen, auch wenn es hier und dort Schwierigkeiten, Probleme und Kritik gibt.

Die Unternehmen müssen den Gemeinsamen Markt als Chance begreifen. Die Entwicklung unseres Außenhandels sollte sie ermutigen. Schon heute ist dieser Markt das bei weitem wichtigste Absatzgebiet für unsere Exporte. Nach einer vielzitierten Umfrage haben 27 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Planungen auf das Binnenmarktziel eingestellt, in Frankreich dagegen sollen es 87 Prozent sein - so diese Umfrage. Solche Umfrageergebnisse dürfen nicht überbewertet werden, zumal eine Erklärung sicher darin liegt, dass sich deutsche Unternehmen schon bisher stärker als andere an der europäischen Konkurrenz orientiert haben. Wichtig erscheint mir, dass sich die Unternehmen tatsächlich auf diese sich immer deutlicher abzeichnende Entwicklung einstellen, dass sie auch gegenüber den Belegschaften und der Öffentlichkeit deutlich zu erkennen geben, dass wir den Binnenmarkt 1992 fest im Auge haben.

Falsch wäre es dagegen, die Herausforderungen des Binnenmarkts auf die leichte Schulter zu nehmen. Für die Politik geht es darum, geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen. Unternehmen und Gewerkschaften müssen ihrerseits in ihrem Verantwortungsbereich die notwendigen Schritte tun.

Die Ausgangsposition der deutschen Wirtschaft im Blick auf die vor uns liegenden Jahre ist unverändert günstig. Nach fünf Jahren Wirtschaftswachstum rechnen wir - zusammen mit unabhängigen Instituten und Organisationen - für 1988 wiederum mit einem realen Wirtschaftswachstum von 1 V> bis 2 Prozent. Dieses Wachstum können wir allerdings nur erreichen bei gemeinsamer Kraftanstrengung und bei einem vernünftigen Verhalten der Tarifpartner. Und dies gilt sicher nicht nur für den öffentlichen Dienst, sondern zum Beispiel auch für die Stahlindustrie und andere Wirtschaftszweige in der Bundesrepublik. Wichtig ist, dass die Grundbedingungen für die Fortsetzung der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung insgesamt ermutigend sind:

Wir verzeichnen bei den Verbraucherpreisen die stabilste Periode seit den fünfziger Jahren. Es ist spürbar, dass die „Inflationsmentalität' deutlich zurückgegangen ist.

Die Zinsen bewegen sich auf historisch niedrigem Niveau.

Dank der anhaltenden Preisstabilität nehmen die Realeinkommen beträchtlich zu, das heißt, die Kaufkraft ist spürbar gestiegen.

Die Ertragslage der Unternehmen hat sich seit mehreren Jahren erheblich verbessert. Die Unternehmensinsolvenzen gehen erstmals in den achtziger Jahren wieder deutlich zurück.

Die Beschäftigung nimmt - wenn auch abgeschwächt - weiter zu.

Gewichtige positive Standortfaktoren sind ferner die hochentwickelte Infrastruktur, ein leistungsfähiges Berufsbildungssystem und eine qualifizierte Arbeitnehmerschaft.

Nicht zuletzt hat sich die Dollarkurs-Entwicklung seit Jahresbeginn sichtbar stabilisiert. Die Zusammenarbeit der führenden westlichen Industrieländer hat dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen.

Wir haben also begründeten Anlass zu der Annahme, dass der Standort Bundesrepublik Deutschland - vor allem, wenn wir im Blick auf 1992 die Rahmenbedingungen in der von mir beschriebenen Weise weiter verbessern - exzellente Chancen bietet, aus der Schaffung des gemeinsamen Binnenmarkts greifbare Vorteile zu ziehen.

Diesem Ziel dient eine ganze Reihe wichtiger Entscheidungen. Nehmen Sie etwa die Steuerreform, oder denken Sie an das Thema Deregulierung bei der Post. In diesen Zusammenhang gehört im übrigen auch ein so wichtiges Thema wie die Strukturreform im Gesundheitswesen.

Der europäische Binnenmarkt braucht auch soziale Flankierung und soziale Akzeptanz. Dafür stellt uns die Einheitliche Europäische Akte wichtige Instrumente zur Verfügung. Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wird durch den Europäischen Sozialfonds wirksam unterstützt. Vor allem aber muss die Gemeinschaft die große Chance des sozialen Dialogs konsequent nutzen. Die europäische Einigung ist ohne ein Mittun der Sozialpartner nicht möglich.

Unbestritten ist die zentrale Bedeutung, die der engen wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit zwischen den EG-Ländern zukommt. Und hier ist in den letzten Jahren eine erstaunliche Entwicklung in der Kohärenz der Wirtschaftspolitiken der EG-Länder festzustellen - und zwar über parteipolitische und ideologische Gegensätze hinweg. Ich glaube, dass dabei die Idee der Sozialen Marktwirtschaft in Europa erheblich an Boden gewonnen hat!

Diese Kohärenz der Wirtschaftspolitiken ist auch eine notwendige Voraussetzung für alle weiteren Schritte, etwa im monetären Bereich. Dabei ist es eine Frage wirtschaftlicher und politischer Logik, dass am Ende der währungspolitischen Entwicklung eine europäische Zentralbank stehen wird. Ich halte jedoch nicht viel davon, dass wir erst über die Institution reden und weniger darüber, wie wir dorthin kommen wollen. Hier liegt noch eine weite Strecke vor uns. Dies wird nicht zuletzt daran deutlich, dass nicht alle Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft auch Mitglieder des Europäischen Währungssystems sind.

In diese Diskussion haben wir Deutsche wichtige Erfahrungen einzubringen, vor allem hinsichtlich der Unabhängigkeit einer solchen Institution - eine Feststellung, die ich noch einmal unterstreichen möchte. Denn es ist meine feste Überzeugung, dass die glückliche und kluge Entscheidung für die völlige Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank von der amtlichen Regierungspolitik zum wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik Deutschland in den letzten 40 Jahren entscheidend beigetragen hat.

Im Blick auf diese europäischen Zukunftsperspektiven spielt die deutsch-französische Zusammenarbeit eine wichtige Rolle. Gemeinsam wollen wir die Integration Europas vorantreiben. In den vergangenen fünf Jahren hat es sich bei allen wichtigen und schwierigen Vorhaben immer als entscheidend erwiesen, dass Franzosen und Deutsche - selbst bei zum Teil sehr unterschiedlichen Interessen - eine Art Pilotfunktion übernommen haben, um die Entwicklung weiterzubringen. Dies ist der Sinn der deutsch-französischen Zusammenarbeit im sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und währungspolitischen Bereich.

Lassen Sie mich noch auf einen wichtigen Punkt zu sprechen kommen, der in einem engen Zusammenhang zur Vollendung des Binnenmarkts steht: Ich meine den Außenhandel.

Europa ist mit seiner starken Einbindung in die Weltwirtschaft und mit seiner Rohstoffabhängigkeit auf eine funktionierende internationale Arbeitsteilung angewiesen. Das gilt für alle Mitgliedstaaten. Der Integrationserfolg in Europa muss deswegen dadurch abgesichert werden, dass sich die Gemeinschaft Abschottungstendenzen - wo immer sie in der Welt auftreten - nachdrücklich widersetzt und auch selbst dazu keinen Anlass gibt.

Die Bundesregierung setzt sich von daher mit Nachdruck für eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit den EFTA-Staaten ein. Es dürfen keine neuen Trennungslinien in Europa gezogen werden. Es gilt vielmehr, mit diesen Staaten einen gemeinsamen europäischen Wirtschaftsraum zu bilden.

Die deutsche Präsidentschaft tritt ferner konsequent für eine konstruktive Haltung der Gemeinschaft in der Uruguay-Runde des GATT ein. Ziel der Gemeinschaft muss eine Stärkung des freien multilateralen Handelssystems in der Welt sein. Die Beschlüsse des Europäischen Rates zur Agrarpolitik sind ein positives Signal für diese Verhandlungen. Nach meinen jüngsten Diskussionen im amerikanischen Senat habe ich den Eindruck gewonnen, dass dies auch dort so verstanden wird.

Ich habe in einigen kurzen, skizzenartigen Bemerkungen die Herausforderungen beschrieben, vor denen wir stehen . Es sind - trotz aller Probleme und Schwierigkeiten -faszinierende Herausforderungen. Dabei ist das, was im Bereich der Wirtschaft möglich sein wird, in seiner Bedeutung für die zukünftige Entwicklung Europas und für seine Stellung in der Welt noch gar nicht vollständig zu übersehen. Deswegen ist es wichtig, dass wir immer das Ziel vor Augen haben: Das Ja zur europäischen Integration ohne Wenn und Aber. Meine Bitte an Sie ist es, daran mit aller Kraft mitzuwirken.