28. September 1990: Wir müssen uns annehmen, wie wir sind - Votum für einen „natürlichen Patriotismus"

Interview mit Walter Bajohr und Thomas Kielinger, veröffentlicht in der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur/Christ und Welt"

RHEINISCHER MERKUR/CHRIST UND WELT: Deutschland vereint innerhalb eines Jahres - haben Sie in diesen Monaten, in denen eine historische Zäsur auf die andere folgte, Zeit zum Nachdenken gefunden, welche Relevanz Ihr Tun für die Zukunft der westlichen und der östlichen Welt hat und haben wird?

KOHL: Zur Zeit beschäftige ich mich mit den drängenden Fragen, die nach dem 3. Oktober, nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit auf uns zukommen. Ich denke an die Hoffnungen und Sorgen der Menschen, an die notwendigen Entscheidungen, die zu treffen sind.

Natürlich empfinde ich sehr stark, was es bedeutet, in dieser Zeit dramatischen Wandels Verantwortung zu tragen. Es berührt mich tief - vor allem, wenn ich mit den Menschen in der bisherigen DDR spreche, und spüre, welche Hoffnungen sie in die Bundesregierung setzen und welches Vertrauen sie nicht zuletzt mir selbst entgegenbringen. Ich betrachte das als eine besondere Verpflichtung.

Was dann später einmal in den Geschichtsbüchern steht, das sollten wir künftigen Historikern überlassen. Wenn sie schrieben, ich hätte an einem geschichtlichen Wendepunkt einen zur Vollendung der Einheit und Freiheit unseres Vaterlands maßgeblichen Beitrag geleistet, würde ich mich darüber freuen.

RM: Wie werden sich die vergangenen fünfzehn Monate auf die politische Kultur dieses Landes auswirken ? Vermuten Sie einen bleibenden Gewinn -eine Art Quantensprung in der Qualität der politischen Debatte?

KOHL: In der Tat erhoffe ich mir einen solchen Gewinn. Die Entwicklung zur politischen Einheit wird sicher auch im politischen Bewusstsein vieler Menschen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber das hängt nicht nur von den vergangenen Monaten ab, sondern ebenso sehr von den Wochen und Monaten, die noch vor uns liegen.

Mit der deutschen Einheit verbindet sich für uns Deutsche eine außergewöhnliche Herausforderung. Es kommt jetzt entscheidend darauf an, wie wir diese Herausforderung bestehen - und das ist nicht nur eine Frage nach unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, sondern auch und vor allem nach der geistigen und moralischen Kraft der Menschen unseres Landes.

Wir Deutsche müssen beweisen, dass wir in diesem entscheidenden Augenblick unserer Geschichte zur Solidarität fähig sind. Wir müssen einander Verständnis und Toleranz entgegenbringen - angesichts der unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Menschen, angesichts der verschiedenen, oft sogar gegensätzlichen Entwicklungen, die die beiden Teile Deutschlands in den vergangenen Jahrzehnten genommen haben. Nicht zuletzt müssen wir die Kraft zur inneren Aussöhnung aufbringen - eine besonders schwierige Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die SED-Diktatur gerade auch in den Herzen der Menschen tiefe Wunden geschlagen hat. Aber ich bin überzeugt, dass wir Deutsche dieser ungewöhnlichen Herausforderung gewachsen sein werden.

Wenn uns das gelingt, wird es die politische Kultur in unserem Lande auf nachhaltige Weise prägen. Und nicht zuletzt die Deutschen in den neuen Bundesländern werden daran einen erheblichen Anteil haben. Nach den Erfahrungen von über vierzig Jahren Gewaltherrschaft verfügen sie über einen besonders ausgeprägten Sinn für den Wert der Freiheit. Das kann auch dem einen oder anderen in der Bundesrepublik Deutschland den Blick dafür schärfen, welch kostbares Gut das ist: eine freiheitliche Demokratie in einem einigen Vaterland.

RM: Dass sich die Veränderungen, die mit der deutschen Wiedervereinigung eintreten, am stärksten auf die DDR-Deutschen auswirken, bedarf ja keiner Begründung. Aber wie ist es mit den ehemaligen „Bundesrepublikanern" - brauchen die Westdeutschen eine neue Identität? Bekommen sie die, als Teil der jetzt gesamtdeutschen Gesellschaft, automatisch?

KOHL: Auf einige Aspekte habe ich ja bereits hingewiesen: Wenn mit der deutschen Einheit zum Beispiel das Bewusstsein für den Wert der Freiheit wächst, dann betrifft das eben gerade auch die Deutschen in der Bundesrepublik. Darüber hinaus halte ich es für möglich - ja, für wahrscheinlich -, dass die Deutschen jetzt gemeinsam zu jenem inneren Gleichgewicht finden, das das gelassene Selbstbewusstsein anderer europäischer Nationen auszeichnet.

Wir Deutschen haben uns damit - verständlicherweise - bisher etwas schwer getan. Mit der Einheit unseres Vaterlandes eröffnet sich nun die Chance, auch in Deutschland einen natürlichen Patriotismus zu entwickeln, wie er für das Selbstverständnis einer Nation auf Dauer unverzichtbar ist - einen geläuterten Patriotismus, der den Werten der freiheitlichen Demokratie verpflichtet ist und der nicht ein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland zum Maßstab hat.

Zu einem solchen Patriotismus gehört, dass wir Deutschen uns annehmen, wie wir waren und sind - mit all unseren Schwächen und Stärken, mit unserer Geschichte in allen ihren Teilen. Das ist die Grundlage für ein aufrichtiges - und ruhiges - Bekenntnis zu den eigenen geschichtlichen Wurzeln und zugleich die Voraussetzung dafür, dass wir auch nach der Lösung der nationalen Frage zu echter Partnerschaft in europäischem Geist fähig bleiben.

RM: Das Tempo der deutschen Einigung war zwar beeindruckend, hatte aber doch einen psychologischen Nachteil: Die Menschen kamen buchstäblich nicht mehr mit. Ist der Bürger auch deshalb so kühl abwartend, weil sich das Thema in seinem Kopf einfach noch nicht gesetzt hat?

KOHL: Ich will das mit einer Gegenfrage beantworten: Glauben Sie wirklich, dass es den Deutschen in Ost und West lieber gewesen wäre, wenn sich der Prozess der Wiedervereinigung über lange und quälende Jahre hingezogen hätte? Natürlich hat das Tempo dieses Prozesses gewisse Strapazen mit sich gebracht - das gilt für alle, nicht zuletzt für die politisch Verantwortlichen. Aber die allermeisten Menschen - das ist mein Eindruck aus vielen Briefen, Gesprächen und Versammlungen -haben schon begriffen, dass uns keine andere Wahl blieb. Sie wollten die rasche Einheit in Freiheit: Sie spürten, dass es darauf ankam, eine vielleicht unwiederbringliche Chance beherzt zu ergreifen. Und es liegt auf der Hand, dass das Tempo von den Wünschen der Deutschen in der DDR bestimmt wurde.

Als ich am 28. November vergangenen Jahres mein Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit vorstellte, ging ich noch davon aus, dass die Entwicklung zur Einheit drei oder vier Jahre in Anspruch nehmen werde. Schon wenig später wurde mir dann klar, dass dieses Zeitmaß nicht durchzuhalten sein würde: Unsere Landsleute wollten nicht warten, und niemand kann ihnen das verübeln. Denken Sie nur an den Zustrom von Übersiedlern, die beim Neuaufbau in der DDR fehlten - einen Zustrom, der angedauert hätte, ja wohl noch stärker geworden wäre, hätten wir nicht rasch gehandelt. Wer heute von zu hohem Tempo spricht, hat diese Tatsache offenbar schon verdrängt.

RM: Wir im Westen kennen unsere französischen, holländischen Nachbarn viel besser als unsere deutschen im Osten, auch deren Geographie, Geschichte ist uns überhaupt nicht mehr vertraut. Muss man diese Fremdheit nicht in Rechnung stellen, muss man nicht behutsam mit ihr umgehen, sie nicht stürmisch in ein neues „Liebesverhältnis" umwandeln wollen?

KOHL: Was heißt hier „überhaupt nicht mehr vertraut"? Man mag ja von dem Geschichtsunterricht an unseren Schulen halten, was man will, aber es ist doch wirklich nicht so, dass in den Lehrbüchern dem Deutschland östlich der Elbe nur weiße Seiten gewidmet würden!

Außerdem: Es gibt unzählige verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Deutschen in Ost und West, die die langen Jahre der Teilung überdauert haben. Einige Beobachter haben ja irrtümlich gemeint, dass der Besuch von Erich Honecker 1987 in Bonn die Teilung noch vertieft habe. Doch das Gegenteil ist der Fall gewesen: Danach fanden viele Millionen Besuche - auch von jungen Menschen - aus der DDR in der Bundesrepublik statt. Dies hat das Bewusstsein für die Einheit der Nation nachhaltig geschärft und damit indirekt auch zum Ende des SED-Regimes beigetragen.

Die Probleme, von denen Sie sprechen, sehe ich nicht so sehr bei den Menschen in der bisherigen DDR. Sie haben schon immer nach Westen geschaut. Sie haben gewusst, was von den sogenannten „Errungenschaften" des SED-Regimes zu halten war. Ich frage eher, ob wir im Westen noch bereit sind, unsere Herzen so zu öffnen, wie wir es Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre in einer viel schwierigeren Zeit getan haben. Hat der Wohlstand uns zu Egoisten werden lassen? Bei einigen trifft das sicher zu, aber insgesamt bin ich auch hier zuversichtlich.

Auch für uns im Westen haben Städtenamen wie Weimar oder Leipzig einen vertrauten Klang. Oder denken sie an Martin Luther und Johann Sebastian Bach - oder beispielsweise an Quedlinburg, jene wunderschöne deutsche Stadt, die ich vor wenigen Tagen besuchte. Im Leben eines Volkes sind vierzig Jahre doch eine sehr kurze Zeitspanne. Sie vermögen das Gemeinsame, das in vielen Jahrhunderten gewachsen ist, nicht auszulöschen.

RM: Minister Waigel hat das Haushaltsjahr 1990 als die größte finanzpolitische Herausforderung für unser Land seit 1949 bezeichnet. Glauben Sie weiterhin, dass diese Herausforderung, dass die Kosten im Innern und nach außen ohne Steuererhöhungen zu tragen sein werden?

KOHL: Um die Kosten der Einheit realistisch kalkulieren zu können, gilt es, nach dem Tag der Wiedervereinigung Kassensturz zu machen. Dies ist dann die Grundlage, von der aus wir die notwendigen politischen Konsequenzen ziehen können und müssen.

Ziel muss es sein, die Haushaltsfinanzierung über Kredite schnell wieder auf ein dauerhaft vertretbares Maß zurückzuführen. Wir werden deshalb alle Möglichkeiten einer sparsamen Ausgabenpolitik nutzen. Das bedeutet, dass wir jede Ausgabe im Bundeshaushalt darauf überprüfen werden, ob sie weiterhin noch in der bisherigen Höhe gerechtfertigt ist. Wir haben uns fest vorgenommen, diesen Weg zu beschreiten, damit Steuererhöhungen vermieden werden können.

RM: Sie wurden in Ihrer Laufbahn als Politiker permanent unterschätzt, haben sich gewissermaßen als „Underdog" gegen die Medien-Einschätzungen in Deutschland durchgesetzt. Jetzt aber müssen Sie feststellen, dass das Land, das Sie noch regieren, in seinem Leistungsvermögen geradezu überschätzt wird. Wie gehen wir mit den hohen Erwartungen um, die uns vor allem aus Osteuropa entgegengebracht werden?

KOHL: Es bereitet mir gewisse Mühe, zwischen der Einschätzung meiner Person durch die Medien - mit der es sich übrigens ganz gut leben lässt - und der finanziellen Leistungsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland einen logischen Zusammenhang herzustellen. Davon abgesehen: Tatsache ist, dass sich die wirtschaftliche und finanzielle Leistungskraft unseres Landes dank einer gezielten Konsolidierungs- und Reformpolitik so entwickelt hat, wie sie heute national und international gesehen wird - nämlich ganz hervorragend. Wir gehen 1991 in das neunte Jahr eines stetigen wirtschaftlichen Aufschwungs. Dass diese Tatsache die Erwartungen und Hoffnungen unserer Freunde und Nachbarn in West und Ost steigert, ist doch verständlich. Als eine der führenden Wirtschaftsnationen sind wir es in der Mitte Europas sowohl der EG als auch den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas schuldig, unseren Anteil zum Zusammenwachsen Europas in Frieden und Freiheit beizutragen.

RM: Die Sowjetunion erhält 12 Milliarden Mark für die Modalitäten ihres Truppenrückzugs aus Deutschland, dazu einen ^-Milliarden-Kredit, der sich, da er zinslos gewährt wird, realiter auf vier Milliarden beläuft. Werden wir bald zu „Zahlmeistern" eines zerfallenden Sowjetreichs?

KOHL: Nein, diese Formulierung wird der Sache, um die es hier geht, ganz und gar nicht gerecht. Ein zentraler Punkt der Absprache zwischen Präsident Gorbatschow und mir im Kaukasus war, dass die sowjetischen Truppen bis spätestens Ende 1994 Deutschland verlassen werden. Dieser Punkt ist sowohl in dem in Moskau unterzeichneten Zweiplus-Vier-Vertrag als auch in dem Stationierungs- und Abzugsvertrag mit der Sowjetunion, der kurz vor dem Abschluss steht, noch einmal festgeschrieben.

Wir sind - auch dies war im Grundsatz Teil meiner Vereinbarung mit Präsident Gorbatschow - bereit, uns an den Kosten des Abzugs und der Unterbringung der sowjetischen Soldaten in ihrer Heimat zu beteiligen. Die Einzelheiten sind in dem sogenannten Überleitungsvertrag geregelt, der inzwischen ausgehandelt worden ist.

Diese Vereinbarungen sind ein wichtiger Beitrag zu Stabilität und Sicherheit in ganz Europa. Der Abzug der sowjetischen Truppen aus Deutschland und die hieraus sich ergebende Lage ermöglichen sowohl die Reduzierung der Streitkräfte des vereinten Deutschland auf 370 000 Mann als auch den Abbau der Streitkräfte unserer Verbündeten auf deutschem Territorium.

Wenn man die Vereinbarungen mit der Sowjetunion in diesen rüstungskontrollpolitischen Gesamtkontext stellt, sieht die Rechnung schon wesentlich anders aus, denn dann stehen den momentanen Ausgaben langfristig erhebliche Einsparungen in unserem Verteidigungshaushalt gegenüber.

RM: Unsere Verantwortung als wiedervereinigtes Land wird in der Weltpolitik rasch eingeklagt werden. Können wir uns da weiter hinter Verfassungs-Interpretationen verstecken - etwa in Bezug auf unsere Mithilfe bei Krisen außerhalb Europas -, die wie „Drückebergerei" aussehen ?

KOHL: Das vereinte Deutschland wird sich zunehmend der Forderung gegenübersehen, auch international mehr Verantwortung zur Sicherung des Weltfriedens zu übernehmen. Die aktuelle Krisensituation im Nahen Osten nach der Annexion Kuwaits betrifft im übrigen auch uns - nicht nur als Bezieher von Erdöl aus diesem Raum, sondern auch als Teil des an den Nahen Osten grenzenden Europa.

Wir werden uns - da haben Sie Recht - in Zukunft dem Ruf nach einer auch militärischen Beteiligung an gemeinsamen westlichen Aktionen immer weniger entziehen können - zumal dann nicht, wenn die Vereinten Nationen ausdrücklich dahinterstehen. Deshalb plädiere ich dafür, dass das gesamtdeutsche Parlament nach den Bundestagswahlen die Verfassung so ändert, dass die Bundesrepublik Deutschland - wie andere Länder in Europa - auch bei militärischen Aktionen zur Friedenssicherung außerhalb des Einsatzgebiets der NATO tätig werden kann.

RM: Zwingen uns die Entwicklungen in Osteuropa nicht zu einem Überdenken unserer alten politischen Fahrpläne? Beispielsweise im Blick auf die Politische Union? Muss man der Vertiefung der EG-Institutionen nicht ähnlich dringend die EG-Erweiterung an die Seite stellen ? Auch als Signal der Hoffnung für neu sich etablierende demokratische Gesellschaften? So wurde doch auch in den siebziger Jahren argumentiert, als wir Griechenland, Portugal und Spanien aufnahmen, obwohl jedermann wusste, dass das die EG-Harmonisierung nicht gerade vereinfachen würde.

KOHL: Es steht außer Frage, dass die Reformen in den Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas kaum so rasch vorangekommen wären ohne die erfolgreiche Entwicklung der Europäischen Gemeinschaft. Und ebenso richtig ist, dass sich mit der Überwindung der Teilung unseres Kontinents neue und weitreichende Chancen für den Ausbau der Zusammenarbeit in allen Bereichen eröffnen.

Andererseits kann die Europäische Gemeinschaft ihre Rolle und Verantwortung auch gerade gegenüber ihren Nachbarn im Osten - wie auch im Norden und Süden - nur dann mit Erfolg ausfüllen, wenn sie entschlossen das europäische Einigungswerk fortführt.

Auf der Grundlage der Initiative, die ich gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand am 18. April 1990 eingeleitet habe, werden wir hierzu in drei Monaten in Rom die Regierungskonferenzen über die Wirtschafts- und Währungsunion und die Politische Union eröffnen. Unser Ziel ist es, diese beiden Regierungskonferenzen rasch abzuschließen, damit diese Reformen im Laufe des

Jahres 1992 ratifiziert werden können und somit zeitgleich mit der Vollendung des Binnenmarktes die Grundlagen für die Europäische Union gelegt werden. Wir wollen - und brauchen - die Europäische Union als festes Fundament der Einigung ganz Europas.

Auf dem Wege dahin können wir natürlich, was die Zusammenarbeit mit den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas betrifft, die Hände nicht in den Schoß legen. Vielmehr muss die Gemeinschaft energische Anstrengungen unternehmen, um den erfolgreichen Fortgang der Reformprozesse abzustützen und die Zusammenarbeit mit diesen Ländern auf eine neue Stufe zu heben. Die geplanten Assoziierungs- beziehungsweise Kooperationsabkommen sind hierbei ein wesentliches Element.

Es gibt in der Tat Stimmen in Europa, die dafür plädieren, möglichst alle Länder unseres Kontinents in die EG aufzunehmen. Tatsache ist jedoch, dass die EG gegenwärtig weder institutionell noch von ihrer Struktur her - noch angesichts der gravierenden Unterschiede im Entwicklungsstand vieler Länder - eine solche „Beitrittslawine" verkraften könnte. Folge wäre zudem, dass die EG auf die Stufe einer gehobenen Freihandelszone zurückfallen würde.

Genau dies war und ist jedoch nicht unser Ziel bei der europäischen Einigung. Wer wie ich die politische Einigung Europas will, muss daher den Beitritt zur EG auf absehbare Zeit auf eine nicht sehr große Zahl von Ländern beschränken - die zugleich bereit und in der Lage sein müssen, die gemeinsamen Zielsetzungen voll zu teilen.

RM: Kann man es aber angesichts der finanziellen Mehr-Belastungen, die mit der deutschen Einheit auf uns zukommen, verantworten, ausgerechnet jetzt möglichst schnell auf die europäische Währungsunion zuzugehen?

KOHL: In den vergangenen Wochen habe ich immer wieder betont, dass wir die Deutsche Einheit und die europäische Einigung als zwei Seiten ein und derselben Medaille verstehen. Wir haben auch ein klares politisches Bekenntnis zu weiteren Schritten hin zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion abgegeben. Wenn aber die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion kein Fehlschlag werden, sondern ein erfolgreicher Schritt nach vorne sein soll, dann muss sie auf solidem Fundament gegründet werden. Das ist eigentlich selbstverständlich.

Fest steht, dass die Regierungskonferenz am 13. Dezember 1990 beginnen wird. Die Vorbereitungsarbeiten für diese Konferenz befinden sich jetzt in einer entscheidenden Phase, in der noch eine ganze Reihe wichtiger Sachpunkte zu klären sind. Damit werden sich die Außen- und Finanzminister der EG in mehreren Ratstagungen befassen. Auch der Sonderrat der EG-Staats- und Regierungschefs Ende Oktober wird sich diesem Thema widmen.

Unsere Leitlinien für die weiteren Verhandlungen sind unverändert und klar: Entscheidend sind für uns die Sicherung der Geldwertstabilität und die Unabhängigkeit eines Europäischen Zentralbanksystems. Dies hat auch die Deutsche Bundesbank in ihrer kürzlichen Stellungnahme zur Errichtung einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion nochmals deutlich gemacht. Ich halte diese Stellungnahme für sehr wichtig und hilfreich zugleich.

Aber ich erinnere auch daran, dass die Bundesregierung das Delors-Papier des Jahres 1989, an dem Bundesbankpräsident Pohl maßgeblich mitwirkte, immer als wichtige Grundlage für die Beratungen über eine Wirtschafts- und Währungsunion betrachtet habe.

RM: Frankreich macht Andeutungen, sich militärisch gänzlich vom Gebiet des wiedervereinigten Deutschland zurückziehen zu wollen. Die Briten werden auf jeden Fall ihre Rhein-Armee halbieren. Die Amerikaner sprechen bereits von Reduktion auf'50000 bis 75000 Mann Truppenstärke, Bekommen wir ein sicherheitspolitisches Vakuum in Deutschland? Wie will man in Zukunft multinational verzahnte NATO-Verbände bekommen, wenn jeder sich quasi verschämt aus Deutschland davonmachen will?

KOHL: Davon kann doch nun wirklich keine Rede sein. Die Atlantische Allianz hat sich bei der Bewahrung von Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent seit Jahrzehnten bewährt. Sie wird auch in Zukunft das Rückgrat unserer Sicherheit sein. Aber die Allianz wird zugleich eine Kraft des Wandels sein, die nicht nur ein Forum gemeinsamer Verteidigung, sondern auch des Aufbaus einer neuen Partnerschaft mit allen Ländern Europas bildet. Mit anderen Worten: Die politische Funktion der Allianz, die wir ihr stets zugemessen haben, wird künftig noch stärker in den Vordergrund treten.

Der Londoner NATO-Gipfel Anfang Juli hat ein klares Signal in diese Richtung gesetzt. Er hat im übrigen den Auftrag erteilt, Struktur und Strategie der Allianz den veränderten Bedingungen in Europa anzupassen. Diese Planung ist im Gange. Mit ihren Ergebnissen werden wir uns zu gegebener Zeit eingehend auseinandersetzen.

Dass auch unsere Verbündeten mit Blick auf die jetzt in Gang gekommene Entwicklung - ich sprach schon von dem Totalabzug der sowjetischen Streitkräfte aus Deutschland - über den Abbau ihrer eigenen Streitkräfte nachdenken, ist völlig legitim und vor dem Hintergrund der jetzt schon eingetretenen Veränderungen kein Anlass zur Beunruhigung.

Ein entscheidendes Ergebnis meiner Gespräche mit Präsident Gorbatschow im Kaukasus war, dass die sowjetische Seite ausdrücklich unser Recht auf freie Bündniswahl bejaht hat. Auch der „Zwei-plus-Vier"-Vertrag von Moskau hält dies noch einmal fest. Die Tatsache, dass das künftige vereinte Deutschland Mitglied der Nordatlantischen Allianz sein wird, schiebt jeglicher Befürchtung vor einem sicherheitspolitischen Vakuum in der Mitte Europas einen Riegel vor. Denn auch das bisherige Territorium der DDR wird künftig durch die Beistandsverpflichtung in Artikel fünf und sechs des Nordatlantikvertrags geschützt sein.

RM: Sie haben in diesem Jahr die Länge der Amtszeit Helmut Schmidts erreicht - acht Jahre. Werden Sie am 2. Dezember an ihm vorbeiziehen als Kanzler mit der nach Adenauer zweitlängsten Dienstdauer?

KOHL: Für mich ist die Länge einer Amtszeit kein hinreichendes Kriterium, um die politischen Qualitäten der Amtsinhaber zu bemessen. Wenn am 3. Oktober alle Deutschen wieder in Freiheit vereint sind, dann ist das auch das Ergebnis der langfristig angelegten, klugen Politik, zu der Konrad Adenauer schon in den fünfziger Jahren den Grundstein gelegt hat. Die Politik der Westintegration und die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft zusammen mit Ludwig Erhard waren Entscheidungen von fundamentaler Bedeutung für die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit in Freiheit.

Dass sie richtig waren, lässt sich jetzt wohl kaum mehr ernsthaft bestreiten. Die herausragenden staatsmännischen Leistungen sind es, die ich bewundere, nicht die Dauer einer Amtszeit.

Ich freue mich, dass wir jetzt dieses Werk vollenden können. Und ich bin zuversichtlich, dass die Koalition am 2. Dezember eine deutliche Mehrheit erringen wird. Wir sind gut vorbereitet, die vor uns liegenden Aufgaben im vereinten Deutschland zu bewältigen.

Quelle: Rheinischer Merkur/Christ und Welt, 28. September 1990