26. Mai 1987
Rede auf dem Deutschen Ingenieurtag in München


Sie haben Ihre Veranstaltung unter das Leitthema „Forschung und Technik - Freiheit und Verantwortung" gestellt - ein Thema, das für unsere moderne Industriegesellschaft von grundsätzlicher und weitreichender Bedeutung ist. Es ist zugleich auch ein Thema, das zur Nachdenklichkeit anregt. Wer über die Zukunft unserer Gesellschaft mitentscheiden will, tut gut daran, dies nicht nur in der unbeständigen Aufgeregtheit des Zeitgeistes zu tun, sondern mit Nachdenklichkeit und Besonnenheit.

In meiner Regierungserklärung vom 18. März 1987 habe ich hervorgehoben, dass sich Wissen und Gewissen nicht voneinander trennen lassen. Ich denke, auch die von Ihnen behandelten Themen fügen sich in diese große Herausforderung ein. Wir wissen, dass Forschung und Technik unser Leben, unseren Alltag in einer Weise prägen wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Gleichzeitig sind beide Begriffe in den zurückliegenden Jahren sehr umstritten gewesen. In den siebziger Jahren wurde eine weitgehende Verunsicherung immer deutlicher: „Grenzen des Wachstums", Anfragen zur Kernenergie, die Wechselwirkungen zwischen Arbeitsplätzen und Mikroelektronik. Die hier aufgeworfenen Probleme müssen natürlich ernst genommen werden.

Was mich bedenklich stimmt, ist die Unversöhnlichkeit, mit der diese Debatte vielfach geführt wurde, insbesondere auch die Verknüpfung mit politischen Kampagnen, mit denen Polarisierung und Antagonismus herbeigeredet wurden, mit denen auch vielfach bewusst das Geschäft mit der Angst vor der Technik betrieben wurde. Der Schaden, der dabei entstand und der immer wieder entsteht, ist deshalb so groß, weil solche Auseinandersetzungen nicht nur bei vielen Orientierungslosigkeit bewirken, sondern weil sie einen Zukunftspessimismus hervorbringen, der wirtschaftliche und kulturelle Aktivitäten unseres Landes lähmte und der zu einer weit verbreiteten Technikfeindlichkeit führte, die zu Beginn der achtziger jähre ihren Höhepunkt erreichte. Ich habe meine Aufgabe darin gesehen, diesem Zeitgeist des Kulturpessimismus entgegenzutreten, ohne deswegen die Welt, in der wir leben, mit all ihren Herausforderungen und Problemen in unrealistischen Farben zu malen.

Wir brauchen Offenheit in allen Bereichen, wenn wir eine wirklich freie Gesellschaft sein wollen. Dazu gehört auch ein offenes Klima für Forschung und Technik. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung ist in einer großen Tradition Teil unserer geistigen Kultur und gleichzeitig Ursprung neuer Technik und zukunftssicherer Arbeitsplätze. Das heißt zugleich immer auch, dass unser Land auf Leistungseliten nicht verzichten kann. Eine freie und demokratische Gesellschaft braucht sie mehr als jede andere Staatsform. So ist es für mich merkwürdig, dass gegen das Ja zu Leistungseliten häufig der Vorwurf einer Ellbogengesellschaft erhoben wird, wobei allerdings in besonders ausgewählten Bereichen - ich denke etwa an den Sport -keinerlei Einwände gegen Höchstleistungen und Leistungseliten erhoben werden. Aber warum sagen wir dann nicht auch, dass neben den Leistungseliten des Sports auch die Leistungseliten etwa in der Technik, in der Wissenschaft, in der Kultur und im Bereich der Wirtschaft stehen müssen? Ein Land ohne Leistungseliten kann die Zukunft nicht gewinnen.

Wenn wir heute - viereinhalb Jahre nach meiner Regierungsübernahme - Bilanz ziehen, dann hat sich in der Tat vieles positiv verändert. Dabei denke ich auch an das Forschungsklima. Hier sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Leistung und Qualität haben in Wirtschaft und Gesellschaft, in Forschung und Kultur einen höheren Rang zurück gewonnen. Der Wandel von weit verbreiteter Technikfeindlichkeit zu Offenheit und Interesse an neuen technischen Entwicklungen ist insgesamt beachtlich. Dank gemeinsamen Anstrengungen hat eine zuversichtliche Grundstimmung wieder die Oberhand gewonnen, und die wirtschaftliche Erholung ist auf breiter Front in Gang gekommen.

Diese ermutigenden Veränderungen dürfen uns jedoch nicht den Blick dafür verstellen, dass Wissenschaft, Forschung und ihre technische Anwendung zwar große Chancen bieten, aber auch mit Risiken verbunden sind. Nicht erst der Reaktorunfall im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl vor jetzt gut einem Jahr hat dies in unser Bewusstsein gerufen. Der Deutsche Bundestag wird sich zum ersten Mal in der Gesetzgebung mit einer so ungewöhnlich schwierigen Materie wie der Gentechnik zu beschäftigen haben, das heißt mit Entwicklungen, die uns zu äußerster Sensibilität mahnen. Keiner, der mit offenen Augen in die Welt schaut, kann die mit diesen technischen Möglichkeiten verbundenen Sorgen und Ängste einfach beiseite schieben. Ich nehme solche Ängste ernst. Aber wer den Menschen wirklich helfen will, darf nicht bei den Ängsten stehenbleiben. Bei allem Respekt vor diesen durchaus verständlichen Gefühlen - die Angst darf nicht zum bestimmenden Maßstab unserer Entscheidungen werden. Angst ist im privaten Leben ein schlechter Ratgeber, und Angst ist auch in öffentlichen Fragen -als alleiniges Entscheidungskriterium - ein schlechter Ratgeber.

Wir brauchen gerade in der Bundesrepublik Deutschland technischen Fortschritt. Wir brauchen die Antriebskräfte unserer Forschung. Nur so sind wir in der Lage, unsere wirtschaftliche Existenz zu sichern und auf dieser Grundlage echte soziale Entscheidungen zu treffen. Wir müssen die Chancen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auch in Zukunft nutzen. Aber je mehr wir in Bereiche vorstoßen, die die Grundfragen menschlicher Existenz berühren, desto deutlicher wird auch: es gibt Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen.

In Wissenschaft und Technik müssen zur Sachkenntnis immer auch sittliche Verantwortung und ethische Grundlagen treten. Wir brauchen beides. Den Mut zum Fortschritt, weil wir ja sonst gegen Elend, Not und Krankheit nicht das Menschenmögliche tut können. Wir brauchen aber auch Behutsamkeit, damit uns der Fortschritt nicht über den Kopf wächst. In einer freien Gesellschaft mit freier Wissenschaft ist eine Ethik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, die Forschung und Technik in den Dienst des Menschen stellt, dafür das Fundament.

Das heißt, dass an erster Stelle die Achtung der Würde des Menschen, die Verantwortung für die Schöpfung und für künftige Generationen stehen. Wir müssen mögliche Vorteile neuer Erkenntnisse gewissenhaft gegen denkbare Nachteile und Risiken abwägen. In diesem Sinne sind wir uns sehr wohl bewusst, dass nicht alles, was wissenschaftlich und technisch machbar erscheint, dem Menschen auch erlaubt oder unter humanen Gesichtspunkten überhaupt als wünschenswert anzusehen ist.

In der Gentechnologie heißt das beispielsweise, dass die Personalität des Menschen vor jedweder Manipulation zu schützen ist. Damit gewinnen viele vielleicht auch wieder einen neuen Zugang zum Recht des ungeborenen Lebens, weil ja auch hier die Personalität des Menschen in sehr grundsätzlicher Art und Weise angesprochen wird.

Bei der zivilen Nutzung der Kerntechnologie wissen wir, dass Sicherheit und Gesundheit des Bürgers Vorrang haben müssen vor allen anderen - auch wirtschaftlichen -Überlegungen. Gleichzeitig muss aber auch zur Kenntnis genommen werden, dass wir einstweilen für die nächsten Jahrzehnte - wie lange genau, weiß gegenwärtig niemand, - keine wirkliche Alternative zur Kernenergie haben. Man kann eben nicht Kernkraftwerke abschalten und gleichzeitig auch gegen die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Kraftwerken eintreten, deren Abgase in unseren Wäldern ja beträchtliche Schäden anrichten. Man kann auch nicht gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf demonstrieren und gleichzeitig zusätzliche Forderungen zugunsten der Kohle erheben. Denn nach wie vor gilt: Die Nutzung der Kernenergie bleibt durch ihre günstigen Erzeugungskosten unentbehrliche Voraussetzung für die Verstromung heimischer Kohle. Für unsere Energieversorgung benötigen wir ein Gesamtkonzept, und nur aus einem solchen Gesamtkonzept heraus kann auch verantwortliche Politik entstehen.

Diese Hinweise unterstreichen, dass der Abschätzung und Bewertung von Technikfolgen große, ja sehr große Bedeutung zukommt. Nicht vergessen werden darf jedoch, dass ethische Maßstäbe nur derjenige setzen und durchsetzen kann, der gleichzeitig Mut und Bereitschaft zur Forschung besitzt, der mit an der Spitze der Forschung steht. Dass wir- Staat und Wirtschaft - in den letzten Jahren die Anstrengungen für Forschung und Entwicklung beträchtlich verstärkt haben, ist für mich ein ermutigendes Signal. Die Ausgaben hierfür haben im vergangenen Jahr die Rekordsumme von 56Mrd. DM erreicht. Dabei haben insbesondere auch die Anstrengungen von Wirtschaft und Unternehmen spürbar zugenommen. 2,9 Prozent des Bruttosozialprodukts werden damit in die Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland investiert - eine Größenordnung, die dem Vergleich mit anderen führenden Industrienationen durchaus standhält. Wir werden diese Anstrengungen auch in den kommenden Jahren konsequent fortsetzen. Sie werden noch intensiviert werden müssen, denn auch unsere Konkurrenten auf den Weltmärkten, insbesondere die USA und Japan, haben ihre Forschungsinvestitionen nachhaltig gesteigert.

Aber es ist nicht allein mit Geld getan. Wir müssen gleichzeitig fragen, ob zum Beispiel unser Schulsystem -und damit meine ich alle Arten von Schulen bis hin zur Hochschule und Universität - den Anforderungen nach Spitzenleistungen gewachsen ist. Unser duales System der beruflichen Ausbildung hat sich in den letzten Jahren bei der Aufnahme der geburtenstarken Jahrgänge bewahrt. Auch die deutschen Hochschulen können beachtliche Leistungen aufweisen. Dass Forschung und Lehre auch in Zukunft ihre Aufgaben voll erfüllen können, bleibt ein wichtiges Anliegen unserer Politik.

Die Zukunft unseres Landes hängt aber nicht nur davon ab, dass technische Innovation erdacht und praktisch umgesetzt wird. Die darin liegenden Chancen können sich nur dann entfalten und ihre volle Wirkung erreichen, wenn das verantwortete Ja zu technischer und wirtschaftlicher Erneuerung auch breite Unterstützung und Anerkennung in unserer Gesellschaft findet. Auf diesem Weg sind Fortschritte erzielt worden, aber richtig ist auch, dass wir das Klassenziel noch nicht erreicht haben. Deswegen brauchen wir hier die breite Unterstützung der Bürger, und dabei stellen über 500.000 Ingenieure ein kostbares Kapital dar, auf das wir angewiesen sind. Denn gerade Sie können ja denen, die keine Spezialisten sind, aus eigenem Wissen und eigener Erfahrung sehr überzeugend und glaubwürdig die Bedeutung von Technik und Forschung für die Zukunft vermitteln. Dies ist von allergrößter Bedeutung, weil eben nur Verständnis wirklich Ver- trauen schafft - und nur in diesem Vertrauen des Bürgers in die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen ist ein forschungs- und technikfreundliches Klima möglich, das wir zur Zukunftssicherung unseres Landes brauchen. Hier sind wir auf Ihre Mitarbeit angewiesen. Kenntnis, Verständnis und Vertrauen - dieser Dreiklang bietet meiner Erfahrung nach zugleich den besten Schutz gegen jegliche Form ideologischer Beeinflussung.

In diesem Sinne begrüße ich besonders, dass der VDI erstmals im Rahmen eines Ingenieurtags ein Schülerforum durchführt. Damit zeigen Sie am praktischen Beispiel, wie man junge Leute ansprechen und wie für ein technikfreundliches Klima konkret geworben werden kann. Das Ja zur Forschung und Technik ist immer auch ein Ja zu Arbeitsplätzen und Beschäftigung. Denn beides gehört eng zusammen.

Es ist ja in den letzten eineinhalb Jahrzehnten immer wieder die Behauptung aufgestellt worden, technischer Fortschritt und mit ihm die Steigerung der Produktivität seien entscheidende Ursachen für den Verlust von Arbeitsplätzen. Richtig ist, dass die Arbeitslosigkeit ein zentrales Problem unserer Gesellschaft ist und dass ihre Bekämpfung ganz oben auf der politischen Tagesordnung steht - und dass wir hier das Menschenmögliche tun müssen. Aber wenn wir wirkliche Fortschritte erzielen wollen, müssen wir zunächst die Ursachen sorgfältig analysieren. Und hierzu gehören in erster Linie

- die Wachstumseinbrüche in den Krisenjahren von 1980 bis 1982, in deren Verlauf rund 800.000 Arbeitsplätze verlorengingen,

  • die deutlich gewachsene Nachfrage nach Arbeit im Gefolge der geburtenstarken Jahrgänge und des größer gewordenen Interesses von Frauen an der Erwerbstätigkeit
  • sowie eine verlangsamte strukturelle Anpassung mit einer insgesamt eher zu zögerlichen Nutzung und Anwendung moderner Technik.

Demgegenüber gibt es keinen letztlich überzeugenden Beleg für einen Zusammenhang zwischen steigender Arbeitslosigkeit einerseits und hohen Produktivitätssteigerungen durch den Einsatz moderner Technologien andererseits . Im Gegenteil - und diese Erfahrungen werden in der öffentlichen Diskussion viel zuwenig zur Kenntnis genommen: Arbeitsplätze sind dort am ehesten verlorengegangen, wo die Chancen des technischen Fortschritts am wenigsten genutzt wurden. Denn eine offene Volkswirtschaft wie die unsere, die rund ein Drittel ihrer Waren und Dienstleistungen exportiert und die damit im internationalen Wettbewerb immer wieder neu bestehen muss, kann weltweite technische Neuerungen und Veränderungen nicht ignorieren. Würden wir das tun, so bedeutete dies mit Sicherheit wirtschaftlichen Abstieg und Niedergang sowie den Verlust vieler Arbeitsplätze.

Umgekehrt haben die zurückliegenden Jahre gezeigt, dass das Ja zur Forschung und zur Anwendung neuer Technik die Beschäftigung im Ergebnis keineswegs behindert hat. Über 600.000 neue zusätzliche Arbeitsplätze sprechen hier eine deutliche Sprache. Es kann also für uns nur darum gehen, neue technische Möglichkeiten ohne Vorurteile zu entwickeln und zu nutzen - nicht in einem blinden Fortschrittsglauben, sondern in verantwortlichem, ethisch begründetem Handeln.

Für verantworteten Fortschritt in Forschung und Technik sind solide Ausbildung und Qualifizierung entscheidende Voraussetzungen. Dabei denke ich nicht nur an die vielen jungen Talente, die wir in jedem Jahr in Wettbewerben wie „Jugend forscht" auszeichnen. Erinnern möchte ich vor allem an die Bereitstellung der vielen zusätzlichen Lehrstellen für die geburtenstarken Jahrgänge. Gemeinsam haben wir dieses Problem bewältigt -und zwar aus dem Geist der Freiheit.

Wir haben nicht auf staatliche Verordnungen gesetzt, sondern auf den Bürgersinn einer großen Zahl von Verantwortlichen in Unternehmen, Verbänden, Gewerkschaften und Kammern. Dieses Verständnis von Freiheit hat sich hier in besonderer Weise bewährt. Das große Angebot an zusätzlichen Lehrstellen ist in der Tat eine Leistung, auf die wir zu Recht stolz sein können - nicht nur deswegen, weil wir jungen Menschen damit eine berufliche Perspektive ermöglicht haben: Wir haben ihnen damit zugleich auch eine Chance für ihre persönliche Lebensgestaltung eröffnet. Der Erfolg dieser gemeinsamen Anstrengungen lässt sich jetzt auch an einer wichtigen Kennziffer ablesen. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass - gemessen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen - der Anteil derer, die über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen, in den letzten sieben Jahren von 72 Prozent auf die Rekordmarke von 79 Prozent angestiegen ist. Dies ist eine wichtige Markierung für die Zukunft unseres Landes. Ihre Bedeutung zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die Gefahr der Arbeitslosigkeit besonders groß ist für diejenigen, die über keine qualifizierte Ausbildung verfügen. Ihr Anteil unter den Arbeitslosen hat inzwischen 60 Prozent erreicht. Nicht zuletzt diese Zahl belegt, dass Weiterbildung und Qualifizierung größte Bedeutung haben.

Beide - Staat und Wirtschaft - haben hier wichtige Aufgaben zu erfüllen. So hat die Bundesanstalt für Arbeit ihre Anstrengungen erheblich verstärkt, um Arbeitslosen mit beruflichen Bildungsmaßnahmen die Rückkehr in ein Beschäftigungsverhältnis zu erleichtern. Ich darf auch Sie heute dazu aufrufen, in Ihren Betrieben Vorkehrungen dafür zu treffen, damit sich breite Schichten unserer Arbeitnehmerschaft rechtzeitig auf neue berufliche Anforderungen vorbereiten können. Die demographische Entwicklung macht deutlich, dass es hier für die Unternehmen um eine Zukunftsinvestition allerersten Ranges geht: Der Anteil der jungen Arbeitskräfte im Alter unter 25 Jahren, die derzeit mit etwa 20 Prozent für einen stetigen Zustrom in neue Ausbildungsrichtungen sorgen, wird bis 1995 um ein rundes Drittel abnehmen. Dies verlangt zwangsläufig um so mehr Flexibilität und Weiterqualifikation bei denjenigen, die bereits im Erwerbsleben stehen.

Seitens des VDI ist in diesem Zusammenhang von „lebenslangem Lernen" und von der Notwendigkeit eines gemeinsamen Konzeptes von Wirtschaft, Hochschulen und freien Bildungseinrichtungen gesprochen worden. Ich möchte dies ausdrücklich unterstützen und erhoffe mir von einer solchen Zusammenarbeit wichtige weiterführende Impulse. Denn ein Nebeneinander oder ein Gegeneinander von Wirtschaft und Wissenschaft können wir uns nicht leisten. Wir stehen vor zu vielen Herausforderungen, die sich nur im Miteinander bewältigen lassen.

Ich nenne als ganz besonders wichtiges Beispiel den Umweltschutz. Hier spricht es sich zunehmend herum, dass wir diesem Ziel weniger mit Demonstrationen, als vielmehr mit Hilfe neuer Technologien näher kommen können und nicht etwa - wie dies früher gelegentlich zu hören war- durch deren Ablehnung. Die Bundesregierung hat seit 1983 eine ganze Reihe sehr weitgehender Entscheidungen zum Schutz der Umwelt getroffen - die allerdings eines gemeinsam haben: ihre praktische Umsetzung ist nur mit neuer Technik zu bewerkstelligen. Dies gilt beispielsweise für die Großfeuerungsanlagen-Verordnung ebenso wie für die Neufassung der Technischen Anleitung Luft und für die Einführung des Katalysatorautos. Erreichen werden wir damit bis 1993 eine Verringerung der Schwefelemissionen um 75 Prozent und eine Reduzierung der Stickoxyde um etwa 72 Prozent. Ähnliche Anstrengungen unternehmen wir bei der Reinhaltung der Gewässer, bei der Müllbeseitigung und beim Bodenschutz.

All dies lässt deutlich erkennen, dass wir ohne ein verantwortliches Ja zum technischen Fortschritt ein wichtiges Ziel unserer Generation nicht erreichen können: nämlich einen vernünftigen und vertretbaren Mittelweg zwischen den Notwendigkeiten von Ökonomie und Ökologie. Dabei bin ich mir durchaus über Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit im klaren. Genauso bedeutsam ist aber auch die Erkenntnis, dass es auf diesem wichtigen Feld nicht um Traumvorstellungen geht. Denn das, was wir im Bereich des Umweltschutzes erreichen wollen und müssen, geschieht in einem dicht besiedelten Land, in einer Industrielandschaft, wo erst durch gute wirtschaftliche Leistungen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, um auch für den Umweltschutz die notwendigen und wünschenswerten Fortschritte durchzusetzen. Es geht um einen „langen Marsch", mit dem wir im Interesse von Mensch und Natur zuträgliche und verantwortbare Verhältnisse erreichen wollen. Und für diesen „langen Marsch" brauchen wir ganz ohne Zweifel mehr Forschung und mehr Technik. Dies gilt für die umweltfreundlichere Verbrennung von Kohle ebenso wie für verlässliche Sicherheitstechniken zum Schutz unserer Umwelt - um nur zwei wichtige Bereiche zu nennen.

Wir haben daher in Forschung und Technik nach 1982 entsprechende Schwerpunkte gesetzt, und es ist ein wichtiger Programmpunkt der von mir geführten Bundesregierung, auf diesem schwierigen Weg weiter voranzugehen. Unser Ziel ist dabei die Integration des Umweltschutzes in unseren technischen und wirtschaftlichen Alltag, und zwar auf dem Weg der schrittweisen Veränderungen - also in ähnlicher Weise, wie dies, beginnend im 19. Jahrhundert, bei der „sozialen Frage" gelungen ist. Damals glaubte man, bei der sozialen Integration breiter Schichten der Bevölkerung in die Industriegesellschaft handele es sich um ein unlösbares Problem. Vieles von dem, was heute für uns selbstverständlich ist, galt damals als undenkbar. Und ähnlich mag es sich auch im Blick auf unser Verhältnis zur Umwelt und zum Umweltschutz verhalten.

Dabei kommt es aber entscheidend darauf an, dass auch wir selbst umdenken. Denn es ist ein merkwürdiger Zustand, dass viele im privaten Bereich ihre Ansprüche sehr hoch ansetzen; wenn es aber darum geht, einen Beitrag für den Schutz unserer Umwelt zu leisten, wird dies vielfach als eine Aufgabe für die Allgemeinheit angesehen, für die man selbst nicht zuständig ist. Jeder einzelne kann und muss in seinem eigenen Lebensbereich einen Beitrag zum Schutz von Natur und Umwelt leisten. Der kurze Hinweis auf die beginnende Industrialisierung und die Erinnerung an die damaligen Arbeits- und Lebensbedingungen rufen noch etwas anderes in unser Bewusstsein: dass nämlich Forschung und Technik sehr viel mit Freiheit und Lebensqualität zu tun haben.

Die Nutzung von Forschungsergebnissen und die breite Anwendung moderner Technik haben den Menschen von vielen körperlichen Belastungen befreit und den Alltag erträglich gemacht. So haben die Veränderungen im demographischen Aufbau unserer Gesellschaft - etwa der höhere Anteil älterer Mitbürger - auch mit wissenschaftlichen Fortschritten im Bereich der Medizin und der Geriatrie zu tun. Allein die Tatsache, dass die Lebenserwartung heute etwa doppelt so hoch ist wie in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, zeigt, welche weitreichenden Veränderungen sich hier vollzogen haben. Entstanden sind zugleich auch neue persönliche Freiräume -und zwar nicht nur durch die Verschiebung zwischen Arbeitszeit und Freizeit, sondern auch beispielsweise durch die Entwicklung der Verkehrstechnik. Eisenbahn und Auto etwa haben erstmals für breite Schichten der Bevölkerung die Chance eröffnet, außerhalb des heimatlichen Lebensbereichs neue Erfahrungen und Perspektiven zu gewinnen und damit neue Maßstäbe für das persönliche Handeln zu entwickeln. Dies waren gewaltige Fortschritte - ermöglicht durch Forschung und Technik im Dienst des Menschen.

Aber für unsere Industriegesellschaft heute geht es nicht nur um Freiheit im Sinne von besserer Gesundheit, humaneren Arbeitsbedingungen und höherer Mobilität. Es geht auch und nicht zuletzt um Freiheit von politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Zwei Ölkrisen in den letzten 15 Jahren haben uns drastisch vor Augen geführt, dass wir im Gefolge weltweiter Wirtschaftsbeziehungen auch in völlig neue Abhängigkeiten geraten können. Und dabei haben uns zwei Faktoren ganz entscheidend geholfen, diese neu entstandenen Abhängigkeiten wieder abzuschütteln: nämlich unser Ja zur Technik und zur marktwirtschaftlichen Ordnung. Beides zusammen hat uns entscheidend vorangebracht. Mit Hilfe von Forschung und Technik ist es gelungen, gleichsam eine „neue Energiequelle" zu erschließen: die Energieeinsparung. Unsere marktwirtschaftliche Ordnung hat dazu geführt, dass diese neuen Einsparmöglichkeiten in kürzester Zeit Märkte und Käufer fanden, sich also auf breiter Front durchsetzen konnten. Heute können wir feststellen, dass Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch voneinander abgekoppelt werden konnten - und zwar in einem Maße, wie dies noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten worden wäre. Die immer wieder vorgenommenen Vorausschätzungen des zukünftigen Energiebedarfs sind mit fast schon berechenbarer Regelmäßigkeit von moderner Technik und vom Markt als zu hoch und unrealistisch widerlegt worden.

Dieser enge Zusammenhang zwischen Forschung und Technik einerseits und unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung andererseits erscheint mir für die Zukunft der Bundesrepublik Deutschland von allergrößter Bedeutung. Er beschreibt - weit über die Herausforderungen der Energiepolitik hinaus - das Spannungsfeld, in dem wir die Kräfte mobilisieren können, die wir brauchen, um die Zukunftsfähigkeit unseres Landes über den Tag hinaus zu sichern.

Dieses Stichwort Zukunft muss immer auch im Zusammenhang mit Wissenschaft und Technik gesehen werden. Und ich füge hinzu, dass zur Zukunft immer auch Anstrengungen gehören. Einer Gesellschaft, in der für viele die Freizeit immer mehr zum wichtigsten Wert wird, ist schwer verständlich zu machen, dass Zukunft wichtiger ist als Freizeit und dass Zukunft ohne Anstrengungen nicht gesichert werden kann.

Es war jetzt genau vor 100 Jahren, dass die damalige britische Regierung deutsche Importwaren mit der Aufschrift „Made in Germany" von interessanten Absatzmärkten fernhalten wollte. Unsere Vorfahren haben auf diesen Versuch der gezielten Diskriminierung - anders lässt sich dieser Vorgang wohl nicht beschreiben - die richtige Schlussfolgerung gezogen: Sie haben alles getan, um aus der Kennzeichnung „Made in Germany" einen Oualitäts- und Wertbegriff zu machen - mit dem größten Erfolg für unseren Export in den letzten 100 Jahren. Aus diesem kleinen Beispiel kann man sehr viel lernen. Denn der Reichtum unseres Landes sind ja nicht etwa Bodenschätze oder geographische Vorteile. Unser Reichtum sind vielmehr der Fleiß, der Ideenreichtum und die Kreativität unserer Bürger. Um diesen Reichtum auch für die Zukunft fruchtbar zu machen, brauchen wir beides gleichermaßen: Forschung und Technik, aber auch Freiheit und Verantwortung. Und dieser Erfahrung müssen wir nicht nur selbst Rechnung tragen, sondern wir müssen sie auch an die nächste Generation - die Generation unserer Kinder und Enkel - weitergeben.

Wenn wir so handeln, dann können wir uns auch den vor uns liegenden Aufgaben mit Zuversicht stellen, und dann hat die Bundesrepublik Deutschland, der freie Teil unseres Vaterlandes, eine gute Zukunft.