28. September 1996
Rede anlässlich der Akademischen Absolventenfeier der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung in Vallendar


Sehr geehrter Herr Professor Carus, sehr geehrter Herr Dr. Heraeus, verehrte Damen und Herren, liebe Studentinnen und Studenten,

I.

das erste Wort gilt Ihnen, liebe Absolventinnen und Absolventen. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum bestandenen Examen und zum Diplomzeugnis, das Sie gleich erhalten werden. Mein Besuch heute bei Ihnen ist eine Anerkennung für Ihre Ausdauer und Ihre Leistungsbereitschaft, mit der Sie diesen großartigen Erfolg erreicht haben. Darauf können Sie stolz sein.

Sie haben ein Beispiel dafür gegeben, dass persönlicher Einsatz, Arbeit und Fleiß keine altmodischen Tugenden sind, sondern eine notwendige Voraussetzung, um im beruflichen Werdegang ebenso wie im Privatleben erfolgreich zu sein und etwas voranzubringen. Der heutige Tag ist ein guter Anlass, all denjenigen zu danken, die Sie auf Ihrem Weg begleitet haben. Ich denke dabei natürlich an Ihre Eltern, Ihre Freunde sowie Ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Ein Wort des Dankes gilt natürlich ebenso den Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeitern, die Sie mit einer modernen und praxisbezogenen Ausbildung für den Einstieg ins Berufsleben qualifiziert haben.

Mit Ihrer Bereitschaft, liebe Absolventinnen und Absolventen, sich einzusetzen und etwas zu leisten, haben Sie gezeigt, dass Sie zu jenem Kreis unserer Bürgerinnen und Bürger gehören, die nicht vergessen haben, dass ein Land ohne Leistungseliten keine Zukunft hat. Die törichte Anti-Leistungsdiskussion der vergangenen Jahrzehnte müssen wir endgültig überwinden. Leistung ist ein positiver Begriff, der nichts mit Ellenbogenmentalität zu tun hat. Unser Land wird getragen von Menschen, die nicht darauf warten, dass andere etwas für sie tun, sondern die bereit sind zu fragen: Was tue ich nicht nur für mich, sondern auch für andere?

In der Präambel der Grundordnung der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung heißt es: „Die Hochschule bereitet ihre Studenten auf die Übernahme von Verantwortung in Unternehmen und Gesellschaft vor." Dies ist ein vorbildlicher Anspruch, der in Deutschland wieder stärker Schule machen muss. Es ist doch ein Alarmsignal, wenn mehr als 50 Prozent aller Hochschulabsolventen in Deutschland in den Öffentlichen Dienst streben, aber keine 15 Prozent ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Ich sage dies ohne Vorwurf. Natürlich hat sich in unserem Volk nach den Katastrophen und Heimsuchungen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts der Wunsch nach Sicherheit stärker entwickelt als anderswo.

Dennoch müssen wir feststellen, dass wir die Herausforderungen der Zukunft mit Sicherheitsdenken nicht meistern werden. Wir brauchen heute mehr denn je Menschen, die mit Kreativität und Einsatzbereitschaft Verantwortung übernehmen für sich und andere. Besonders gefragt sind junge Frauen und Männer, die sich etwas zutrauen und ja sagen zur Selbstständigkeit. Sie sind es, die in unserer Gesellschaft vor allem für Innovation, Dynamik und Arbeitsplätze sorgen.

Wir brauchen eine neue Kultur der Selbstständigkeit in Deutschland. Dazu gehört, in unserer Gesellschaft ein Klima zu schaffen, das junge Menschen bei diesem Vorhaben ermutigt. Wir dürfen es nicht zulassen, dass diejenigen, die sich gerne selbstständig machen würden, von Bedenkenträgern in ihrer Umgebung demotiviert werden. Sie verdienen für ihr Vorhaben, sich eine eigene Existenz aufzubauen, unsere Anerkennung und Unterstützung.

Eine neue Gründerwelle im selbstständigen Mittelstand ist zugleich das beste Rezept für einen neuen Beschäftigungsaufschwung in unserem Land. Neue Arbeitsplätze entstehen vor allem im Mittelstand. Die international operierenden Großunternehmen werden durch den zunehmenden weltweiten Wettbewerb weiter zur Rationalisierung gezwungen. Auch im Öffentlichen Dienst wird zusätzliche Beschäftigung nicht entstehen können, weil wir mit dem Abbau von Verwaltung und Bürokratie Ernst machen.

Eine neue Kultur der Selbstständigkeit ist aber auch notwendig, um die anstehende große Übergabewelle von mittelständischen Unternehmen in Deutschland zu bewältigen. Bis zu 700 000 Mittelständler suchen in den nächsten zehn Jahren einen Nachfolger für ihren Betrieb. Häufig haben ihre Kinder kein Interesse, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Sie scheuen die hohe Arbeitsbelastung eines Selbstständigen oder das gegenüber angestellten Arbeitnehmern höhere Risiko und die geringere soziale Sicherheit. Ein solches Denken verheißt unserem Land keine gute Zukunft.

Wir werden die Probleme, vor denen wir in unserer Gesellschaft stehen, ungeachtet aller materiellen Schwierigkeiten lösen, wenn wir sie mit der richtigen inneren Einstellung angehen. Dazu gehört, dass wir die Bedeutung einer moralischen Werteordnung für unsere Gesellschaft wieder stärker erkennen. Bewährte Tugenden wie Pflichterfüllung, Treue, Solidarität, Toleranz und Weltoffenheit sind unverzichtbar für eine gute Zukunft unserer Gesellschaft. Die Gründergeneration hat vor 50 Jahren in diesem Bewusstsein unser Land aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs zu einem der wohlhabendsten Länder der Welt aufgebaut. Wir haben heute die Chance, mit diesem Denken unser Land auf eine gute Zukunft im 21. Jahrhundert vorzubereiten.

Wir müssen uns in unserer Gesellschaft untereinander darauf verlassen können, dass es eine breite Mehrheit gibt, die bei der Lösung anstehender Probleme nicht den schnellen Vorteil auf Kosten anderer sucht. Trittbrettfahrern, die - ohne selber etwas zu tun - Leistungen von anderen in Anspruch nehmen, müssen wir - wo immer wir ihnen begegnen - entschieden entgegentreten. Dies gilt für diejenigen, die Sozialhilfe, Arbeitslosenunterstützung oder andere Leistungen missbräuchlich in Anspruch nehmen. Das gleiche gilt - dies möchte ich ebenso deutlich sagen - für diejenigen, die Steuern hinterziehen oder sich Subventionen erschleichen. Jeder Kaufmann weiß, dass ohne den Grundsatz von „Treu und Glauben" das Wirtschaftsleben sehr schnell zum Erliegen kommt. Das gleiche gilt für unsere Gesellschaft: Ohne moralischen Grundkonsens geht sie zugrunde, weil ihr der innere Zusammenhalt fehlt.

II.

Die Bilanz nach zwölf Jahren Studienbetrieb der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung ist positiv. Ihr Diplom ist ein Qualitätssiegel für eine ausgezeichnete Ausbildung, die wissenschaftliche Lehre und Praxisbezug miteinander verbindet. Der Studienaufbau an der Hochschule Vallendar gibt Anregungen für notwendige Änderungen des Bildungssystems in unserem Land.

Bei einem Rückblick auf die mehr als vier Jahrzehnte seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland müssen wir unumwunden feststellen, dass die Ergebnisse einer Vielzahl pädagogischer Reformen, die in unserem Land durchgeführt worden sind, nicht zu den Aktivposten zählen. Ich denke zum Beispiel daran, dass heute rund zehn Prozent der Schulabgänger aufgrund ihres Ausbildungsstands nicht in der Lage sind, eine Lehrstelle anzutreten. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um Schüler ohne geistige oder körperliche Behinderung. Sie müssen in Sonderlehrgängen nachgeschult werden, für die die Bundesanstalt für Arbeit jährlich rund 500 Millionen D-Mark ausgibt. Diese Entwicklung ist ein schlechtes Zeugnis der bestehenden Verhältnisse an deutschen Schulen. Daraus müssen wir Konsequenzen ziehen.

Auch in der Frage der Dauer der Schillausbildung besteht Diskussionsbedarf. Es ist mir zum Beispiel unverständlich, warum Salzburger Gymnasien in acht Jahren zu einem erstklassigen Abitur führen, während im benachbarten Rosenheim neun Jahre dafür benötigt werden. Und nicht zuletzt erzwingen die sich abzeichnenden tiefgreifenden demographischen Veränderungen im Altersaufbau unserer Bevölkerung Änderungen im Bildungssystem. Ein deutscher Hochschulabsolvent ist nach Abitur und Studium heute bei Berufsbeginn im Durchschnitt 29 Jahre alt. Das durchschnittliche tatsächliche Renteneintrittsalter der Männer liegt in den alten Bundesländern unter 60 Jahren.

Dies bedeutet, dass in vielen Fällen rund 50 Jahre Ausbildung und Ruhestand nur etwa 30 Jahren produktive Erwerbstätigkeit gegenüberstehen. Es liegt doch auf der Hand, dass diese Rechnung bei einem immer stärker zunehmenden Anteil älterer Menschen in unserer Bevölkerung nicht aufgehen kann. Ganz abgesehen davon müssen wir erkennen, dass die deutschen Hochschulabsolventen wegen ihrer langen Studiendauer mittlerweile Nachteile gegenüberjüngeren ausländischen Mitbewerbern auf dem internationalen Arbeitsmarkt haben.

Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, geben ein Beispiel dafür, dass ein angesehener akademischer Abschluss nicht erst mit Ende 20, sondern deutlich eher erzielt werden kann. Von diesem Beispiel können wir bei der notwendigen Modernisierung unseres Bildungssystems lernen. Die Bundesregierung wird dieses Thema mit großer Entschiedenheit aufgreifen. Natürlich weiß ich, dass unser Grundgesetz die Hochschulpolitik nicht dem Kompetenzbereich des Bundes zugeordnet hat. Doch bei dieser Erkenntnis können wir es nicht bewenden lassen. Die Fragen von Bildung und Ausbildung sind eine nationale Herausforderung, die für die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Standorts im 21. Jahrhundert von ganz entscheidender Bedeutung sind.

Geänderte Bedingungen zwingen uns nicht nur im Bereich der Bildungspolitik zum Handeln. Auch in der Sozialpolitik müssen wir umdenken. Deutschland gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenrate, zugleich wächst das durchschnittliche Lebensalter der Bevölkerung. Heute sind rund 13 Millionen Menschen in Deutschland 65 Jahre und älter. Im Jahr 2030 werden es 19 Millionen Menschen sein. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird von heute 15 Prozent auf fast 26 Prozent dramatisch weiter steigen. Steigende Lebenserwartung - niedrige Geburtenrate: Dies verändert unsere Gesellschaft von Grund auf. Vor allem ist davon natürlich der Generationenvertrag in der Rentenversicherung betroffen sowie die Kranken- und Pflegeversicherung.

Ich nenne ein weiteres Beispiel, wo sich die Voraussetzungen grundlegend geändert haben. Als die hundertprozentige Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall vor über 35 Jahren in Kraft getreten ist, lagen Löhne und Lebensstandard deutlich niedriger als heute. Der durchschnittliche Jahresurlaub eines Arbeitnehmers betrug damals drei Wochen. Heute ist er mit sechs Wochen doppelt so lang. Deshalb ist es heute durchaus zumutbar, im Fall krankheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit auf einen Teil des Lohns zu verzichten, zumal der Lohnverzicht durch Anrechnung eines Teils der Urlaubszeit abgewendet werden kann.

Diesen geänderten Bedingungen können wir nicht ausweichen. Wir müssen unsere sozialen Sicherungssysteme auf die Zukunft vorbereiten. Wir wenden in Deutschland ein Drittel des Sozialprodukts, das sind über 1 000 Milliarden D-Mark in jedem Jahr, für Sozialleistungen auf. Es ist ein törichtes Gerede, wenn Reformen mit dem Ziel, unsere Hilfen auf diejenigen zu konzentrieren, die Unterstützung wirklich brauchen, als Abbruch des Sozialstaats bezeichnet werden.

III.

Nicht allein bei uns zu Hause haben sich die Rahmenbedingungen für unser Land geändert. Deutschland steht inmitten tiefgreifender Veränderungen in der Welt. Ich denke vor allem an die Herausforderungen der zunehmenden Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Märkte wachsen immer stärker zusammen. Produktion und Arbeitsplätze wandern mit nie dagewesener Leichtigkeit und Geschwindigkeit zu den attraktivsten Standorten. Dies hat unmittelbare Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung bei uns zu Hause.

Deutschland ist nicht schiechter geworden, doch andere Länder haben deutlich aufgeholt. Neue leistungsstarke Volkswirtschaften in Asien und in Lateinamerika entwickeln sich immer mehr zu ernstzunehmenden Wettbewerbern für deutsche Anbieter auf den Weltmärkten. Und unmittelbar vor unserer eigenen Haustür, in Mittel- und Osteuropa, gewinnen traditionelle Industrie-Standorte an Attraktivität für deutsche Investoren. Das Entstehen neuer Märkte in diesen Ländern eröffnet große Chancen für unsere Exportwirtschaft. Auf der anderen Seite ergibt sich natürlich auch ein stärkerer Konkurrenzdruck.

Dies kommt zum Beispiel in deutlichen Lohnkostenunterschieden zum Ausdruck. So kostet die Arbeitsstunde eines Entwicklungsingenieurs für Nachrichtentechnik bei einem deutschen Großunternehmen in Deutschland 135 D-Mark, in Ungarn dagegen gerade 54 D-Mark. Natürlich werden die Löhne in Mittel- und Osteuropa in Zukunft steigen. Schon deshalb kann die Konsequenz nicht lauten, in einen Wettlauf um sinkende Löhne einzutreten. Wir müssen jedoch begreifen, dass wir nicht einfach alles beim alten belassen können. Dazu gehört die Erkenntnis, dass Zukunftssicherung wichtiger ist als Freizeitsicherung. Mit den höchsten Lohnzusatzkosten und gleichzeitig den meisten Urlaubstagen und den kürzesten Maschinenlaufzeiten können wir auf den Weltmärkten dauerhaft nicht bestehen.

Unser Land hat insgesamt gute Chancen, wenn wir die Zeichen der Zeit erkennen und handeln. Die Anzeichen für eine deutliche konjunkturelle Belebung im zweiten Halbjahr 1996 mehren sich. Im nächsten Jahr wird voraussichtlich ein reales Wachstum in der Größenordnung von zwei bis zweieinhalb Prozent möglich sein. Das Wiederanspringen der Konjunktur wird jedoch nicht ausreichen, die Arbeitslosigkeit in Deutschland durchgreifend zu verringern. Fast vier Millionen Menschen ohne Arbeit: Dieser Zustand ist inakzeptabel. Deswegen vor allem müssen wir unser Land fit machen, umdenken und handeln.

Dazu gehört es, privater Initiative wieder mehr Freiraum zu verschaffen. Derzeit wird jede zweite in Deutschland erwirtschaftete D-Mark vom Staat verteilt. Dies müssen wir ändern. Wir wollen die Staatsquote von heute über 50 Prozent bis zum Jahr 2000 auf das Niveau vor der Wiedervereinigung, das heißt 46 Prozent, senken. Dies ist erreichbar. Zwischen 1983 und 1989 ist uns dies bereits gelungen. Wir werden unsere Konsolidierungspolitik konsequent fortsetzen.

Vordringlich ist es darüber hinaus, unser Steuersystem stärker wachstums- und beschäftigungsfördernd zu gestalten. Die Unternehmensteuerreform muss fortgesetzt werden, die substanzverzehrende Gewerbekapitalsteuer abgeschafft und die Gewerbeertragsteuer mittelstandsfreundlich gesenkt werden. Und wir bereiten eine Große Steuerreform vor mit einem deutlich niedrigeren Steuertarif bei gleichzeitiger Verbreiterung der Bemessungsgrundlage. Konkrete Vorschläge werden in der Steuerreformkommission unter Leitung von Bundesfinanzminister Waigel bis Januar 1997 ausgearbeitet. Der Abschluss der Gesetzgebung ist noch für das Jahr 1997 vorgesehen.

IV.

Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte und an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert können wir heute feststellen, dass wir allen Grund zu einem realistischen Optimismus haben. Das wiedervereinigte Deutschland lebt in Frieden und Freundschaft mit seinen Nachbarn und Partnern in Europa und in der Welt. Heute erscheint uns dies schon beinahe alltägliche Normalität zu sein. Dennoch ist dies alles andere als selbstverständlich.

Das europäische Einigungswerk ist eine Schicksalsfrage für eine gute Zukunft unseres Kontinents. Diese Botschaft hat uns Winston Churchill heute vor 50 Jahren - am 19. September 1946 - in einer berühmten Rede in Zürich zugerufen und dies mit der Aufforderung an Deutsche und Franzosen verbunden, sich zu versöhnen und ein gemeinsames Europa aufzubauen. Wenn wir jetzt beim Bau des Hauses Europa nicht weiter vorankommen, gefährden wir auf Dauer all das, was wir in den letzten Jahrzehnten erreicht haben.

Viele beklagen, dass der Weg zum gemeinsamen Europa nicht schnell genug beschritten und mit zu vielen Hindernissen versehen werde. Natürlich würde ich mir ein schnelleres Tempo wünschen. Entscheidend ist jedoch, dass wir vorankommen. Wir haben ein direkt gewähltes europäisches Parlament. Wir haben den europäischen Binnenmarkt für mehr als 370 Millionen Menschen. Wir werden die Wirtschafts- und Währungsunion bekommen mit einer stabilen gemeinsamen europäischen Währung. Und wir werden die Politische Union Europas erreichen; die Regierungskonferenz zur Weiterentwicklung des Maastricht-Vertrags soll pünktlich im nächsten Jahr abgeschlossen sein. Unser Ziel ist ein vereintes, demokratisches und bürgernahes Europa, in dem wir unsere Identität als Deutsche, Franzosen oder Italiener behalten und gleichzeitig Europäer sind.

Kaiser Wilhelm II. hat dieses Jahrhundert mit dem Ausspruch eröffnet, es werde das Jahrhundert des Kindes und das Jahrhundert der Rationalität werden. Am Ende dieses Jahrhunderts müssen wir feststellen, dass Anspruch und Wirklichkeit selten so weit auseinanderklafften. Es gab wenige Jahrhunderte, in denen so wenig Rücksicht auf Kinder genommen wurde und so wenig Ratio obwaltete. Wir sollten dies zum Anlass nehmen, das 21. Jahrhundert mit dem Vorsatz zu beginnen, aus der Geschichte zu lernen und auf dieser Grundlage die Zukunft zu gestalten. Im Jahr 2000 wird in Hannover die Weltausstellung EXPO 2000 stattfinden. Dies ist für uns Deutsche eine einmalige Chance, der Welt unser Land als weltoffene und tolerante Kulturnation zu präsentieren. Diese Chance sollten wir nutzen.

Sie, liebe Absolventinnen und Absolventen, haben die Chance, auch künftig in Frieden und Freiheit zu leben. Dies ist ein großartiges Geschenk, das seit Jahrhunderten keiner Generation in Deutschland beschert war. Sie haben gute Aussichten, die Zukunft mit Ideen und Tatkraft zu gewinnen. Gehen Sie mit Mut und Zuversicht an die vor Ihnen liegenden Aufgaben. Ich wünsche Ihnen dabei viel Glück, Erfolg und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 85 (28. Oktober 1996).