1. Oktober 1996
Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main


Frau Präsidentin, Herr Ministerpräsident, Frau Oberbürgermeisterin, lieber Herr Heaney, lieber Herr Kurtze, meine Damen und Herren,

I.

es ist mir, wie schon in den Jahren 1984 und 1989, eine große Freude, zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse sprechen zu können.

Als ich am 10. Oktober 1989 hier sprach, hatte der große Umbruch in Ost- und Mitteleuropa und im Osten Deutschlands schon begonnen. Die ersten großen Demonstrationen in der damaligen DDR hatten stattgefunden und die Brüchigkeit des SED-Regimes bloßgelegt. Aber noch gab es viele, die nicht für möglich hielten, was in den dramatischen Wochen und Monaten danach geschah: die Mauer - eine der unmenschlichsten Grenzbefestigungen der Erde - fiel, die kommunistische Diktatur brach zusammen. In freien Wahlen am 18. März 1990 stimmte eine überwältigende Mehrheit der DDR-Bevölkerung für die baldige Wiedervereinigung. Am 3. Oktober 1990 konnten wir unsere staatliche Einheit in Frieden und Freiheit wiedererlangen - mit Zustimmung aller unserer Nachbarn und Partner. Dies war ein einzigartiges Geschenk in der modernen Geschichte. Der Nationalfeiertag, den wir übermorgen zum sechsten Mal begehen werden, ist für uns Deutsche ein Tag der Freude und Dankbarkeit!

II.

„Irland" ist in diesem Jahr das Schwerpunktthema der Messe, und ich freue mich darüber aus mehreren Gründen: Im Dezember 1989 galt es auf dem EG-Gipfel in Straßburg, für das Verständnis unserer westlichen Partner und Verbündeten zu werben. Es gab damals sehr viel Skepsis, sehr viel Zurückhaltung im Blick auf das, was in Deutschland geschah. Es gab Ängste, dass die Deutschen ihren Weg nach Europa verlassen könnten, und vieles andere mehr.

Ich habe nie vergessen, wer in diesen schwierigen Stunden uns offen zusprach. Es war der damalige irische Ministerpräsident, und es war der damalige spanische Ministerpräsident. Damit trete ich niemand anderem zu nahe. Beide waren in Europa die einzigen, die ohne Wenn und Aber ja zur Deutschen Einheit gesagt haben. Dafür danke ich Ihnen, Frau Präsidentin, und Ihrem Volk sehr herzlich.

Und ich möchte ein weiteres hinzufügen, das wohl längst vergessen ist, und das in meine Jugendzeit zurückfuhrt, in die Zeit nach dem Krieg 1945. In diesen Jahren haben Iren den Deutschen geholfen. Irland war nicht ein Land reicher Leute. Sie haben geholfen, indem sie Hunderte deutscher Kinder, die halbverhungert waren, nach Irland eingeladen haben.

Bezogen auf die Zahl der Einwohner der europäischen Staaten jener Zeit haben uns, den Deutschen, in dieser Notzeit die Iren am meisten geholfen. Ich sage es auch in Erinnerung an das wunderbare Wort von Romano Guardini: „Erinnerung - das ist die Dankbarkeit des Herzens. " Und dies möchte ich für meine Landsleute Ihnen gegenüber, Frau Präsidentin, ganz besonders zum Ausdruck bringen.

Ich freue mich ganz besonders auf meinen morgen beginnenden Besuch in Ihrem Land. Wenn ich an Irland denke und von Irland spreche, empfinde ich Sympathie. Frau Präsidentin, so denken viele in unserem Land. Zwischen Irland und Deutschland besteht eine lange Freundschaft. Sie ist unberührt geblieben von Auseinandersetzungen um Land, um Macht und Einfluss, wie es zwischen unmittelbaren Nachbarn in der europäischen Geschichte leider an der Tagesordnung war. Wir Deutschen hoffen von ganzem Herzen, dass der Verständigungsprozess in Nordirland trotz aller Hindernisse einen guten Fortgang nimmt.

Ich freue mich auch aus einem weiteren Grund sehr, dass „Irland" Thema der diesjährigen Buchmesse ist: Damit wird eine großartige europäische Literatur gewürdigt. Über lange Jahre bestimmte das Bild, das Heinrich Böll in seinem „Irischen Tagebuch" zeichnete, die Vorstellung vieler Deutscher von Irland: malerisch, liebenswert und auch ein bisschen eigenwillig. Solche Bilder sind oft zählebig, sie können zu Klischees erstarren. Irland ist heute eines der dynamischen Mitgliedsländer der Europäischen Union, und es ist liebenswert wie eh und je. Schon immer hat Irland einen besonders wichtigen Beitrag zum Reichtum europäischer Kultur geleistet. Das Land an der atlantischen Küste Europas hat dem Kontinent viel gegeben - von den Mönchen, Missionaren und Klostergründern des frühen Mittelalters bis zu den großen Dichtern, Romanciers und Dramatikern der neueren Zeit. Wir alle sind dankbar, heute Nachmittag einen Träger des Literatur-Nobelpreises unter uns zu haben.

III.

Auch in diesem Jahr widerlegt die Frankfurter Buchmesse alle kulturpessimistischen Klagen, dass das Buch keine Zukunft mehr habe. Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus: Das Angebot der Verlage wachst; immer mehr Verleger treten auf; in vielen Fällen gelingt auch eine sinnvolle Verbindung des klassischen Mediums Buch mit den neuen Medien. Auch an freier Zeit zum Lesen mangelt es der Mehrheit des Lesepublikums nicht. Und doch verstummen die besorgten Stimmen nicht, die von einer ernsthaften Gefährdung der Lesekultur sprechen, die sogar das Medium Buch totsagen.

Die Volksweisheit behauptet, dass Totgesagte länger leben. Wir dürfen also optimistisch sein. Natürlich sind dem Buch durch neue Medien ernsthafte Konkurrenten erwachsen. Aber es ist deswegen noch lange nicht vom Untergang bedroht!

Der Deutsche Bundestag hat 1992 ein einstimmiges Bekenntnis zur Preisbindung für Bücher abgelegt. Für die Bundesregierung bleibt es eine ganz wichtige - nicht irgendeine, eine ganz wichtige - bildungs- und kulturpolitische Aufgabe ersten Ranges, dass eine flächendeckende Versorgung mit guten Büchern zu bezahlbaren Preisen sichergestellt ist. Deshalb unterstützt sie auch auf europäischer Ebene die deutschen Buchhändler und Verleger darin, dass die bewährte Buchpreisbindung in Deutschland erhalten bleibt. Das heißt natürlich auch, dass sich das Buch und der Buchhandel der neuen Entwicklung stellen muss. Und dass dies gelingt, ist nicht primär eine Sache der Politik, sondern das liegt in der Verantwortung - und von Verantwortung ist in diesen Tagen viel die Rede - der Buchhändler und Verleger.

Ich sehe Gefahren für das Buch nicht darin, dass wir nicht mehr genügend Zeit oder Geld hätten, um weiterhin Bücher zu lesen. Vielmehr sehe ich zwei ganz andere, bedenkliche Entwicklungen: Die erste besteht darin, dass der Sinn für den Eigenwert des Buchs verloren zu gehen droht. Bücher bieten mehr als nur Informationen! Man kann einen Roman von James Joyce oder ein Gedicht von Seamus Heaney am Bildschirm niemals in der gleichen Weise lesen und in sich aufnehmen wie bei der Buchlektüre.

Wenn nur Informationsvermittlung übrig bliebe, dann hätten wir in der Tat etwas Wertvolles verloren: nämlich das Buch als geistigen Partner des Menschen, der ihm wiederum von anderen Menschen erzählt. Damit würden auch viele schöpferische Impulse verlorengehen, die aus der Auseinandersetzung mit diesem Partner entstehen. Und ein zweites: Der Buchleser ist sein eigener Herr, und dies in einem ganz praktischen Sinne: Er bedarf keiner Hardware, keiner Software, keines elektronischen Netzwerks. Strenggenommen braucht er nicht einmal das Tageslicht, sondern nur den Schein einer Kerze.

Der Buchleser ist autonom auch in dem Sinne, dass er es ist, der über den Dialog mit dem Buch bestimmt. Es ist etwas besonderes, ein Buch in den Händen zu halten oder es im Bücherschrank zu wissen. Das Buch ist greifbar, und oft ist es auch schön anzuschauen. Ich meine, es muss eine ganz wesentliche Aufgabe von Eitern und Schulen sein, den ästhetischen Reiz des Buchlesens wieder stärker herauszustellen. Vielleicht haben wir in der Vergangenheit manchmal zu sehr die Nützlichkeit des Lesens betont, um dem Buch neue Freunde zu gewinnen.

Im Vorwort zu seinem Roman „Der Name der Rose" zitiert Umberto Eco den großen mittelalterlichen Theologen Thomas a Kempis mit den Worten: „In allem habe ich nach Ruhe gesucht, und nirgends habe ich sie gefunden außer in einem Winkel mit einem Buch."

ich glaube, jeder von uns hat diese Erfahrung schon einmal gemacht. Die meisten von uns haben doch auch schon einmal die Erfahrung gemacht, dass man in die Welt eines Buchs eingetaucht ist und dann das Telefon läutet. Man denkt, jetzt bin ich an einer spannenden Stelle - warum soll ich mich von irgend jemand ablenken lassen, der mit Sicherheit weniger spannend ist?

Gerade in Deutschland sind wir immer wieder anfällig gewesen für eine unfruchtbare, ja verderbliche Abschottung zwischen den Sphären Geist und Macht. Wie sehr beide aufeinander bezogen sein können, zeigt uns exemplarisch das Werk von Seamus Heaney. In seinen Oxforder Vorlesungen hat er davon gesprochen, dass Dichtung „ eine Gegenwirklichkeit in die Waagschale werfen" könne.

Ein Kritiker rühmte unlängst Heaneys „illusionslosen Blick auf die Gegenwart", aber auch seinen „ungebrochenen Glauben an die Macht der Poesie". Die Poesie könne keinen Panzer aufhalten, sagte Heaney, aber sie widerstehe dem Druck der Ereignisse. In Ihren Gedichten, Herr Heaney, findet sich beides: die poetische Wahrnehmung und Verwandlung der Wirklichkeit sowie die politische Auseinandersetzung mit ihr. Beide sind für Sie kein Gegensatz, beide gehören zusammen.

Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis zu glauben, Politik und Kultur gehörten getrennten Welten an. Dabei wird der Kultur häufig ganz automatisch der friedliche Part zugeschrieben. Wie wenig das stimmt, sehen wir nicht nur bei einem Blick in die Vergangenheit. Ganz aktuelle Entwicklungen in Europa und in seiner unmittelbaren Umgebung zeigen uns die mögliche Sprengkraft kultureller Unterschiede und Auseinandersetzungen. Ich habe nie an die These geglaubt, dass Kultur erst dann von Bedeutung sei, wenn die materiellen Grundbedürfnisse des Menschen ausreichend gedeckt sind.

Ich war vor ein paar Tagen in der Ukraine, einem Land mit großer Zukunft und für Deutsche schwer vorstellbaren aktuellen Schwierigkeiten. Wer die Studenten an der Universität in Kiew erlebt, der hat eine Vorstellung davon, dass kulturelle Bedürfnisse und materielle Grundbedürfnisse nicht auseinanderfallen, wie manche hierzulande glauben. Kultur gehört zu den Grundsehnsüchten des Menschen. Sie liegt dadurch aber auch vielen Konflikten zugrunde. Diese sind nicht unvermeidlich, wie manche heute wieder meinen. Doch oft lassen sich politische oder ökonomische Gründe für Konflikte leichter beseitigen als kulturelle Ursachen.

IV.

Nach zwei verheerenden Weltkriegen in diesem Jahrhundert ist es eine der großen Leistungen der europäischen Nachkriegspolitik, durch Integration den Frieden gestaltet und gesichert zu haben. Was auf unserem Kontinent, der ja auch den Hundertjährigen und den Dreißigjährigen Krieg gekannt hat, seit 1945 zustande gebracht wurde, übertrifft die kühnsten Träume der Gründergeneration. Gewiss, das Haus Europa kann nicht an einem Tag gebaut werden. Aber Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union stehen ganz oben auf unserer politischen Tagesordnung.

Die Vielfalt der Regionen gehört zum Reichtum der Nationalstaaten ebenso wie die Vielfalt der Nationen zum Reichtum Europas. Wir wollen, dass dieses bunte Bild erhalten bleibt. Weder möchten wir, dass die Nationen in einem konturenlosen Superstaat, einem Leviathan, verschwinden, noch kann es unser Ziel sein, dass die Nationalstaaten regionale Vielfalt einebnen.

Das Zusammenleben in Vielfalt erfordert gewiss ein hohes Maß an wechselseitiger Rücksichtnahme, auch an Solidarität. Diese Tugenden brauchen wir vor allem auch auf dem Weg der europäischen Zusammenarbeit und Einigung. Den in der Europäischen Union zusammengeschlossenen Völkern gebührt „Achtung ihrer Geschichte, ihrer Kultur und Traditionen". So will es der Vertrag von Maastricht.

Das europäische Bewusstsein ist Realität; das muss nicht täglich neu gesagt werden. Die Politik tut gut daran, sich hier zurückzuhalten und allenfalls für günstige Rahmenbedingungen zu sorgen. Auch Kultur gehört zu den Grundlagen und Voraussetzungen unseres Gemeinwesens, die sich nicht beliebig schaffen oder gar dekretieren lassen.

V.

Jacob Burckhardt hat einmal gesagt, Geschichte mache nicht klug für ein andermal, sondern weise für immer. Das Jahr 1900 ist in Europa von den allermeisten Menschen mit Enthusiasmus und weitgespannten Zukunftserwartungen begrüßt worden. Das neue Jahrhundert wurde dann für unseren Kontinent sehr schnell die Epoche eines „europäischen Bürgerkriegs", unter dem auch der Großteil der übrigen Welt aufs schlimmste zu leiden hatte. Ein mühsamer Wiederaufbau schloss sich an, lange Zeit mit der Hypothek globaler Konfrontationen belastet. Nach wie vor ist die Welt kein friedlicher Ort, das Potential der Zerstörung ist hoch, das Erbe ideologischer Intoleranz immer noch lebendig. Wir müssen nicht weit gehen, um das zu erfahren. Ein Grund zum Pessimismus? Ich meine, nein. Wir dürfen optimistisch sein - aber nur, weil und wenn wir den Realitäten ins Auge sehen und uns die Zukunft nicht durch Ideologien verstellen lassen, seien sie nun rückwärtsgewandt oder -vermeintlich - zukunftsorientiert.

Wir sind nicht am Ende der Geschichte angekommen. Manche haben uns das ja glauben machen wollen. Eine der Romanfiguren Hermann Hesses zieht sich nach leidvollen Erfahrungen aus der Welt des aktiven Lebens zurück -mit der Einsicht, dass „ Gehorchen und Dienen weit leichter und besser, unschuldiger und bekömmlicher sei als Herrschen und Verantworten ". So einfach darf es sich niemand machen. Gerade eine Demokratie kann sich den Rückzug ihrer Bürger ins Private nicht leisten. Bürgersinn und der Geist guter Nachbarschaft gehören unauflöslich zusammen.

Wir müssen nach außen ein verlässlicher Partner bleiben, ein Partner in Politik, Wirtschaft und Kultur. Die Öffnung der Grenzen gerade nach Osten und die Überwindung des Ost-West-Gegensatzes stellen uns vor ganz neue Aufgaben. Wir wollen mit aller Kraft am Bau des Hauses Europa weiterarbeiten. Dabei gilt es, mit Augenmaß und Leidenschaft dicke Bretter zu bohren.

Man hat den Deutschen nachgesagt, dass Geduld nicht gerade zu ihren Nationaltugenden gehöre. Ich denke aber, dass wir dazugelernt haben. Viele haben uns geholfen. Wir haben heute viele gute Freunde in der Welt. Irland gehört dazu. Darauf sind wir stolz und dafür sind wir dankbar.

Ich hoffe sehr, dass auf dieser Buchmesse viele unserer Gäste, Ausländer und vor allem auch Deutsche, vor allem viele junge Deutsche, die Begegnung mit Irland in sich aufnehmen. Dann wird diese Buchmesse 1996 einen ganz besonders wichtigen Beitrag zum Bau des Hauses Europa leisten.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 79 (9. Oktober 1996).